Kap. 1.1: Zusammenfassende Überlegungen zu Teil I des Vorlesungsskripts: Typen der Außenbeziehungen antiker Reichsbildungen.

(Die hier einstweilen nur skizzierte Konzeption wird im Verlaufe der Vorlesung und weiterhin angemessen ausgeführt)


1. Übersicht über antike Reichsbildungstypen.

Die Ausführungen dieses Kapitels knüpfen in besonderem Maße an die begrifflichen Klärungen (zu 'Antike', 'Reichsbildung', 'Strukturprobleme') der Einführung an, die deshalb ggf. nachgelesen werden sollten.

Die unten folgende Zusammenstellungen antiker Reichsbildungstypen und ihnen zuzuordnender typischer Strukturprobleme fassen Entstehungsmomente für die Bildung von Reichen zusammen, wie sie in der politischen Welt der Antike typischerweise und an allerlei Exempeln gut nachweisbar vorkommen. Einzelne von ihnen treten dabei manchmal in bestimmten Reichsbildungen akzentuiert hervor, zumeist finden sie sich jedoch in verschiedenartiger Verbindung miteinander.

Die Zusammenstellung kann nicht vollständig sein, deckt aber ein Gros wichtiger Fallgrruppen antiker Geschichte ab.

Die hier formulierten Typen lassen sich als Traditionsgut auch in nachantiken historischen Epochen finden.

A. Der Typus einer primär ethnozentrisch motivierten Herrschaftsausübung gegenüber fremden Völkern - 'Ethnozentrische Reichsbildung'.

B. Der Typus einer nach politisch-militärischer Selbstbehauptung oder Vorherrschaft strebenden Reichsbildung - ' Politisch-militärische Reichsbildung'.

C. Der Typus einer durch wirtschaftliche Interessen mit anderen konkurrierenden Reichsbildung - 'Wirtschaftlich motivierte Reichsbildung'.

D. Der Typus einer aus göttlichem Willen hergleiteten Reichsbildung - 'Religiöse Reichsbildung'.

E. Der Typus einer zivilisatorisch begründeten Herrschschaftsausübung durch eine Reichsbildung -'Zivilisatorisch motivierte Reichsbildung'.

Zur Erläuterung der obigen Zusammenstellung sind folgende historische Beispiele geeignet:

Zu Typ A: 1) Das antike Volk Israel. 2) Die germanischen Reichsbildungen der Völkerwanderungszeit.

Zu Typ B: 1) Das Makedonereich d. 4. Jhs. v. Chr. einschließlich des Alexander-Reichs. 2) Das Imperium Romanum in der Phase der Begründung seines Provinzialbesitzes.

Zu Typ C: 1) Das 'attische Seereich' des 5. Jhts. v. Chr. 2) Die karthagische Reichsbildung des 3. Jhts. v. Chr. im südwestlichen Mittelmeergebiet.

Zu Typ D:1) Das christianisierte Imperium Romanum. 2) Die frühe islamische Reichsbildung d. 8. Jhts. n. Chr. [aus historisch-theoretischen Gründen hier aufgeführt, obschon üblicherweise nicht der Antike zugerechnet].

Zu Typ E: 1) Die hellenistischen Reichsbildungen. 2) Das kaiserzeitliche Imperium Romanum.

ÜBUNG A.

AUFGABEN:

Lesen Sie den beigefügten Text aufmerksam durch und beantworten Sie dann folgende Fragen.

a) Welchem religiös-literarischen Gesamtwerk aus der Antike gehört der Originaltext der Ihnen vorliegenden kommentierten Übersetzung ins Deutsche wohl zu? In welchem Lande und in welcher Epoche ereignen sich die beschriebenen Ereignisse? In welcher Originalprache sind Sie Ihres Erachtens beschrieben?

b) Wieso bestand bei dem vormaligen König des Volkes, um das es geht, Ihres Erachtens die Absicht, eine andere Bevölkerungsgruppe - die der Gibeoniten - auszurotten?

c) Wieso ist dafür das ganze Volk, um das es geht, vor Gott haftbar?

d) Warum und in welcher Weise findet eine Sühne statt? Was erscheint uns heute daran besonders ungerecht und unpassend? Wie erklären Sie sich derartige Auffassungen und Bräuche?

Gibeons Rache an Saul.

2. Samuel 21, 1 - 14. Deutsche Übersetzung mit Kommentar aus: E. Kautzsch u. a. (Übers.), Die Heilige Schrift des Alten Testaments, hg. von a. Bertholet, 1. Band (1. Mose bis Ezechiel), Tübingen 1933, S. 484f.

Den oben zusammengestellten Reichsbildungtypen entsprechen verschiedenartige - z. B. philosophische, rechtliche oder religiöse - Typen der ideologischen Begründung, deren Zusammenhang mit den realen Herrschftsstrukturen zu erkennen eine wesentliche Aufgabe einer althistorischen ebenso wie einer wirkungsgeschichtlichen Untersuchung ist.

ÜBUNG B.

AUFGABEN:

Lesen Sie den nachfolgenden Text aus dem Werk eines neuzeitlichen Rechtshistorikers aufmerksam durch und beantworten Sie folgende Fragen:

a) Von welchem prominenten Autor und welchem Werk dieses Autors könnte der Textausschnitt stammen?

b) Auf welche antiken Autoren bezieht sich der Verfasser und aus welchen Gründen?

c) Welche völkerrechtliche Rechtsposition nimmt der Verfasser ein, was den rechtmäßigen Erwerb einer Territorialsherrschaft im Kriege durch einen Staat bzw. ein Reich betrifft?

d) Können Sie die Position des Verfassers teilen? Warum bzw. warum nicht?


2. Übersicht über typische Strukturprobleme antiker Reichsbildungstypen.

A. Der Typus einer primär ethnozentrisch motivierten Herrschaftsausübung gegenüber fremden Völkern ('Ethnozentrische Reichsbildung') verbindet sich einer strukutrell problematischen Anlage nach ggf. mit Aktionen und Prozessen der Vertreibung, der Unterdrückung und auch der Vernichtung anderer Völker oder Volksgruppen, soweit diese den Interessen der Reichsbildung entgegenstehen und ein solches Handeln den Machtverhältnissen nach möglich ist.

B. Der Typus einer nach politisch-militärischer Selbstbehauptung oder Vorherrschaft strebenden Reichsbildung ('Politisch-militärische Reichsbildung') verbindet sich einer strukturell problematischen Anlage nach ggf. mit Aktionen und Prozessen aggressiver und expansiver Kriegführung, der Unterdrückung und gelegentlich auch der Gefangennahme von Völkern oder Volksgruppen, soweit dies den Interessen der Reichsbildung entspricht und ein solches Handeln den Machtverhältnissen nach möglich ist. Der Vertreibung und der Vernichtung von Völkern oder Volksgruppen bedarf ein solcher Reichsbildungstypus wegen der anderen ihm zur Verfügung stehenden Mittel wohl seltener als etwa eine ethnozentrisch motivierte Reichsbildung.

C. Der Typus einer durch wirtschaftliche Interessen mit anderen konkurrierenden Reichsbildung ('Wirtschaftlich motivierte Reichsbildung') verbindet sich einer strukturell problematischen Anlage nach ggf. mit Aktionen und Prozessen aggressiver und expansiver Kriegführung gegen konkurrierende Reichsbildungen, soweit seine Interessen einen weniger aufwendigen und riskanten Weg nicht gangbar erscheinen lassen und ein solches Handeln den Machtverhältnissen nach möglich ist.

D. Der Typus einer aus göttlichem Willen hergleiteten Reichsbildung ('Religiöse Reichsbildung') verbindet sich einer strukturell problematischen Anlage nach ggf. mit Aktionen und Prozessen aggressiver und expansiver Kriegführung gegen Völker und Volksgruppen und ihrer Unterdrückung, wenn diese Völker und Volksgruppen wegen anderer bestimmender Werte und Normen ihrer politischen und/oder religiösen Ordnung denjenigen der religiösen Reichsbildung in energischer und konfliktbereiter Weise entgegenstehen und auf anderem Wege nicht religiös zu gewinnen sind. Voraussetzung ist auch hier, daß ein solches Handeln den Machtverhältnissen nach möglich ist..

E. Der Typus einer zivilisatorisch begründeten Herrschschaftsausübung durch eine Reichsbildung ('Zivilisatorisch motivierte Reichsbildung') verbindet sich einer strukturell problematischen Anlage nach ggf. mit Aktionen und Prozessen aggressiver und expansiver Kriegführung gegen Völker und Volksgruppen und ihrer Unterdrückung, wenn diese Völker und Volksgruppen als auf einer niedrigen Zivilsationsstufe stehend eingeordnet werden und ihre Einordnung in eine Zivilisationssphäre als allseits vorteilhafter und wertvoller Entwicklungsweg verstanden und propagiert wird, welcher auch die gewaltsame Abänderung entwicklungshemmender Lebenordnungen 'rückständiger' Völker und Volksgruppen rechtfertigt. Voraussetzung ist auch hier, daß ein solches Handeln den Machtverhältnissen nach möglich ist..


3. Zu Literatur, Medien und Quellen.

LITERATUR:

Hans Fenske, Dieter Mertens, Wolfgang Reinhard, Klaus Rosen, Geschichte der politischen Ideen. Von der Antike bis zur Gegenwart, Frankfurt M. 1996.

Wilhelm G. Grewe, Epochen der Völkerrechtsgeschichte,1988 2.

W. Preiser, Macht und Norm in der Völkerrechtsgeschichte, 1978.

Benjamin Straumann, Hugo Grotius und die Antike. Römisches Recht und römische Ethik im frühneuzeitlichen Naturrecht. Studien zur Geschichte des Völkerrechts, hg. v. A. v. Bogdandy, M. Stolleis, W. Graf Vitzthum, Bd. 14, Baden-Baden 2007.

QUELLEN:

2. Samuel 21, 1 - 14. Deutsche Übersetzung mit Kommentar aus: E. Kautzsch u. a. (Übers.), Die Heilige Schrift des Alten Testaments, hg. von a. Bertholet, 1. Band (1. Mose bis Ezechiel), Tübingen 1933, S. 484f.

Hugo Grotius, De Jure Belli ac Pacis. Libri tres. Drei Bücher vom Rechte des Krieges und des Friedens. Paris 1625. Nebst einer Vorrede von Christian Thomasius zur ersten deutschen Ausgabe des Grotius vom Jahre 1707. Neuerer deutscher Text und Einleitung: Walter Schätzel, Tübingen 1950 (Über die 'suprema potestas' / 'Souveränität').


LV Gizewski WS 2007/08

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de