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2. Kap.: Wirtschaftsgeographie des antiken Mittelmeerraums im Überblick.

 Übersicht:
1. Erdoberfläche.
2. Klima- und Vegetationszonen.
3. Bodenschätze und Naturstoffe.
4. Nutzpflanzen und -tiere.
5. Bevölkerungsverteilung.
6. Literatur, Medien und Quellen.

 

1. Erdoberfäche.

a) Die besiedelbaren und landbaulich nutzbaren Gebiete.

Von der Erdoberfläche des mittelmeerisch-vorderasiatischen Raums ist nur ein Teil für die menschliche Besiedlung und zugleich für die landwirtschaftliche Nutzung geeignet; nur dort konnten sich folglich landwirtschaftlich basierte Altertumskulturen entwickeln.

Nicht zu der landwirtschaftlich nutzbaren Erdoberfläche gehören einmal - jedenfalls grundsätzlich - die Wüsten- und Steppengebiete Nordafrikas, Arabiens, Kleinasiens, Spaniens und des nördlichen Schwarzmeerrandes. Allerdings waren in ihnen schon in der Antike außer einer nomadisierenden Lebensweise oder einer Weidenutzung von den Rändern aus unter günstigeren Umständen eine temporäre Nutzung bei zeitweilig ausreichender Regenmenge oder auch Oasenkulturen und ein Bewässerungsbau möglich. So haben sich - paradox anmutend - gerade im nordsyrischen und nordirakischen Übergangsgebiet zur Steppe unter den günstigen Bedingungen des Bewässerungsfeldbaus die ältesten bekannten Landwirtschaftsformen des Nahen Ostens entwickelt. Doch ändert dies nichts daran, daß Hitze und Trockenheit des den altweltlichen Wüsten benachbarten Mittelmeerraums das Pflanzenwachstum sterk hemmen und damit den Landbau ungünstig beeinflussen können. Ferner sind im allgemeinen landbaulich schlecht nutzbar die im mittelmeerischen und nahöstlichen Raum häufig vorkommenden Moor-, Sand und Gebirgsgebiete mit ihren extrem sauren, kiesigen oder steinigen, manchmal aus großflächig anstehendem Fels bestehenden Böden. Aus diesen verschiedenen Günden gab es in in allen Ländern des antiken Mittelmeerraums zahlreiche und oft ausgedehnte Einödflächen.

Wüstengebiete auf der Welt.

Abb.entnommen aus: M. Hendl, A. Bramer u. a (Hg.), Lehrbuch der physikalischen Geographie, Frankfurt a. M. 1987, S. 390.

Dennoch war in vielen Regionen dieses Raums - unter unterschiedlichen klimatischen Bedingungen - Landwirtschaft und ortsfeste menschliche Dauersiedlung möglich. Zu ihnen gehören: die Gebiete des 'fruchtbaren Halbmonds' im Nahen Osten (Mesopotamien, Syrien, Palästina), das Niltal und das Nildelta, die ausreichend mit Regen versorgten Küstengebiete Nordafrikas (Cyrenaika und Atlasgebiet), die mediterranen und die atlantischen Küstengebiete und einige innere Gebiete der spanischen Halbinsel, die meisten nicht-gebirgigen und nicht-moorigen Regionen des antiken Gallien, Britannien und Germanien, des gesamten Donau- und Balkangebiets, der italischen und der griechischen Halbinsel und aller Mittelmeerinseln, der schwarzmeerischen und mittelmeerischen Küstengebiete Kleinasiens und des Kaukasus-Gebiets sowie der inneren, wegenGebrirgsnähe ausreichend beregneten Regionen Kleinasiens und Irans.

Die menschliche Besiedlung prägte sich im Verlaufe der antiken Geschichte prinzipiell an allen für landwirtschaftliche Nutzung geeigneten Orten aus, weil die mit der Zeit wachsenden Populationen ihre landwirtschaftliche Basis zumeist über den Bereich ihrer Ursprungregionen hinaus in dem jeweils möglichen Maße verbreitern mußten. Soweit die landwirtschaftliche Basis einer Region eine Bevölkerung oder ihr Wachstum überhaupt nicht mehr trug, konnte es zu verschiedenartigen Bevölkerungsbewegungen kommen. Generell zogen dabei auch fernerliegende, als besonders nutzungs- und siedlungsgeeignet bekannte Regionen die Zuwanderung aus unterversorgten Bevölkerungen an.

 

b) Die Bildung von Bevölkerungskonzentrationen.

Für die Bildung von Siedlungsschwerpunkten, insbesondere von 'Städten' oder stadtähnlichen Bevölkerungsakkumulationen an bestimmten Orten, können in unterschiedlicher Weise kriegerische Aspekte (Verteidungungs-, Kontroll- oder Angriffsfunktionen eines Ortes), Verkehrsaspekte (Kreuzung von Verkehrswegen, Paßlagen, Flußübergänge, Häfen), Handelsaspekte (für Produkte und Bedarfslagen einer Verkehrsgemeinschaft erreichbare Märkte) oder politisch-administrative Aspekte (Zentren der politischen Entscheidung, der Herrschaftsausübung oder der Rechtsprechung) allein oder in Verbindung miteinander maßgeblich sein. Dem entsprechen unterschiedliche Formen der Bevölkerungskonzentration: neben Stadtstaaten oder Selbstverwaltungsstädten (poleis, municipia, coloniae) befestigte Orte (oppida) Burg- und Lagerorte (castra), Marktorte (fora), Versammlungs- und Tempelorte (conciliabula), Häfen und Fährorte (portus, traiecta) in unterschiedlichen regionalen und kulturtraditionellen Formen.

Die Verkehrslinien passen sich immer wieder den natürlichen Gegebenheiten der Meere, Flüsse und Verkehrshindernisse auf dem Lande, aber auch den politischen-militärischen oder wirtschaftlichen Bedarfslagen an. Dennoch gibt es in der Antike praktisch alternativlose und deshalb dauerhafte Verkehrswege auf bestimmten geographischen Linien (z. B. die 'Seidenstraße', die 'Weihrauchstraße' oder die Verkehrswege über die Gebirgspässe). Von zentraler Bedeutung für die Konstituierung der antiken Hochkulturen des 1. Jahrtausend v. Chr., d. h. vor allem im phönizischen, griechischen und römischen Bereich, sind die Seeschiffahrtswege innerhalb des Mittelmeeres, des Schwarzen Meeres und auf demWesteuropa vorgelagerten Atlantik. Für das Achämenidenreich, die hellenistischen Reiche und das römische Reich wird außerdem der Ausbau und die Sicherung wichtiger Landverbindungen (z. B. der persischen 'Königsstraße' oder der römischen 'via Appia') und Flußverkehrslinien (z. B. auf Euphrat, Donau und Rhein) zu einer wichtigen administrativen Aufgabe.

 Verkehrs- und Wirtschaftskarte des römischen Reiches.

Abb. entnommen aus: Putzger, Historischer Weltatlas, 102. Aufl., © Cornelsen-Verlag Berlin 1991 , S. 25.

 

2. Klima- und Vegetationszonen.

a) Klimazonen.

Im mittelmeerisch-vorderasiatischen und westeuropäischen Bereich der antiken Kulturentwicklung lassen sich drei Klimazonen (mit Unterzonen) unterscheiden:

 

b) Vegetationszonen.

Die Unterschiede in der Knappheit des Wassers und in den im Jahresverlauf unterschiedlichen Hoch- und Tieftemperaturkurven und ihrer Länge führen zu unterschiedlichen Vegetationsformen und unterschiedlich auf das Jahr verteilten Wachstumsphasen im Gesamtraum. So bringt die mediterrane Zone eine Anzahl anderer Pflanzen hervor als die mitteleuropäische Variante des atlantischen Klimas: von den natürlichen Bäumen und Sträuchern etwa Pinie, Lorbeer und Palme, von den Nutzpflanzen etwa Wein, Ölbaum, Zitrusgewächse, Dattelpalme, eine Anzahl von Gewürzkräutern , Gemüsen, Obst- und und Zierpflanzen aus der Macchien-Vegetation ( einige von ihnen werden als Erbe der Antike - oft unter den fördernden Bedingungen gartenbaulicher Pflege - heute auch im nördlicheren Europa angebaut). Im Wüsten- und Steppenklima gedeiht vom Menschen landbaulich nutzbare Vegetation nur in Oasen, an Flußläufen oder mittels künstlicher Bewässerung, dabei wegen der förderlichen Wärmebedingungen aber im Unterschied zu kühleren Klimabedingungen in mehreren Ernten. Eine Anzahl von Bäumen (Eiche, Kiefer) und Nutzpflanzen (viele Getreidearten, viele Obst- und Gemüsesorten) wächst unter südlicheren und nördlicheren Klimabedingungen .

Die natürlichen Landbauzonen Europas. Karte

Abb. entnommen aus: W. Sperling, A. Karger, Europa (Fischer-Länderkunde Bd. 8), Frankfurt a. M. 1989, S. 101.

 

3. Bodenschätze und Naturstoffe.

a) Charakeristische Ensembles der in der Antike verwendeten Naturstoffe, Umsetzungsformen und Produkte.

Zu den von den antiken Hochkulturen in charakteristischer Weise nebeneinander und in verschiedenen charakteristischen Umsetzungsformen zu differenzierten antik-wirtschaftlichen Produkt-Paletten umgesetzten Bodenschätzen und Naturstoffen gehören:

 

b) Die Verbindung von Naturstofflagern oder -bearbeitungsstätten mit Verbrauchern oder Abnehmern durch Verkehrslinien.

Während eine autarke bäuerliche Lebensweise auf einem einfachen Lebenhaltungsnivau die für den alltäglichen Bedarf des Wohnens, der Bekleidung und der Ernährung erforderlichen Naturstoffe im allgemeinen vollständig aus den lokalen Ressourcen zu gewinnen und ihren Umsatz selbsttätig auf einer Ebene lokaler Arbeitsteilung (auch z. B. bei der Eisengewinnung, bei Schmiedearbeiten, im Geräte- und im Hausbau) zu organisieren vermag, kann es dennoch auch bei dieser Wirtschaftsweise Mangelsituationen für bestimmte benötigte Stoffe geben (öfters Eisen und Salz, manchmal Holz und Stein); dasselbe gilt für nicht am Orte vorkommende oder erzeugte, aber begehrte Stoffe oder Produkte aus anderen Gegenden. Aus diesem Grunde bilden sich auch unter einfachen oikoswirtschaftlichen Lebensbedingungen Handelswege zwischen Lager- und Produktionsstätten dieser Güter und ihren Abnehmern heraus.

Wo begüterte soziale Schichten einen sog. gehobenen Bedarf ('Luxus-Bedarf') an ortsfremden oder seltenen Stoffen und Produkten entwickeln und aufgrund ihres angesammelten Vermögens ('Reichtum') befriedigen können, wirkt dies zusätzlich als Moment für die Etablierung von Handelswegen.

Das stärkste Moment für die Dauerhaftigkeit von Handelswegen ist aber die Existenz großer Bevölkerungskonzentrationen ,

 

c) Wirtschaftlich zentrale Naturstoff-Lagerstätten in der Antike.

In diesem Zusammenhang wird insbesondere die zentrale Bedeutung bestimmter Erzlagerstätten für größere antike Wirtschaftsräume und ihre politischen Strukturen (z. B. ihre Waffenherstellung und ihr Geldwesen) erklärbar. An dieser Stelle werden werden nur die wichtigeren Metallarten angesprochen:

Für Eisen gibt es sowohl in den meisten devonischen und Jura-Formationen der Erdschichten (Roteisen, Brauneisen), als auch im Tiefland (Rasenerzvorkommen) ausreichend Lagerstätten. In Mitteleuropa wurden z. B. die Eisenlagerstätten der Kalkalpen ('Hallstadt-Kultur'), des Siegerlandes oder des Swiety-Krzysz-Gebirges (Polen) seit Beginn der Eisenzeit ständig genutzt. Auch im Mittelmeer und im nahöstlichen Raum sind Eisenlagerstätten relativ häufig.

An wenigeren, aber doch noch relativ vielen Orten war in der Antike Kupfer zu finden; so z. B. auf (dem namensgebenden) Zypern, auf dem Sinai (Bergbau dort schon seit dem 4. Jahrtausend v. Chr.), an mehreren Stellen Kleinasiens, des Kaukasus-Gebiets und Irans, im Strymongebiet Makedoniens, in Etrurien, auf Sardinien, in den Pyrenäen und im westlichen Teil der spanischen Halbinsel, im französischen Zentralmassiv im Bereich der östlichen Alpen, in der Bretagne, in Cornwall, Wales, Irland und im Karpathenbogen.

Das für die Kupferlegierung (zu Bronze) wichtige Zinn war in der Antike dagegen nur in wenigen Lagervorkommen zugänglich: so vor allem in Cornwall, in Spanien und im nordwestlichen Frankreich. Auch Zink, ebenfalls für die Kupferlegierung (zu Messing) wichtig, wurde in nur wenigen Lagerstätten abgebaut, darunter in der Nähe von Aachen. Die Nutzung von Vorkommen z. B. in Kärnten, Nordost-Italien und Slowenien oder an anderen später genutzten Orten ist für die Zeit der Antike nicht klar.

Bekannte Goldlagerstätten der Antike lagen an vielen Stellen der ostägyptischen Wüste, im vorderen Kleinasien (dort herrschte 'Krösus', König von Lydien, 560 - 547 v. Chr.), im Kaukasus-Gebiet, im makedonischen Strymongebiet, auf der Ägäis-Insel Siphnos, in Illyrien (nahe Mostar), im östlichen Alpenbereich, in den Karpathen, im westlichen Teil der spanischen Halbinsel und in Irland.

 Die Goldvorkommen der Antike. Übersichtskarte.

Abb. entnommen aus J. Riederer, Archäologie und Chemie (wie Literaturverzeichnis), S. 76).

Bekannte antike Silberlagerstätten lagen im Taurosgebirge Kilikiens, im Pontosgebirge (nahe Sinope), auf der Ägäis-Insel Siphnos, im Laureion-Gebirge Attikas, auf Sardinien, in Andalusien (nahe Cordoba), im kantabrischen Gebirge (nördlich Leon) und in den albanischen Alpen.

 

4. Nutzpflanzen und -tiere.

Die wirtschaftliche Erschließung der natürlichen Umwelt durch den Menschen formt diese für den menschlichen Gebrauch um ('Kultivierung', 'Domestikation'). Dieses Moment kann auch überhandnehmen und natürliche Formen, die nicht unmittelbar für wirtschaftliche Bedarfslagen von Bedeutung sind, zerstören oder überfordern. In der Antike zeigt sich das an einem sehr weitgehenden Waldverbrauch, der auch später andauert und zu charakteristischen Verödungswirkungen im Landschaftsbild des gesamten Mittelmeerraums (Macchienwald, Verkarstung) geführt hat.

Die ohne größere Probleme bewohn- und bebaubaren Teile der Erodoberfläche werden schon in der Antike weitgehend 'Kulturlandschaften', die in jeder Hinsicht dem menschlichen Zugriff unterliegen. Die Vegetation des Kulturlandes wird etwa durch die Notwendigkeiten des Getreide-, Wein- und Gartenbaus, der Viehweide und der Holznutzung dominiert und mit bäuerlichen Siedlungen und Städten relativ dicht durchsetzt.

Die Anbauformen für bestimmte Pflanzenarten können dabei schon plantagenartigen Charakter annehmen (Massenerzeugung von Weizen im Schwarzmeerbereich, in Sizilien, Agypten und in der römischen Provinz Africa).

Die Typologie der antiken Nutzpflanzen aller Kategorien ist schon gekennzeichnet von weitgetriebenen Veredelungsformen (Wein, Getreide, Obst) und entsprechenden landbaulich-gärtnerischen Techniken (z. B. 'Pfropfen' und 'Impfen' bei Obstbäumen); aus diesem Grunde sind sie als 'fortschrittliche Nutzformen' in den nachantiken Gesellschaften im Laufe der Zeit an die Stelle mancher dort ursprünglich genutzter halbveredelter Wildpflanzenformen (z. B. Brotweizen an die Stelle von Emmer und Dinkel) getreten.

Auch in der Typologie der Nutztiere - von Hunden über Pferde, Rinder, Schafe und Ziegen bis zum Geflügel - sind erhebliche züchterische Effekte wirksam, die die Arten dem menschlichen Bedarf anpassen und zu ihrer späteren Rezeption in den Nachfolgegesellschaften der antiken Kultur geführt haben.

 Die Entwicklung der Nutzweizensorten aus den Wildformen.

Abb. entnommen aus: A. Sheratt (Hg.), Die Cambridge-Enzyklopädie der Archäologie (deutschsprachige Ausgabe) München 1980, S. 106.

 

5. Bevölkerungsverteilung.

Die Bevölkerung wurde in einigen antiken Staatenbildungen zu verschiedenen Zwecken (Steuererhebung, zivile und militärische Dienste) manchmal nur gelegentlich, manchmal - wie z. B. in Rom - regelmäßig erfaßt. Einige aus diesen Zusammenhängen stammende Quellenangaben können als zuverlässig und richtig überliefert angesehen werden.

So ist z. B. eine Zählung der attischen Bevölkerung ungefähr des Jahres 316 v. Chr. überliefert, die 21.000 Bürger (männlich, erwachsen, dienstfähig) und 10.000 Metöken angibt (Ktesikles, Chronikon III, bei Athenaios VI, 273 B = C. u. Th. Müller, FHG IV, 375 Ktesikles fr. 1).Oder für die Stadt Rom des Jahres 86 v. Chr. wird eine censorische Erhebung von 463.000 Bürgern überliefert (Hier., chron. ad annum Abrahae). Oder in seinem Testament teilt Augustus drei Schätzungen der Reichsbevölkerung von 4.063.000 (i. J. 28 v. Chr.), 4.233.000 (i. J. 8 v. Chr.) und 4.937.000 (i. J. 14 n. Chr.) Bürgern des römischen Reichs mit (Monumentum Ancyranum 8).

Derartige Quellenangeben sind jedoch nur sporadisch überliefert und lassen nur teilweise sichere Schlußfolgerungen auf andere wichtige Fragen zur Bevölkerungsverteilung zu.

Wie groß z. B. die Zahl der Frauen, Kinder oder Sklaven im Athen d. J. 316 v. Chr. oder im Rom d. J. 84 v. Chr. oder im Römischen Reich zur Zeit des Augustus war, wie stark und aus welchen Gründen die Gesamtbevölkerung vorher und nachher wuchs oder abnahm, läßt sich auf der Basis der vorhandenen Qullenaussagen - und in Verbindung mit anderen Überlieferungen - nur schätzen.Ähnlich im Bereich der Schätzung bleibt die Frage, wieviele Nicht-Bürger als provinziale 'subiecti' dem römischen Reich zur Zeit des Augustus angehörten oder wie umfänglich genau die nicht-römischen Bevölkerungsgruppen der in das Reich eingegangenen Stämme und Völker waren.

Generell lassen sich wegen der Quellenlage wichtige bevölkerungstatistische Meßgrößen (z. B. Altersaufbau, Reproduktionsrate, Sprachenverteilung, Religionszugehörigkeit, Einkommensverhältnisse, Vermögensverteilung, Bevölkerungsverluste durch Epidemien, Hungersnöte und Kriegszustände), die für eine genauere Bestimmung auch der antiken Wirtschaftsstrukturen und für eine Objektivierung vorhandener, manchmal nur beiläufiger Quellenangaben (z. B. in medizinischen Schriften Galens über Epidemien) wichtig wären, nur unbestimmt fassen. Daher gibt es z. B. eine Schwankung der Schätzungen der Gesamtbevölkerung des römischen Reiches zur Zeit des Augustus von 35 bis zu 70 Mill. Einwohnern.

Dennoch ensteht auch bei derartigen fundamentalen Unbestimmtheiten ein einigermaßen konturiertes Bild des antiken Geschichtsraums in den meisten seiner Epochen und Regionen, das zumindest bestimmte grobe Fehlannahmen ausschließt. Beispielsweise kann man angesichts der im allgemeinen harten Lebensbedingungen, der vielfältig auftretenden Mißernten und der medizinisch nur unzureichend bekämfbaren epidemischen Krankheiten das durchschnittliche Lebensalter beliebig definierter Populationen der antiken Welt als relativ niedrig im Vergleich zum heutigen Standard in den Ländern der westlichen Welt einschätzen. Auch der jährliche Bevölkerungsüberschuß in beliebig definierten antiken Populationen dürfte trotz hoher Geburtenrate im allgemeinen sehr niedrig gewesen sein.

 

6. Literatur, Medien und Quellen.

W. Sperling, A. Karger (Hg.), Europa (Fischer-Länderkunde Bd. 8), Frankfurt 1989, S. 30 ff., 90 ff.
H. Mensching, E. Wirth (Hg.), Nordafrika und Vorderasien (Fischer-Länderkunde Bd. 4), Frankfurt 1989, 27 ff. 72 ff., 194 ff.
J. Riederer, Archäologie und Chemie (wie Literaturverzeichnis).
H. Kiepert, Lehrbuch der Alten Geographie (wie Literaturverzeichnis), S. 2 ff (Quellenkunde).
K. J. Beloch, Die Bevölkerung der griechisch-römischen Welt, Leipzig 1886.
Großer Historischer Weltatlas (wie 'Hilfsmittel für wissenschaftliches Arbeiten´), Teil 1, S. 47.
Plinius, Naturalis Historia.


LV Gizewski SS 1997

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)