Kap. 1.5: Typische Formen antiker Völkervernichtung.

(Die hier einstweilen nur skizzierte Konzeption wird im Verlaufe der Vorlesung und weiterhin angemessen ausgeführt)


1. Zur Vernichtung von Völkern und Bevölkerungsteilen in den verschiedenen Epochen der Antike.

Das radikalste 'Verfahren' strikter Herrschafts- oder kämpferischer Ideologie-Durchsetzung, aber auch politisch-militärischer Racheübung ist - bereits in der Antike - die Vernichtung von Völkern oder Bevölkerungsgruppen. Die genannten Motive können zum einen - insbesondere im unmittelbaren Zusammenhang mit scharf geführten Kriegen und inneren Konflikten - zu einer direkten physischen Ausrottung von Völkern oder Volksteilen führen. Es kann sich aber auch um indirekte Formen einer politisch planvoll durchgeführten Zerstörung ethnischer Zusammenhänge handeln; Angriffsziele sind dann insbesondere ethnische Traditionen, politisch-soziale Ordnungen und volkseigentümliche Sprachen. Diese werden durch kalkuliert abschreckende militärisch-polizeiliche Eingriffe, rechtliche Gebote und Verbote und politisch-propagandistische Maßnahmen möglichst weitgehend behindert und zerstört.

Die antiken Konflikte, die zur Vernichtung von Bevölkerungen oder Bevölkerungsteilen führen, sind im allgemeinen gekennzeichnet von einer grundsätzlichen, langfristigen, in den Machtverhältnissen wechselnden, auch gelegentlich von Perioden erwünschter oder unvermeidlicher Koexistenz unterbrochener politisch-militärischer Konkurrenz. In 'günstigen' Situationen, d. h. wenn etwa der Gegner stark geschwächt oder im Kriege besiegt ist, lassen sie den zumeist bereits im Hintergrund präsenten Plan aktuell werden, ihn durch eine abschließende und für die politische Umwelt deutliche Aktion ein für alle Mal zu beseitigen. Versucht man, die antike Geschichte nach Schauplätzen zu gliedern, in denen solche Konflikte hervortreten, so lassen sich mindestens sechs besonders wichtige - es gibt aber weitere - benennen;:

A. die aus der der Rivalität und dem Expansionsstreben größerer wie kleinerer Reichsbildungen des alten Orients hervorgehenden Bemühungen, konkurrierende Mächte oder hartnäckige kleinere, den Großmachtambitionen entgegengesetzte politische Störfaktoren mit konzentrierter eigener Kraft oder durch die Koalition mit anderen Mächten zu beseitigen;

B. die aus den jahzehntelang unentschiedenen Machtverhältnissen zwischen den führenden Staaten der griechischen Welt des 5. Jhts. v. Chr. - Sparta und Athen - hervorgehenden Versuche, die Verbündeten der jeweils anderen Seite durch abschreckende Aktionen, wie etwa die Vernichtung einzelner von ihnen - von ihrer jeweiligen Bündnisloyalität abzubringen;

C. die aus dem Vormachts- und Expansionstreben Makedoniens und später entstehender hellenistischer Reichsbildungen hervorgehenden Akte demonstrativer Vernichtung kleinerer Mächte in ihrem politisch-militärischen Eindlußbereich, welche eine Loyalität anderer politischer Mächte dieser Art gegenüber der beanspruchten Hegemonie erzwingen sollen;

D. die aus den Herrschaftssicherungs- und Expansionsinteressen des Römischen Reiches hervorgehenden Vernichtungsaktionen gegenüber Populationen besiegter größerer Feindmächte und demonstrativ beseitigter unbotmäßiger kleinerer Mächte in seiner Nachbarschaft sowie aufständischer Bevölkerungsteile auf römischem Reichsterritorium;

E. die durch Nachbarn des Römischen Reiches wegen ihrer Ablehnung seiner Dominanz und damit verbundener Revanche-Motive vorgenommenen gelegentlichen Vernichtungs-Aktionen gegenüber Teilen der römischen Reichsbevölkerung in einem von ihnen besetzten Gebiet.

Das auf verschiedenen Wegen von den zahlreichen Schauplätzen antiker Geschichte zutiefst mitgeprägte politisch-historische Kollektivbewußtsein späterer Zeiten in Europa nahm die Kenntnis von diesen antiken Völkervernichtungen als grundlegende Orientierungsmuster in sich auf, und nicht einmal die auf Liebe und Frieden konzentrierten Offenbarungs- und Frömmigkeits-Überlieferungen des Christentums waren in der Lage, derartigen aus der Antike übermittelten negativ-beispielhaften Modellen äußerster politisch-militärischer Gewaltausübung dort, wo es zu kriegerischen Konflikt kam, so wirksam entgegenzutreten, wie es an sich in ihnen angelegt war und ist.

Die die oben benannten Gruppen repräsentierenden, im folgenden angeführten wenigen Beispiele stehen für eine Vielzahl aus unterschiedlichen Epochen und von unterschiedlichen Schauplätzen der Alten Geschichte quellenmäßig belegter Aktionen der Völkervernichtung .

2. Beispiele aus den oben zu 1. benannten Epochen zur Erörterung im einzelnen.

Die von einer medisch-babylonischen Koalition vorgenommene, mit der Vernichtung der Bevölkerungen verbundene Zerstörung assyrischer Großstädte i. d. J. 614 - 608 v. Chr.

Neubabylonische Chronik., Text und Kommentar in: E. Vogt, Die Neubabylonische Chronik, Vetus Testamentum 4 (1956), S. 72 ff.

Die Vernichtung Jerusalems durch die Großmacht Babylon unter Nebukadnezar i. J. 587 v. Chr.

Biblischer Bericht des 2. Königs-Buches, Kap. 25, 1 - 21: dt. Übersetzung aus: Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments ('Große Familienbibel'), hg. von T. Schwegler, A. Herzog und J. Perk, mit Einleitungen zu allen Büchern und erklärenden Anmerkungen zu den Texten, Zürich 1974 4, S. 460.

ÜBUNG A.

AUFGABEN:

a) Welche Parteien sind an dem beschriebenen kriegerischen Konflikt beteiligt, und welche Interessen haben sie? Aus welchem Grunde entsteht der Konflikt? Wie ist das Kräfteverhältnis?

b) Gegen wen richtet sich die kriegerische Gewaltanwendung? Besteht sie allein in der Bekämpfung bewaffneter Truppen des Gegners? Wenn nicht, warum und inwieweit geht sie darüber hinaus? Wie wäre eine solche Kriegführung wohl nach heutigem Kriegsvölkerrecht zu bewerten?

c) Wie versucht die unterlegen Partei ihrem weiteren Schicksal zu entgehen? Wie beurteilt die biblische Schriftquelle das Tätigwerden des moabitischen Gottes Kamos? In welchem Verhältnis steht dieser in dem Bericht zu dem Gott Israels?

Ein biblischer Bericht über einen Vernichtungsfeldzug der Königreiche Juda und Israel gegen das Königreich Moab in der 1. Hälfte des 9. Jhts. v. Chr.

2. Buch der Könige, Kap. 2, 21 - 25. Dt. Übersetzung mit einigen Modifikationenentnommen aus: Die Heilige Schrift des Alten Testaments, übersetzt von E. Kautzsch in Vbdg. mit zahlreichen Gelehrten, hg. von A., Bertholet, 2 Bde., Tübingen 1922 4, 1. Bd. (Mose bis Ezechiel, S. 545 f.

Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges 3, 68; dt. Übersetzung aus: Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges, herausgegeben und übersetzt von Georg Peter Landmann, München 1973, S.242 f.

Nach dem Bericht des Plutarch, Alexander 11.; dt. Übersetzung aus: Plutarch, Alexander, Caesar (Parallelbiographien) Übersetzt und hg. von Marion Giebel, Stuttgart 2001, S. 14 - 16.

ÜBUNG B.

AUFGABEN:

a) Der rekonstruierte Polybios-Gesamtext ist aus unterschiedlichen Textquellen zusammengesetzt. Läßt sich das auch an den hier wiedergegebenen drei Teiltexten feststellen?

b) Worin kommt andererseits in allen Teiltexten das Endgültige der Vernichtung Karthagos zum Ausdruck?

c) Aus welchen politischen und militärischen Gründen ergibt sich Ihres Erachtens für die römische Herrschaftsmacht im 2. Jht. v. Chr. die Notwendigkeit, eine selbständige politisch-molitärische Exustenz Karthagos zu beseitigen?

d) Was bedeutet diese Beseitigung des Staates für das bisherige karthagische Volk?

Zur römische Zerstörung Karthagos i. J. 146 v. Chr.

Polybios, Historien 38, 19 - 22. Dt. Übersetzung aus: Polybios, Geschichte; Gesamtausgabe in zwei Bänden; eingeleitet und übertragen von Hans Drexler, Zürich, Stuttgart 1963, Bd. 2, S. 1328 - 1331.

Aus dem Bericht des Flavius Iosephus, De bello Iudaico 6, 9; dt. Übersetzung aus: Flavius Josephus, Der Jüdische Krieg. De bello Iudaico, 2 Bde., München 1966, Bd. 2, S. 264 - 266.

Plutarch, Crassus 11. Deutsche Übersetzung aus: Plutarch, Große Griechen und Römer; eingeleitet und kommentiert von Konrat Ziegler, Bd. II, Zürich und Stuttgart 1955. S. 256 - 258.

Plutarch, Sulla 24 - 26. Dt. Übersetzung aus: Plutarch, Lebensbeschreibungen. Gesamtausgabe 3. Bd. München 1961, S. 213 - 215.

3. Zu Literatur, Medien und Quellen.

LITERATUR:

Hans J. Nissen, Geschichte Alt-Vorderasiens, Oldenbourg-Grundriß der Geschichte Bd. 25, München 1999.

Josef Wiesehöfer, Das antike Persien. Von 550 v. Vhr. bis 650 n. Chr., Zürich, München 1993.

Hermann Bengtson, Griechische Geschichte. Von den Anfängen bis in die römische Kaiserzeit, München 1965.

Malcolm Errington, Geschichte Makedoniens. Von den Anfängen bis zum Untergang des Königreichs, München 1986.

Hermann Bengtson, Römische Geschichte. Republik und Kaiserzeit bis 284 n. Chr., München 1973.

Werner Hus, Die Karthager, München 1994 2.

Karl Leo Noethlichs, Das Judentum und der römische Staat. Minderheitenpolitik im antiken Rom, Darmstadt 1996.

H. Volkmann, Die Massenversklavung der Einwohner eroberter Städte in der hellenistisch-römischen Zeit, 1961.

Allgemeines historisches Hintergundswissen:

Fischer-Weltgeschichte, Bde. 2 - 9 (betr. die Altertumgsgeschichte).

dtv-Geschichte der Antike, Bde. 4400, 4401, 4402, 4403, 4404, 4405, 4421, bearbeitet von Oswyn Murray, John K. Davies, Frank W. Walbank, Robert M. Ogilvie, Michael Crawford, Colin Wells, Averil Cameron.

dtv-Atlas Weltgeschichte, Bd. 1: Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution, Bd. 2: Von der Französischen Revolution bis zur Gegenwart, München 1999 33.

QUELLEN:

Neubabylonische Chronik., Text und Kommentar in: E. Vogt, Die Neubabylonische Chronik, Vetus Testamentum 4 (1956), S. 72 ff.

2. Königs-Buch der Bibel, Kap. 25, 1 - 21: dt. Übersetzung aus: Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments ('Große Familienbibel'), hg. von T. Schwegler, A. Herzog und J. Perk, mit Einleitungen zu allen Büchern und erklärenden Anmerkungen zu den Texten, Zürich 1974 4, S. 460.

2. Königs-Buch der Bibel, Kap. 2, 21 - 25. Dt. Übersetzung mit einigen Modifikationenentnommen aus: Die Heilige Schrift des Alten Testaments, übersetzt von E. Kautzsch in Vbdg. mit zahlreichen Gelehrten, hg. von A., Bertholet, 2 Bde., Tübingen 1922 4, 1. Bd. (Mose bis Ezechiel, S. 545 f.

Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges 3, 68; dt. Übersetzung aus: Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges, herausgegeben und übersetzt von Georg Peter Landmann, München 1973, S.242 f.

Plutarch, Alexander 11.; dt. Übersetzung aus: Plutarch, Alexander, Caesar (Parallelbiographien) Übersetzt und hg. von Marion Giebel, Stuttgart 2001, S. 14 - 16.

Plutarch, Sulla 24 - 26. Dt. Übersetzung aus: Plutarch, Lebensbeschreibungen. Gesamtausgabe 3. Bd. München 1961, S. 213 - 215.

Plutarch, Crassus 11. Deutsche Übersetzung aus: Plutarch, Große Griechen und Römer; eingeleitet und kommentiert von Konrat Ziegler, Bd. II, Zürich und Stuttgart 1955. S. 256 - 258.

Polybios, Historien 38, 19 - 22. Dt. Übersetzung aus: Polybios, Geschichte; Gesamtausgabe in zwei Bänden; eingeleitet und übertragen von Hans Drexler, Zürich, Stuttgart 1963, Bd. 2, S. 1328 - 1331.

Flavius Iosephus, De bello Iudaico 6, 9; dt. Übersetzung aus: Flavius Josephus, Der Jüdische Krieg. De bello Iudaico, 2 Bde., München 1966, Bd. 2, S. 264 - 266.


LV Gizewski WS 2007/08

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de