Über entartete Verfassungen.

Aristoteles Politik, 3. Buch, aus Kap. 6 und 7 (zwischen 1279 a 9 und 1279 a 30). Text der deutschen Übersetzung mit geringen Modifikationen entnommen aus: Aristoteles, Politik. Übersetzt und mit erklärenden Anmerkungen versehen von Eugen Rolfes. Mit einer Einleitung von Günter Bien, Hamburg 1981 4., S. 90 f. Klarstellungen in eckigen Klammern vom Bearbeiter G.


[Bei einem systematischen Nachdenken über die Richtigkeit und Tauglichkeit politischer Verfassungen] sieht man [aus der Perspektive des Aristoteles], daß alle diejenigen Verfassungen, die auf den gemeinen Nutzen abzielen, richtige sind nach dem Maßstabe des Rechtes schlechthin, und daß dagegen diejenigen, die nur auf den eigenen Vorteil der Regierenden abzielen, sämtlich fehlerhafte Verfassungen und Entartungen der richtigen sind; sie sind despotischer Art, der [richtige] Staat ist aber eine Gemeinschaft freier Leute.

Nachdem wir dieses erklärt haben, ist das Nächstfolgende, daß wir die Verfassungen darauf ansehen, wie viele an Zahl ihrer sind und welche, und zwar zuerst die richtigen Verfassungen, weil, wenn diese hinreichend ins Licht gestellt sind, sich daraus auch die Formen der Entartungen ergeben müssen.

Da Verfassung und Regierung dasselbe bedeutet, die Regierung das Herrschende in den Staaten ist, und Herrschendes wieder entweder einer oder wenige oder die Menge sein muß, so werden, wenn dieser eine oder die wenigen oder die Menge die Herrschaft zum allgemeinen Besten führen, diese Verfassungen notwendig richtige sein, geschieht es aber nur zum eigenen Vorteil des einen oder der wenigen oder der Menge, so sind es Ausartungen; denn man darf die Angehörigen eines solchen Staates entweder für keine Bürger erklären, oder sie müssen an den Vorteilen desselben ihren Anteil haben.

Von den Monarchien pflegt man diejenige, die auf das gemeine Beste sieht, K ö n i g t u m zu nennen, die Herrschaft weniger, die aber ihrer doch mehr sind als einer, A r i s t o k r a t i e, entweder darum, weil die Besten regieren, oder darum, weil diese Herrschaft das Beste für den Staat und seine Glieder verfolgt; wenn endlich das Volk den Staat zum gemeinen Besten verwaltet, so gebraucht man dafür die allen Staatsverfassungen gemeinsame Bezeichnung P o l i t i e. Es hat das seinen guten Grund. Einer oder wenige mögen sich leicht durch Tugend hervortun; daß ihrer mehr den Anforderungen jeder Tugend genau entsprechen, ist schon schwer, dagegen ist das sehr wohl in bezug auf die kriegerische Tugend angängig, weil sie eine Tugend der Massen ist. Daher ist auf Grund dieser Staatsform die Gewalt vorwiegend bei der wehrhaften Bevölkerung, und Staatsbürger sind hier die Waffentragenden

Parekbasen (Entartungen) der genannten Verfassungen sind: vom Königtum die Tyrannis. von der Aristokratie die Oligarchie und von der Politie die Demokratie. Denn die Tyrannis ist eine Monarchie (Alleinherrschaft) zum Nutzen des Monarchen, die Oligarchie verfolgt den Vorteil der Reichen und die Demokratie den Vorteil der Armen, aber dem Wohle der Gesamtheit dient keine von ihnen.


LV Gizewski WS 2007/08