Kap. 2.1: Zusammenfassende Überlegungen zu Teil II des Vorlesungsskripts: typische Probleme politischer Verfassung innerhalb antiker Reichsbildungen.

SKRIPT IM AUFBAU.


Tragende Gedanken des 2. Teils:

Zu der politischen Struktur antiker Reiche und der darin im allgemeinen angelegten Verfassungsproblematik (Kap. 2.2):

Der Begriff 'Reich' meint - auch in Anwendung auf Phänomene der Alten Geschichte - historisch-terminologisch eine politische Struktur, in der die Herrschaft den Beherrschten gegenüber, auch in ihren wichtigeren Aspekten, über eine Lenkung 'von oben' durch letztlich nicht ausreichend legitimierte Machthaber oder Machtgruppen ausgeübt wird. Es fehlt insbesondere an einer ausreichenden Legitimation durch die von der Herrschaftsausübing Betroffenen, welche man in politisch-historischer Terminologie als 'demokratisch' oder 'republikanisch', d. h. als wesentlich auf dem Volkswillen beruhend bezeichnen kann. Darin ist eine allgemeine strukturelle Problemlage der Verfassungen antiker Reichsbildungen angelegt.

Zur Erläuterung sind Beispiele aus folgenden historischen Themenbereichen geeignet:

a) Typen antik-orientalischer Reichsbildung,

b) Typen antik-griechischen Reichsbildung ('basileia'),

c) der Typus der römischen Reichsbildung ('imperium'), in der republikanischen ebenso wie in der kaiserzeitlichen Verfassung des Römischen Reiches.

Unterdrückung, Ausbeutung oder Deklassierung gesellschaftlicher Gruppen und Schichten in der politischen Verfassung antiker Reichsbildungen (Kap. 2.3):

Ein grundlegendes und weitverbreitetes Problem antiker Verfassungordnungen liegt vor, wenn ihre Zweckbestimmung nicht an einem Allgemeinwohl, d. h. den berechtigten und gegeneinander angemessen abgewogenen Interessen der gesamten Reichbevölkerung orientiert ist, sondern bestimmte gesellschaftliche Gruppen und Schichten zugunsten anderer bewußt und geplant einer politischen Unterdrückung, wirtschaftlichen Ausbeutung oder sozialen Deklassierung aussetzt.

Zur Erläuterung sind Beispiele aus folgenden historischen Themenbereichen geeignet:

a) die verschiedenen Formen antiker Sklaverei,

b) die verschiedenen Formen antiker Bodenbindung und personengebundener Hörigkeit,

c) die Unterordnung breiter Bevölkerungsschichten unter den politischen Einfluß und Reichtum der Oberschichten antiker Gesellschaften.

Die Bevorzugung und Benachteiligung von Völkern in antiken Reichen (Kap. 2.4):

Aus dem Hervortreten bestimmter Herrschaftsvölker in größeren antiken Reichsbildungen, welche mehrere Völker in ihren Herrschftsraum einbeziehen, entstehen grundlegende Probleme, was die durch derartige Ungleichbehandlung auftretenden Fragen der politischen Verfassung betrifft..

Zur Erläuterung sind Beispiele aus folgenden historischen Themenbereichen geeignet:

a) die Vorherrschaft der Perser in der politischen Verfassung ihrer Reichsbildung,

b) die Eroberungsgrundlage in der staatlichen Ordnung des Alexanderreiches,

c) die Vorherrschaft des Römischen Volkes im Rahmen des 'Provinzialsystems' des römischen Reiches,

Zu Mängeln in der Organisation der Versorgungs-, Ordnungs- und Friedenssicherungszwecke in antiken Reichen (Kap. 2.5):

Zu den grundlegenden Problemen der politischen Verfassung antiker Reichsbildungen kann es gehören, daß sie für ihre Zwecke nicht über die nötigen wirtschaftliche Mittel verfügen, die staatliche Rechtsordnung nicht angemessen gestalten und die militärische Sicherheit nach innen und außen nicht angemessen gewährleisten können.

Zur Erläuterung sind Beispiele aus folgenden historischen Themenbereichen geeignet:

a) die Überlastung der Öffentlichkeit mit den von einer antiken Reichsbildung übertragenen Steuerlasten und Dienstpflichten,

b) das Fehlen von Rechtsschutz gegenüber den gegenüber dem Publikum auftretenden Machthabern,

c) unnötige Verfolgungsmaßnahmen gegen religiöse oder politische Parteien und Konfessionen von Reichangehörigen oder -unterworfenen.

Wirkungsgeschichtliche Perspektiven der Formen antiker Verfassungsprobleme (Kap. 2.6):

Alle der oben genannten Arten antiker Verfassungsstrukturprobleme sind von grundlegender Traditions- und Rezeptionsbedeutung für die politische und kulturelle Geschichte späterer - insbesondere europäischer - Reichsbildungen des Mittelalters und der Neuzeit - bis hin zur Gegenwart - gewesen. Sie stellen daher für deren tiefergehendes geschichtswissenschaftliches Verständnis eine wesentliche Grundlage dar.


LV Gizewski SS 2008

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de