Zur Einführung in das Thema 'Strukturprobleme antiker Reichsbildungen'.

Zusammenfassendes zu Teil I und Teil II der Vorlesung Gizewski im WS 2007/2008 und im SS 2008.


1. Zum Aufbau der zweisemestrigen Lehrveranstaltung.

Die im Zusammenhang der Lehrveranstaltung zu erörternden Fragen sind, wie aus dem Nachfolgenden ersichtlich, vielfältig und in einem Semester deswegen nicht abschließend behandelbar.

Ein erster Teil der LV im WS 2007/2008 wird sich daher darauf konzentrieren, das Teilthema "Strukturprobleme der Herrschaftsausübung antiker Reichsbildungen gegenüber den von ihnen beherrschten Völkern"vorzutragen.

Ein zweiter Teilt "Strukturprobleme der Herrschaftaussübung innerhalb herrschaftstragender antiker Reichsvölker." soll im folgenden SS 2008 bearbeitet werden.

ÜBERSICHT

zur Vorlesung 'Christian Gizewski, Strukturprobleme antiker Reichsbildungen' im WS 2007/2008 und SS 2008.


2. Thema und zentrale Begriffe der Lehrveranstaltung.

A. 'Antike Reichsbildungen'.

Die Bildung von 'Reichen' (lat. 'imperium', 'regnum', griech. 'arche', 'basileia') ist nicht die einzige, aber wohl die verbreitetste und wichtigste Form, in der sich 'souveräne' politische Herrschaft über Territorien und Völker in allen Epochen der uns bekannten antiken Geschichte organisiert. Ihr gegenüber stehen zwar theoretisch und gelegentlich auch praktisch Alternativmodelle wie das eines 'bürgerschaftlichen Gemeinwesens' ('polis', civitas'), einer 'Volksherrschaft' ('demokratia', 'res publica') oder eines 'Bündnisses' ('symmachia', 'foedus'). Aber es kommt vor, daß diese Alternativmodelle nur in bestimmten - etwa auf das Herrschaftsvolk eines politischen Systems beschränkten - Bereichen Geltung entfalten, in seinen anderen - zumeist weitaus größeren - Wirkungsfeldern jedoch das einer Reichsherrschaft maßgeblich ist; als Beispiel diene der 'Attische Seebund', der historisch auch als 'Attisches Seereich' bezeichnet zu werden pflegt. Anders gesagt: bei Reichsbildungen kann es Unterschiede zwischen einem 'Innenbereich' der Herrschaftsorganisation - etwa der Verfassung eines Herrschaftsvolkes - und einem 'Außenbereich' - nämlich dem der rechtlich oder faktisch beherrschten, reichszugehörigen Völker - geben. Ferner kann die Struktur eines Reiches in einer Weise 'monokratisch' sein, daß selbst eine im engeren Sinne 'reichsbürgerliche' Bevölkerung im wesentlichen als 'beherrscht' - 'lat. subiecti', dt. 'Untertanen' - gelten muß.

'Reichsbildungen' sind ferner eng mit der Herausbildung sog. 'Hochkulturen' verbunden, d. h. Kultursystemen, in denen die materielle und geistige Kultur - etwa in Landwirtschaft, Handwerk, Handel, Bauwesen, Landverkehr, Schiffahrt, Militärwesen, Regierung, Verwaltung, Rechtswesen, Archivwesen, praktischen und theoretischen Wissenschaften, Literatur, Kunst, Philosophie und Religion einen Entwicklungsstand erreicht hat, der es ermöglicht, eine größere, mindestens nach Hunderttausenden zählende Bevölkerung und das von ihr bewohnte, nicht auf räumliche Nahbereiche beschränkte, sondern trotz geographischer Trennmomente eine weiträumige, überregionale Einheit bildende Gebiet aus einheitlichem politischen Willen heraus zu organisieren wie auch in ihrem organisierten Bestande in Frieden und Krieg dauerhaft zu erhalten - allerdings in der für 'Reichsbildungen' charakteristischen, prnzipiell herrschaftszentrierten ('monokratischen') Weise.

Antike Reichsbildungen solcher Art finden sich räumlich und zeitlich weit verbreitet in der altorientalischen Geschichte - etwa im Assyrerreich, im Babylonisches Reich, in Ägyptischen Reich, im Reich Israel, im Meder- und Perserreich sowie in der Reichsbildung Karthagos, will man diese wegen ihrer Verbindung mit dem phönizischen Kreise dem Alten Orient zuordnen.

Auch in der griechischen Geschichte sind sie nach zeitlicher und räumlicher Erstreckung bestimmend. Das gilt einmal schon in der Geschichtsepoche der 'klassischen Polis-Staaten', nämlich für deren reichsähnliche Einflußzonen (Athen, Sparta). Griechische Reichsbildungen gibt es aber zu allen Zeiten insbesondere in einer Anzahl kleinerer oder mittelgroßer Monarchien und in der Großreichsbildung Alexanders und in den ihr folgenden hellenistischen Großreichen.

Ebenso wird die römische Geschichte auf verschiedene Weise vom Strukturprinzip einer Reichsbildung bestimmt. Das beginnt in republikanischer Zeit mit der Bildung eines bestimmenden Vorranges Roms vor seinen italischen Bundesgenossen, der allerdings nach dem Bundesgenossenkrieg endet, als diesen im Jahre 89 v. Chr. das römische Bürgerrecht verliehen werden muß. Fernerhin zeigt sich die Reichs-Struktur der römischen Republik in der Bildung der - zumeist durch Krieg erworbenen - 'Provinzen'' seit dem 3. Jht. v. Chr.; das Wort 'provincia' bedeutet soviel wie 'Herrschaftsbereich'. Bei dieser Struktur.bleibt es bis zum Jahre 211 n. Chr., d. h. 500 Jahre lang. Während dieser Zeit - und nach Einführung der 'Prinzipats-Verfassung' - wird durch eine - bloße - kaiserliche Anordnung - die 'Constitutio Antoniniana' des Kaisers Caracalla - die gesamte statusrechtlich freie provinziale Einwohnerschaft des Imperium Romanum mit dem bisherigen Römer-Volke 'bürgerrechtlich' gleichstellt. Diese - eher formal-administrative - Bürgerrechtsausdehnung weist vor allem auf eine Veränderung im römischen Reichsbegriff hin: es entfallen die Privilegierungen für ein Herrschaftsvolk, und die Herrschaftsordnung des Imperium Romanum geht nunmehr von dem Rechtsbegriff eines alle 'Bürger' umfassenden 'Subjektions-', in deutscher Übersetzung 'Unterwerfungs'- Verhältnisses aus. Die Bedeutung dieses Verhältnisses besteht darin, eine 'souveräne', 'absolute' Überordnung der Staatsmacht, d. h. ihre 'Hoheit' ('imperium et potestas') gegenüber den 'Untertanen' ('subiecti') zu unterstreichen und rechtlich zu systematisieren.

Im Sinne der oben vorgetragenen Begriffsfassung gibt es historisch ältere 'Reichsbildungen auch in anderen Weltregionen; so etwa in Alt-China oder Alt-Amerika. Doch haben die zuvor genannten Regionen eines antiken historischen Raumes in besonderer Weise traditionsbildend - über ein dichtes Netz politisch-praktischer und als politisch-ideeller Muster einer Antike - die maßgeblichen Strömungen historischen und politischen Denkens der verschiedenen Völker Europas und ihm benachbarter oder entwicklungsgeschichtlich verbundener Weltregionen bestimmt. Mit einzelnen wichtigen Zügen dieser nachantiken Wirkungsgeschichte will sich diese Lehrveranstaltung befassen.

Man denke dabei zur Illustration einmal nur an die bis in die die heutige Zeit reichende Fortwirkung des 'Subjektions'-Begriffs und seine Auswirkung auf den Rechtsbegriff oder an die politische Idee von einer staatlichen 'Souveränität' oder an die völkerrechtlichen Begriffe einer 'Okkupation' oder 'Annexion' fremden staalichen Gebiets mitsamt seiner Bevölkerung durch einen anderen Staat.

ÜBUNG A.

AUFGABE:

a) Übersetzen Sie, so gut Sie können, den nachfolgenden lateinischen Text und interpretieren Sie ihn.

b) Stellen Sie Vermutungen darüber an, was aus diesem der römischen Kaiserzeit entsammenden Rechtssatz in spätere Formen politisch-rechtlichen Denkens im europäischen Raum übergegangen sein könnte.


Dig. 1, 4, 1 : "Ulpianus libro primo institutionum: Quod principi placuit, legis habet vigorem: utpote cum lege regia, quae de imperio eius lata est, populus ei et in eum omne suum imperium et potestatem conferat. Quodcumque igitur imperator per epistulam et subscriptionem statuit vel cognoscens decrevit vel de plano interlocutus est vel edicto praecepit, legem esse constat. Plane ex his quaedam sunt personales nec ad exemplum trahuntur: nam quae princeps alicui ob merita indulsit vel si quam poenam irrogavit vel si cui sine exemplo subvenit, personam non egreditur".

B. 'Problematische Strukturen antiker Reichsbildungen'.

Auch schon in der Antike war erkennbar - und hin und wider wurde dem auch politisch-verfassungsmäßig Rechnung getragen -, daß das Prinzip einer 'Reichsbildung' einerseits problematisch und andererseits nicht alternativlos sei. Das kam, wie schon angesprochen, etwa in dem politisch akzentuierten griechischen Konzept einer 'demokratia' oder dem ebenso dezidierten römischen einer 'res publica' zum Ausdruck. Beide Worte weisen letztlich auf 'das ganze Volk' der von staalicher Gewalt Betroffenen als deren letztlich in vollem Umfang legitimierende Träger, d. h. auf eine nicht nur scheinhafte , sondern wesentliche sowohl prinzipielle wie praktische Mitwirkung aller Regierten eines politischen Systems an ihrer Regierung und somit auf die damit verbundenen Einrichtungen der Kontrolle und des Machtausgleichs gegenüber einer Regierungsgewalt hin.

Der Grund für diese Bedenken und Einwände lag in dem, was man als 'schwerere Strukturprobleme' antiker Reichsbildungen bezeichnen kann. Verstanden seien darunter im Zusammenhang dieser Ausführungen weder die 'kleineren', 'alltäglichen' Probleme ihrer Regierung (z. B. die Fehlbesetzung von Ämtern, der Amtsmißbrach, die Korruption, fehlerhafte Gesetze, undurchdachte oder in ihren Folgewirkungen unkalkulierbare Regierungsakte u. ä) noch auch 'normale größere Probleme', wenn sie mit einer - allerdings - erkennbar moderat angelegten Interessenwahrnehmung gesamtstaatlicher Existenz verbunden sind; dazu seien hier auch eine maßvolle militärische Selbstbehauptung und Herrschaftsausübung nach innen und außen gerechnet.

Vielmehr geht es um besonders schwerwiegende Probleme der inneren Verfassungsordnung und der Beziehungen zu auswärtigen politischen Systemen, die deshalb so schwerwiegend waren, weil sie ohne Notwendigkeit tiefgreifende oder langdauernde Schäden und Belastungen für ganze Völker oder Bevölkerungsgruppen mit sich brachten.

Die betonte Aussage, es habe in der Antike Reichsbildungen bzw. Abschnitte oder Szenarien ihrer Geschichte gegeben, die von derartigen Problemen bestimmt oder stark geprägt gewesen seien, mag deshalb erstaunen, weil wir in den Quellen häufig eher von vorbildlichen Herrschaftsordnungen hören, so etwa von der des Perserreiches, Athens oder Roms. So sehr dies partiell der Fall gewesen sein mag, so sehr muß man hier wenigstens auch einen Schein in Rechnung stellen, der aus ideologischen oder propagandistischen Gründen für die Entstehung solcher Bilder sorgte und damit ggf. vorhandene strukturelle Mängel verdeckte.

Der Grund für eine solche Vorsicht liegt darin, daß 'positive Erscheinungsbilder' einer Reichsherrschaft, wo sie auftraten, ja nichts an den prinzipiell existierenden, radikal einseitigen und damit auch potentiell deformierbaren Herrschaftsstrukturen der sie erzeugenden politischen Systeme änderten: diese Strukturen trugen in ihrer monokratischen, d. h. nicht-gewaltenteiligen, nicht kontrollierbaren, und insoweit ggf. nicht steuerbaren Anlage einer Herrschaftskonzentration mit sich die Möglichkeiten schwerwiegenden Herrschaftsmißbrauchs aller Art, wie er immer wieder in Erscheinung trat.

Auf derartige monokratische Strukturen bezieht sich der Begriff 'schwerwiegende Strukturprobleme'.

C. 'Wirkungsgeschichte schwererer Strukturprobleme antiker Reichsbildungen'.

Gerade mit diesen Strukturproblemen also will sich die Lehrveranstaltung 'Strukturprobleme antiker Reichsbildungen' befassen, und zwar auch deshalb, weil sie - impliziert in beispielgebenden positiven Traditionen aus der Antike, aber gerade deswegen allzu selbstverständlich - zum staatlich-politischen Selbstverständnis und zu staatlichen Strukturen späterer Epochen erheblich beitrugen.

Diese 'implizit-negative' Nachwirkung reicht, wie schon angedeutet, bis in die allerjüngste Neuzeitgeschichte hinein, und zwar obschon sich in der Neuzeit schon seit dem 17. Jht. sowohl im politisch-ideellen als auch im völkerrechtlichen als auch im verfassungsrechtlichen Bereich eine Vielzahl strukturell tiefgreifender Entwicklungen vollzogen hat, die der politisch unkontrollierten und rechtlich ungehemmten Entfaltung monokratischer Herrschaftsmacht entgegenzuwirken bestimmt waren und entgegenwirkten. Gerade dort jedoch, wo diese Hemmungen auch in der Neuzeitgeschichte immer wieder einmal durch die politischen Verhältnisse überspielt wurden, so etwa in den vielfältigen Formen neuzeitlicher 'Diktaturen', kriegsbedingter Besatzungsherrschaften oder ungeregelter, 'revolutionärer' Regime, lebten auch antike Muster monokratischer, 'reichsförmiger' Herrschaftsausübung wieder auf.

Es geht dabei im einzelnen vor allem um folgende auch in der Neuzeitgeschichte zahlreich vorkommenden Phänomene:

1. die Führung von Angriffskriegen, die ganz überwiegend durch bloße Territorialexpansions-, Herrschaftsvermehrungs- oder wirtschaftliche Bereicherungsinteressen politisch daran interessierter Gruppen im angreifenden Lager motiviert sind,

2. die Unterdrückung, Gefangennahme, Vertreibung und Vernichtung von Völkern oder Volksteilen in Kriegen und politisch-militärischen 'Disziplinierungsaktionen',

3. die Verformung politischer Verfassungen zu Systemen einer dauerhaft und tiefgreifend tyrannischen oder ausbeuterischen Herrrschaft,

4. die staatsinterne Verfolgung, Versklavung oder fundamentale Diskriminierung von Menschengruppen.

D. Zur Klarstellung einiger Begriffe des Themas.

a) Der Begriff 'Reich' wird in dieser Vorlesung als theoretisch-abstrakter Begriff aus heutiger Perspektive angewendet auf historische politische Systeme, die sich, wie oben dargelegt, teilweise ähnlich, gelegentlich aber auch ganz anders benannten und verstanden. Er könnte - nach entsprechender Klarstellung - aber auch Anwendung finden auf historische Phänomene, die sich außerhalb der von der Antike geprägten Kulturen entwickelten.

Abb. entnommen aus: Die Cambridge Enzyklopädie der Archäologie. hg. von Andrew Sherratt, dt. Übersetzung von C. Bruder u. a, München 1980, Bildelemente aus S. 437 und 449.

Abb. entnommen aus: Großer Historischer Weltatlas, hg. vom Bayrischen Schulbuchverlag, I. Teil - Vorgeschichte und Altertum. bearbeitet von H. Bengtson, V. Milojcic u. v. a., München 1972 5, S. 13.

Der Begriff 'Reich' ist daher sinnvollerweise in seiner Bedeutung für die Themenstellung dieser Lehrveranstaltung klarzustellen.

Das deutsche Wort 'Reich' ist über den indogermanischen Zusammenhang u. a. mit den lateinischen Worten 'regnum', 'regere' verwandt . Es bedeutet historisch und gegenwärtig soviel wie: ein System politischer Herrschaft über Territorien und Völker, dessen Willensbildung einerseits 'von oben nach unten' - von einer relativ kleinen Regierungsspitze gegenüber einem breiten Substrat Regierter - ausgeübt wird und andererseits im wesentlichen nicht der Kontrolle irgendeiner anderen Herrschaftsmacht oder, wie angesprochen, inneren Kontrolleinrichtungen unterliegt. Insbesondere ist dabei für eine Reichsbildung ein mitwirkungsloses Regiertwerden größerer Bevölkerungsteile oder auch ganzer Völker durchaus üblich; so vor allem, wenn diese nach Kriegen, Aufständen oder Bürgerkriegen militärisch und politisch unterworfen sind. Auch aus religiösen oder aus politisch-ideologischen Gründen der Herrschaftssicherung kann die Mitwirkung von Bevölkerungsteilen beschränkt oder ausgeschlossen sein.

Der politisch-ideengeschichtliche Bedeutungsgehalt des heutigen 'Reichs'-Begriffes ist geprägt durch Traditionen, die vor allem auf die Antike zurückgehen, und zwar nicht nur auf die historische Realität entsprechender antiker politischer Gestaltungen, sondern auch auf Traditionen politischen Denkens, die in der Antike wurzeln. Seit der späteren Antike hat in diesen Traditionen vor allem das römische Muster eines kaiserlich regierten 'Imperium Romanum' jahrundertelang etwa auf die deutschsprachigen politischen Bewußtseinsformen eingewirkt. Aber auch andere antike Reichstraditionen, so die des Vorderen Orients oder die des griechischen bzw. hellenistischen Bereichs sind - etwa auf dem Wege der biblisch-christlichen Ideenvermittlung oder über die mittelalterlich-lateinischsprachige bzw. späterhin humanistische Bildung - mitprägend für späteres deutschsprachiges politisches Bewußtsein geworden.

Im heutigen deutschsprachigen Begriff des 'Reiches' wirkt jedoch, um es zu wiederholen, hauptsächlich - ganz ähnlich wie in den romanischsprachigen Begriffen 'empire', 'impero' oder 'imperio' (von lat. 'imperare' ='befehlen') - der römische Imperiums-Begriff fort. Die römische Ausgangsidee meint ein prinzipiell einseitig gewichtetes Herrschaftsverhältnis, in dem Herrscher und tragende Herrschaftsgruppen in durchweg militärisch organisierter oder organisierbarer Herrschaftsausübung den Ton angegeben. Das 'Imperium Romanum' steht gegenüber den von ihm eingerichteten, zumeist über eine siegreiche Kriegführung erworbenen Provinzen und beherrschten Provinzialvölkern in einem 'Herren'-Verhältnis. 'Provincia' bedeutet dabei nach antik-etymologischer Erklärung und damit zusammenhängender Denkweise - ein 'durch Sieg erworbenes Gebiet (Festus 253 L: "provinciae appellantur, quod populus Romanus eas provicit, i. e. ante vicit"), nach moderner philologischer Erklärung - in Ableitung von einem Worte 'provion' (Herrscher, Gewalthaber) - soviel wie 'Herrschafts-' oder 'Regierungssbereich'. Was die provinziale Bevölkerung ohne Bürgerrecht betrifft, ist die Einholung irgendeiner Legitimation von den Regierten für den Bereich eines Imperiums nicht vorgesehen. Folglich wechseln sich 'normalere', rücksichtsvollere Formen einer Herrschaftsausübung in den Provinzen mit solchen einer demonstrativen Strenge je nach den politisch-militärischen Gegebenheiten ab. Die Herrschaftsausübung gegenüber der römischen Bürgerschaft des Reiches ist seit Entstehung des Prinzipatskaisertums zwar rein traditionell-theoretisch durch einen fingierten Übertragungsakt legitimiert gedacht; und dies bleibt bis zur späteren antiken Form eines 'Dominats-Kaisertums' so; vgl. Dig. 1, 4, 1 pr.: "Ulpianus libro I institutionum. Quod principi placuit, legis habet vigorem; utpote cum lege regia, quae de imperio eius lata est, populus ei et in eum summ imperium et potestatem conferat.". Politisch-praktisch ist das aber bereits in der Prinzipats-Kaiserzeit bei Kaisererhebungen nicht nötig. Wesentlich ist vielmehr praktisch-politisch, daß die Herrschaftsausübung, wenn es darauf ankommt, sich den untergeordneten Reichsangehörigen aller Art gegenüber tatsächlich einseitig wirksam durchzusetzen vermag.

b) Mit 'Struktur eines 'Reiches' ist in dieser Vorlesung, wie in der Fomulierung des Themas angesprochen, ein politisch-institutionelles Gefüge verstanden. Gegenstand seiner Analyse müssen folglich die Zwecke und Interessen einer solchen Herrschaftsausübung, ihre Träger und Verfahrensweisen, ihre ideelle Selbstdarstellung und normative Ordnung sein.

Dabei fällt unserer heutigen Zeit zu allererst die Schwierigkeit auf, eine solche Ordnung mit vernünftigen Argumenten zu begründen. Betrachtet man die nackte Menschlichkeit regierender Persönlichkeiten ebenso wie die ihrer Unterstützer, Helfer und Parteigänger, d. h. ihre - allgemeinmenschlichen - Fehler, Einseitigkeiten und Dummheiten mitsamt den von diesen verursachten, häufig gravierenden politischen Folgen, so lassen sich für mehrere Fragen kaum - in einem argumentativen Sinne - zufriedenstellende Antworten finden:

(1) Wieso kann ein solches System in seiner unbegrenzten Zuständigkeit für politische Entscheidungen aller Art über Völker und Gruppen von Völkern überhaupt bestimmend werden?

(2) Wie kommt es zu der für ein solches System charakteristischen Überbetonung der politischen Bedeutung mehr oder weniger zufällig zustandegekommener und machtversehener Regierungsinstanzen und herrschender Schichten?

(3) Wie erklärt sich die unbegrenzte Dauer einer solchen Herrschaftsausübung?

(4) Wie kann das für solche Systeme chrakateristische Verfahren einer Herrschaftsstabilisierung durch Einsatz von Gewaltmitteln, d. h. die prinzipiell jederzeit mögliche rücksichtslose, rechtlich weithin unmoderierte Durchsetzung irgendwelcher Gehorsams- und Leistungspflichten der Regierten bzw. Unterworfenen, ideelle Anerkennung gewinnen und durchsetzen?

Die argumentartive Schwerbeantwortbarkeit dieser Fragen aus vernünftigen Gründen ist auch ein Weg zur Erklärung der Struktuprobleme oder Dysfunktionen von Reichsbildungen; denn diese sind nicht zuletzt auch deswegen an wichtigen Punkten ihrer inneren Struktur labil. Im wesentlichen lassen sich schon aus dieser Labilität die sie betreffenden Wechsel der Herrscher und Herrschaftsgruppen, Aufstände oder Separationen, Kriege und unverhältnismäßigen Einsätze von Herrschaftsmitteln durch die Herrschaftsinhaber nach innen und außen erklären.

Das hier erörterte Muster der Herrschaftsstruktur antiker Reichsbildungen hat in mehrfacher Hinsicht eine bedeutsame Überlieferungsgeschichte für spätere Epochen gehabt:

1) Das mittelmeerische 'Altertum' hat späteren Epochen dieses Muster einer rein faktisch die politische Praxis beherrschenden monokratischen Herrschaftsausübung historisch übermittelt.

2) Es hat ferner einen ideologisch bewertenden Maßstab angeblich in diesem Muster enthaltener politischer Notwendigkeit und eine prinzipielle geistige Bereitschaft zu seiner Hinnahme vererbt.

Beides zeigt sich immer wieder in der Herrschaftsgeschichte späterer Epochen sei es des Mittelalters, sei es der Neuzeit, dabei oft sogar unter ausdrücklicher geschichtlicher oder politisch-theoretischer Berufung auf das antike Erbe.

c) Für die Begriffe 'Strukturprobleme' bzw. 'Dysfunktionen', soweit sie eine Reichs-Organisation betreffen, stellt sich die Frage, ob es nicht sachlich und wertend ganz unangemessen ist, solche Belastungen und Zerstörungsprozesse, welche ganze Völker und Völkergruppen - und diese längerfristig und schwer - treffen können, - ein wenig farblos und technizistisch, wie es scheinen mag - in modern-soziologischer Terminologie als 'Strukturprobleme' zu bezeichnen. Dies gilt vor allem für die auch heute gefühlsmäßig besonders abstoßenden und im historischen Bewußtsein dauerhaft nachwirkenden von ihnen, die im Rahmen der Themenstellung vor allem untersucht werden sollen.

Dennoch hat es auch und gerade bei diesen Phänomenen einen Sinn, von 'Strukturproblemen' bzw. 'Dyskunktionen' zu sprechen. Denn die Begriffe 'Strukturproblem' oder 'Dysfunktion' bedeuten gerade in den angesprochenen Fallgruppen weitaus mehr als nur die Feststellung, daß etwas gelegentlich nicht 'in Ordnung' gewesen sei. Sie enthalten vielmehr - und darauf vor allem kommt es hier an - einen nüchtern formulierten, über den epochenspezifischen wie den epochenübergreifenden politisch-polemischen Streit hinausgehenden und historisch darum um so wichtigeren Erklärungsansatz des Inhalts, daß derartige Phänomene in den konstituierenden Momenten historischer Reichsbildungen angelegt gewesen seien.

Dieser Gedanke hatte bereits in der Antike, u. a. schon in dem aristotelischen Konzept von einer 'Entartung' der Herrschaftsformen 'Monarchie', 'Aristokratie' und 'Demokratie' in Entwicklungszuständen 'Tyrannis', Oligokratie' und 'Ochlokratie' - Gestalt angenommen. Bei der Betrachtung der aristotelischen Theoriebildung stellt sich allerdings die Frage, ob solche Entwicklungen als reine 'Degenerationen' richtig begriffen sind. Handelt es sich nicht vielmehr um 'normale' Konsequenzen vorhandener und immer wieder neu entstehender, generell problematischer Entwicklungsanlagen bestimmter einseitig gewichteter Typen von Herrschaftssystemen?

ÜBUNG B.

AUFGABE:

Lesen Sie den nachfolgenden Text aufmerksam durch und beantworten Sie dann die folgenden Fragen:

Welche Interessen konstituieren im allgemeinen einen Staat oder ein Reich? Sind sie durchweg allgemeinwohlorientiert? Können politische, wirtschaftliche und soziale Interessen besonderer Bevölkerungsgruppen in die Staats- oder Reichsbildung eingehen? Wie äußert sich dies in der politischen und rechtlichen Ordnung (Verfassung) des Staaates oder Reichs?

Aristoteles Ausführungen zu den 'Parekbaseis' (Entartungen) der Verfassungen (Aristoteles, Politik, 3. Buch, aus Kap. 6 und 7 (zwischen 1279 a 9 und 1279 a 30)

Text der deutschen Übersetzung mit geringen Modifikationen entnommen aus: Aristoteles, Politik. Übersetzt und mit erklärenden Anmerkungen versehen von Eugen Rolfes. Mit einer Einleitung von Günter Bien, Hamburg 1981 4., S. 90 f.

Diese Phänomene 'treffen' Bevölkerungen ja vor allem deshalb 'schwer',

- weil sie die Kriegführung zwischen Staaten und Völkern nicht von gerechtfertigten Motiven einer Selbstverteidigung im Angriffsfalle oder einer moderaten Selbstsicherung gegen drohende Angriffe von außen abhängig machen, sondern vor allem von sachlich illegitimen oder unverhältnismäßigen Expansions-, Herrschaftsvermehrungs- oder Bereicherungsinteressen;

- weil sie die Existenz ganzer Völker bzw. größerer oder kleinerer Volksteile, zu deren weitgehender Schonung und Förderung selbst im Falle eines Krieges sowohl nach antiken politischen Theorien als auch nach denen späterer Epochen Regierungen aller Art verpflichtet sind, grundsätzlich und schwerwiegend behindern oder generell unmöglich machen. Eine Reichsbildung, welche etwa die Dauerdiskriminierung, Kollektivbestrafung, Versklavung oder gar Ausrottung von Völkern oder Volksteilen aus politischen, militärischen, religiösen oder ethnisch vorurteilshaften Gründen betreibt, pflegte zumindest einigen literarisch nachweisbaren unbefangenen Beurteilern der Antike selbst dann als problematisch zu erscheinen, wenn andere Stimmen ihrer Zeit derartige Aktionen ideologisch beschönigten;

- weil sie die etablierte politische Ordnung der Bevölkerung eines Gemeinwesens aller wesentlichen Elemente einer Mitwirkung an ihren grundsätzlich wichtigen Entwicklungen und Entscheidungen beraubt , und zwar zum Zwecke der Interessendurchsetzung und Herrschaftsbehauptung zufällig und illegitim konstituierter kleiner Herrschaftsgruppen und ihrer Repräsentanten, wie etwa des Militärs, vermögender Schichten oder ethnischer, religiöser u. a. Sondergruppen;

- weil sie aus tiefgreifenden Konfliktsituationen im Inneren antiker Reichsbildungen hervorgehen, die nicht nur zur offenen Deklaration von Feindlagern, sondern auch zur Verfolgung, Versklavung oder fundamentalen Diskriminierung von Menschengruppen aus einem deklarierten Feindlager führen.


LV Gizewski WS 2007/08

Autor des Skripts und Dozent der LV: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de