Kap. 1.3: Typische Formen antiker Unterdrückung von Völkern.

(Die hier einstweilen nur skizzierte Konzeption wird im Verlaufe der Vorlesung und weiterhin angemessen ausgeführt.)


1. Zur Unterdrückung von Völkern und Bevölkerungsteilen in antiken Reichen aller Epochen.

Unter 'Unterdrückung' seien an dieser Stelle des thematischen Zusammenhangs solche Formen der Herrschaftsausübung über Völker und Bevölkerungsteile verstanden, die grundlegende natürliche und geistige Bedürfnisse gemeinschaftlichen menschlichen Lebens absichtlich und schwer - d. h. auch ohne hinreichende Begründung - mißachten oder verletzen. Zur Erläuterung der hier zunächst nur formulierten begrifflichen Grundüberlegungen sei auf die im folgenden unter P. 2 herangezogenen historischen Beispiele verwiesen.

a) Systematische Herrschaftsverherrlichung in der Antike.

Diese in allen Epochen der Antike weitverbreitete Form der Unterdrückung widerspricht schwer dem für eine politische Volksorganisation auch nach antiken Mustern zumindest republikanischen und demokratischen Denkens grundlegenden Prinzip einer hinreichend wahrhaftigen und eingehenden öffentlichen Darstellung der politischen Machtverhältnisse und einer hinreichenden öffentlichen Begründung für die Ziele und Methoden der Ausübung zentraler Funktionen politischer Machtausübung. Es handelt sich dabei schwerpunktmäßig zwar um eine Form 'geistiger' Unterdrückung eines Volkes bzw. einer Bevölkerungsgruppe, aber zu ihrer 'Absicherung' stehen bei faktischen Abweichungen von propagierten Herrschaftsideologien Methoden der Erzwingung und Bestrafung zur Verfügung, die man, etwa unter tyrannisch agierenden antiken Regimen, auch als 'antiken politischen Totalitarismus' verstehen kann.

b) Systematische antike Verfahren ethnischer oder religiöser Bevormundung oder Benachteiligung von Völkern oder Bevölkerungsteilen in der Antike.

Auch hier handelt sich um weitverbreitete, auch und gerade in größeren Reichsbildungen vorkommende Formen primär 'geistiger' Unterdrückung von Traditionen, Glaubens- und Denkrichtungen, die als im Widerspruch zu fundamentalen Loyalitätsanforderungen eines maßgeblichen politischen Systems stehend gelten und von diesem vor allem wegen ihrer relativ weitgehenden Verbreitung und Beständigkeit nicht primär mit Gegenargumentationen, sondern vor allem mit Zwangsmitteln politischer und rechtlicher Art bekämpft werden.

c) Systematische antike Verfahren rücksichtslos drückender Besteuerung und Arbeitsdienstverpflichtung von Völkern oder Bevölkerungsteilen sowie einer ungerechten oder unzureichend begründeten Administration und Rechtsprechungin über sie der Antike.

Diese Form der Unterdrückung richtet sich vor allem, wenn auch nicht nur, gegen fundamentale 'materielle' Interessen von Völkern oder Bevölkerungsteilen, und zwar insoweit, als für eine akzeptable staatliche Organisation politischer Machtverhältnisse auch in der Antike das in allen ihren Epochen auszumachende 'Verantwortungs'-Prinzip gilt, das auch darin besteht, Ausgaben und Belastungen eines Staates so zu gestalten, daß weder die Gesamtheit noch Teile eines Volkes damit längerfristig und systematisch überfordert werden; willkürliche und sinnlose Überforderung darin eingeschlossen. 'Geistigen' Unterdrückungscharakter nehmen solche Verfahren dann an, wenn die Möglichkeit der Formulierung von Beschwerden, Kritik und letztlich auch Opposition durch die betroffene Bevölkerung gegenüber einer derartigen strukturellen Überforderung und daraus hergeleitete politische Alternativen mit Machtmitteln ausgeschlossen werden.

d) Antike Sklaverei.

Eine Form institutionell verfestigter Unterdrückung von Bevölkerungsteilen stellt die Sklaverei dar, die es ebenfalls in allen Epochen der Antike gibt. Von anderen Formen antiker Benachteiligung von Personengruppen (wie etwa der bei Ausländern oder Frauen) unterscheidet sich die Sklaverei durch einen prinzipiellen Grad der Unterwerfung des Sklaven unter fremden Willen, welche ihn insoweit zumindest seinem Status nach einem Haustier ähnlich macht. Die Sklaverei ist ein in ihrer Verbreitung - wissenschaftlich geschätzt - bis zu 30 % antiker Völker ausmachendes und deshalb essentielles Strukturelement antiker Gesellschaften, das es schon für sich genommen rechtfertigen kann, ihnen - allerdings begrifflich bedachtsam - die Bezeichnung 'Unterdrückungsgesellschaft' oder auch 'Sklavenhaltergesellschaft' zu geben.

2. Einige historische Beispiele zur Erörterung im einzelnen.

A. Ein die absolute Herrschaft verherrlichender Staats- und Personenkult auf verschiedartigen Schauplätzen der Antike (Altägypten, Griechenland, Rom, sassanidisches Persien).

ÜBUNG A.

AUFGABEN:

a) Wie charakterisiert Demosthenes (Text 1) die Anhänger der makedonischen Partei in den verschiedenen Teilen Griechenlands, was ihre politischen Überzeugungen und Tugenden betrifft? Wie erscheinen ihm Philipp und Alexander von Makedonien im Hinblick auf die klassischen politischen Traditionen griechischer Gemeinwesen seiner Zeit? Könnte es Ihres Erachtens irgendwelche tragfähigen politischen Gründe für ein Unterstützung der makedonischen Königsherrschaft in Griechenland gegeben haben?

b) Welche beiden miteinander politisch-ideell letztlich unverträglichen Positionen nimmt der Senat, soweit Plutarch darüber berichtet (Text 2), nach dem Attentatstode Caesars gleichzeitig ein? Was bedeutet die Zuerkennung göttlicher Ehren an den toten Caesar? In welcher Weise erscheint Plutarch das Attentats-Geschehen mit dem kosmischen Geschehen direkt verbunden, und was bedeutet dies für eine politische Bewertung der Herrschaft Caesars?

c) Wie ist der Herrscher Ramses auf dem altägyptischen Obelisken, von dem Ammianus Marcellinus in Text (3) berichtet, politisch und religiös dargestellt? Warum findet dieser Obelisk Ihres Erachtens bei einem römischen Kaiser - welcher Zeit? - Interesse, und warum wird später so viel Mühe darauf verwendet, ihn nach Rom zu transportieren und dort im Circus Maximus aufzustellen?

d) In welchen Formen herrscherlicher Selbstdarstellung und mit welchen politischen Anliegen und Ankündigungen treten sich Sapor und Constantius nach Ammians Bericht (Text 3) gegenüber. Was erscheint uns heute an einem solchen Auftreten angemessen und was unangemessen?

Texte aus:

(1) Demosthenes, Rede vom Kranze, 295 - 297,
(2) Plutarch, Caesar 67 - 69,
(3) Ammianus Marcellinus, Römische Geschichte, 17. Buch, 4. Kap., 14 - 19 und 5. Kap., 1 - 15.

Zu (1): Deutsche Übersetzung: Demosthenes, Rede vom Kranz. Die berühmteste Gerichtsrede des Altertums, Goldmann-Verlag München o. D. (um 1960), S. 122 f. - Zu (2): Deutsche Übersetzung: Plutarch, Alexander, Caesar, Übersetzt und hg. von Marion Giebel, Stuttgart 2001, S. 189 - 192. - Deutsche Übersetzung: Ammianus Marcellinus, Römische Geschichte. Lateinisch und deutsch. Mit einem Kommentar versehen von Wolfgang Seyfarth, Berlin 1988, I. Teil, Buch 14 - 17, S. 216 - 223. Eine Übersetzung der von Ammian in griechischer Sprache wiedergegebenen Obelisk-Inschriften unterliegt einer gewissen überlieferungsbedingten Unsicherheit.

Abb. entnommen aus: German Hafner. Bildlexikon antiker Personen, erw. Aufl., Zürich 1993, S. 121 und 163.

B. Die Einverleibung unterworfener Völker in das Römische Reich (Provinzialisierung).

ÜBUNG B.

AUFGABEN:

a) Was ist aus der Sicht des Polybios (Text (1) das historisch Besondere an der römischen Weltreichsbildung? In welcher Weise vollzieht sie sich? Wie muß dem eine angemessene historische Analyse dieses Prozesses Rechnung tragen?

b) Welche Bedenken hat Augustinus (Text 2) gegenüber der Form der Ausdehnung des römischen Reiches zu einem Weltreich? Woher kommt Ihres Erachtens sein Mißtrauen gegenüber der in Rom politisch üblichen Begründung für eine historische Notwendigkeit in der römischen Weltreichsbildung?

Texte aus:

(1) Polybios Historien, 8. Buch, 3 und 4;
(2) Aurelius Augustinus, Vom Gottesstaat, 3. Buch, aus Kap. 9 und 10.
Zu (1): Deutsche Übersetzung: Polybios, Historien. Auswahl. Übersetzung, Anmerkugen und Nachwort von Karl Friedrich Eisen, Stuttgart 1983, S. 106 f. - Zu (2): Deutsche Übersetzung: Aurelius Augustinus, Vom Gottesstaat (De civitate Dei). Aus dem Lateinichen übertragen von Wilhelm Thimme, Einleitung und Kommentar von Carl Andresen, 2 Bde., (1955) München 1977, Bd. 1, S. 121 - 123.

C. Das System der Herrschaft über Sklaven im römischen Recht.

ÜBUNG C.

AUFGABEN:

a) Versuchen Sie, den vorliegenden Textausschnitt aus einer römischen Rechtsquelle mit Ihren gegebenen Möglichkeiten zu verstehen und ins Deutsche zu übersetzen. Welcher Zeit entstammt der Text nach Ihrer Einschätzung? Äußern Sie begründete Vermutungen über den Charakter des Werkes, dem er entstammt.

b) Wie werden generell die Rechtsgültigkeit der Sklaverei, ihr Wesen und ihre Formen begründet? Worin liegt die Differenz zu heute allgemein üblichen Vorstellungen über die menschliche Freiheit? Welche historischen Gründe können Sie für den darin liegenden grundsätzlichen Einstellungswandel angeben?

Zum römischen Statusrecht von Freien und Sklaven (Digesten 1, 5, 1 - 5).

Lat. Text entnommen aus: T. Mommsen (Hg.), Iustiniani Digesta. in: Corpus Iuris Civilis, 7. Ausg., 1. Bd. (Institutiones. Digesta), Berlin 1895, S. 7.

D. Die Christenverfolgungen im Römischen Reich.

ÜBUNG D.

AUFGABEN:che Gründe sind Ihres Erachtens für die Einbeziehung auch oberer Sozialschichten, die Härte und die

a) Aus welchen Verfolgungsaktionen besteht die in Text (1) beschriebene Christenverfolgung? Wel

Allgemeinheit solcher Aktionen denkbar?

b) Was erscheint aus christlicher Sicht in Text (2) als Ihres Erachtens besonders unakzeptabel an dem dort beschriebenen, staatlich propagierten und praktizierten traditionellen religiösen Verhalten?

c ) Inwiefern wird von christlicher Seite ein opfermutiger Widerstand gegen staatliche Verfolgungsmaßnahmen als alternativloser Kampf gegen die Mächte des Bösen verstanden? Unter welchen Bedingungen ließe sich demgegenüber eine christliche Loyalität gegenüber dem römischen Staate denken?

Cyprian über Ziele und Methoden reichsweiter Christenverfolgungen.

Deutsche, hier gekürzt wiedergegebene Übersetzungen zweier von Cyprian stammender lateinischer Texte. Sie sind entnommen aus: Texte der Kirchenväter. Eine Auswahl, nach Themen geordnet. Zusammengestellt und herausgegeben von Alfons Heilmann und Heinrich Kraft, 5 Bde., Bd. 4, München 1964, S. 88 f. (2) und 100 f. (1).


4. Zu Literatur, Medien und Quellen.

LITERATUR:

Manfred Clauss (Hg.), Die römischen Kaiser, München 2001.

Hermann Bengtson, Griechische Geschichte. Von den Anfängen bis in die Römische Kaiserzeit, München 1965.

Malcolm Errington, Geschichte Makedoniens. Von den Anfängen bis zum Untergang des königreichs, München 1986.

Werner Huss, Die Karthager, München 1994.

Klaus Bringmann, Römische Geschichte. Von den Anfängen bis zur Spätantike, ,München 1995.

Hermann Bengtson, Römische Geschichte. Republik und Kaiserzeit bis 284 n. Chr,, München 1973.

Josef Wiesehöfer, Das antike Persien. von 550 v. Chr. bis 650 n. Chr.. Zürich, München 1993.

Ulrich Manthe (Hg.), Die Rechtskulturen der Antike. Vom Alten Orient bis zum Römischen Reich, München 2003.

Max Kaser, Das römische Privatrecht, Abschnitt I (Das altrömische, vorklassische und klassische Recht, München 1971, S. 112 ff. (Sklaverei), und Abschnitt II (Die nachklassischen Entwicklungen), München 1975, S 124 ff. (Sklaverei).

August Franzen, Kleine Kirchengeschichte, Neuaufl. Freiburg i. Br. 2006.

Peter Kawerau, Geschichte der Alten Kirche, Marburg 1967, Kap. 5 (Die Kirche und der römische Staat), S. 81 ff.

Carl Schneider, Geistesgeschichte der christlichen Antike, München 1979.

Karl Leo Noethlichs, Das Judentum und der römische Staat. Minderheitenpolitik im antiken Rom, Darmstadt 1996.

Allgemeines historisches Hintergrundswissen:

Fischer-Weltgeschichte, Bde. 2 - 9 (betr. die Altertumgsgeschichte), Frankurt M./ Hamburg 1965 - 1968.

dtv-Geschichte der Antike, Bde. 4400, 4401, 4402, 4403, 4404, 4405, 4421, bearbeitet von Oswyn Murray, John K. Davies, Frank W. Walbank, Robert M. Ogilvie, Michael Crawford, Colin Wells, Averil Cameron, München 1983 - 1999.

dtv-Atlas Weltgeschichte, Bd. 1: Von den Anfängen bis zur Französischen Revulution, Bd. 2: Von der Französischen Revolution bis zur Gegenwart, München 199933.

MEDIEN:

Peter Green, Alexander der Große. Mensch oder Mythos? Aus dem Englischen übersetzt von Ernst F. Podlesnigg, (1970) Würzburg 1974, S. 75 (Münzabbildung aus hellenistischer Zeit (Epoche des Makedonenkönigs Lysimachos (um 300 v. Chr.) mit Bildmotiv des vergöttlichten Alexander und Bildappellen an die kulturellen (Athen) und politisch-freiheitlichen (Nike) Traditionen Griechenlands.

German Hafner. Bildlexikon antiker Personen, erw. Aufl., Zürich 1993, S. 121 und 163.

EINIGE ZUR AUSFÜHRLICHEREN ODER SELEKTIVEN LEKTÜRE ENPFOHLENE QUELLEN:

Demosthenes, Rede vom Kranze.

Plutarch, Parallelbiographie Caesar - Alexander.

Plutarch, Crassus.

Ammianus Marcellinus, Römische Geschichte.

Polybios, Historien.

Aurelius Augustinus, Vom Gottesstaat.

Cyprian, Über die Gefallenen.

Texte der Kirchenväter. Eine Auswahl, nach Themen geordnet. Zusammengestellt und herausgegeben von Alfons Heilmann und Heinrich Kraft, 5 Bde., Bd. 4, München 1964.


LV Gizewski WS 2007/08

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de