Kap. 1: Christliche Glaubensbekenntnisse in Neuzeit und Gegenwart.

I. Zur endlichen geistigen Existenz des Menschen und ihren offenen und beweglichen Sinnfragen sowie zu den Glaubensentscheidungen als tendenziell widersprüchlichen, aber dennoch nicht beliebigen Sinnbestimmungen.

Die physische, biologische menschliche Existenz verbindet sich mit einer 'inneren', 'geistigen' Existenz, die aus mehreren 'Schichten' eines in ständiger Entwicklung und Bewegung bestehenden 'Bewußtsseins' besteht. In diesem sind Fähigkeiten und Inhalte der sinnlichen Wahrnehmung, der Erinnerung, des Begreifens, des Sprechens, des Verstehens, des Fühlens und des Wollens miteinander eng verknüpft. Diejenigen dieser Inhalte, die die grundlegenden Orientierungen eines konkret-historischen Menschen in seiner Zeit und Umwelt betreffen, kann man wegen ihrer weitgehenden Individualität und Erkennbarkeit nach außen 'Person' nennen. Die für eine 'Person' bestimmenden, sie in ihrem Handeln leitenden 'Momente' ('Beweggründe') kann man einzeln genommen als 'Sinn', in ihrer Gesamtheit als 'Sinnstruktur' zusammenfassen.

Die Sinnstrukturen der Angehörigen menschlicher Gemeinschaften aller Art werden innerhalb dieser Mensschengruppen durch Sprechen und Verstehen 'mitgeteilt'. Dies setzt interindividuell-gültige (gemeinsame) Sprachsysteme und Sinnstrukturen voraus. Diese verstärken rückwirkend die individuellen.

Individuelle und gemeinsame Sinnstrukturen sind zwar häufig - und notwendigerweise - logisch und auf eine 'objektive'. d. h. durch menschlich-subjektives Wünschen und Vorstellen gar nicht oder allenfalls nur durch objektangepaßtes Handeln veränderbare Wirklichkeit eingestellt. Sie können jedoch auch Widersprüche, Zirkelschlüsse, Irrtümer und unbegründbare, ja sogar wahnhafte Vorstellungen und Orientierungen enthalten. Dies ist vor allem bei Fragen des 'Glaubens' der Fall. 'Glauben' ist die - weitgehend nicht-bewußte - Annahme von Sachverhalten und Erscheinungen, die sich nicht in einer 'Objektwelt' nicht als sicher oder wahrscheinlich feststellen lassen. Bei allen Glaubensannahmen, nicht nur bei den religiösen, gibt es, zumindest von außen betrachtet, in größerem Umfang Widersprüche, Irrtümer und Unbegründbarkeiten.

Ein Beispiel für einen Zirkelschluß religiösen Glaubens: Psalm 25. V. 14.

("Das Geheimnis des Herrn ist unter denen, die ihn fürchten").

So ist es auch bei den zentralen Grundideen christlichen Glaubens, wie sie in den Glaubensbekenntnissen zusammengefaßt sind (siehe unten II.). Vor allem auf den christlichen Glauben beziehen sich die folgenden Zitate aus Werken von J. P. Sartre, Tertullian und Augustinus:

"[Bei der 'mauvaise foi'] handelt es sich nicht um eine reflektierte, willentliche Entscheidung, sondern um eine spontane Bestimmung unseres Seins" (J. P. Sartre in "Das Sein und das Nichts", Kap. 2, 3 ).

"Credo quia absurdum" (Abgekürzte, traditionell übliche Fassung einer Bemerkung des 'Kirchenvaters' Tertullian in 'De carne Christi' 5).

"Inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te, Domine" ( Der Kirchenvater Augustinus in 'Confessiones' 1, 1).

Sie heben aber nicht nur den subjektiven, ungesicherten und vielleicht widersprüchlichen Charakter von Glaubensentscheidugngen hervor, sondern auch ihre Notwendigkeit und Unausweichlichkeit für die menschlichen Sinnstrukturen.

II. Die zentralen Ideen heutiger christlicher Glaubensbekenntnisse.

Übung 1.1
1) Vergleichen Sie am Beipiel der vorliegenden Texte das heute in der
und in der
(hier: lutherischen) Kirche übliche (theologisch gültige) christliche Glaubensbekenntnis.

2) Was haben sie gemein, worin sind sie unterschiedlich, was wollen sie nahelegen und erklären?

  1. Der allmächtige Schöpfergott
  2. Der menschenähnliche Vater-Gott.
  3. Der Gesalbte Gottes (Christus).
  4. Der Sohn Gottes.
  5. Der mit Gott identische Gottessohn.
  6. Jesus von Nazareth, der menschgewordene Gott (Gottmensch).
  7. Empfängnis contra naturam des 'Gottmenschen' vom 'Heiligen' (göttlichen) Geiste durch seine Mutter, die' Jungfrau' Maria.
  8. Jesus Christus als Herr und Heiland der Menschen.
  9. Das Leiden, die Kreuzigung und der Tod des Gottessohns.
  10. Die Auferstehung des Gottessohns von den Toten und seine Himmelfahrt.
  11. Der Gottessohn als Richter über die Menschheit am Ende der Welt.
  12. Der Heilige Geist als Gottes Präsenz in den Menschen.
  13. Die Kirche als besondere Wirkungsstätte des Heiligen Geistes in einer Gemeinschaft der Heiligen.
  14. Die Kirche als völkerübergreifende Einrichtung des Heiligen Geistes für die ganze Menschheit.
  15. Die Vergebung der Sünden.
  16. Die Auferstehung der Toten.
  17. Das ewige Leben.

III. Die Ansätze skeptisch-rationaler Kritik an heutigen christlichen Glaubensbekenntnissen.

Übung 1.2

1) Was bedeuten die oben stichwortartig genannten zentralen Ideen christlicher Glaubensbekenntnisse genau? Wie würden Sie sie Unwissenden angememessen und sorgfältig erklären, auch wenn Sie sie selbst nicht teilen? Was empfinden Sie als überzeugend?

2) Welche Einwände gegen ihren Realitätsbezug und ihre ethische Gültigkeit gibt es aus einer 'säkularen' (d. h. prinzipiell 'gottlosen') Perspektive? Wie mag es historisch zu solcher heute allgemein verbreiteter Kritik gekommen sein, und welche Berechtigung mag sie haben? Welche Gegeneinwände könnte man wiederum gegen derartige Einwände erheben?

IV. Heute weitgehend fortwirkende Grundideen christlicher Glaubenbekenntnisse.

  1. Die 'göttliche Vernunft' in der gesamten Schöpfung.
  2. Die Allmacht und Allpräsenz Gottes bei gleichzeitiger Verborgenheit seiner Ratschlüsse.
  3. Die Väterlichkeit Gottes und die Gottebenbildlichkeit des Menschen.
  4. Die Gottgeschaffenheit aller Lebewesen.
  5. Die Gottgeschaffenheit des Menschen.
  6. 'Das Böse' in den Menschen und ihren Gesellschaften (Unterdrückung, Grausamkeit, Ungerechtigkeit, Rücksichtslosigkeit, Unmenschlichkeit, Vernichtung) und in der 'Natur'.
  7. Die Erlösungsbedürftigkeit der Menschheit und der Natur.
  8. Das Mitleiden Gottes mit der Natur und der Menschheit.
  9. Der von Gott geschickte Erlöser in Menschengestalt (Heiland).
  10. Der in Verwirrung, Hilflosigkeit, Not, Krankheit und Tod von Gott kommende hilfreiche Geist.
  11. Gottes Gericht über alle Ungerechtigkeiten in der Geschichte am Ende aller Tage.

V. Zur geographische Verbreitung des heutigen Christentums.

Übersichten

Abb. Heutige Sprachvölker und Religionen im europäisch-mediterranen Raum.

Abb. Übersicht über die heutigen Religionen und Konfessionen in Deutschland.

VI. Literatur-, Medien- und Quellenverzeichnis.

Autor dieses WWW-Skripts: Christian Gizewski, Prof. Dr., TU Berlin, Fakultät I, Alte Geschichte, FG Geschichte, Privatadresse: Tietzenweg 98, 12203 Berlin, Tel.:030-8337810, EP:christian.gizewski@.tu-berlin.de

(Bearbeitungsstand: 17. Nov. 2011).

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