Kap. 7: Zu den Nachwirkungen des antiken Christentums.

I. Allgemeines zur nachantiken Fortwirkung des Christentums.

Übung 7.1

1. Stellen Sie anhand der beigefügten historischen Karte die territoriale Beziehung mittelalterlicher christlicher Mission zum Raum des vormaligen Imperium Romanum fest.

2. Wie könnten sich die vorchristlichen religiösen und ethnischen Besonderheiten der missionarisch neu erschlossenen Gebiete auf die Entwicklung des Christentums dort ausgewirkt haben?

Der Fortbestand des Christentums, d. h. seine politisch nicht nur unbehinderte, sondern sogar geförderte Weiterverbreitung in den nachantiken Reichs- und Herrschaftsbildungen Europas nach der Auflösung des Römischen Reiches in seinem vormaligen Westen *) bedeutet einen Fortbestand der in ihm enthaltenen und es bestimmenden Kultur der Antike in einem umfassenden Sinne. Nicht nur deren christlich-religiöses Leben, sondern deren religiöse Traditionen generell setzten sich auf verschiedene, von der antiken Gesellschaftspraxis gewiß unterschiedliche, aber dennoch mit ihr verbundene Weise fort. Aber auch manche politische oder rechtliche Gewohnheit oder Regelung wurde über das Christentum in den Bereich der missionierten europäischen Völkerschaften *) mitübertragen. Insbesondere schließlich verbreiteten sich über das Christetum indirekt alle Arten antiker Bildung und antiken Wissens weit über die Grenzen des früheren Römischen Recihes hinaus unter Menschen, die zu römischer Zeit unter dem Sammelbegriff 'Barbaren' zusammengefaßt zu werden pflegten.

II. Zur Fortwirkung des Christentums im religiösen Leben des Mittelalters und der Neuzeit.

In diesem Zusammenhang sind zu folgende Entwicklungen von Bedeutung:

1. die Fortentwicklung der Kanonisierung (Verrechtlichung) von Glaubenstraditionen. Beipiel. das mittelalterliche Patrimonium Petri *),

2. die Fortentwicklung der Theologie und ihrer Dogmatik als Wissenschaft,

3. die Fortentwicklung der Kampfes gegen 'Aberglauben' und 'Häresien',

4. die Fortentwicklung einer christlichen Bekämpfung speziell der jüdischen Religion in Mittelalter, Neuzeit und Zeitgeschichte,

5. eine christlich motivierte Bekämpfung des Islam, etwa in den Kreuzzügen des Hochmittelalters und in den Türkenkriegen der Reformationszeit,

6. die mit christlichen 'Rechtgläubigleits'-Vorstellungen motivierte Bildung religiöser Parteien in der Zeit der Reformation und Gegenreformation*),

7. Zur Fortentwicklung christlich-religiöser Auseinandersetzung mit antiker Philosophie und Wissenschaft in der humanistischen und in der Aufklärungsepoche.

III. Zur Fortwirkung des Christentums in Philosophie und Bildung des Mittelalters und der Neuzeit.

1. Ein wesentliches Moment ist die Fortwirkung des Christentum über seine Theologie und Glaubensideen bei der Ausprägung nachantiker philosophisch-wissenschaftlicher Systembildung, etwa der in der Scholastik.

2. Ein weiteres Moment der Fortwirkung des Christentums ist die Historisierung christlich-ideeller Traditionen in Systemen philologisch-wissenschaftlicher Analyse seiner 'heiliger Schriften' und deren vielfältige 'Modernisierung' im Laufe späterer Jahrhunderte.

3. In der 'Aufklärung' findet eine philosophische Umdeutung christlicher und jüdischer Ideen und Werte in 'säkulare' Welterklärungen und Moralsysteme statt.

4. Christliche Momente finden sich aber sogar in 'Atheismus', 'Dialektik', 'Skeptizismus' und 'Existenzialismus', indem sich dort tendenziell irreligiöse philosophische Ideensysteme in expliziter Auseinandersetzung und Negation christlich-theologischer Lehre ausprägen

Übung 7.2

1. Lesen Sie den beigefügten Text , der sich mit dem Thema "Der 'Glaube' der Unaufrichtigkeit" (franz.: 'mauvaise foi') befaßt, aufmerksam durch.

2. Versuchen Sie zu herauszufinden, wer der Autor ist und wann der Text geschrieben worden sein könnte.

3. An welchen Textstellen läßt sich eine Bezugnahme auf des Christentum der Zeit des Autors feststellen, selbst wenn der Autor es nicht ausdrücklich erwähnt, sondern in einen größeren Zusammenhang einordnet? Warum erscheint ihm Ihres Erachtens das Christentum 'philosophisch unbrauchbar'?

IV. Zur Fortwirkung des Christentums in Politik, politischer Ideologie und Recht.

1. Das spätanik- Muster eines christlichen Imperium Romanum findet sich wieder in späteren - mittelalterlichen und neuzeitlichen - Begriffsbildungen wie etwa 'Heiliges Römisches Reich' oder 'Imperialismus'.

2. Das christlich-religiöse Muster einer von Gott verordneten weltlichen Herrschaft (vgl. Brief des Paulus an die Römer, Kap. 13, 1 - 8) findet sich wieder in späteren - mittelalterlichen und neuzeitlichen - Begriffsbildungen wie 'Gottesgnadentum', 'Landesvater' oder in republikanisch-revolutionären Maximen wie 'salut public' oder 'Souveränität i. S. von politischer All- und Letztzuständigkeit..

3. Das spätantik-christliche Muster einer Kirche als politisch-rechtlicher Organisation' (mit Kirchenrecht, Konzilien, Episkopat und Papat) findet sich sowohl in den nachantiken Organsiationsformen christlicher Kirche, als auch in der säkular-neuzeitlichen Form stark weltanschaulich gebundener politischer Parteien im christlich-europäischen Bereich wieder.

4. Das christliche Muster einer 'Erneuerung' des individuellen und gemeinschaftlichen, bzw. gemeindlichen Lebens Lebens findet sich in mehreren christlich-innerkirchlichen 'Reformdislussionen des Mittelalters bis zur schon neuzeitlichen 'Reformation' wieder, in säkulater Transformation aber auch in weltanschaulich stark gebundenen Begriffen von 'Reform', 'Fortschritt','Sozialismus' oder 'Moderne'.

5. Das chrisliche Muster 'Schaffung einer Neuen Welt' oder 'Reich Gottes' findet sich in den neuzeitlich-politisch-ideellen Begriffen 'Fortschritt' und 'Utopie', etwa innerhalb des 'Sozialismus' wieder.

6. Das christliche Muster 'Freiheit des richtigen Glaubens' ('Orthodoxie') von 'ungläubigen' Abweichungen ('Häresien') ebenso wie von 'fehlerhaft glaubenden' Formen der Kirchengewalt oder von 'nicht-rechtgläubigen oder ungläubigen' Formen der Staatsgewalt' findet sich in gewissem Umfang wieder in modern-säkularen Vorstellungen von 'Meinungsfreiheit', 'Menschenrechten' und 'Verfassungstreue'.

7. Das christliche Muster einer durch den 'Heiligen Geist' begründeten 'Gemeinschaft des Glaubens' findet sich in säkulat-neuzeitgeschichtlicher Form in verschiedenen Begriffen von 'Nation' wieder.

9. Das christliche Muster einer 'Erlösung von dem Übel' findet sich in gewissem Umfang transformiert wieder in stark weltanschaulich gebundenen, neuzeitlich-politischen Begriffen von 'Emanzipation' und 'Revolution'.

10. Das christlich-religiöse Muster einer 'Katholizität und 'missionarische Verbreitung' des christlichen Glaubens beherrscht die Geschichte der christlichen, europäischen Reichsbildungen seit Beginn des Mittelalters und reicht bis zu den Formen einer christlich motivierten, kolonienbildenden Expansion europäischer Mächte in außereuropäische Weltteile *) fort. In säkularisierter Form findet er sich in stark weltanschuungsgebundenen, neu- und zeitgeschichtlichen Vorstellungen von 'Internationalismus' und 'globaler Verantwortung' wieder.

11. Das christlich-religiöse Ideen- und Gefühls-Muster von den 'Juden als von Gott verworfenem, teufelsbesessenem Volk' (Johannes-Evangelium, Kap. 8, 31 - 47) *) findet sich in zahlreichen Judenverfolgungen und fundamental diskriminierenden Rechtssetzungen vieler christlich-europäischer Länder des Mittelalters und auch in einem argumentativ weithin darauf aufbauenden neuzeit- und zeitgeschichtlichen, 'säkular' transformierten 'Antisemitismus' wieder.

12. Das christlich-religiöse Muster eines 'vorbehaltlosen, gewissensgebotenen Gehorsams' der 'Untertanen' gegenüber der 'Obrigkeit' (Brief des Paulus an die Römer, Kap. 13, 1 - 7) *) findet sich in mittelalterlich-politischen Vorstellungen von einer christlichen Herrschaftsordnung ebenso wie in neuzeitlich-obrigkeitsstaatlichen Vorstellungen von der politischen Unbeschränktheit hoheitlicher Herrschaftsbefugnisse von 'Landesherren' ('Souveränidtät') wieder.

Übung 7.3

1. Lesen Sie folgende Zitate aus einer antisemitischen, politischen Kampfschrift *) aufmerksam durch.

2. Versuchen Sie, mit Ihren jetzigen Kenntnissen die Entstehungszeit und den Autor zu bestimmen.

3. Welche Aussagen des Textes sind Ihres Erachtens religionsgeschichtlich und allgemeingeschichtlich problematisch?

V. Literatur-, Medien- und Quellenverzeichnis.

*) Griechisch-deutsche Textstellen entnommen aus der wissenschaftlichn Edition von Eberhard Nestle; vgl. LMQ-Verzeichnis. - Geschichtskarten-Kopien ausschließlich zum Zwecke des vernetzten wissenschaftlichen Zitats entnommen aus HiWAt (Dr. Walter Leisenring [Hg.], Historischer Weltaltlas, Lizenzausgabe der 102. Auflage des im Cornelsen-Verlag Berlin 1997 erschienenen 'Putzger-Atlasses', Marix-Verlag Wiesbaden 2011), S. 35, 41, 46, 54, 64, 73. - Textstelle Ünung 2 ausschließlich zum Zweck des vernetzten wissenschaftlichen Zitats entnommen aus: J. P. Sartre, Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie. Hg. Traugott König. Neue deutsche Übersetzung von Hans Schöneberg und Traugott König, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hambug 201016, S.154 - 160. - Textstelle Übung 3 ausschließlich zum Zweck des vernetzten wissenschaftlichen Zitats entnommen aus der - nachgeprüft - dem Originalwerk entsprechenden Internetquelle: http://pdfcast.org/pdf/mein-kampf , S. 336. Das zitierte Werk empfiehlt sich als ganzes zu einer kritischen Lektüre, auch unter Berücksichtigung neuerer anthropologischer Literatur; vgl. LMQ-Verzeichnis unter dem Autornennamen 'Knußmann, Rainer' - Geringfügige formale Bearbeitungen der in diesem Kapitel verwendeten Vorlagen entsprechend dem Internet- Publikationszweck durch den WWW-Autor.


Autor dieses WWW-Skripts: Christian Gizewski, Prof. Dr., TU Berlin, Fakultät I, Alte Geschichte, FG Geschichte, Privatadresse: Tietzenweg 98, 12203 Berlin, Tel.:030-8337810, EP:christian.gizewski@.tu-berlin.de

(Bearbeitungsstand: 3. Jan.. 2012).

Die ständige Bearbeitung und Fortentwicklung des WWW-Textes führt zu gelegentlichen Schreibfehlen, deren Beseitigung manchmal erst nach längerer Zeit möglich ist, weil sie erst bei späterer Kontrollektüre auffallen. Der Autor ist für entsprechende Hinweise dankbar.