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1. Kap.: Grundbegriffe und Grundideen wirtschaftsgeschichtlicher Beschäftigung mit der Antike.

ÜBERSICHT:
1. Zur Übung
2. Grundbegriffe des Vorlesungsthemas 'Antike Wirtschaftssysteme'.
3. Grundideen der Vorlesung.
4. Literatur und Medien

 

1. Zur Übung.

Machen Sie sich die Grundgedanken der im folgenden wiedergegeben aristotelischen Aussagen über das Wirtschaften (Aristoteles, Politik 1256b26 -1257b39) klar und vergleichen Sie sie mit Ihren eigenen Vorstellungen von heutigen Zwecken und Systemen wirtschaftlicher Tätigkeit.

Oikonomia und Chrematistike.

(Dokument im pdf-Format; zum Empfang siehe ggf.: Versuche.htm , unter II, Experiment 6. Leseverbesserung durch Einstellung des Großformats auf der Darstellungsfläche möglich)

Übersetzung entnommen aus: M. Austin. P. Vidal-Naquet, Gesellschaft und Wirtschaft im alten Griechenland (wie Literaturverzeichnis), S. 150 ff. (dort auch ein Kommentar).

 

2. Grundbegriffe des Vorlesungsthemas "Antike Wirtschaftssysteme".

a) 'Antike' ist die Geschichte der mittelmeerisch-nahöstlichen Altertumskulturen in ihrer Enwicklung seit den frühen Formen schriftgestützter, um urbane Zentren organisierter Gesellschaften (z. B. in Sumer und Ägypten). Der Begriff 'Altertum' meint weitergehend, d. h. auch für andere Regionen der Welt, die für spätere Hochkulterentwicklungen maßgeblichen frühen Kulturformationen eines Kulturkreises. Im allgemeinen und auch im wissenschaftlichen Sprachgebrauch sind die Begriffe 'Antike' und 'Altertum' mehrdeutig (z. B. in den Elementen 'früh', 'maßgeblich', 'Hochkultur', 'Kulturkreis'). Das bedeutet, daß sie in ihrer regionalen und in ihrer zeitlichen Abgrenzung (z. B. gegen ein 'Mittelalter') unterschiedlich gebraucht werden können. Das ist bei der Heranziehung der Literatur zu beachten.

b) Der Begriff 'Wirtschaft' faßt verschiedene Kategorien menschlicher Aktivitäten zusammen, und zwar:

Auch hier werden einzelne Begriffskomponenten (z. B. 'materiell', 'Vermögenserwerb') im allgemeinen und im wissenschaftlichen Sprachgebrauch unterschiedlich gebraucht und sind teilweise sogar heftig umstritten (vgl. etwa die Diskussion um die marxistische 'Mehrwert'-Theorie). Der Begriff umfaßt im wesentlichen das, was eine wirtschaftsgeschichtliche Beschäftigung mit der Antike im allgemeinen interessiert.

c) 'Systeme' sind - im Bereich des menschlichen Gemeinschaftslebens - überindividuell wirksame, das Handeln der Individuen regulierende (wenn auch nicht determinierende) Ordnungen objektiver Art (z. B. die Sprache, die Sitten oder die Gesetze), die teilweise auf Setzung und Vereinbarung, überwiegend aber auf Gewohnheit und 'faktischer' Geltung beruhen. Sie stellen neben den 'Einzelpersonen' und den 'Handlungen und Daten' eine der Hauptkategorien historischer Objekte dar, mit denen sich die Geschichtswissenschaft befaßt. Für den Terminus 'System' werden im wissenschaftlichen Sprachgebrauch auch andere Begriffe gebraucht (vgl. die 'sittlichen Mächte' in Johann Gustav Droysens 'Historik').

d) Der Begriff 'Wirtschaftssysteme' wird im Zusammenhang des Gesamtthemas anders verwendet als in modernen 'Betriebs'-, 'Volkswirtschafts'- und 'Weltwirtschaftslehren'. Diese gehen letztlich auf Konzepte staatlich-merkantilistischen und liberal-freihändlerischen Wirtschaftsdenkens zurück (vgl. Adam Smith, An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations, 1776), wie es sich seit der frühen Neuzeit in Praxis und Theorie entwickelt hat. Im Unterschied dazu wird der Begriff 'Wirtschaftssystem' hier einerseits viel weiter und andrerseits weitaus weniger spezialisiert gebraucht. Er kennzeichnet:

 

3.Grundideen der Vorlesung.

a) In das römische Reich gehen seit seiner Bildung im 3./2. Jht. v. Chr. eine Anzahl auf unterschiedlichen Kulturtraditionen und geographischen Gegebenheiten beruhender und unterschiedlich gewichtiger antiker Wirtschaftsräume ein, in denen 'staats'-, 'tempel'-, 'oikos'- und 'antik-marktwirtschaftliche' Formelemente auf verschiedenartige Weise miteinander verbunden sind (z. B. ein 'ägyptisch-staatswirtschaftlicher', ein 'griechisch- bzw. karthagisch-handelsstaalicher' Wirtschafts- oder ein 'barbarisch-bäuerlicher Naturaltausch'-Typus).

b) Das römische Reich vernetzt diese unterschiedlichen Wirtschaftsräume durch mehrere rechtliche Vereinheitlichungsprozesse, durch Ausbau der Verkehrsverbindungen (Land- und Seewege) und durch 'Urbanisierung' des Provinzialgebietes.

c) Urbane Zentren organisieren im wesentlichen die nicht-landwirtschaftlichen Erwerbs- und Wirtschaftsverwaltungsformen. Obschon in der Quantität ihrer Bevölkerung relativ gering gegenüber der ländlich lebenden Bevölkerung einzuschätzen, sind sie für das Wirtschaftsleben ihres Umfeldes als Märkte, Gerichtsorte, Verwaltungs- und Militärzentren von maßgeblicher Bedeutung.

d) Der weitaus größte Teil der Bevölkerung lebt unter den relativ harten, ungesicherten und einförmigen ländlichen Lebensbedingungen. Er erzeugt den größten Teil des 'wirtschaftlichen Gesamtprodukts' (materielle Güter und Dienstleistungen) im Reiche. Dieses dürfte in seiner Struktur dem der unterwickeltsten Entwicklungsländer unserer Zeit vergleichbar sein. Das antike gesellschaftliche Gesamtprodukt reicht für die Finanzierung großräumiger staatlicher und militärischer Projekte immer wieder einmal nicht aus, was verschiedene charakteristische Folgewirkungen für die politische und wirtschaftliche Ordnung haben kann (z. B. eine überzogene, desorganisierende Steuererhebung oder einen antiken Typus von Inflation).

e) Im römischen Reich mit seinen verschiedenartigen Märkten, seinem Münzwesen und seinem Privatrecht (z. B. dem römisch-rechtlichen Institut des Eigentums), aber andrerseits auch mit seiner dominierenden Staats-und Militärorganisation entwickelt sich ein antiker Typus 'weltweit' ('ökumenisch') ausgreifender Wirtschaftsbeziehungen, welcher Elemente einer 'antiken Marktwirtschaft' mit solchen einer 'staatlichen Wirtschaft' (z. B. im Domänenwesen, in Staatsmonopolen, in gelegentlichen Preisregulierungen und in Statusreglementierungen für Bürger und Untertanen) verbindet und wirkungsgeschichtlich für spätere Geschichtsepochen maßgeblich werden läßt.

 

4. Literatur und Medien.

M. I. Finley, Die antike Wirtschaft (wie 'Literaturverzeichnis').
Großer Atlas zur Weltgeschichte (wie 'Hilfsmittel für wissenschaftliche Arbeiten'), S. 28, 32/33.
Großer Historischer Weltatlas (wie 'Hilfsmittel für wissenschaftliche Arbeiten'), S.46/47.
Karte Ägyptens in ptolemäischer Zeit.

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LV Gizewski SS 1997

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)