Zur römischen Zerstörung Karthagos i. J. 146 v. Chr.


Aus: Polybios, Historien, Buch 38 (i. d. Rekonstruktion von H. Drexler).

19 (39,3). Als Scipio in die Stadt eingedrungen war, während sich die Karthager noch von der Burg herab wehrten, und erkannte, daß das Meer, welches dazwischen lag, nicht sehr tief war, riet ihm Polybios, eiserne Fußangeln darin auszustreuen und mit Stacheln versehene Bretter hineinzuwerfen, damit die Feinde nicht hindurchwaten und die Belagerungsdämme angreifen könnten. Er aber sagte, es sei lächerlich, jetzt, wo sie die Mauer genommen hätten und sich im Inneren der Stadt befänden, noch Vorkehrungen zu treffen, um den Kampf mit den Feinden unmöglich zu machen.

20 (39,4; 39,3 a). Hasdrubal, der sich so groß gedünkt hatte, warf sich dem Feldherrn [Scipio] zu Füßen, seiner früheren Prahlereien vergessend. - Als der karthagische Feldherr als Bittflehender zu Scipio kam, sich ihm zu Füßen warf und seine Knie mit der Hand berührte, wandte sich dieser zu den Umstehenden: "Seht Freunde, wie gut es die Tyche versteht, die Verblendeten als warnendes Beispiel vor uns hinzustellen. Das hier ist der Hasdrubal, der noch jüngst die vielen großherzigen Angebote von unserer Seite mit den Worten zurückgewiesen hat, die Vaterstadt und ihre Flammen seien das ehrenvollste Grab. Jetzt kommt er mit heiligen Binden daher, bettelt um sein Leben und kann allein von uns erhoffen, es geschenkt zu bekommen. Wenn man das mit eigenen Augen sieht, wie sollte man es sich nicht zu Herzen nehmen und als Warnung dienen lassen, niemals etwas Überhebliches zu sagen oder zu tun, eingedenk, daß man ein Mensch ist?" Und einige von den Überläufern traten an das äußerste Ende des Dachs [d. h. die in diesem Augenblick bestehende vorderste Kampflinie] und baten die Kämpfer in der vordersten Reihe, einen Augenblick innezuhalten. Und als der Feldherr befahl, die Waffen ruhen zu lassen, begannen sie Hasdrubal zu schmähen, die einen als einen Meineidigen: so oft habe er beim Opfer geschworen, sie nicht zu verlassen, andere als einen Feigling, überhaupt einen erbärmlichen Wicht. Diese Worte waren begleitet von haßerfüllter Beschimpfung und unflätiger Verhöhnung. .....

22 (39,6; 4). (Appian, lib. 132; vgl. Diodor 32,24.) Als Scipio die Stadt ... in dieser endgültigen, vernichtenden Katastrophe versinken sah, sollen ihm die Tränen gekommen sein, und es war klar: er weinte über die Feinde. Lange blieb er ganz in sich versunken und dachte darüber nach, daß Städte, Völker und Reiche ebenso wie einzelne Menschen alle dem Wechsel des Glücks unterworfen sind: diese Erfahrung mußte Ilion machen, einst eine blühende Stadt, die Reiche der Assyrer, der Meder und der Perser, das auf jene folgte und noch größer war, schließlich das der Makedonen, das noch jüngst so glanzvoll dastand. Am Ende langen Sinnens sprach er den Vers, sei es bewußt, sei es daß er ihm unvermerkt über die Lippen kam (Ilias 6,448 f.):

Einst wird kommen der Tag, da das heilige Ilion hinsinkt,
Priamos auch und das Volk des lanzenkundigen Königs.

Als ihn Polybios freimütig fragte - denn er war sein Lehrer-, was er mit diesem Worte meine, habe er sich nicht bedacht, offen heraus den Namen seiner Vaterstadt zu nennen, für die er demnach im Blick auf das Menschenlos fürchtete. Und das berichtet Polybios als Ohrenzeuge.


LV Gizewski WS 2007/08

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de