Kap. 1.4: Typische Formen der Gefangennahme und Vertreibung von Völkern in der Antike.

(Die hier einstweilen nur skizzierte Konzeption wird im Verlaufe der Vorlesung und weiterhin angemessen ausgeführt. Insbesondere werden an dieser Stelle noch einige Übungsaufgaben eingefügt)


1. Zur Bedeutung der Vertreibung und Gefangennahme von Völkern und Bevölkerungsteilen in den verschiedenen Epochen der Antike.

Die Entstehung und der Bestand antiker Reiche - wie der unter P. 2 exemplarisch erörterten - ist in starkem Maße abhängig von ihrer territorialen Erweiterung, Arrondierung und Absicherung gegen äußere und innere Gefährdungen. Die großen Reichsbildungen der Antike lassen durchweg solche Motive für ihre Eroberungen erkennen.

Ein Moment der inneren Gefährdung von Reichsbildungen können 'illoyale' Bevölkerungsgruppen in ihrem Bereich werden. Aus diesem Grunde streben antike Reichsbildungen zumeist Organisationsformen an, die derartige Gefahren einerseits durch soziale und kulturelle Integration, andererseits aber vor allem auch durch strikte Herrschaftsdurchsetzung möglichst von Anfang an ausschließen.

Zu den radikaleren Verfahren strikter Herrschaftsdurchsetzung gehören eine 'vorsorglich betriebene' Vertreibung oder gar eine Gefangennahme von Völkern oder Bevölkerungsgruppen.

Die mit kriegerischen oder anderen Druckmitteln - inbesondere nach Kriegsniederlagen - erfolgende Einverleibung besiedelter Territorien durch erobernde Mächte in ihren Herrschaftsbereich hat primär die Ausschaltung eines von der dortigen Bevölkerung getragenen politisch-staatlich organisierten Eigenwillens zur Voraussetzung. Aber dies ist nicht immer 'genug' i. S. des Eroberers. Evtl. 'müssen' auch 'subpolitische' kollektive Einstellungen, die vor allem auf bevölkerungseigenen religiösen, sprachlich-kulturell-ethnischen oder auch militärischen Traditionen und Einrichtungen beruhen, 'überwunden' werden, um eine Eroberung zu 'stabilisieren'. Vor allem, wenn sich ein Widerstand dieser Art bereits geäußert hat oder wenn ihm mit den zur Verfügung stehenden Machtmitteln nicht ohne größere Schwierigkeiten gleich aus dem Wege gegangen werden kann, bieten sich die 'Mittel' der Vertreibung bzw. sogar der Gefangennahme einer widerständigen Bevölkerung bzw. eines Teils von ihr an. Beides kann - je nach den Verhältnissen im Umkreis des einzuverleibenden Gebiets - eher demonstrativ und zeitweilig, ggf. aber auch nachdrücklich und langfristig sein.

2. Einige historische Beispiele zur Erörterung im einzelnen.

A. Zur Eroberung und Besiedlung keltischer und.germanischer Territorien durch das Römische Reich und zur germanischen Eroberung und Besiedlung römischen Reichsgebiets.

ÜBUNGSTEXTE UND -AUFGABEN zu Kap. 4, A.

Aufgaben:

a) In welchen Epochen der Antike sind die nachfolgenden Texte entstanden? Was wissen Sie über die Autoren und ihre fachliche Urteilskompetenz?

b) In welcher Weise kündigt sich in Text (1) eine Erwägung der bzw. eine Absicht zur Eroberung Galliens an? Welche allgemeinen und persönlichen politischen Motive hatte der Autor?

c) Aus welchen Gründen, wann und in welcher Weise wurde Ihrer Einschätzung nach eine Einbeziehung des 'Dekumatlandes' in das römische Reich vorgenommen? Wer hatte zuvor dort gelebt? Wer lebte danach dort?

d) Was sind Ihres Erachtens die Motive auf gotischer Seite (T. 3), von Italien Besitz zu ergreifen? Warum führt der römische Kaiser Krieg gegen sie und siedelt sie nicht einfach dort an? Wie sichert die römische Seite schließlich den militärischen Besitz Italiens? Was ergibt sich daraus Ihres Erachtens für die künftigen politischen Herrschaftsverhältnisse dort an möglichen Entwicklungen?

Quellenstellen:

(1) Gaius Iulius Caesar, De bello Gallico. Der Gallische Krieg. Lateinisch - Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Marieluise Deissmann, Stuttgart 1991, S. 4 f.

(2) Tacitus, Germania. Lateinisch und deutsch. Übersetzt, erläutert und mit einem Nachwort herausgegeben von Manfred Fuhrmann, Stuttgart 1989, S. 42 f.

(3) Prokop, Gotenkriege, Griechisch-Deutsch, ed. Otto Veh, München 1966, S. 39 f.

B. Zur assyrischen, babylonischen, persischen, griechischen und römischen Gefangennahme und Deportation besiegter Völker.

ÜBUNGSTEXTE UND -AUFGABEN zu Kap. 4, B.

Aufgaben:

Zu allen Texten: Wie ordnen Sie die Geschehnisse zeitlich ein?

a) Zu Text 1: Aus welchen Gründen und wie erzwingt der König von Assur einen Wegzug der Bewohner des israelischen Nordreichs? Wen siedelt er warum in den freigewordenen Gebieten an ?

b) Zu Text 2: Mit welchen Absichten, Rechtsvorstellungen und Methoden geht der König Nebukadnezar von Babylon gegen die Herrschaftsrepräsentanten, die religiösen Traditionen und das Volk des besiegten judischen Reiches vor?

c) Zu Text 3: Welche militärische und politische Bedeutung im Verhältnis von Griechen und Persern hat die persische Eroberung Milets? Worin ähnelt sie dem babylonischen Vorgehen gegen Jerusalem (Text 2)?

d) Zu Text 4: In welcher Weise werden die Reste des athenischen Heeres nach seiner Niederlage auf Sizilien von den ebenfalls griechischen Spartanern und Syrakusanern behandelt? Welche politischen Zwecke verfolgt diese Behandlung? Inwiefern läßt sich die Gefangennahme eines Heeres als solche eines Volkes verstehen und inwiefern nicht? Welche Unterschiede werden aber zwischen Athenern und anderen Besiegten gemacht und warum?

e) Zu Text 5: Inwiefern spricht der Bericht von einem 'größeren Vorhaben' auf germanischer Seite? Wie werden die germanischen Akteure politisch und militärisch charakterisiert? Wie reagiert die römische Seite und mit welchem Recht?

Quellenstellen:

(1 und 2) Bibel, Altes Testament, 2. Buch der Könige, Kap. 17. 1 - 24 und Kap. 25; dt. Übersetzung nach: Die Heilige Schrift des Alten Testaments, übersetzt von E. Kautzsch u. v. a., 1. Bd., , Tübingen 1922, S. 569 f. und 584 f., sowie: Die Heilige Schift des Alten und des Neuen Testaments. Mit Einleitungen zu jedem der biblischen Bücher und erklärenden Anmerkungen zu den Texten, hg. von T. Schwegler, A. Herzog, J. Perk. Zürch 19744, S. 448 f. und 460 f. -

(3) Herodot,, Historien, 6. Buch, 18 - 21; dt. Übersetzung nach: Herodot, Historien. Deutsche Gesamtausgabe, übersetzt von A. Horneffer, herausgegeben und erläutert von H. W. Haussig. Mit einer Einleitung von W. F. Otto, Stuttgart 19714, S. 386 f. -

(4) Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges, Buch 7, 84 - 87, und Buch 8, 1; dt. Übersetzung nach: Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges. Herausgegeben und übersetzt von Georg Peter Landmann, Bd. 2. München 1973, S. 582 - 585. -

(5) Ammianus Marcellinus, Res gestae (Römische Geschichte) Buch 31, Kap. 10, 1 - 10; dt. Übersetzung nach: Ammianus Marcellinus, Römische Geschichte. Lateinisch und deutsch. Mit einem Kommentar versehen von Wolfgang Seyfarth, 4. Teil, Buch 26 - 31, Berlin 19863, S. 275 - 277.


3. Zu Literatur, Medien und Quellen.

LITERATUR:

E. Mensching, Caesars Bellum Gallicum. Eine Einführung, Frankfurt a. M. 1988.

Paul-Marie Duval (dt. Übersetzung: C.H. Steckner), Gallien. Leben und Kultur in römischer Zeit. Stuttgart 1979.

W. Schleiermacher, Der römische Limes in Deutschland, Berlin 19612.

E. Norden, Die germanische Urgeschichte in Tacitus' Germania, Darmstadt 19594.

D. Timpe, Arminius-Studien, Heidelberg 1970.

Jochen Martin, Spätantike und Völkerwanderung, München 19902.

E. Schwarz (Hg.). Zur germanischen Stammeskunde, Darmstadt 1972.

H. Wolfram, Geschichte der Goten, München 1879.

Fischer-Weltgeschichte, Bde. 2 - 9 (betr. die Altertumgsgeschichte), Frankfurt M. / Hamburg 1965 - 1968.

dtv-Geschichte der Antike, Bde. 4400, 4401, 4402, 4403, 4404, 4405, 4421, bearbeitet von Oswyn Murray, John K. Davies, Frank W. Walbank, Robert M. Ogilvie, Michael Crawford, Colin Wells, Averil Cameron, München 1983 - 1999.

dtv-Atlas Weltgeschichte, Bd. 1: Von den Anfängen bis zur Französischen Revulution, Bd. 2: Von der Französischen Revolution bis zur Gegenwart, München 199933.

QUELLEN:

Gaius Iulius Caesar, De bello Gallico. Der Gallische Krieg. Lateinisch - Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Marieluise Deissmann, Stuttgart 1991, S. 4 f.

Tacitus, Germania. Lateinisch und deutsch. Übersetzt, erläutert und mit einem Nachwort herausgegeben von Manfred Fuhrmann, Stuttgart 1989, S. 42 f.

Prokop, Gotenkriege, Griechisch-Deutsch, ed. Otto Veh, München 1966, S. 39 f.

Bibel, Altes Testament, 2. Buch der Könige, Kap. 17. 1 - 24 und Kap. 25; dt. Übersetzung nach: Die Heilige Schrift des Alten Testaments, übersetzt von E. Kautzsch u. v. a., 1. Bd., , Tübingen 1922, S. 569 f. und 584 f., sowie: Die Heilige Schift des Alten und dess Neuen Testaments. Mit Einleitungen zu jedem der biblischen Bücher und erklärenden Anmerkungen zu den Texten, hg. von T. Schwegler, A. Herzog, J. Perk. Zürch 19744, S. 448 f. und 460 f.

Herodot, Historien, 6. Buch, 18 - 21; dt. Übersetzung nach: Herodot, Historien. Deutsche Gesamtausgabe, übersetzt von A. Horneffer, herausgegeben und erläutert von H. W. Haussig. Mit einer Einleitung von W. F. Otto, Stuttgart 19714, S. 386 f.

Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges, Buch 7, aus 84 - 87, und Buch 8, 1. Herausgegeben und übersetzt von Georg Peter Landmann, Bd. 2. München 1973, S. 582 - 585.

(5) Ammianus Marcellinus, Res gestae (Römische Geschichte) Buch 31, Kap. 10, 1 - 10; dt. Übersetzung nach: Ammianus Marcellinus, Römische Geschichte. Lateinisch und deutsch. Mit einem Kommentar versehen von Wolfgang Seyfarth, 4. Teil, Buch 26 - 31, Berlin 19863, S. 275 - 277.


LV Gizewski WS 2007/08

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de