Kap. 1.6: Wirkungsgeschichtliche Perspektiven problematischer antiker Herrschaft über Völker.

(Die hier einstweilen nur skizzierte Konzeption wird im Verlaufe der Vorlesung und weiterhin angemessen ausgeführt. Insbesondere werden an dieser Stelle noch einige Übungsaufgaben eingefügt)


1. Mittelalterliche und neuzeitliche Folgephänomene antiker Muster problematischer Reichsbildung - Übersicht.

Befaßt man sich überblickartig und typisierend mit der nachantiken Fortwirkung antiker Muster von Angriffs- und Expansionskriegen, Völkerunterdrückung, Gefangennahme von Völkern, Vertreibung von Völkern, und Völkervernichtung, wie sie in den vorhergehenden Kapiteln systematisiert und an Beispielen vorgestellt wurden, so kann dies etwa in nachfolgenden thematischen Rahmenfeldern geschehen. Die dortigen Bemerkungen gelten prinzipiell für alle Epochen nachantiker Geschichte bis hin zur Gegenwart. Allerdings geht in der neueren Geschichte die Bildung von 'Reichen' im geschichtlich-traditionellen Sinne infolge der Herausbildung modern-neuzeitlicher Staatsformen ('Republik', 'Demokratie') stark zurück. Es ist daher ggf. trotz Vorliegens solcher moderner Staatsformen nötig, dort, wo im Außenverhältnis eines modern strukturierten Staates zu anderen Völkern reichsartige Organisationsformen beibehalten bleiben oder neu entstehen - so etwa bei verschiedenartigen Formen neuzeitlichen Kolonial-Reiche oder bei einer neuzeitlichen militärischen Dauerbesetzung fremden Territoriums - , analoge Überlegungen anzustellen.

Die folgenden, sehr kurz gehaltenenen Bemerkungen halten einige wesentliche Grundgedanken für die folgenden wirkungsgeschichtlichen Erörterungen fest.

a) Reichsbildungen und - erweiterungen.

Mit der Begründung von Reichen war auch in nachantiker Zeit typischerweise eine kriegerische Stabilisierung ihres Ausgangsgebietes sowohl gegen Widerstand aus diesem heraus als auch bei der Abgrenzung gegen Nachbarmächte verbunden, welche durch die Entstehung eines neuen Herrschaftssystems in ihrer Nähe ihre Handlungs- und Machtmöglichkeiten eingeschränkt fanden. Im Interesse einer neuen Reichsbildung war es sinnvoll, eine solche Auseinandersetzung präventiv zu führen. So kam es öfters zu irgendeiner Art reichsbildender Angriffs- und Expansionskriege. In derartigen Kriegen, aber auch vor der Schwelle einer solchen Kriegführung pflegten sich vonseiten neuer Reichsbildungen ebenso wie aber auch gegen sie in verschiedenen Formen Vorgänge der Vernichtung , der Vertreibung oder der Unterdrückung von Völkern oder Bevölkerungsteilen zu vollziehen.

b) Bildung und Ausbreitung wirtschaftlicher und kulturell-sprachlicher Systeme.

Die gesellschaftliche Kommunikation zum Zwecke der Gütererzeugung und -verteilung und diejenige zum Zwecke der Erziehung, Wissensvermittlung und Meinungsbildung erfolgten auch in nachantiker Zeit typischerweise einerseits in stark funktionsbestimmten regelhaften Sozialsystemen verschiedener Art, aber andererseits auch stark bestimmt durch Macht- und Herrschaftsmomente. Beides im Zusammenhang führte in diesem Bereichen des sozialen Lebens typischerweise zur Herausbildung verschiedenartiger systembezogener Interessen und Ideologien und deren Dominanzstreben oder aber auch zu ungelösten Konkurrenzen. Auf verschiedene Weise kam es so ggf. auch zu systemsprengende Konflikten, und es konnte dabei zur Benachteiligung, Unterdrückung oder indirekten Vernichtung von Bevölkerungen und Bevölkerungsgruppen kommen, indem diesen etwa ihre Lebensgrundlage, ihre Kulturtradition oder ihr angestammter Sprachgebrauch genommen oder eingeschränkt wurden.

c) Bildung und Ausbreitung von Religionen.

Die Formen gläubiger Orientierung, soweit es um ganze Bevölkerungen oder Bevölkerungsgruppen ging, setzten auch in nachantiker Zeit ausgeprägte und weit verbreitete Traditionen des Glaubenslebens voraus. Glauben kann in diesem Zusammenhang verstanden werden als ideell-festgefügte und kollektiv-verbindliche, wenn auch im wesentlichen dezisionäre Orientierung auf göttliche Mächte, ihre sittlichen Gebote und transzendenten Sinnoffenbarungen. Im europäischen Bereich gehen die christlichen, jüdischen und islamischen Glaubensformen auf antike Grundlagen zurück. Im gesellschaftlichen Nebeneinander verschiedener Glaubensformen dieser Art pflegten Intoleranzen, Konkurrenzen und Konflikte deshalb zu entstehen, weil diese Systeme religiöser Orientierung einerseits zumindest in wesentlichen Glaubensfragen ideelle Alternativen prinzipiell nicht tolerierten und andererseits auch in ihrem organisatorischen Gefüge besonders streng auf traditionelle normative Glaubensinhalte festgelegt waren. Damit verband sich insbesondere auch die Aufgabe, den der Religionsform eigenen Glauben zu verbreiten ('Mission'). Auch im Verlaufe der nachantiken Religionsgeschichte kam es daher immer wieder zu Reibungen und Konflikten zwischen den genannten Religionsformen, die je nach den Macht- und Herrschaftsverhältnissen auch zur Unterdrückung, Vertreibung und Vernichtung der Institutionen und Anhänger der einen durch die der anderen und vielfach auch zu religiös motivierten Kriegen führten.

2. Einige besondere Folgephänomene antiker Muster problematischer Reichsbildung in der neueren Neuzeit- und in der Zeit-Geschichte - Übersicht.

Die vielfältigen Phänomene neuzeitlicher Geschichte, die man als Angriffs- und Expansionskriege, Völkerunterdrückung, Gefangennahme von Völkern, Völkerverdrängung oder Völkervernichtung begreifen muß, erfahren - vor allem im Zusammenhang mit der Erörterung der jüngeren Neuzeitgeschichte einschließlich der Zeitgeschichte - gelegentlich auch eine stark geschichtstheoretische Beschäftigung. Diese pflegt von Motiven unterschiedlicher politischer und kultureller Herkunft getragen und in ihrer Begrifflichkeit stark umstritten zu sein. Eine solche geschichtstheoretische Kategorisierung wird ansatzweise auch an dieser Stelle des Skripts, und zwar was die Verwendung bestimmter Begriffe betrifft, vorgenommen. Diese soll aber vor allem dazu dienen, der Beschäftigung mit der Vielzahl und Vielfalt der hier thematisch interessierenden Phänomene einen gewissen übersichtlichen Rahmen zu geben. Dafür spricht, daß es sich bei den hier verwendeten Begriffen 'Imperialismus', 'Kolonialismus', 'Nationalismus' und 'Totalitarismus' zwar um modern-wissenschaftssprachliche Bildungen aus lateinischen Grundworten handelt, zugleich aber auch um begriffliche Gebilde, die einen mehr als nur sprachgeschichtlchen, nämlich vor allem einen politisch-ideen- und einen kulturgeschichtlichen Bezug zur Antike haben.

a) 'Imperialismus':

Der moderne, historisch-vergleichende und -zusammenfassende Begriff 'Imperialismus' leitet sich sprachgeschichtlich von dem lateinisch-sprachigen Begriff des 'imperium' her, der in der Antike vor allem ein 'Reich', insbesondere das römische ('Imperium Romanum'), aber auch eine Hoheits- und Befehlsstruktur - i. S. von 'Oberbefehl', 'Befehlsgewalt', verfassungsmäßiger Gewalt hoher Staatsämter -, insbesondere im römischen Bereich, erfaßte. In seiner Struktur, die einen großen Teil der bekannten antiken Welt seiner Zeit umfaßte und sich in die Spätantike hinein immer wieder mit kriegerisch-expanisiven Tendenzen verband, war das 'Imperium Romanum' ein antikes Grundmuster dessen, was spätere Reichsbildungen des europäischen, antik geprägten Bereichs an Dominanzpositionen gegenüber benachbarten Völkern und an weltweit angelegten und auch tatsächlich ausgreifenden Herrschaftspositionen entwickelten.

b) 'Kolonialismus':

Der moderne, historisch-vergleichende und -zusammenfassende Begriff 'Kolonialimus' leitet sich ab von dem antik-lateinischen Wort und Begriff 'colonia'. Dabei geht es in römischer Zeit dem Typus nach um die Bildung wehrhafter Siedlungen römischer Bürger in Territorien, die der Oberhoheit des Römischen Reiches zumeist nach dessen Kriegen mit seinen Nachbarn, den verschiedenen Staaten und Völkern des i. w. S. mediterranen Bereichs unterfielen und sich schließlich zum Gesamtbestande der Provinzen des Römischen Reeiches zusammenfügten.

c) 'Nationalismus':

Der moderne, historisch-vergleichende und -zusammenfassende Begriff 'Nationalismus' geht sprachgeschichtlich auf das antik-lateinische Wort 'natio' zurück. Dieses bezeichnet die Gesamtheit einer Bevölkerung, welche ein abgegrenztes Territorium bewohnt, in dem sie und ihre Vorfahren geboren sind ('nati'). Die über eine größere Folge von Generationen andauernde Verbindung von Boden und Volk pflegt von einer einheitlichen Sprache und Kultur - sowohl des Alltags als auch der Religion als auch des Geistes- und Kunstlebens - begleitet zu sein. Auf diese Elemente eines 'nationalen Lebens' bezieht sich schon nach dem in der Antike üblichen Begriff sowohl ihre bewußte Stilisierung und Hochschätzung im Rahmen eines nationalen Selbstbewußtsein als auch ggf. eine ebenso zur militärischen Verteidigung wie zu expansiven Aktionen neigende 'nationale Wehrhaftigkeit'.

d) 'Totalitarismus':

Der moderne, historisch-vergleichende und -zusammenfassende Begriff 'Totalitarismus'' ist auf das antik-lateinische Wort 'totus' bzw. seine adverbiale Bildung 'totaliter' zurückführbar. Das lateinischeWort 'totus' hat in der Antike eine insbesondere mit der christlichen Mission (Markus 16, 15) verbundene spezielle Bedeutung entwickelt, die dem lateinischen Worte 'universus' [in Vbdg. etwa mit 'orbis']' oder dem griechischen Wort 'katholikos' [> 'katholisch' > 'kosmos hapas'] - nahesteht und sich auf den unbedingten, die gesamte Welt betreffenden Auftrag zur Verkündigung des Gotteswortes bezieht. In vergleichender Absicht werden mit dem modernen Totalitarismus-Begriff zwar zumeist nicht-religiöse, aber in ihrem Verbindlichkeitsanspruch dem antiken Christentum vergleichbare strikte, weitgreifende und heilsversprechende Lehren und Ideologien erfaßt.

3. Einige mögliche Beispiele zur Erörterung im einzelnen

a) aus der mittelalterlichen Geschichte.

Antike Muster in der Expansion des Frankenreichs unter Karl d. Gr.

Antike Muster in der mittelalterlichen deutschen Ostexpansion.

Antike Muster in den Expansionskriegen des Islam.

Antike Muster bei mittelalterlichen Religionskriegen.

Antike Muster der Sklaverei im europäischen Mittelalter.

b) aus der Neuzeitgeschichte und der Zeitgeschichte.

Antike Muster bei Völkerunterdrückungen im 30jährigen Kriege.

Antike Muster bei der Völkerunterdrückung und Völkerverdrängung im Rahmen der polnischen Teilungen des 18. Jhts.

Antike Muster in der Bildung und Expanion der Vereinigten Staaten von Amerika.

Antike Muster der Sklaverei in der Neuzeit europäischer oder europäischstämmiger Völker.

Antike Muster in Angriffs- und Expansionskriegen der napoleonischen Zeit.

Antike Muster bei Völkerunterdrückung, Völkerverdrängung und Völkervernichtung im Rahmen der Bildung von Kolonien in Afrika und Amerika durch neuzeitliche europäische Reiche und Staaten.

Antike Muster in Angriffs- und Expansionskriegen europäischer Nationalstaaten des 19. und 20, Jahhunderts, einschließlich der Weltkriege.

Völkerunterdrückung, Völkerverdrängung und Völkervernichtung durch das 'Dritte Reich' in den 30er und 40er Jahren des 20. Jhts.

4. Zu Literatur, Medien und Quelllen.

Hans Fenske, Dieter Mertens, Wolfgang Reinhard, Klaus Rosen, Geschichte der politischen Ideen. Von der Antike bis zur Gegenwart, Frankfurt M. 1996.

Wilhelm G. Grewe, Epochen der Völkerrechtsgeschichte,1988 2.

Hans Maier, Heinz Rausch, Horst Denzer (Hg.), Klassiker des politischen Denkens, Bd. 1: Von Plato bis Hobbes, München 1987 5, Bd. II: Von Locke bis Max Weber, München 1987 5.

August Buck, Humanismus - Seine europäische Entwicklung in Dokumenten und Darstellungen, Freiburg, München 1987.


LV Gizewski WS 2007/08

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de