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4. Kap.: Verkehrsgemeinschaften der Antike. 

 Übersicht:

    1. Die Typen der antiken Verkehrsgemeinschaften.

    Lokale, regionale und großräumliche Verkehrsgemeinschaften im antiken Mittelmeerraum und ihre natürlichen, Sprach-, Kultur- und Staats-Grenzen.

    2. Skizze überregionaler Verkehrsräume (in der römische Kaiserzeit).

a) Ägyptisches Niltal mit benachbarten Gebieten.
b) Gebiete im Bereich des Fruchtbaren Halbmonds mit arabischem Vorfeld.
c) Gebiete Kleinasiens bis zum armenischen Grenzgebiet.
d) Gebiete Griechenlands mit naheliegenden Inseln.
e) Thrakischer Balkan und nördliche Schwarzmeerküste.
f) Illyrisch-pannonischer Balkan.
g) Italien mit naheliegenden Inseln.
h) Spanien mit naheliegenden Inseln.
i) Nordafrikanische Küstengebiete (ohne Ägypten).
j) Gallien und Britannien.
k) Nördliche Alpen und ihr Vorland, Gebiete an oberer Donau, mittlerem und unterem Rhein.

    3. Beispiele für antike Wirtschaftsregionen

a) Attika zur Zeit Xenophons.
b) Ein großes Landgut in ptolemäischer Zeit.
c) Latium/Toscana/Campania zur Zeit Catos d. Ä..
d) Das Moseltal zur Zeit des Ausonius.

    4. Literatur, Medien und Quellen.

 

1. Die Typen der antiken Verkehrsgemeinschaften.

a) Begriffsklärung.

Verkehr bedeutet im wirtschaftlichen Sinne den Austausch von Gütern (lat. commercium) oder ihre sonstige Verteilung über den Rahmen eines kleineren, gemeinsam wirtschaftenden Verwandtschaftsverbandes (lat. familia) hinaus. Verkehrsgemeinschaften sind Bevölkerungszusammenhänge, in denen bestimmte - zugleich physische und abstrakte - Märkte oder andersartige allgemein zugängliche Sammel- oder Verteilungsinstanzen (z. B. einer Stadt oder des Staates) die gemeinsame materielle Bedarfsdeckung, den wirtschaftlichen Austausch oder eine gemeinsame Ordnung des wirtschaftlichen Lebens der in ihrem Wirkungsbereich lebenden Populationen ermöglichen, begünstigen oder regeln.

Unter den für alle Epochen der Antike abstrakt ähnlichen Bedingungen des Reisens, des Lastentransports und der Haltbarmachung zum Transport vorgesehener Güter lassen sich in einer typologischen Abstufung drei Typen antiker Verkehrsgemeinschaften unterscheiden: 'lokale', 'regionale' und 'überregionale' ('großräumliche'). Eine solche Gliederung enstpricht üblichen Begeriffsbildungen in der Antike selbst, z. B. der römisch-rechtlichen Unterscheidung von 'consuetudines loci', 'municipii' oder 'civitatis' einerseits und 'consuetudines regionis' oder 'provinciae' andrerseits - Dig. 1, 3, 34; 3, 4, 6, 1; 18, 1, 71; 21, 2, 6 - oder des Begriffs eines ohne jede gesetzliche Fixierung für den Verkehr 'aller Völker' ('omnes populi, gentes') miteinander geltenden geltenden 'ius gentium' (Dig. 1, 1, 2, 1).

b) Marktbildung und Güterverteilung in Verkehrsgemeinschaften.

Die Funktionen eines abstrakten lokalen Marktes konzentrieren sich vor allem in den Städten, die im Rahmen einer Stadtsatzung eine eigene Marktgerichtsbarkeit haben. Sie bilden sich darüber hinaus aber auch, wenn eine für Marktgerichtsfragen zuständige andere staatliche Instanz in der Nähe ist, an anderen Siedlungs- oder Versammlungsorten verschiedener Art (fora, conciliabula). Ohne irgendeine Form erreichbarer Marktgerichtsbarkeit können sich stabile und allseits akzeptierte Märkte im allgemeinen nicht entwickeln. Lokale Besteuerungs- und Versorgungsaufgaben von Staats wegen (Erhebung von Stadtzöllen, Hafengebühren, munizipalen Dienstleistungen; örtliche Wasser- oder Getreideversorgung) werden ebenfalls in der Regel über die Städte organisiert, in stadtlosen ländlichen Regionen auch von den dort fungierenden bevollmächtigten Staatsvertretern und Militärbefehlshabern (z. B. 'strategoi 'oder 'praefecti').

Die Funktionen eines regionalen abstrakten Marktes übernimmt ein physischer Markt dann, wenn an ihm lokal nicht vorhandene Ressourcen nachgefragt und im Wege des Fernhandels angeboten werden. In der Regel handelt es sich unter den typischen antiken Transportbedingungen bei solchen Marktorten um Hafenstädte oder um Knotenpunkte stark frequentierter Landverbindungen.Die in regionalem Rahmen wirksame staatliche Natural- und Geldsteuer-Einziehung, die Einfordrung ziviler Dienstleistungen, die staatliche Vorrats- und Lagerhaltung, die bergwerkliche, handwerkliche, landwirtschaftliche oder sonst staatlich-eigenbetriebliche Produktion einschließlich der Münz-Prägung werden in der Regel an den militärischen oder zivilen Verwaltungsvororten einer Region , in römischer Zeit z. B. in den Provinzmetrropolen, manchmal auch an denen bestimmter versorgungswichtiger Domänen-Verwaltungen oder an besonders gesicherten Lager- und Schatz-Plätzen organisiert.

Für die Funktion überregionaler abstrakter Märkte gilt prinzipiell dasselbe wie für die regionaler. Wie diese entwickeln sie sich vorzugsweise in Hafenstädten oder an Knotenpunkten des Landververkehrs. Bei politisch-grenzüberrschreitenden Landverbindungen kommen auch grenznahe Orte in Betracht. Überregional, aber reichsintern wirksame staatliche Aneignungs- oder Zuweisungsprozesse werden an übergeordneten Verwaltungsvororten, so etwa in der späteren römischen Kaiserzeit an den Höfen der Kaiser oder Kaiserkollegen oder an den Amtssitzen der praefecti praetorio organisiert.

c) Grenzbildung zwischen Verkehrsräumen.

Verkehrsräumliche Grenzen lehnen sich in der Regel an geographische, sprachliche, kulturelle und politische an. Allerdings ist dies unter verkehrsförderlichen Bedingungen nicht notwendig so, insbesondere zum Beispiel in Friedenszeiten und bei sicheren, ausgebauten Verkehrsverbindungen oder im Falle politisch hergestellter Integration zuvor voneinander getrennter Verkehrsräume. In diesen Fällen kann es sogar gelegentlich zu neuartigen Kultur- und Sprachverbindungen kommen ('Synkretismus'-Phänomene)

Beispiel für Synkretismus zwischen griechischer und altägypischer Religionswelt im ptolemäischen Ägypten.

Hermanunis, die Verbindung der Vorstellungen von Hermes und Anubis: ein synkretistisches Parallelphänomen zum 'Hermes trismegistos', bei welchem Hermes die Eigenschaften des ägyptischen GottesThoth annimmt und zur religiösen Zentralfigur des von Ägypten ausgehenden 'hermetischen' Mysterien-Kults wird.

Entnommen aus: J. Minckwitz, Vollmers Wörterbuch der Mythologie aller Völker, Stuttgart 1874, S. 246. Zu Hermanubis: vgl. Plutarch, Is. et Os. 61.

 

Im politischen Bereich sind es jedoch die vielfältigen Konflikte zwischen den Staaten, die auch zu einer Abgrenzung der wirtschaftlichen Interessen führen, und umgekehrt. In Kriegszeiten sind die Angehörigen feindlicher Staaten bei der jeweils anderen Kriegspartei mit ihren wirtschaftlichen Interessen und ihren - unter Friedensbedingungen 'völkerrechtlich' akzeptierten - Rechten nicht oder nur eingeschränkt geschützt. Das Interesse daran, fruchtbare Gebiete, bedeutende Erzlagerstätten oder stark frequentierte Handelswege und -plätze unter die eigene Kontrolle zu bringen oder fremde diesbezügliche Interessen abzuwehren oder einzugrenzen, ist auch für viele antike Staaten ein 'wahrer Kriegsgrund' i. S. der im folgenden zitierten Begriffsbildung des Thukydides gewesen.

 Thukydides, Peloponnesischer Krieg 1, 23: "Es fing damit an, daß Athener und Peloponnesier den dreißigjährigen Vertrag aufhoben, den sie nach der Einnahme Euboeas geschlossen hatten. Die Rechtsgründe, deretwegen sie ihn aufhoben, und die Streitpunkte beschreibe ich vorweg, damit nicht später jemand die Frage stellt, wie es denn überhaupt zu einem solchen Kriege in Hellas kommen konnte. Den wahrsten Grund allerdings - und den zugleich meistverschwiegenen - sehe ich im Wachstum Athens, dessentwegen die Spartaner sich zum Kriege gezwungen sahen."

Gemeinsame Sprache und kulturelle Gemeinsamkeiten erleichtern den Austausch auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Andrereseits pflegen Differenzen in dieser Hinsicht auch in der Antike im allgemeinen keine wirklichen Hindernisse für den Fernhandel zu sein. Es bildet sich regelmäßig eine situationsangmessen-handelsbezogene Vielsprachigkeit und 'Toleranz' heraus. Ferner helfen in den verschiedenen Epochen und Bereichen der Antike Verkehrssprachen wie das Aramäische, das Griechische oder das Lateinische, die Sprach- und Kulturunterschiede zu überbrücken. Es gibt allerdings auch in der Antike ein Vielzahl fester kollektiver Einstellungen, die die ethnisch-kulturellen Differenzen betonen und sich insoweit auch auf den wirtschaftlichen Austausch, z. B. auf den Sklavenhandel, auswirken können, wie das folgende Aristoteles-Zitat verdeutlicht:

 Aristoteles, Politik, 1252 b 5: "... ganz generell fehlt den Barabaren das, was von Natur aus die Voraussetzung zum Regieren ist. Zu Recht sagen daher unsere Dichter: Ja, mit Recht sind den Griechen die anderen untertan. Damit drücken sie aus, daß Barbar und Sklave von Natur aus dasselbe sind."

Geographische Hindernisse und Distanzen sind dort, wo es in der Antike starke Interessen an der wirtschaftlichen Erschließung der hinter ihnen liegenden Räume gibt, für diese kein Hindernis. Das zeigt sich nicht zuletzt an der beeindruckenden räumlichen Ausdehnung des römischen Reiches, das sich etwa durch die Gebirgshindernisse wie den Balkan oder die Alpen nicht von einer Expansion weit über sie hinaus abhalten ließ, wen n sie auch wirtschaftlich vorteilhaft war. Wo solche Gründe allerdings nicht einleuchteten, traten auch die geographischen Trennlinien hervor, wie das folgende Tacitus-Zitat belegen mag:

 Tacitus, Germania 1, 2: "Das <nördliche Weltmeer> wird nur selten von Schiffen aus unserer Zone besucht. Wer wollte auch wohl - ganz abgesehen von den Gefahren des schrecklichen unbekannten Meeres - Asia, Africa oder Italia verlassen, um ausgerechnet nach Germanien zu streben, einem Land, das landschaftlich häßlich, im Klima rauh, und, was die Möglichkeiten seiner Kultivierung betrifft, ebenso hoffnungslos ist wie sein gesamter Anblick."

 

2. Skizze überregionaler Verkehrsräume (in der römischen Kaiserzeit).

Das Römische Reich selbst, Teilgebiete in ihm und grenzübergreifende Gebiete als überregionale Verkehrsräume. Das römische Reich faßt in seinen Grenzen mehrere aus politischen und kulturellen Entwicklungen und Traditionen eigener, vorrömischer Art hervorgegangene Wirtschaftsräume zusammen und integriert sie in gewissem Umfang zu einer Einheit. Dennoch verschwinden in seinem Rahmen die Unterschiede zwischen diesen Räumen nicht gänzlich. Vielmehr tragen sie mit ihren Formelementen zu einem mehrschichtigen 'Gesamtcharakter' römisch-imperialer Wirtschaftsordnung bei, insbesondere zu einer Verbindung antik-marktwirtschaftlicher mit 'staatlich-planwirtschaftlichen' und 'bäuerlich-oikoswirtschaftlichen' Elementen (vgl. A 1.1 - Grundbegriffe und Grundideen der Vorlesung). Die traditionellen Bezeichnungen für größere Landschaften oder Länder innrhalb und außerhalb seiner Grenzen stehen dabei für relativ konstante verkehrsgeographische Bedingungen oder langdauernde ethnische Gegebenheiten, während der historisch relativ schnellere Wandel in den politischen und militärischen Machtverhältnissen und adminstrativen Gestaltungen in den vergleichsweise schneller wechselnden Grenzziehungen und Namensbildungen für Reichsbildungen oder größere Verwaltungsbezirke zum Ausdruck kommt. Manche politisch-militärische Grenzziehung ist allerdings auch recht dauerhaft, wie an der in wesentlichen Elementen gegebenen Konstanz der Außengrenzen des römischen Reiches nach Norden, Süden und Osten während der antiken Kaiserzeit eindrucksvoll deutlich wird.

Die Grenzbildung des Reiches selbst hängt einerseits mit der effektiven (nicht nur der politischen Beschlußfassung unterliegenden) Lokalisation seiner politisch-administrativen Zentren zusammen. Aus dem Zentrum Italien entwickeln sich im Laufe der Kaiserzeit, insbesondere in der Spätantike, mehrere weitere im Osten und Westen des Reiches. Die Gestaltung und Stabilität der Reichsgrenzen hängt außer von der Lage der Zentren aber auch von den militärischen Kapazitäten ab, die zu ihrer Sicherung je nach der Entwicklung der Außen-Mächte vorhanden sein müssen und nicht beliebig vermehrbar sind. Ferner ist die Frage erheblich, ob ein Gebiet bei Zugehörigkeit zum Reichsverband diesem insgesamt mehr Einnahmen als Ausgaben bringt; bei sehr hohen finanziellen Einbußen des Staates infolge eines Gebietsbesitzes entstehen Abstoßungstendenzen (vgl. Strabo 2, 5, 8; 4, 5, 3; Appian, proem. 5).

Überegionale Verkehrsräume inerhalb des Reiches und reichsgrenzübergreifende Verkehrsräume. Innerhalb des Römischens Reichs der Kaiserzeit lassen sich verschiedene Verkehrs-Großräume erkennen, die sich teils aus den militärischen Faktoren und organisatorischen Schwerpunktbildungen der Reichsbildung selbst, teils aus den verkehrsgeographischen und ethnischen Verhältnissen im Inneren des Reiches ergeben. Teilweise, wenn sie an den Grenzen liegen, weisen diese Räume auch natürlich-verkehrsgeographische oder traditionell-ethnisch-kulturelle Zusammenhänge mit Gebieten ausßerhalb der Reichsgrenzen auf.

a) Das 'Ägyptische Niltal mit benachbarten Gebieten' umfaßt folgende wirtschaftsgeographisch zu unterscheidenden Landschaftsteile:

Nach Süden, nach Westen und nach Osten weist dieser Raum über die Reichsgrenzen hinausführende Verkehrsverbindungen auf. Die Binnenstruktur des Raums favorisert umfassende, große Reichs- und Verwaltunsbezirksbildungen (mit differenzierten Untergliederungen), wie sie im Lauf der ganzen Altertumsgeschichte und auch in römischer Zeit dort fast durchgehend zu beobachten sind.

b) Die 'Gebiete im Bereich des Fruchtberen Halbmonds' im Nahen Osten, d. h. die in unmttelbarer Nähe des westlichen Teils des asiatischen Wüstengürtels liegenden, aufgrund noch ausreichender Regenmengen oder im Bewässerungsfeldbau landwirtschaftlich nutzbaren Gebiete, stehen nur teilweise oder temporär unter römischer Herrschaft. Es sind:

Die Außengrenze des Römischen Reiches durchschneidet in diesem Bereich einen seit alters und auch in römischer Zeit bestehenden überregionalen Verkehrsraum. Die Binnenstruktur dieses Raums ist durch den östlichen Mittelmeerrand, die Flußläufe und die nicht landwirtschaftlich nutzbaren Wüstengebiete vorgegeben. Anders als in Ägypten begünstigt sie unterschiedliche und teilweise auch kleinräumige Reichs- und Verwaltungsbezirksbildungen, wofür sich in der Altertumsgeschichte des Orients - auch in der Zeit der ihn überwiegend umfassenden Reiche, so des assyrischen und babylonischen, des Achämeniden- und des Seleukidenreichs - viele Belege finden.

c) 'Kleinasien'. Diesem Großraum lassen sich folgende Regionen zuordnen:

Die verkehrsgeographische Struktur Kleinasiens begünstigt in der Antike separate küstenorientierte und binnenländische Reichs- und Verwaltungsbezirksbildungen. Vor allem der westliche Küstenbereich mit den ins Landesinnere führenden Flußtälern, aber auch der nördliche und der südliche einschließlich Zyperns können dabei einem größeren, die Ägäis, die Levante und das Schwarze Meer umfassenden schiffahrtsbasierten Verkehrsraum zugerechnet werden, während Anatolien und die östlich anschließenden Gebirgsgebiete sich historisch allenfalls als Küstenhinterland, zumeist aber als Durchgangsregionen für den Landverkehr oder als isolierte binnenländische Reichsbildungen oder Verwaltungsbezirke entwickeln.

d) 'Griechenland und naheliegende Inseln' des ionischen, ägäischen und östlichen Mittelmeeres (von Korfu bis Kreta). Zu dem so abgegrenzten Großraum lassen sich folgende Regionen zählen:

Diese Regionen bilden in der Antike einen großen Verkehrsraum, der im Hinblick auf seine Seeverbindungen mit den Regionen Kleinasiens, des thrakischen Balkans und Italiens auch größer gefaßt werden könnte; hinzukommt ja, daß es dort überall auch griechisch-sprachigeStädte und ländliche Siedlungsgebiete gibt. Je nach den Gegebenheiten der antiken Epochen könnte man diese Regionen mit dem hier markierten aus guten Gründen daher sogar zu einem einzigen Großraum zusammenfassen. Doch rechtfertigen verkehrsgeographische Aspekte in römischer Zeit die hier vorgenommene Abgrenzung aus denselben Gründen wie bei Kleinasien; für die Zurechnung der Aegaeis-Inseln zum griechischen Großraum spricht ihre in der Antike griechische Besiedlung, der auch die römische Provinzialordnung weitgehend Rechnung trägt. Die innere Struktur des definierten Raumes favorisiert eine politisch-administrative Aufteilung in die verschiedenen Landschaftskammern und Inselgruppen, bzw. in jeweils mehrere - aber nicht alle - von ihnen umfassende Reichs- und Verwaltungsbezirksbildungen, wie die griechische und die römische Geschichte vielfach zeigen.

e) Der Großraum 'Thrakischer Balkan und nördliche Schwarzmeerküste' umfaßt diejenigen Gegenden des Balkans und der nordöstlich anschließenden Steppenebenen, die mit ihren Verkehrslinien zum Unterlauf der Donau, zur Nordküste der Ägäis oder zum Schwarzen Meer hin orientiert sind. In ihm lassen sich abgrenzen:

Diese Zusammenfassung ist mehr vom Land- als vom Meeresverkehr aus konzipiert. Legte man letzteren zugrunde, könnte man, wie oben schon erwähnt, den gesamten Scharzmeerküstenbereich mit den benachbarten Küstengebieten des Mittelmeeres zusammenfassen. Doch tritt dieser Aspekt in der administrativen Ordnung des Römischen Reiches zurück. Die Binnenstruktur des Großraums fördert andrerseits vielfältige Grenzziehungen und teilt die Küstenbereiche deutlich von den Binnenlandbereichen, und innerhalb dieser die räumlich isolierten von denjenigen ab, die in der Nähe von Flußlinien oder großen 'viae stratae' liegen.

f) Die Regionen im Bereich des 'Illyrisch-pannonischen Balkan' sind, anders als die des thrakischen Balkan, in ihren Verkehrslinien entweder - trotz der Gebirgsbarrieren - auf die adriatische Küste oder auf die mittlere Donau oder auf Norditalien und den Alpenbereich ausgerichtet. Zu unterscheiden sind

Die Gebirgsbarrieren trennen den dalmatischen Küstenbereich von dem isolierteren Hinterland und dieses von den zur Donau hin orientierten Landschaften ab. Es gibt jedoch mehrere größere Querverbindungen zwischen Adria-Küste und Donau, sodaß der Gesamtbereich dennoch als Einheit zu fassen ist. Als solcher erscheint er auch in der römischen Provinzialordnung. Nach Norden hin hat der Großraum mit dem angrenzenden Barbaricum durchweg landschaftliche Gemeinsamkeiten. Die Donau ist daher schon in römischer Zeit keine verkehrsgeographisch erhebliche Grenzlinie, auch wenn sie für Grenzverteidigungszwecke des Römischen Reiches besondere Bedeutung hat.

g) 'Italien mit naheliegenden Inseln' bildet wegen der die Halbinsel nach Norden abschließenden Alpen und der ihm - relativ zu anderen Mittelmeerküsten - nächstliegenden großen Inseln mit diesen eine überregionale Verkehrsgemeinschaft. Zu unterscheiden sind:

Italien begünstigt wegen seiner landschaftlichen Unterschiede und seiner Länge die Bildung verschiedener Herrschafts- und Verwaltungsbezirke, die sich wiederum wegen der geringen Breite der Halbinsel im allgemeinen nicht allzu klein zu halten, sondern an dem Schema 'Norden, Mitte, Süden, Inseln' zu orientieren pflegen. Die Ausdehnung der römischen Herrschaft auf die ganze Halbinsel und ihre Nachbarinseln stellt möglicherweise eine extreme Variante dieses Schemas dar. Von den Gerbirgsregionen abgesehen, ist ganz Italien eine einzige Küstenlandschaft, die zu allen Mittelmeerküsten hin offen ist, und, was den Seeverkehr betrifft, mit diesen einen größeren Verkehrsraum bildet. Dieser Aspekt tritt in der römischen Reichsbildung selbst klar hervor, ändert aber nichts daran, daß Italien für sich (ohne die großen Inseln) in der administrativen Ordnung des römischen Reiches über Jahrhundete hin die Funktion eines zentralen Reichsgebietes hat, das sowohl wegen seiner Potentiale als auch wegen seiner zentralen Lage im Mittelmeerraum im Vergleich zu anderen Mittelmeerküstengebieten (z. B. Makedonien, Africa oder Ägypten) für diese Rolle besonders gut geeignet ist.

h) 'Spanien (die spanische Halbinsel) mit naheliegenden Inseln' ist ebenso wie Italien wegen des nördlich abschließenden Pyrenäen-Gebirges ein abgegrenzter wirtschaftlicher Großraum, dem wegen der Nähe die Balearen zuzurechnen sind. Zu unterscheiden sind folgende Regionen:

In diesem Raum lassen sich die Küstenlandschaften mit den von ihnen aus ins Landesinnere führenden Flußtälern (des Iberus, Baetis, Anus, Tagus und Durius) deutlich von den isolierten Hochebenen und Gebrigslandschaften im Inneren unterscheiden. Dies führt in der Antike zu politischen und administrativen Bezirksbildungen an den Küsten bzw. von den Küsten aus, für die die isolierten Binnenlandschaften eine nachgeordnete, meist nur militärisch beachtliche Rolle spielen (Unabhängigkeitsstreben von Gebirgsvölkerschaften als Moment der Herrschaftsgefährdung). Diese Aspekte spiegeln sich auch in der römischen Provinzialordnung wieder.

i) Die 'nordafrikanischen Küstengebiete (ohne Ägypten)'. Als Regionen lassen sich unterscheiden:

Sie stellen insoweit einen einheitlichen Wirtschaftsgroßraum dar, als sie einen im ganzen zusammenhängenden - nur durch einige Wüstengebiete Libyens unterbrochenen - Bereich zugleich wüsten- und meeresnaher menschlicher Besiedlung bilden, der zum Zwecke des Handels stark auf das Meer ausgerichtet ist und - vom Atlasgebiet allerdings abgesehen, kein größeres bäuerliches, sondern nur ein nomadisches Hinterland hat. Mit diesem sind sie andrerseits durch Land-Handelsbeziehungen eng verbunden.

j) 'Gallien und Britannien' lassen sich in vorrömischer und römischer Zeit als ein Verkehrsgroßraum zusammenfassen. In diesem sind zu unterscheiden:

Gallien und Britannien sind in der Antike vor allem aus ethnischen Gründen (Kelten; vgl. Caesar, b. g. 4, 20; 6, 13, 10 ff.) als großräumliche Verkehrsgemeinschaft anzusehen. Doch gibt es auch geographische Gründe: Gallien ist ein von seiner Mittelmeerküste bis zur Atlanikküste und zum Kanal hin über relativ leicht benutzbare Fluß- und Landwege für den Verkehr offenes geographisches Gebilde, das über die enge Straße von Dover auch den leichten Zugang nach Britannien eröffnet. Zumindest die südlicheren Teile Britanniens sind deshalb mit Gallien als Einheit zu sehen. In der Binnenstruktur ist der mittelmeernahe Bereich von den atlantiknahen Regionen und diese von den zum binnenländischen Mitteleuropa hin liegenden Alpen- und Mittelgebirgsregionen zu unterscheiden. Diese Unterschiede spiegeln sich auch in der römischen Provonzialordnung wieder.

k) 'Die nördlichen Alpen und ihr Vorland, die Gebiete am Oberlauf der Donau, am mittleren und unteren Rhein'. Diesem Raum lassen sich zurordnen:

Schon im Hinblick auf ihre vom Mittelmeerraum aus (vom Rheinmündungsbereich abgesehen) nur auf dem Landwege mögliche Erreichbarkeit, d. h. auf ihre relative Abgelegenheit nördlich der Gebirgsbarriere des Alpen, sind diese Gebiete als spezifischer Großraum des Verkehrs fassen. Aber auch weil sie während der römischen Kaiserzeit eine Grenzzone zum Barbaricum der 'Germania libera' sind, bilden sie einen zusammenhängenden Raum, dessen Struktur sehr sehr stark von militärischen Bedürfnissen, auch des Verkehrs, geprägt und gleichgerichtet wird. Seine weite Erstreckung favorisiert andrerseits Unterteilungen militärischer und administrativer Art. Geographisch bilden diese Regionen mit denen östlich des Rheins und nördlich der Donau zusammenhängende Landschaften; auch ethnisch ist dies zu Beginn der römischen Herrschaft schon überwiegend so. Vor allem in friedlichen Zeiten findet ein reichsgrenzüberschreitender Handelsverkehr in beide Richtungen statt.

 

Die wirtschaftliche Produktivität, die Produktions und Handelsbedingungen in diesen Verkerhsgroßräumen des Römischen Reiches - auch unter antiken Bedingungen - lassen sich nur schwer in Kürze zusammenfassen. Die Wirtschaftskarte des Römischen Reiches, die in Kap. 2 (Wirtschaftsgeographie des antiken Mittelmeerraums) niedergelegt ist, illustriert sie, indem sie einige wichtige Produktarten und die für sie bestehenden Handelswege in und zwischen den großen Wirtschaftsräume des römischen Reiches darstellt.

Die wichigeren Verkehrsverbindungen dieser Verkehrsräume werden an der folgenden Karte der 'Hauptverkehrslinien' des Römischen Reiches, die die prominenstesten ausgebauten Straßen ('viae stratae') benennt, erkennbar.

Hauptverkehrslinien des Römischen Reiches.

Kartee ntnommen aus: dtv-Lexikon der Antike. Kulturgeschichte Bd. 2, München 1971, S. 178 (Bearbeiter: T. Pekary / NZ.

 

3. Beispiele für antike Wirtschaftsregionen.

Einleitender Kommentar zu den nachfolgenden Quellentext-Auszügen und Kartenbildern.

Die nachfolgenden Beispiele für 'antike Wirtschaftsregionen' sollen für verschiedene Epochen und Regionen der Alten Geschichte verschiedenartige Typen von Wirtschaftsregionen illustrieren, nämlich die Exempel

Es werden damit sehr unterschiedliche Rahmenbedingungen antiken Wirtschaftslebens deutlich, wie sie eben zumeist auf die besondere Struktur solcher Wirtschaftsregionen maßgeblich zurückzuführen sind. Zu diesen gehören auch die für ihr historisches Milieu jeweils charakteristischen politischen und kulturellen Ideen und Normen, die in den präsentierten Quellentextauszügen ebenfalls deutlich hervortreten. Es sei im folgenden jeweils nur kurz auf die wirtschaftsgeschichtlich interessanten Aspekte der einzelnen Quellen hingewiesen. Eine ausführliche Kommentierung unter diesen oder unter anderen historischen Fragestellungen ist angesichts der dazu vorhandenen Literatur (siehe unten P. 4.) an dieser Stelle nicht nötig.

 

Zu a) Die Denkschrift des Xenophon (aa)- in innerem Zusammenhang mit der athenischen Niederlage (Seeschlacht bei Embatai. J. 356 v. Chr.) im Konflikt mit den zuvor aus dem '2. attischen Seebund ' ausgetretenen Insel-Poleis Chios, Kos und Rhodos sowie mit dem diese unterstützende Byzanz enstanden - bezieht sich auf den politisch abgegrenzten Bereich des athenischen Stadtsstaats. Dessen fiskalische Belange ebenso wie die Interessen seiner Bürger stehen im Mittelpunkt eines 'Vorschlags zur Verbesserung der Staatseinkünfte'. Die Möglichkeiten einer 'friedlichen' - wenn auch durchaus mit bewaffnetem Schutz versehehen - Politik zur Förderung des Handels und zur Nutzung der im eigenen Lande vorhandenen Potentiale für eine Steigerung der Einnahmequellen des Stadtstaats Athen und zugleich des Wohlstandes seiner Bürger werden in bewußten Gegensatz zu einer in diesem Staate auch denkbaren und öfters praktizierten Politik der durch Krieg erzwungenen Tribut- oder Steuerzahlung anderer Staaten gestellt und gedanklich entwickelt.

Augangspunkt der Überlegungen ist die - auch in anderen antiken Quellen immer wieder formulierte - Überlastung eines Gemeinwesens durch die Kosten einer längeren Kriegführung, wenn diese nicht durch entsprechende Kriegsgewinne kompensiert werden können. Xenophon weist gegenüber dem Weg einer im wirtschaftlichen Ergebnis riskanten Kriegführung auf die Möglichkeiten des wirtschaftlichen Wohlstands durch die ungestörte Entwicklung der Landwirtschaft, die Förderung des Handels mit dem 'Ausland' und eine Nutzung der einheimischen Bodenschätze, insbesondere den systematischen Ausbau der Silbergewinnung in Laureion hin. Seine Vorschläge wenden sich an den Gesetzgeber. Dem Staat kommen darin u. a. die folgende Aufgaben zu: die Sorge für eine 'gute', im Ausland akzeptable Münzwährung, die militärische Sicherung des Landes insbesondere auch an seinen wirtschaftlich empfindlichen Stellen gegen potentielle Angriffe vonseiten unmittelbarer Nachbarn oder aus weiterer Entfernung über See, die Schaffung einer handelsfreundlichen Ausstrahlung des Hafen- und Marktortes Athen mit einer vertrauenswürdigen Marktgerichtsbarkeit und die aktive Werbung um die vermögenden Ausländer (Metöken), die andernfalls wegen fehlenden Grundbesitzes am Orte zu Athen nur eine begrenzte Interessen- und Loyalitätsbindung zu entwickeln pflegen. Eine Hauptaufgabe des Staates besteht fürXenophon in der Übernahme eines wirtschaftlichen Wagnisses (kindynos) für ein groß angelegtes Bergwerksentwicklungsprojekt. An diesem sollen sich aber letztlich in großem Umfang gerade Privatleute ( idiotai) als kleinere Unternehmer (kataskeuomenoi) beteiligen. Es geht also auch um eine Art Konjunkturbelebungsmaßnahme für die 'private Wirtschaft' in einem antiken Milieu. Der Staat soll in großem Umfang Bergwerkssklaven für einen forcierten Silberabbau in Laureion kaufen und dann an private Unternehmer verpachten. Die verschiedenen Wirtschaftsimpulse sowohl durch die erhöhten Staatseinnahmen, als auch die Kräftigung der Wirtschaftskraft der Privatleute, die zuvor den Silberabbau in eigener privater Regie betrieben, dies aber zu Xenophons Zeit offenbar nicht mehr können, als auch durch Neuansiedlungen, neue Marktbildung und Bodenwertsteigerung im Zusammenhang mit dem Projekt werden in wirtschafttheoretisch aufschlußreichen Begriffen dargestellt; das Denken ist konsequent ökonomisch, und zwar ebenso fiskalwirtschaftlich wie privatökonomisch: alle seine Gegenstände - vom Pachtsklaven bis zum Grund und Boden - sind marktverfügbar und haben ihren Preis, und das Ziel aller Überlegungen geht konsequent in Richtung auf Gewinnoptimierung und Vermögensvermehrung.

Das xenophontische Konzept ist von wirtschaftsverfassungsgeschichtlichem Interesse auch insoweit, als darin Bürgerstatus und wirtschaftlicher Interessentenstatus fast deckungsgleich erscheinen. Die Abgrenzung des attischen Interessenbereichs von dem eines 'Auslandes' ist darin strikt vorausgesetzt, selbst wenn andrerseits der Zusammenhangs Athen mit der umliegenden griechischen und darüber hinaus mit der gnazen Küstenwelt des Mittelmeeres, seine besondere Disponiertheit für und seine wirtschaftliche Abhängigkeit von dem Import und Export-Handel ebenso betont wird.

Ein Blick auf die heutige Wirtschaftskarte Attikas (bb) zeigt, daß sich gewisse Faktoren der Region konstant gehalten bzw. zeitgemäß fortentwickelt haben. Noch deutlicher als in der Antike ist heute die überragende Bedeutung ihrer Verkehrslage in der Ägäis und in der Mitte Griechenlands. Der Edel- und Bundmetall- Bergbau und die Metallindustrie haben sich erheblich fortentwickelt. Ein landwirtschaftliches Umfeld Athens besteht nach wie vor. Allerdings macht das ackerbaulich nutzbare Land nur etwa ein Drittel der Gesamtfläche Attikas aus, dessen geologisch weitgehend als 'anstehender Fels' eingeordneter Untergrund eine größere Nutzung nicht zuläßt. Der Aussage Xenophons, der betont, in Attika wachse alles, was anderswo nicht wachse, wird man deswegen auch im Hinblick auf die Antike hinzufügen müssen: aber nicht alles, was die zahlreichen Einwohner Attikas brauchen.

 

Zu b) Die um ca. 250 v. Chr. verfaßten Einzel-Papyri (aa) entstammen dem in größerem Umfang erhaltenen 'Archiv' des Zenon, Verwalters (oikonomos) eines großen, rechteckig vermessenen (plintheion) , zusammenhängenden Guts von 10.000 arurae (1 arura = ca. 0,273 ha), das dem für die zentrale wirtschaftliche Verwaltung des ganzen ptolemäischen Reiches verantwortlichen Dioiketes Apollonios vom König als 'dorea'-Lehen persönlich übertragen ist. Es liegt im Distrikt (nomos) Arsinoitis, in der nordöstlichen Ecke des Fayyum-Beckens, in der Nähe des Markt- und Verwaltungsortes (kome) Philadelphia (bb). Die Beamten der örtlichen (phylakitai) und der Distrikts-Wirtschaftsverwaltung ('oikonomos' des 'nomos') und der davon separaten Distrikts-Zivilverwaltung ('nomarchos', grammateus, - 'komarchos', 'komogrammateus') sind ständige Gesprächspartner des Gutsverwalters Zenon. In der Fayyumsenke liegen damals außer Philadelphia 11 weitere Markt- und Verwaltungsorte (komai), mit denen ebenfalls ggf. eine Abstimmung stattfindet. Die räumliche Abgrenzung der Fayyum-Senke gegen das Niltal macht sie auf natürliche Weise zu einer Wirtschafts- und Verwaltungseinheit. Doch ist auch deutlich, daß Verkehrsbeziehungen (Kanal-Schiffaht zum Nil) und Abgabeverpflichtungen gegenüber der staatlichen Wirtschaftsverwaltung über die Grenzen dieses Bereichs ständig hinausführen. Die Beschriftung der Papyri ist an wenigen Stellen nicht mehr lesbar, doch ergibt sich ihr Sinn und auch ihr Zusammenhang mit anderen Geschäften und Verwaltungsakten des Gutsverwalters zum größten Teil aus weiteren - hier nicht wiedergebbaren - Papyri des Komplexes, den M. Rostovtzeff in einer Studie des Jahres 1922 (A Large Estate in Egypt in the Third Century B. C., ND Rom 1967) eingehend untersucht hat.

Die Inbesitznahme Ägyptens durch Alexander i. J. 332 v. Chr. führt letztlich zur Etablierung der ptolemäischen Königsherrschaft dort. Die der griechisch-makedonischen Miltäraristokratie entstammenden Herrscher begründen mit ihrer zunächst nur militärischen Macht eine dauerhafte Dynastie, die teilweise aus Legitimitäts-, noch mehr aber aus Effektivitätsgründen administrative und religiös-kulturelle Traditionen des Landes fortführen und mit ihrem Eroberer-Recht am 'speergewonnenen Land' ('chora doriktetos') in Übereinstimmung bringen müssen. So erhalten sich einerseits spezifisch griechisch-militärmonarchische Züge des Ptolemäerreiches, etwa in der Trennung von Zivil- und Militärwesen, welchletzteres in seinen führenden Positionen lange Zeit Griechen vorbehalten bleibt, oder im Charakter einer griechischen, dem König nahen und letztlich nur von ihm ausgewählten höfischen Gefolgschaft und damit sozialen Oberschicht. Andrerseits bleiben traditonelle Rechtsformen, etwa der Bodenordnung, und Ämter und Verfahrensweisen, etwa einer hierarchisch aufgebauten staatlichen Wirtschaftsverwaltung, erhalten. Es bleibt etwa bei dem Obereigentum der ptolemäischen Könige über alles Land, das ihnen als Pharao-Nachfolgern zusteht und bei - vergleichen mit Griechenland - relativ ausgeprägte öffentliche Dienstpflichten der einheimischen landsässigen Bevölkerung. Auch tempelwirtschaftliche Traditionen werden von den ptolemäischen Herrschern respekiert. Eine Ausnahme davon bilden allerdings die Zuweisung von Landlosen (kleroi; in der Regel 100 arurae nicht übersteigend) zu freiem Eigentum militärischer - griechischstämmiger - Veteranen und die Vergabe von latifundienartigem Landbesitz als ein Art Lehen (dorea) durch den König an verdiente hohe - griechische - Militärs und Beamte aus seiner näheren Umgebeung. Um ein solches handelt es sich bei der Gut des Apollonios, des Leiters der zentralen Wirtschaftsverwaltung am königlichen Hof und verdienten politischen Gefolgsmannes des herrschenden Königs, das von dem 'oikonomos' Zenon verwaltet wird.

Dessen tägliche Geschäfte sind so zahlreich und verantwortungsvoll, daß er um ihre exakte Planung nicht herumkommt; dies schlägt sich in seinen 'Merkzetteln' nieder. Sie betreffen u. a. die Beaufsichtigung, aber auch die Unterstützung - etwa mit Krediten - von Pächtern auf dem Gut, die Absprache mit der örtlichen oder überörtlichen Wirtschaftsverwaltung über die Abführung von Steuern, die Sammlung von Erzeugnissen verschiedener Kategorien (Wolle, Öl, Wein, Getreide) von den unterstellten Erzeugern, ihre Weiterverabeitung (Reinigung und Färbung der Wolle), die Anlage von Baumpflanzungen, die Pferdezucht, die Errichtung von Deich-, Kanal- und Wohnbauten, die Landbewässerung über ein Kanalsystem, die Organisation von Schiffstransporten in andere Distrikte oder zu Lagern der königlichen Hauptverwaltung, Personalfragen - und nicht zuletzt den damit verbundenen Schrift- und Urkundenverkehr. Zieht man vergleichsweise den - schon nicht geringen - Aufgabenkreis eines Gutsverwalters oder Gutsherren nach Catos 'De agricultura' (siehe unten c) heran, so wird der Unterschied nicht nur quantitativ (Flächenunterschiede der verwalteten Güter: ca. 100 oder50 zu 1), sondern auch qualitativ deutlich; viele Verwaltungsgeschäfte erübrigen sich für Cato angesichts der ganz anderen wirtschaftsregionalen Rahmenbedingungen und der dadurch möglichen Konzentration seiner Schrift auf rein `betriebswirtschaftliche' Notwendigkeiten der von ihm erörterten typischen Wirtschaftseinheiten von 100 - 240 iugera Größe.

 

Zu c) Die um das Jahr 154 v. Chr. (Plin., nat. 14, 45) entstandene Schrift 'De agri cultura' (aa) des älteren Cato (Censorius) gehört zu dem nach Vollendung seiner politischen Laufbahn mit der Censur d. J. 184 v. Chr. enstandenen literarischen Werk, dessen einzelne Titel sich in starkem Maße römischer und italischer Tradition und Geschichte widmeten ('Praecepta ad filium', 'Origines', 'De re militari'). Auch 'De agricultura' entsrpricht diesem Grundinteresse, insoweit als die darin niedergelegten sehr konkreten Ratschläge an einen Kreis zum Erwerb größeren Grundbesitzes fähiger Mitbürger und Standesgenossen im Geiste einer römisch-ökonomischen pater-familias-Moral sehr traditionsbewußt und sehr standesbewußt formuliert, allerdings zugleich auch in einer Art 'landkapitalistischer' Einstellung sehr auf praktische Wirksamkeit, Nützlichkeit und Vermehrungsziele des ökonomischen Mitteleinsatzes ausgerichtet sind. Der landschaftliche Rahmen, um den es Cato zumindest primär geht, ist die engere und weitere Umgebung Roms, das schon seit dem 5. oder 4. Jht. als 'ager Romanus' ihm direkt zugeordnete Gebiet diesseits der Grenzen zu den Territorien der formellen italischen Bundesgenossen, etwa jener Bereich, in dem die römischen Senatorenschicht noch bis in das 1. nachchristliche Jahrhundert ganz überwiegend ihre Güter zu haben pflegt.

Dieses westlich des Apennin liegende Gebiet weist außer Rom eine relativ dichte Ansammlung ummauerter Marktstädte (urbes) im Innenbereich des Landes auf, die in enger funktioneller Beziehung zu ihrem engerern landwirtschaftlichen Umfeld stehen. Dessen Aufteilung in größere und kleinere Güter unterschiedlicher Typen - doch bei zumindest weitgehender Abwesenheit von Latifundienbesitz zu dieser Zeit - spiegelt sich mit großer Wahrscheinlichkeit in der Typologie der catonischen Schrift wieder, die etwa ein 'Mischgut' (Wein-, Öl-, Getreide-, Fartenbau, Weideland, Gehölz) auf 100 jugera 'besten Landes' (1, 7; ), ein spezialisiertes Ölgut von 240 iugera (12) und ein spezialisiertes Weingut von 100 iugera Größe (13) exemplarisch behandelt. Ein iugerum ist geringfügig größer als 1/4 ha ; mit den genannten Größen ist einerseits der Rahmen, den die 'leges Liciniae Sextae' d. J. 364 v. Chr. der Zupacht oder dem Zuerwerb von Gemeindeland setzten (500 iugera), bei weitem nicht erreicht, und andrerseits wäre ihre ausschließliche Erörterung sinnlos gewesen, wären im Umfeld Roms Großgüter, etwa nach Art desjenigen des Apollonios (s. o. zu b), üblich oder auch nur in bemerkenswerten Ansätzen vorhanden gewesen. Cato, der anfänglich wenig vermögend gewesen sei, so schreibt Plutarch (Cato 21, 3 ff.), habe später die ihm unzureichend erscheinenden Einkünfte aus der üblichen Landbewirtschaftung durch Anlage von Geld in Dingen, die gute Einkünfte sicherten, ergänzt. "er kaufte Teiche, warme Quellen, freigelegene Plätze, die sich für Walker eigneten, auch einträgliche Flächen, die nur aus Weiden und Gehölzen bestanden"; auch habe er sich als stiller Teilhaber an Seehandelsgesellschaften beteiligt. Es zeigt sich daran wohl in typischer Weise das quantitative Format landwirtschaftlicher Betriebe des Senatorenstandes in dieser Region zu dieser Zeit.

Das wirtschaftliche Nachdenken Catos ist folglich - verglichen etwa mit den Aufgaben einer ägyptischen Großgutsverwaltung dieser Epoche (s. o. zu b) - auf einen relativ kleinen betriebswirtschaftlichen Rahmen beschränkt, der eine Belegschaft von 15 Personen pro Betrieb kaum überschreitet. Anders ferner als Xenophon (s. o. zu a), befaßt sich Cato auch nicht mit fiskalischen Angelegenheiten oder politischen Förderungsprojekten für die Region, für die er immerhin als Politiker maßgebliche Verantwortung getragen und - etwa als Censor - auch wirtschaftlich.politische Entscheidungen getroffen hat. Daß dies so ist, hat einmal seinen Grund in einem traditionalistischen, standesbedingten Engagement, mit dem der Senator Cato Landwirtschaftsfragen auch unter dem Aspekt klären will, wie ein Senator ohne Verletzung des Standesherkommens und seiner Ehre ein wirtschaftlich ausreichendes Einkommen aus Grundbesitz erzielen könne (praefatio). Cato will nachweisen, daß dies bei sorgsamer, 'konsequent ökonomischer' Führung und Kontrolle einer Gutsverwaltung und ihres Mitteleinsatzes möglich sei. Zugleich führt er einen dafür nötigen Katalog eigenwertiger Tugenden und Verfahrensweisen verantwortlicher Vermögensmehrung vor, der in seinen Überspitzungen schon zu seiner Zeit nicht unumstritten, aber in den Kreisen Catos auch nicht völlig unüblich ist, sondern offenbar auf alten moralischen Leitbildern für den 'pater familas' beruht (vgl. Plut., Cato 20).

Der ständische Traditionalismus Catos verbindet sich allerdings auf erstaunlich erscheinende Weise mit einem radikal 'kapital'-orientierten Wirtschaftsdenken, wie es etwa bei Xenophon (siehe oben zu a) Ausdruck findet, und seiner Empfehlung für ein sozial gehobenes Milieu, dem traditionell eher ein einfaches - auf konsequenten Zugewinn nicht besonders achtendes - Interesse an bescheiden-standesgemäßem Unterhalt, allenfalls am Bezug einer gesicherten Bodenrente im Hinblick auf seinen Landbesitz, nicht aber an dessen dynamisch-unternehmerischen Nutzung eigen ist. Catos Denkweise dagagen erscheint solchem Standesdenken gegenüber konsequent wirtschaftlich-absatzorientiert, -transportorientiert, -kostenorientiert. Arbeitsmittel und Dienstkräfte werden bei ihm 'optimal' eingesetzt und ausgenutzt - ggf. auch ohne soziale Rücksicht. Rechnungslegung und ihre genaue Kontrolle sind für Cato die Hauptinstrumente souveräner Betriebsführung des 'pater familias'. Es zeigt sich daran ein Kulturwandel, der generell die Epoche Catos kennzeichnet, in der hellenistische Lebens- und Denkformen auch in Rom zunehmend Beachtung und auch die dortige Oberschicht zu prägen beginnen. Es mag dabei sein, daß die kapital-orientierte Komponente die catonischen Ratschläge seiner Umwelt doch letztlich als inkonsequent erscheinen läßt: wenn schon, denn schon. Der Entsehung und Verbreitung von Latifundienbesitz auch im senatorischen Milieu Italiens haben sie jedenfalls auf Dauer nicht entgegengestanden, wie sich auch andere Postulate der catonischen Sittenpropaganda auf Dauer nicht gehalten haben.

Die Karte Mittelitaliens (bb) macht Umfang und innere Strukur der von Cato gemeinten Landschaft seiner Standesgenossen deutlich.

 

Zu d) Das um 371 n. Chr. enstandene 'Mosella'-Gedicht (aa) des Ausonius, Erziehers des Prinzen Valentinian und nach dessen Erhebung zum Kaiser (von 376 - 383) seines maßgeblichen politischern Hofbeamten am Regierungssitz Trier, beschreibt vorwiegend in dichterisch-literarischer Weise, wenn auch mit kleinen diplomatischen Nebenabsichten, die Schönheit der Umgebung dieser Stadt, zu der man nach seiner Schilderung das ganze Saar- und das ganze Moseltal mit allen Nebenflüssen zu rechnen hat; von diesem Bereich deutlich abgesetzt erscheinen bei Ausonius hingegen etwa der Rheinbereich wegen seiner Grenzlage und der Hunsrück-Bereich wegen seiner Unwirtlichkeit. In der bewußten Gleichstellung Triers und seiner Umgebung mit seit alters kulturell tonabgebende Regionen des Reiches, etwa im südlichen Gallien, in Italien und Griechenland, und in der Beschreibung der administrativen Zivilisiertheit und des in Erscheinung tretenden wirtschaftlichen Wohlstandes in dieser Region ( das Moseltal als 'Villengegend') liegen zugleich auch wirtschaftsgeschichtlich interessante Mitteilungen, die auf ein historisch 'neues Eigengewicht' dieses Gebiets gegenüber traditionellen 'Kernregionen' des römischen Reiches nicht nur schließen lassen, sondern sogar ausdrücklich hinweisen.

Die archäologische Erkundung der römischen Siedlungsreste im Rhein- und Moselgebiet (bb) bestätigt und ergänzt mit ihren Fundergebnissen die impliziten wirtschaftshistorischen Mitteilungen des 'Mosella'-Gedichts. Im 4. Jahrhundert n. Chr., in dem die unmittelbare römische Herrschaft sich nicht mehr auf das Decumatland und die Wetterau erstreckt, wo römische Bau- Hinterlassenschaften relativ dicht sind, weisen noch folgende Bereiche der germanischen Provinzen und der grenznahen belgischen Provinz eine besondere Dichte hinterlassener Bauwerke auf: kleinere Zonen um Xanten, Neuß, Köln, Bonn und im Erft- und im Maastaltal, ferner im Dreieck zwischen Mainz, Bingen und Worms. Der von dort nach Süden und dann nach Osten folgende Verlauf der Reichsgrenze an Rhein und Donau zeigt in Grenznähe dann zwar eine regelmäßig verteilte örtliche, aber nicht besonders ausgeprägte Dichte hinterlassener römischer Bauwerke. Ein Gebiet wirklich dichter römischer Besielung ist dagagen der gesamte Bereich des Saar- und des Moseltals von Saarbrücken bis Koblenz mit unmittelbar angrenzenden Gebieten. In seiner Mitte liegt Trier, seit der diokletianischen Reichsneugliederung anderthalb Jahrhunderte lang entweder Kaiserstadt oder Präfektursitz imwestlichen Reichsteil (cc).

Die Anwesenheit der zentralen Reichsverwaltung, die mit ihr verbundene militärische Sicherung, die günstigen Bedingungen für den Weinbau und die weithin gegebene, wenn auch nicht immer optimale landwirtschaftliche Nutzbarkeit der Böden im Eiffel- und Hunsrück-Bereich, der Waldreichtum, das Vorhandensein etwa von Eisen- und Ton-Lagern und die für antike Verhältnisse mühelose Verkehrsverbindung in das Innere Galliens ebenso wie zum Rhein hin, machen das Gesamtgebiet zu einer auch für höherentwickeltes antikes Wirtschaftsleben interessanten Region. Ihre relative Entfernung von der mittelmeerischen Ursprungszilisation gibt ihr dabei aus der Sicht der Römer den Charakter einer kolonisatorischen Neubildung. Die in ihren Städten, vor allem Trier, erreichten Standards der Zivilverwaltung und Rechtsprechung, der Bildung und des geselligen Lebens, des Gewerbes und der Architektur, wohl auch der ländlichen Gutswirtschaft und eines gewissen, allgemeiner verbreiteten Wohlstandes, lassen sie dabei als den alten wichtigen Regionen des Reiches gleichwertige erscheinen.

Allerdings hat man auch in Rechnung zu stellen, daß Ausonius ein Lobgedicht schreibt. Wegen seiner hohen amtlichen Stellung kann er möglicherweise gar nicht anders, als bestimmte Fehler und Unsicherheitsmomente, die die ihm anvertraute Region für denjenigen aufweist, der sie mit dem übrigen Reich vergleicht, mit schönen Worten zu überdecken. Sicherlich ist etwa das Land um Trier militärisch nicht so sicher, wie es Ausonius darstellt: im Jahre 259/60 gelingt kaum eine Verteidigung Triers gegen die Alamannen, die die Stadt und das Umland plündern. An der Rheingrenze kommt es seither bis zur Zeit des Ausonius - und danach weiter - immer wieder zu Germaneneinfällen, sei es der Franken im nördlichen, sei es der Alamannen im südlichen Abschnitt etwa (i. d. J. 268, 271, 275 -277, 281, 286, 310, 320, 328, 342, 350, 355 und 366), bei denen gelegentlich nicht nur Trier (i. J. 275), sondern auch Mainz (i. J. 268) und Köln (i. J. 355) besetzt, geplündert oder zerstört werden. Der Alamanneneinfall d. J. 366 , auf den Ausonius am Anfang seines - fünf Jahre später enstandenen - Gedichts anspielt, reicht weit nach Gallien hinein, überzieht das ganze Moseltal und läßt sich von römischer Seite nur in zwei größeren Schlachten zurückwerfen. Ist Ausonius also im Punkte der militärischen Sicherheit nicht völlig zu vertrauen, so mag es auch in anderen Punkten leichte Übertreibungen bei ihm geben. Das ändert aber nichts daran, daß ausweislich der archäologischen Reste und der noch vorhandenen, teilweise sogar reaktivierten Bauten aus römischer Zeit, wie z. B. der Porta nigra oder der Konstantins-Basilika in Trier, das Moseltal und seine Umgebung eine mit ihren Leistungen und ihrem Erscheinungsbild für die antiken Zeitgenossen offenbar eindrucksvolle Region gewesen ist.

 

a) Attika zur Zeit Xenophons.

aa) Auszüge aus Xenophons Schrift 'Poroi' (Über die Verbesserung der Staatseinkünfte, um 356 v. Chr.).

[Übersetzung nach: E. Schütrumpf, Xenophon. Vorschäge zur Beschaffung von Geldmitteln oder über die Staatseinkünfte (Textedition, Übersetzung, Kommentierung), Texte zur Forschung Nr. 38 (WBG), Darmstadt 1982, S. 78 ff.]

 1. 1. Ich vertrete immer schon die Auffassung, daß die Verhältnisse in den Staaten so sind wie die Qualität ihrer Führer. Nun aber sagten einige von denen, die in Athen an der Spitze stehen, daß sie das Recht nicht schlechter als sonst irgendein Mensch kennen; aber sie behaupteten auch, sie würden durch die Armut der Menge gezwungen, sich gegenüber den (verbündeten) Städten ungerechter zu verhalten. Deswegen unternahm ich es, eine Untersuchung darüber anzustellen, ob es in irgendeiner Weise möglich ist, daß die Bürger ihren Unterhalt aus der eigenen Stadt gewinnen, woher man ihn ja auch am gerechtesten nimmt. Denn wenn das geschehen könnte, dürfte nach meiner Auffassung zugleich ihrer Armut und dem Mißtrauen von seiten der Griechen abgeholfen sein. 2. Als ich nun untersuchte, was ich mir vorgenommen hatte, wurde mir sofort klar, daß unser Land die natürlichen Voraussetzungen besitzt, um die größten Einkünfte zu ermöglichen. Damit aber eingesehen wird, daß zunächst diese meine Behauptung der Wahrheit entspricht, will ich die natürliche Beschaftenheit Attikas beschreiben: 3. Daß die Jahreszeiten hier sehr mild sind, bezeugt allein das, was hier wächst. Was an anderen Orten nicht einmal aufgehen könnte, trägt hier Früchte. Und wie die Erde, so bringt auch das Meer, das das Land umgibt, überaus reichlich alles hervor. Aber auch das, was die Götter in den Jahreszeiten an Gutem gewähren, auch dies alles beginnt hier zuerst und endet zuletzt. 4. Diesen überragenden Vorzug besitzt dies Land aber nicht nur in dem, was im Laufe eines Jahres blüht und vergeht, sondern es verfügt auch über Güter von immerbleibendem Wert. Von Natur gibt es in diesem Land nämlich im Überfluß Stein, aus dem die schönsten Tempel und Altäre erbaut und den Göttern die prunkvollsten Standbilder angefertigt werden; er ist bei vielen Griechen wie Barbaren begehrt. 5. Es gibt aber auch Land, das zwar keine Frucht trägt, wenn man dort aussät, das aber, wenn man in ihm gräbt, um ein Vielfaches mehr Leute ernährt, als wenn es Getreide trüge. Es ist nämlich sichtbar durch göttliche Fügung silberhaltig. Zu keiner der vielen Städte wenigstens, die uns auf dem Lande oder übers Meer nahe benachbart sind, reicht auch nur eine kleine Silberader. 6. Nicht ohne Grund könnte man aber meinen, unsere Stadt liege im Mittelpunkt Griechenlands und der gesamten bewohnten Erde. Denn je weiter man von ihr entfernt ist, um so widriger sind Kälte und Hitze, die man antrifft. Und alle, die von einem Ende Griechenlands zum anderen gelangen wollen, müssen zu Wasser oder zu Land an Athen wie am Mittelpunkt eines Kreisels vorbeikommen. 7. Und obwohl es nicht von Wasser umgeben ist, importiert es doch wie eine Insel aus allen Himmelsrichtungen alles, was es braucht, und exportiert, was es will; es grenzt nämlich an zwei Seiten ans Meer. Auch auf dem Landwege erhält es viele Waren, denn es liegt auf dem Festland. 8. Außerdem bereiten den meisten Städten benachbarte Nichtgriechen Unannehmlichkeiten. In der Nachbarschaft Griechenlands liegen dagegen Städte, die auch selbst sehr weit von den Nichtgriechen entfernt sind.

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3. 1. Daß unsere Stadt auch für den Handel die meisten Annehmlichkeiten aufweist und die größten Gewinne ermöglicht, will ich jetzt darlegen. Erstens bietet sie den Schiffen zweifellos die schönsten und sichersten Liegeplätze, wo man nach dem Einlaufen unbesorgt um Sturm ruhig liegen kann. 2. Außerdem sind die Kaufleute in den meisten Städten gezwungen, Rückfracht zu laden, denn diese haben eine Währung, die anderswo nicht akzeptiert wird. In Athen steht zwar auch zur Rückfracht das meiste von dem, was immer Menschen brauchen, zur Verfügung, aber wenn die Händler keine Rückfracht laden wollen, so führen sie, wenn sie Silbergeld mitnehmen, ebenfalls eine gute Ware aus. Denn wo immer sie es ausgeben, überall bekommen sie dafür mehr als den ursprünglichenWert. 3. Wenn man ferner der Handelsbehörde einen Preis aussetzte (für den Beamten), der die Streitfälle am gerechtesten und schnellsten entscheidet, damit jemand, der abreisen will, nicht daran gehindert würde, dann dürften auch aufgrund dieser Maßnahme Kaufleute in beträchtlich größerer Zahl und bereitwilliger hier Handel treiben. 4. Es wäre ferner gut und ehrenvoll, Kaufleute und Reeder auch durch Ehrensitze im Theater auszuzeichnen und manchmal diejenigen zu einem Ehrenmahl einzuladen, von denen man glaubt, daß sie durch besonders gute Schiffe und Waren der Stadt Nutzen bringen. Denn die so Geehrten dürften nicht nur um des Gewinnes, sondern auch um der Ehrung willen wie zu Freunden herbeieilen. 5. Soviel ist klar: Je mehr Menschen sich hier niederlassen und hierherkommen, desto mehr Waren dürften auch eingeführt und ausgeführt, gekauft und verkauft und desto mehr Mieten und Steuern eingenommen werden. 6. Für solche Steigerungen der Einkünfte bedarf es keiner finanziellen Vorleistungen, sondern nur Volksbeschlüsse zum Wohl der betroffenen Menschen und fördernder Maßnahmen.

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4. 17. Wenn nun meine Vorschläge ausgeführt werden, dann ist daran nur das neuartig, daß nach dem Vorbild der Privatleute, die sich aus dem Erwerb von Sklaven auf ewige Zeit fließende Einkünfte verschafft haben, jetzt die Stadt sich (so viele) eigene Sklaven erwirbt, bis auf jeden Athener drei Sklaven kämen. 18. Ob wir aber realisierbare Vorschläge machen, das soll, wer will, beurteilen, indem er jedes Argument einzeln prüft. Es ist doch klar, daß der Staat den Preis für die Sklaven besser aufbringen könnte als die Privatleute. In der Tat ist es für den Rat leicht, öffentlich bekanntzumachen, daß jeder, der will, Sklaven einführen soll, und diese dann zu kaufen. 19. Wenn sie aber gekauft sind, aus welchem Grunde sollte da jemand Sklaven weniger gern vom Staat als von Privatleuten mieten, wenn er sie unter denselben Bedingungen haben kann? Man pachtet ja auch heilige Haine, Heiligtümer, Häuser und Steuern von der Stadt. 20. Damit aber die (Zahl der) gemieteten Sklaven unverändert erhalten bleibt, hat der Staat die Möglichkeit, so wie bei den Steuerpächtern als Sicherheit von den Mietern der Sklaven Bürgen zu nehmen. Und Betrug ist für einen Steuerpächter ja leichter als für jemanden, der Sklaven mietet. 21. Denn wie sollte jemand auch nur entdecken können, daß Geld, das dem Staat gehört, beiseite geschafft wurde, da Geld in Privatbesitz doch genauso aussieht wie jenes (in Staatsbesitz). Wie könnte aber einer Sklaven unterschlagen, da diese doch mit dem Staatssiegel gezeichnet sind und demjenigen Strafe droht, der Sklaven verkauft oder ausführt? Soweit ist es nun offensichtlich der Stadt möglich, Sklaven zu kaufen und zu bewahren. 22. Wenn sich dagegen jemand darüber Kopfzerbrechen macht, wie sich, wenn es eine große Zahl von Arbeitskräften gibt, auch viele Mieter finden sollen, so soll er beruhigt sein und bedenken, daß viele von denen, die schon in den Bergwerken als Unternehmer tätig sind, die staatseigenen Sklaven noch hinzumieten werden, denn die Vorräte (an auszubeutendem Silber) sind noch groß. Es gibt aber sowohl viele gerade unter denen, die in den Bergwerken alt geworden sind, als auch viele andere, Athener und Fremde, die körperlich wohl weder arbeiten wollen noch können, die aber, indem sie ihren Kopf einsetzen, sich gerne ihren Lebensunterhalt verdienen dürften. 23. Wenn nun zuerst eine Zahl von 1200 Sklaven zusammengebracht wird, dann ist zu erwarten, daß sich in fünf oder sechs Jahren allein aus den Einnahmen, die sie erbringen, ihre Zahl auf nicht weniger als 6000 erhöht. Wenn nun jeder aus dieser Zahl täglich einen Obolos Reingewinn erbringt, dann beläuft sich die Einnahme auf 60 Talente im Jahr. 24. Wenn davon 20 Talente zum Kauf weiterer Sklaven verwendet werden, kann die Stadt die übrigen 40 Talente schon für andere jeweils notwendige Aufgaben verwenden. Wenn die Zahl (von Sklaven) 10000 erreicht ist, wird die Einnahme 100 Talente betragen. 25. Daß (die Stadt) ein Vielfaches davon einnehmen wird, das könnte man mir bestätigen, falls noch einige derer leben, die sich daran erinnern, was für eine Summe die Sklavensteuer vor den Ereignissen von Dekeleia erbrachte. Dafür gibt es aber auch noch jene Bestätigung: Obwohl unzählige Menschen die ganze Zeit hindurch in den Bergwerken gearbeitet haben, unterscheiden sich diese jetzt in nichts von dem Zustand, von dem unsere Vorfahren berichten. 26. Auch alle augenblicklichen Erfahrungen bestätigen, daß dort wohl niemals die Zahl der Sklaven den Bedarf für die Arbeiten in den Bergwerken übersteigen wird. Denn die Grabenden stoßen weder in den Schächten noch in den Stollen auf ein Ende. 27. Und darüber hinaus ist die Anlage neuer Gruben heute nicht weniger möglich als früher. Keiner könnte jetzt auch nur mit gesichertem Wissen sagen, ob in den Gebieten, wo schon früher Gruben angelegt sind, mehr Erz vorhanden ist als dort, wo es noch keine Gruben gibt. 28. Warum also, so könnte jemand fragen, eröffnen nicht auch jetzt viele Leute neue Gruben - so wie früher? Weil einmal die Bergwerksunternehmer jetzt ärmer sind, denn erst neuerdings richten sie wieder Gruben ein. Und außerdem geht der, der eine neue Grube eröffnet, ein großes Risiko ein. 29. Denn wer eine lohnende Ausbeutung findet, wird reich; wer aber nichts findet, der verliert alles, was er investierte. So zeigen unsere Zeitgenossen überhaupt keine Bereitschaft, dieses Risiko einzugehen. 30. Ich glaube jedoch, daß ich euch auch dazu einen Vorschlag machen kann, wie man mit dem geringsten Risiko neue Gruben eröffnen könnte. Bekanntlich sind die Athener in zehn Phylen eingeteilt. Wenn aber die Stadt jeder Phyle eine gleiche Anzahl von Sklaven zur Verfügung stellte und die Phylen, indem sie Erfolg und Mißerfolg teilen, neue Gruben eröffneten, dann dürfte, wenn nur eine von ihnen fündig würde, sie das zum Nutzen aller zutage fördern. 31. Wenn aber nur zwei, drei, vier oder die Hälfte fündig werden sollten, dann sind diese Gruben offensichtlich noch rentabler. Daß aber alle einen Mißerfolg haben, paßt zu keiner der bisherigen Erfahrungen. 32. Es besteht aber die Möglichkeit, daß sich auch Privatleute auf diese Weise zusammentun, Erfolg und Mißerfolg teilen und so mit geringerer Gefahr das Wagnis eingehen. Ihr braucht aber nicht zu befürchten, daß entweder der Staat, der sich so betätigt, die Privatleute schädigt oder diese den Staat. Nein, wie Bundesgenossen sich gegenseitig desto mehr stärken, in je größerer Zahl sie sich vereinigen, so auch in den Silberbergwerken: Je mehr Leute dort arbeiten, desto mehr Schätze werden sie finden und fördern. 33. Damit habe ich nun dargelegt, wie nach meiner Auffassung die Stadt wirtschaftlich organisiert werden müßte, damitfür alle Athener aus öffentlichen Mitteln ausreichend Unterhalt gewährt werden könnte. 34. Vielleicht aber rechnen sich manche Leute aus, daß man für alle diese Unternehmungen einen sehr großen Grundstock an Finanzmitteln benotigen werde, und glauben nicht, daß jemals genügend Geld aufgebracht werden könnte; aber auch bei diesen Bedenken sollen sie nicht den Mut verlieren. 35. Es ist nämlich nicht so, daß diese Maßnahmen entweder alle auf einmal durchgeführt werden müssen oder sonst nutzlos sind; sondern in welcher Anzahl auch immer Häuser oder Schiffe gebaut oder Sklaven gekauft werden, sofort wird dies von Nutzen sein. 36. Vielmehr ist es auch in folgender Hinsicht vorteilhafter, daß dieses Stück für Stück, als daß alles in einem Zuge ausgeführt wird; denn wenn wir alles auf einmal bauen sollten, dann dürften die Kosten höher und die Qualität schlechter sein, als wenn wir dieses Ziel Schritt für Schritt erreichen wollten. Wenn wir aber die volle Zahl der Sklaven (auf einmal) zu erwerben suchten, wären wir gezwungen, weniger gute und zu einem höheren Preis zu kaufen. 37. Wenn wir aber dies entsprechend unseren Möglichkeiten durchführten, dann könnten wir an dem, was richtig erkannt wurde, auch in Zukunft festhalten. Wenn aber irgend etwas sich als Mißerfolg erwiese, könnten wir die Hände davon lassen. 38. Hinzu kommt, daß wir die gesamten (erforderlichen Mittel) beschaffen müßten, wenn wir alle Maßnahmen auf einmal durchführen wollten. Wenn aber wohl ein Teil verwirklicht, anderes zurückgestellt würde, so würden die zunächst zur Verfügung stehenden Einkünfte zur Beschaffung der noch erforderlichen Mittel mit beitragen. 39. Auch die Befürchtung, die wahrscheinlich bei allen am größten ist, nämlich daß die Bergwerke überfüllt würden, wenn die Stadt zu viele Sklaven kaufte, auch diese Sorge dürften wir los sein, wenn wir nicht mehr Sklaven einsetzten, als die Bergwerke selber im Jahr erfordern. 40. Nach meiner Ansicht ist es daher auch am besten, so zu verfahren, wie es am leichtesten ist. Wenn ihr aber wegen der im jetzigen Krieg erhobenen Sondersteuern (Eisphorai) meint, daß ihr überhaupt nichts aufbringen könntet, so führt doch die Staatsverwaltung im kommenden Jahr mit dem gleichen Betrag, den die Abgaben vor dem Frieden erbrachten. Was sie aber durch den Frieden, durch unsere Förderungsmaßnahmen für die Metöken und Kaufleute, durch die Steigerung von Importen und Exporten als Ergebnis des verstärkten Zustroms von Menschen sowie durch die Erweiterung der Hafenanlagen und Marktplätze zusätzlich erbringen, das nehmt und legt es so an, daß daraus möglichst große Einnahmen entstehen. 41. Wenn aber einige befürchten, dieser Ausbau (der Bergwerke) könnte nutzlos werden, wenn ein Krieg ausbrechen sollte, so mögen sie folgendes bedenken.. wenn diese Maßnahmen durchgeführt werden, wird der Krieg für die Angreifer viel furchtbarer als für die Stadt. 42. Denn was von allem, das wir besitzen, kann an Nutzen für die Kriegführung Menschen übertreffen? Denn sie (die Sklaven in den Bergwerken) reichen aus, um auf Geheiß des Staates viele Schiffe zu bemannen, viele könnten auch als Fußtruppe dem Feind gefährlich werden, wenn man sie belohnt. 43. Ich rechne aber damit, daß man auch im Kriegsfalle die Silberbergwerke nicht aufzugeben braucht. Denn es gibt im Bergbaugebiet eine Festungsmauer an dem nach Süden hin (offenen) Meer bei Anaphlystos als auch eine an dem nach Norden (sich öffnenden) Meer bei Thorikos. Diese sind etwa 60 Stadien voneinander entfernt. 44. Wenn nun auch in der Mitte zwischen diesen beiden an der höchsten Stelle von Besa eine dritte Festung angelegt würde, dann würden die Bergwerke von allen diesen Mauern her zusammengefaßt, und jeder könnte sich auf kurzem Wege in Sicherheit bringen, wenn er das Nahen eines Feindes bemerkt. 45. Selbst wenn die Feinde in größerer ZahI kämen, würden sie sicher, falls sie Getreide, Wein oder Vieh außerhalb (der Festungen) vorfänden, diese Dinge rauben; wenn sie aber silberhaltige Erde in ihre Gewalt brächten, wie hätten sie zu ihrer Verwendung mehr als einen Haufen Steine? 46. Wie sollten überhaupt auch jemals Feinde bis zu den Bergwerken vordringen? Denn die nächste Stadt, nämlich Megara, ist viel weiter als 500 Stadien von den Silbergruben entfernt und die zweitnächste, Theben, viel weiter als 600 Stadien. 47. Falls sie nun von dorther zu den Bergwerken marschieren, dann werden sie an Athen vorbeiziehen müssen. Und falls sie nur wenige sind, ist zu erwarten, daß sie von Reiterei und Grenztruppen vernichtet werden. Aber mit einer großen Streitmacht anzurücken und dabei ihr eigenes Gebiet ungeschützt zurückzulassen ist riskant. Denn das Stadtgebiet Athens ist dann ihren Heimatstädten viel näher als sie selber, wenn sie sich bei den Silberbergwerken aufhalten. 48. Aber auch wenn sie kämen, wie könnten sie ohne Lebensmittel dort bleiben? Aber mit einem Teil (des Heeres) auf Proviantsuche zu gehen, gefährdet die Suchenden und das Ziel, um dessentwillen sie kämpfen; wenn aber immer alle auf Proviantsuche wären, dann dürften sie eher eingeschlossen sein als selbst einschließen. 49. Es wäre nun keineswegs nur die Miete von den Sklaven, die der Stadt den Unterhalt vergrößerte, sondern als Folge der Konzentration vieler Menschen im Bergwerksbetrieb gäbe es sicher durch den Markt auch in diesem Gebiet, durch die staatseigenen Gebäude bei den Silberbergwerken, die Schmelzöfen und alles andere auch viele Einnahmen. 50. Denn bestimmt dürfte (diese Ansiedlung) bei einem solchen Ausbau auch selber eine volkreiche Stadt werden. Und die Grundstücke dürften dort für ihre Besitzer nicht weniger wertvoll sein als für die, die am Rande der Stadt etwas besitzen. 51. Wenn meine Vorschläge in die Tat umgesetzt werden, so wäre, wie ich behaupte, die Stadt nicht nur an Geldmitteln reicher, sondern dürfte auch besser gehorchen und disziplinierter und kriegstüchtiger sein. Denn diejenigen, denen gymnastische Übungen aufgetragen sind, dürften sich diesen viel eifriger widmen, wenn sie in den Gymnasien reichlicher Lebensunterhalt bekämen, als sie von Gymnasiarchen für den FakkelTauf erhielten. Die, die als Besatzungen der Grenzfestungen, als Leichtbewaffnete oder Grenzpatrouillen eingeteilt sind, dürften dieses a{les lieber tun, wenn hei jeder dieser Tätigkeiten der Unterhalt entrichter würde.

 

5. 1. Wenn es aber als unbestritten gilt, daß Frieden herrschen muß, wenn alle Einkünfte aus der Stadt einkommen sollen, ist es da nicht angebracht, auch Beamte zur Aufrechterhaltung des Friedens einzusetzen? Denn wenn wir uns ein solches Amt geben, so dürfte dies unsere Stadt für alle Menschen viel beliebter und einladender, um dorthin zu kommen, machen. 2. Wenn aber einige der Ansicht sind, die Stadt werde weniger mächtig, weniger ruhmreich und in Griechenland weniger geachtet sein, wenn sie fortwährend Frieden hält, dann hegen sie meiner Auffassung nach falsche Vorstellungen. Denn ohne Zweifel gelten die Städte als die glücklichsten, die am längsten in Frieden leben; unter allen Städten hat aber Athen die besten natürlichen Voraussetzungen, um sich im Frieden günstig zu entwickeln. 3. Denn wer, angefangen mit den Reedern und Kaufleuten, ist nicht auf die Stadt angewiesen, wenn sie nur Frieden hält? Etwa nicht diejenigen, die viel Getreide, viel oder süßen Wein anzubieten haben? Und wie steht es mit denen, die über viel Öl und viel Vieh verfügen, und mit denen, die mit Verstand und Geld sich Gewinne zu verschaffen verstehen? 4. Und weiterhin mit den Handwerkern, Sophisten, Philosophen; mit Dichtern, den (ausübenden Künstlern), die deren Werke interpretieren, und denen, die sehens- und hörenswerte sakrale und profane Darbietungen gerne miterleben? Aber auch die, die schnell viele Dinge verkaufen oder kaufen wollen, wo könnten sie es besser als in Athen?

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11. Falls aber jemand meinen sollte, daß für Finanzen ein Krieg der Stadt mehr einbringe als Friede, so weiß ich nicht, wie man das besser beurteilen könnte, als wenn man genau betrachtet, welchen Ausgang die früheren Ereignisse für die Stadt genommen haben. 12. Man wird nämlich feststellen, daß früher in Friedenszeiten sehr viel Geld in die Stadt floß, im Krieg dies alles aber verbraucht wurde. Ferner wird man bei genauer Betrachtung erkennen, daß auch jetzt durch den Krieg viele Einnahmen ausblieben und die eingegangenen für viele Zwecke mit unterschiedlichster Bestimmung ausgegeben wurden, seit aber auf dem Meer Friede hergestellt ist, auch die Einkünfte gestiegen sind und es den Bürgern freisteht, sie nach Belieben zu verwenden. 13. Sollte mich aber jemand fragen: ,,Behauptest du etwa auch, man solle selbst dann, wenn jemand unserer Stadt Unrecht zufügt, Frieden halten?", so würde ich das verneinen; ich behaupte vielmehr, daß wir solche viel schneller bestrafen könnten, wenn wir nicht angefangen haben würden, von uns aus jemand Unrecht zuzufügen; dann hätten sie (unsere Gegner) nämlich keine Bundesgenossen.

 

bb)Wirtschaftsgüter Attikas heute.

Karte der heutigen Wirtschaft im Bereich Attikas

Karte entnommen aus: Diercke, Weltatlas, Westermann-Schulbuch-Verlag, Braunschweig 1986, S. 81.

b) Ein großes Landgut in ptolemäischer Zeit.

aa) Aus dem Archiv des Zenon, Oikonomos des königlichen Dioiketes Apollonios im Gebiet von Philadelphia (Arsinoitis/Fayum-Gebiet, Ägypten, um 250 v. Chr.).

 Erster Merkzettel für schnell zu erledigende Geschäfte (P. S. I. 429):
Herodotus wegen des Ziegenhaars fragen. Aminias fragen, zu welchem Preis die Mine er es gekauft hat.
Brief an Dioskurides über das Schiff.
Mit Timaios eine Vereinbarung über die Schweine treffen.
Einen Vertragsentwurf für Apollodorus fertigen und ihm schreiben, daß er ihn übergeben soll.
Das Schiff mit Wolle beladen.
An Jason schreiben, daß er den Dionysos die Wolle an Bord nehmen und, wenn sie gereinigt ist, flußabwärts transportieren lassen soll; (davon oder dazu) ein Viertel der arabischen Wolle.
Er soll auch den Essig mitnehmen.
An Meliton schreiben, daß er die Bumastos-Wein-Schößlinge pflanzen soll, die Neoptolemos gehören, und an Alkimos, daß er ebenso verfahren soll, wenn er zustimmt.
Theogenes wegen der zwölf Joche für die Stiere ansprechen.
Dem Apollodor und dem Kallippos ... (den Geldbetrag) auszahlen.
[verso:]
Von Metrodoros bis Athenagoras (alle?) wegen der Erträgnisse des Jahres (ansprechen).
An Theophilos die Erteilung der Genehmigung und wegen des Standes der Arbeiten.
Wegen des Getreides an Iatrokles und Theodoros schreiben, bevor das Wasser aus dem Kanal ...
(rar wird ?).

Zweiter Merkzettel (P.S. I. 430):

Die Olivenkerne in Empfang nehmen.
Das Öl von Heragoras (in Empfang nehmen).
Für die Pferde vier Striegel, vier wollene Streichlappen, vier Kratzer, und für Phatres einen Striegel.
Die Schößlinge der Walnußbäume beschaffen.
Die Registrierung des abwärts transportierten Weins sicherstellen. Für welchen Gau (nomos)
ist er registriert worden?
Hermons Kind (oder jungen Sklaven) empfangen.
 Griech. Text, Teil 1 und Teil 2.

Entnommen aus: A. S. Hunt, C. C. Edgar, Select Papyri, 5. vol., I (Non-literary papyri: private affairs), London, Cambridge, 1959, S. 408 ff.

 
 
bb) Die wirtschaftlich-administrativen Regionen Ägyptens in der Ptolemäerzeit.
 
Karte Ägyptens in ptolemäischer Zeit.

Entnommen aus: G. Hölbl, Geschichte des Ptolemäerreiches: Politik, Ideologie und religiöse Kultur von Alexander dem Großen bis zur römischen Eroberung, WBG, Darmstadt 1994, Karte 2 des Kartenanhangs.

 

c) Latium/Toscana/Campania zur Zeit Catos d. Ä.

aa) Aus: Marcus Porcius Cato, De agicultura (um 154 v. Chr.).

 [Lat. Text und Übersetzung nach: O. Schönberger, Marcus Porcius Cato. Vom Landbau. Fragmente. Alle erhaltenen Schriften. Lateinisch- deutsch (mit Einführung und Kommentar), Tusculum-Bücherei, Heimeran-Verlag, München 1980, S. 15 ff.]

 

Praefatio.

Est interdum praestare mercaturis rem quaerere, nisi tam periculosum sit. et item fenerari, si tam honestum sit. Maiores nostri sic habuerunt et ita in legibus posiverunt: furem dupli condemnari, feneratorem quadrupli. Quanto peiorem civem existimarint feneratorem quam furem, hinc licet existimare. 2. Et virum bonum, quom laudabant, ita laudabant: bonum agricolam bonumque colonum, amplissime laudari existimabatur qui ita laudabatur. 3. Mercatorem autem strenuum studiosumque rei quaerendae existimo. verum, ut supra dixi. periculosum et calamitosum. 4. At ex agricolis et viri fortissimi et milites strenuissimi gignuntur, maximeque pius quaestus stabilissimusque consequitur minimeque invidiosus, minimeque male cogitantes sunt, qui in eo studio occupati sunt. Nunc, ut ad rem redeam, quod promisi institutum. principium hoc erit.

 

I. Quo modo agrum emi pararique oporteat.

[1] 1. Praedium quom parare cogitabis, sic in animo habeto: Uti ne cupide emas neve opera tua parcas visere et ne satis habeas semel circumire; quotiens ibis, totiens magis placebit quod bonum erit. 2. Vicini quo pacto niteant, id animum advertito; in bona regione bene nitere oportebit. Et uti eo introeas et circumspicias, ut inde exire possis. Vti bonum caelum habeat; ne calamitosum siet; solo bono, sua virtute valeat. 3. Si poteris, sub radice montis siet, in meridiem spectet, loco salubri; operariorum copia siet, bonumque aqurium, oppidum validum prope siet; si aut mare aut amnis, qua naves ambulant, aut via bona celebrisque. 4. Siet in his agris, qui non saepe dominos mutant: qui in his agris praedia vendiderint, quos pigeat vendidisse. Uti bene aedificatum siet. Caveto alienam disciplinam temere contemnas. De domino bono colono bonoque aedificatore melius emetur. Ad villam cum venies, videto vasa torcula et dolia multane sient; 5. ubi non erunt, scito pro ratione fructum esse. lnstrumenti ne magni siet, loco bono siet. Videto quam minimi instrumenti sumptuosusque ager ne siet. 6. Scito idem agrum quod hominem, quamvis quaestuosus siet, si sumptuosus erit, relinqui non multum. 7. Praedium quod primum siet, si me rogabis, sic dicam: de omnibus agris optimoque loco iugera agri centum; vinea est prima, vel si vino multo est; secundo loco hortus irriguus; tertio salictum; quarto oletum; quinto pratum; sexto campus frumentarius; septimo silva caedua; octavo arbustum; nono glandaria silva.

II. Patris familiae officia.

[2] 1. Pater familias, ubi ad villam venit, ubi larem familiarem salutavit, fundum eodem die, si potest, circumeat. Si non eodem die, at postridie. Ubi cognovit, quo modo fundus cultus siet, opera quaeque faeta infectaque sient, postridie eius diei vilicum vocet, roget quid operis siet factum, quid restet. Satisne tempori opera sient confecta. possitne quae reliqua sient conficere, et quid factum vini, frumenti aliarumque rerum omnium. 2. Ubi ea cognovit, rationem inire oportet operarum, dierum. Si ei opus non apparet, dicit vilicus seduo se fecisse, servos non valuisse, tempestates malas fuisse, servos aufugisse, opus pubicum effecisse. Ubi eas aliasque causas multas dixit, ad rationem operum operarumque vilicum revoca. 3. Cum tempestates pluviae fuerint, quae opera per imbrem fieri potuerint: dolia lavari, picari, villam purgari, frumentum transferri, stercus foras efferri, stercilinum fieri, semen purgari, funes sarciri, novos fieri, centones, cuculiones familiam Oportuisse sibi sarcire. 4. per ferias potuisse fossas veteres tergeri, viam publicam muniri, vepres recidi. hortum fodiri, pratum purgari, virgas vinciri, spinas runeari, expinsi far, munditias fieri. Cum servi aegrotarint, cibaria tanta dari non oportuisse. 5. Ubi cognita aequo animo sint, quae reliqua opera sint, curare uti perficiantur. Rationes putare argentariam, frumentariam, pabuli causa quae parata sunt; rationem vinariam, oleariam, quid venierit, quid exactum siet, quid reliquum siet, quid siet quod veneat,quae satis accipiunda sint, satis accipiantur. 6. Reliqua quae sint, uti compareant. Si quid desit in annum, uti paretur; quae supersint, ut veneant; quae opus sint locato, locentur; quae opera fierivelit et quae locari velit, uti imperet et ea scripta reliriquat. Pecus consideret.

 

III. Auctionem uti faciat.

7. Auctionem uti faciat: vendat oleum, si pretium habeat; vinum, frurnenturn quod supersit, vendat; boves vetulos, armenta delicula, oves deliculas, lanam, pelles, plostrum vetus, ferramenta vetera, servum senem, servum morbosum, et si quid aliut supersit, vendat. Patrem familias vendacem, non emacem esse oportet.

 

IV. Prima adolescentia agrum conserere oportet

[3] 1. Prima adulescentia patrem familiae agrum conserere studere oportet; aedificare diu cogitare oportet, conserere cogitare non oportet, sed facere oportet. Ubi aetas accessit ad annos XXXVI, tum aedificare oportet, si agrum consitum habeas. lta aedifices, ne villa fundum quaerat.

 

V. Villam rusticam uti aedificatam habeat.

2. Patrem familiae villam rusticam bene aedificatam habere expedit, cellam oleariam. vinariam, dolia multa, uti lubeat caritatem expeetare: et rei et virtuti et gloriae erit. Torcularia bona habere oportet, ut opus bene effici possit. Olea ubi lecta siet, oleum fiat continuo, ne corrumpatur. Cogitato quot annis tempestates magnas venire et oleam deicere solere: 3. si cito sustuleris et vasa parata erunt, damni nihil erit ex tempestate et oleum viridius et melius fiet.......

 

VIII. Agrum quibus locis conseras.

[6] 1. Agrum quibus locis conseras, sic observari oportet. Ubi ager crassus et laetus est sine arboribus, eum agrum frumentarium esse oportet. Idem ager, si nebulosus est, rapa, raphanos, milioum, panicum, id maxime seri oportet. In agro crasso et caldo oleam conditivam, radium maiorem, Sallentinam, orcitem, poseam, Sergianam, Colminianam. albicerem; quam earum in iis locis optimam dicent esse, eam maxime serito. Hoc genus oleae in XXV aut in XXX pedes conserito. 2. Ager oleto conserundo, qui in ventum Favonium spectabit et soli ostentus erit; alius bonus nullus erit. Qui ager frigidior et macrior erit, ibi oleam Licinianam seri oportet; sin in looo crasso aut calido sereris, hostus nequam erit et ferundo arbor peribit et muscus ruber molestus erit. 3. Circum coronas et circum vias ulmos serito et partim populos, uti frondem ovibus et bubus habeas, et materia, si quo opus sit, parata erit. Sicubi in iis locis ripae aut locus umectus erit, ibi cacumina populorum serito et harundinetum. Id hoc modo serito: bipalino vortito; ibi oculos arundinis pedes ternos alium ab alio serito; ibi corrudam serito, unde aspargi fiant. 4. Nam convenit harundinetum cum corruda, eo quia foditur et incenditur et umbram per tempus habet. Salicem Graecam circum harundinetum serito, uti siet qui vineam alliges. Vineam quo in agro conseri oportet, sic obsetvato: qui locus vino optimus dicetur esse et ostentus soli, Aminnium minusculum et geminum, eugeneum, helvolum minusculum conserito; qui locus crassus erit aut nebulosior, ibi Aminnium maius aut Murgentinum, Apicium. Lucanum serito; ceterae vites, miscellae maxime, in quemvis agrum conveniunt.

 

IX. De fundo suburbano.

[7] 1. Fundum suburbanum arbustum maxime convenit habere: et Iigna et virgae venire possunt et domino erit qui utatur. In eodem fundo suum quidquid conseri oportet: vitem .... copularia. Aminnium minuseulum vino et maius et Apicium. 2. Eae in olla in vineaceis conduntur; eadem in sapa, in musto, in lora recte conduntur. Quas suspendas duracinas Aminneas maiores vel ad fabrum ferrariom pro passis ea recte servantur. 3. Poma, mala strutea, Cotonea. Scantiana, Quirintana, item alia conditiva, mala mustea et Punica eo lotium suillum aut stereus ad radicem addere oportet, uti pabulum malorum fiant -, 4. pira volaema. Aniciana et sementiva - haec conditiva in sapa bona erunt -, Tarentina. mustea, cucurbitiva item alia genera quam plurima serito aut inserito. Oleas orchites, Posias; eae optime conduntur vel virides in muria vel in lentisco contusae; vel orchites, ubi nigrae erunt et siccae, sale confriato dies V; postea salem excutito, in sole ponito biduum, vel sine sale in defrutum condito. Sorva in sapa condere vel siccare; arida facias; item pira facias.

 

X. Ficos quo loco seras.

[8] 1. Ficos Mariscas in loco cretoso et aperto serito; Africanas et Herculaneas, Sacontinas, hibernas, Tellanas atras pediculo longo eas in loco crassiore aut stercorato serito. Pratum si irrigivum habebis, si non erit, siccum, ne fenum desiet, summittito. 2. Sub urbe hortum omne genus, coronamenta omne genus, bulbos Magaricos murtum coniugulurn et album et nigrum, loream Delphicam et Cypream et silvaticam, nuces calvas, Abellanas, Praenestinas, Graecas; haec facito uti serantur. Fundum urbanum, et qui eum fundum solum habebit, ita paret itaque conserat, uti quam sollertissimum habeat.

 

XI. Salicta locis aquosis.

[9] Salicta locis aquosis, umectis, umbrosis, propter amnes, ibi seri oportet; et id videto ut aut domino opus siet aut ut vendere possit. Prata irrigiva. si aquam habebis, id potissimum facito; si aquam non habebis, sicca quam plurima facito. Hoc est praedium quod, ubi vis, expedit facere.

 

XII. Quo modo oletum agri iugera CCXL instruere oporteat.

[10] 1. Quo modo oletum agri iugera CCXL instruere oporteat: Vilicum viliam, operarios quinque, bubulcos III, asinarium I.,subulcum I, opilionem I; summa h. XIII. Boves trinos, asinos ornatos clitellarios, qui stercus vectent, tris, asinum <moIarium> I, oves C. 2. Vasa olearia instructa iuga quinque, ahenum quod capiat q. XXX, operculum aheni, uncos ferreos III, urceos aquarios III, infidibula II, ahenum quod capiat q. V, uncos III, labellum pollulum I, amphoras olearias II, urnam quinquagenariam unam, trullas tris, situlum aquarium I, pelvim I, matellionem, trullium, scutriscum, matellam, nassiternam, trullam, candelabrum, sextarium, plostra maiora III, aratra cum vomeribus VI, iuga eum loris ornata III, ornamenta bubus VI. 3. urpicem I, crates stercerarias IIII, sirpeas stercerarias III. semuncias tres. instrata asinis III; ferramenta: ferreas VIII, sarcula VIII, palas IIII, rutra V, rastros quadridentes II, falces fenarias ...III, stramentarias V, arborarias V, securis III, cuneos III, fistulam farrariam I. forpicis duas, rutabulum I. foculos II. 4. dolia olearia C, Iabra XII, dolia quo vinacios condat X, amurcaria X, vinaria X, frumentaria XX, lupinarium I, serias X, labrum eluacrum unum, sohum I, Iabra aquaria II. opercula doliis, seriis priva, molas asinarias unas et trusatilis unas, hispaniensis unas, molilia III, abacum I, orbes aheneos II. mensas II, scamna magna III, scamnum in cubiculo I, scabilla III, sellas IIII, solia duo. 5. lectum in cubiculo I, lectos loris subtentos IIII et lectos III, pilam ligneam I, fullonicam I, telam iugalem I, pilas II, pilum fabarium I, farrearium I, seminarium I, qui nucleos succernat 1. modium unum, semodium unum, culcitas VIII, instragula octo, pulvinos XVI, operimenta X, mappas III, centones pueris VI.

 Vorrede.

(1) Mag sein, daß es manchmal besser ist, durch Handel nach Vermögen zu streben, wenn es nur nicht so gefährlich wäre, und ebenso, Wucher zu treiben, wenn es nur ehrenhaft wäre. Unsere Voreltern haben es so gehalten und so in den Gesetzen verordnet, daß ein Dieb ums Doppelte, der Wucherer ums Vierfache gestraft werde. Als einen wieviel schlechteren Bürger sie den Wucherer ansahen als den Dieb, läßt sich hieraus ermessen. (2) Und wenn sie einen rechten Mann lobten, lobten sie ihn so: als einen rechten Bauern und guten Landwirt; man glaubte, der werde am höchsten gelobt, der so gelobt wurde. (3) Den Kaufmann aher halte ich für einen tüchtigen und auf Erwerb bedachten Mann. Doch ist er, wie ich oben sagte, der Gefahr und dem Unglück ausgesetzt. (4) Aber aus den Bauern gehen die tapfersten Männer und die tüchtigsten Krieger hervor, und der ehrlichste und dauerhafteste Gewinn kommt heraus und der am wenigsten dem Neid ausgesetzte. Und am wenigsten schlechte Gedanken haben die, welche mit dieser Arbeit beschäftigt sind. Um nun zur Sache zurückzukehren, zur versprochenen Belehrung, so wird der Anfang folgender sein.

 

I. Wie man ein Gut besichtigen und kaufen soll.

[1] (1) Wenn du daran denkst, ein Landgut zu kaufen, mußt du dies im Sinn behalten: daß du nicht gierig kaufst und dir keine Mühe sparst, es genau zu besichtigen, es auch nicht für genug hältst, nur einmal herumzugehen; je öfter du herumgehst, um so so besser wird dir gefallen, was gut ist. (2) Gib acht..wie die Nachbarn gedeihen! In einer guten Gegend müssen sie in gutem Wohlstand sein. Und geh so hinein und schau dich so um, daß du (ohne zu kaufen) dort herausgehen kannst. Und daß es dort gutes Wetter und keinen Mißwuchs gibt! Es soll durch guten Boden, durch eigene Bonität wertvoll sein. (3) Wenn du kannst, soll es am Fuß eines Berges, nach Süden und in einer gesunden Gegend liegen; es soll genug Arbeiter geben, gutes Trinkwasser, und eine große Stadt soll in der Nähe sein, möglichst auch das Meer oder ein schiffbarer Fluß oder eine gute, befahrene Straße. (4) Es soll in solch einer Region liegen, in der nicht oft die Herren wechseln: wer dort Güter verkauft hat, den soll es reuen, verkauft zu haben. Daß es mit guten Gebäuden versehen ist! Hüte dich, das bisherige Verfahren anderer leichtfertig zu mißachten! Von einem Besitzer, der ein guter Landwirt und guter Bauherr ist, wird man besser kaufen. Wenn du auf den Hof kommst, schau nach, ob viele Keltern und Fässer da sind: (5) wo nicht viele sind, da wisse, daß der Ertrag entsprechend ist. Es soll nicht viel Ausstattung brauchen, sondern soll in einer guten Gegend sein. Sieh zu. daß das Gut möglichst wenig Ausstattung und das Feld keinen Aufwand braucht! (6) Du mußt wissen, daß ein Gut ist wie ein Mensch; wenn er noch so viel einbringt, aber gleichzeitig viele Kosten macht, bleibt trotzdem nicht viel übrig. (7) Wenn du mich fragst, welches Gut das beste ist, dann sage ich: von allen Böden und in bester Lage hundert Morgen Land: Rebland an erster Stelle, besonders wenn es viel Wein trägt, an zweiter Stelle ein gut bewässerter Garten, an dritter Weidicht, an vierter ein Ölgarten, an fünfter Wiesenland, an sechster Getreideboden, an siebter schlagbarer Wald, an achter der Buschwald, an neunter der Eichelnwald.

 

II. Pflichten des pater familias.

[2] (1) Sobald der Hausherr auf das Gut gekommen ist und sobald er den Hausgott verehrt hat, gehe er noch am selben Tage, wenn er kann, um die Flur; wenn nicht am selben Tag, so doch am nächsten Tag. Wenn er gesehen hat, wie das Gut bestellt ist und welche Arbeiten getan und nicht getan sind, rufe er am nächstfolgenden Tage den Verwalter und frage, welche Arbeit getan ist, was noch bleibt, ob die Arbeiten zeitig genug erledigt wurden, ob er erledigen kann, was übrig ist, und was an Wein, Getreide und allen anderen Früchten eingebracht ist. (2) Sobald er dies festgestellt hat, muß er eine Aufstellung der Arbeiter und Tagewerke machen. Scheint ihm die Arbeit nicht genügend, wird der Verwalter sagen, er habe fleißig vorangemacht, aber Sklaven seien nicht gesund gewesen, es habe schlechtes Wetter gegeben, Sklaven seien entlaufen, man habe Hand- und Spanndienste leisten müssen. Sobald er diese und viele andere Gründe vorgebracht hat, rufe ihn zur Berechnung der Arbeiter und Tagewerke zurück. (3) Wenn Regenwetter gewesen sein soll, (sage,) welche Arbeiten während des Regens geschehen konnten: Fässer auswaschen und pichen, den Hof reinigen, Korn umschaufeln, Mist zum Tor hinausschaffen, den Misthaufen anlegen, Saatgut reinigen, Seile ausbessern und neue machen. Decken und Kapuzen hätte das Gesinde für sich ausbessern sollen. (4) Während der Feiertage konnte man die alten Wassergräben säubern. die öffentliche Straße ausbessern, Dornsträucher zurückschneiden, den Garten umgraben, das Wiesenland reinigen, Ruten bündeln, Disteln ausstechen, Dinkel ausstampfen, alles sauber machen. Wenn die Sklaven krank waren, hätte man ihnen nicht so viel Lebensmittel ausgeben dürfen. (5) Sobald dies in aller Ruhe festgestellt ist, dafür sorgen, daß die ausstehenden Arbeiten erledigt werden. Die Rechnungen prüfen über Geld, Getreide, Ausgaben für Futter, die Wein- und Ölrechnung, was verkauft ist, was eingenommen ist, was noch aussteht, was noch verkäuflich ist. Wo Sicherheit für eine Schuld zu nehmen ist, laß sie nehmen. (6) Die noch übrigen Vorräte müssen überprüft werden. Wenn für das laufende Jahr etwas fehlt, werde es gekauft: der Überschuß werde verkauft. Was man verdingen muß, soll man verdingen. Welche Arbeiten er getan, welche er verdingt wissen will, befehle der Herr und hinterlasse es schriftlich. Das Kleinvieh betrachte er genau.

 

III. Wann und wie er verkaufen soll.

(7) Versteigerungen soll er so durchführen: er verkaufe Öl, wenn es hoch im Preise steht. Den Überschuß an Wein und Getreide verkaufe er: alte Ochsen, entwöhnte Kälber, entwöhnte Lämmer, Wolle, Häute, den alten Wagen, altes Eisengerät, einen alten Sklaven, einen kränklichen Sklaven und was sonst überflüssig ist, verkaufe er. Ein pater familias muß verkaufslustig, nicht kauflustig sein.

 

IV. Zu Beginn des Mannesalters muß man das Feld bestellen

[3] (1) In jungen Jahren muß der Hausvater daran denken, sein Feld zu bestellen; das Bauen muß er sich lange überlegen; die Feldbestellung dagegen nicht; die muß man einfach durchführen. Wenn das Alter an die 36 Jahre herangekommen ist, dann mußt du bauen. wenn du dein Feld bestellt hast. Baue so, daß es dem Hof nicht am Grundstück fehlt.

 

V.Man sollte einen richtig angelegten Gutshof haben.

(2) Es ist nützlich, wenn der pater familas eine gutgebaute Hofanlage hat, einen Ölkeller, einen Weinkeller und viele Fässer. damit er in Ruhe die höchsten Preise abwarten kann. Das wird für Kasse, Wert und Ansehen gut sein. Er muß gute Keltern haben, damit die Arbeit gut erledigt werden kann. Sobald die Oliven gelesen sind, muß sofort Öl gemacht werden, damit sie nicht verderben. Bedenke, daß Jahr um Jahr große Unwetter kommen und die Oliven immer herunterwerfen: (3) wenn du sie schnell sammelst und Pressen bereit sind, wird aus dem Sturm kein Schaden erwachsen, und das Öl wird grüner und besser werden....

 

VIII. Auf welchen Böden du dein Feld bestellen sollst.

[6] (1) Auf welchen Böden Ackerbau ratsam ist, dafür ist folgendes zu beachten. Wo der Boden fett, fruchtbar und ohne Bäume ist, sollte er Getreideacker sein. Ist der gleiche Boden aber dem Nebel ausgesetzt, werden auf ihm am besten Rüben, Rettiche, Hirse und Kolbenbirse angebaut; auf schwerem und warmem Boden Oliven zum Einmachen, die Stab-Olive, die Sallentinische, die Hodenolive, die fleischige, die Sergianische, Colminianiscbe und die wachsweiße: von welcher dieser Sorten man sagt, sie sei in dieser Gegend die beste, die pflanze am meisten an. Solche Oliven setze im Abstand von 25 oder 30 Fuß (2) Als Feld zur Anlage einer Olivenpflanzung eignet sich am besten eines, das dem Westwind und der Sonne ausgesetzt ist; kein anderes wird gut sein. Ist der Boden kälter und magerer, muß dort die Licinianische Olive angepflanzt werden; wenn du diese in fetten oder warmen Boden pflanzt, wird das Öl nichts taugen, der Baum wird sich tottragen und das rote Moos wird lästig sein. (3) Um die Raine und um die Wege pflanze Ulmen und teilweise Pappeln, damit du Laub für die Schafe und Rinder hast. Dann wird auch Nutzholz, wenn benötigt, vorhanden sein. Wenn irgendwo in dieser Gegend Ufer sind oder feuchtes Gelände, pflanze dort die Schößlinge von Pappeln und ein Röhricht an. Dies auf folgende Weise: grabe mit dem Spaten um; dort setze die Augen des Schilfrohres ein, je drei Fuß voneinander. Pflanze dort wilden Spargel an, damit daraus die Spargel wachsen. (4) Denn das Röhricht paßt deswegen zum wilden Spargel. weil es umgegraben und abgebrannt wird und zur rechten Zeit Schatten gibt. Pflanze griechische Salweide um das Röhricht, damit etwas da ist, womit du die Reben anbinden kannst. Auf welchem Boden eine Weinpflanzung angelegt werden soll, läßt sich so entscheiden: wenn man von einer Gegend sagt, sie tauge sehr gut zum Weinbau, und wenn sie der Sonne zugewandt ist, pflanze den kleinen Aminnischen Stock an und den Doppelten, den Gutedel und den kleinen Gelben. Ist ein Boden fett oder etwas neblig, pflanze dort den großen Aminnischen oder Murgentinischen, den Apicischen und den Lucanischen. Die übrigen Weinstöcke, besonders die Blendlinge, passen für jeden Boden.

 

IX. Ein Gut nahe der Stadt.

[7] (1) Ein Landgut nahe der Stadt muß vor allem eine Baumpflanzung haben; Holz und Reisig können verkauft werden, und auch der Herr wird etwas haben, was er verwenden kann. Auf diesem Gut soll alles angebaut werden, was für ihn dazugehört: so etwa Reben, die kleinere Aminnische für Trinkwein und dazu die größere Aminnische und die Apicische. (2) Die Trauben lassen sich in ausgepreßtem Zustand in Töpfen aufbewahren, ebenso aber auch als dickgekochter Wein, als Most und als Wasserwein (Lauer). Die Trauben, die man zum Trocknen aufhängt, wie die größeren Aminnischen Härtlinge, können am Schmiedefeuer ebensogut haltbar werden wie die an der Sonne getrockneten. (3) Ferner Obstbäume: Sperlingsapfelbäume, Cotonische, Scantianische, Quirinianische; ebenso andere für das Einmachen. Bei Most- und Granatapfelbäumen muß man Schweinejauche oder Schweinemist an die Wurzeln bringen. damit das Nahrung für die Äpfel gibt. (4) Ferner 'beste' Anicianische und Saatbirnen-Bäume: ihre Früchte werden wohlschmeckend in dickgekochtem Wein eingemacht. Tarentinische Mostfrüchte, Koloquinten und andere Obst-Sorten solltest du in möglichst großer Zahi anpflanzen oder pfropfen. Von den Oliven eignen sich die Orchitischen und die Posischen; diese werden am besten eingelegt entweder grün in Salzlake oder gequetscht in Mastixöl. Oder bestreue die Orchitischen, sobald sie schwarz sind und trocken, fünf Tage lang mit Salz ; dann schüttle das Salz heraus und lege sie zwei Tage in die Sonne. Oder mache sie ohne Salz in eingekochtem Most ein. Spieräpfel in dickgekochten Wein einlegen oder trocknen lassen! Laß sie richtig trocknen! Ebenso mach es mit den Birnen!

 

X. Wo du Feigen pflanzen solltest.

[8] (1) Mariskische Feigen pflanze in kreidiges und freies Feld, afrikanische und herkulanische Feigen, sacontinische Winterfeigen und schwarze tellanische mit langem Stiel pflanze in schwerem oder gedüngtem Boden. Hast du eine bewässerte Wiese, so laß sie wachsen, wenn nicht, dann nutze auch auf eine trockene, damit es nicht an Heu fehle. (2) Vor der Stadt empfiehlt sich ein Garten für alles mögliche: Blumen aller Art für Kränze, megarische Zwiebeln, die weiße und die schwarze Hochzeitsmyrte, dem delphischen, den cyprischen und den wilden Lorbeer, glatte Nüsse, abellanische, pränestinische und griechische; diese mußt du anpflanzen lassen. Ein Stadtgut, zumal wenn man nur dieses Grundstück hat, muß man so herrichten und bepflanzen, daß man eine möglichst brauchbare Anlage hat.

 

XI. Weidichte an feuchten Stellen.

[9] Weidichte sollte man in wasserreichem, feuchtem, schattigem Gelände an Flüssen anlegen. Der Verwalter sehe darauf, daß der Herr sie brauchen und verkaufen kann. Falls du Wasser hast, lege vor allemWiesen an, die bewässert werden können. Hast du kein Wasser. so lege möglichst viele trockene an. Das ist ein Gut, das du, wenn du willst, überall mit Vorteil einrichten kannst.

 

XII. Wie man ein Ölgut mit 240 Morgen Land einrichten soll.

 

[10] (1) Zur Einrichtung eines Ölguts mit 240 Morgen Land benötigst du: einen Verwalter, eine Wirtschafterin, fünf Arbeiter, 3 Ochsenknechte, 1 Eseltreiber, 1 Schweinehirten. 1 Schafhirten, im ganzen 13 Leute, ferner 3 Paar Ochsen, drei Esel mit Geschirr und Packsattel zum Mistführen, 1 Mühlesel, 100 Schafe. (2) Weiterhin: Fünf zusammenhängende vollständige Ölpressen, einen ehernen Kessel, der 30 Quadrantal faßt, einen Deckel für das eherne Gefäß, 3 eiserne Haken, 3 Wasserkrüge, 2 Trichter, einen ehernern Kessel, der 5 Quadrantal faßt, 3 Haken, 1 kleine Schüssel, 2 Öl-Amphoren. einen Fünfzigerkrug, 3 Schöpflöffel, 1 Wassereimer, 1 Waschschüssel, 1 Topf, 1 Waschbecken, 1 Schale, 1 Nachtgeschirr, 1 Gießkanne, 1 Schöpfkelle, 1 Leuchter, 1 Sextarmaß, 3 größere Wagen, 6 Pflüge mit Pflugscharen, 3 Joche, mit Lederzeug versehen, 6 Geschirre für Ochsen. (3) Ferner: 1 Egge 4 Misthürden, 3 Mistkörbe, 3 Packsättel. 3 Decken für die Esel. An Eisengeräten brauchst du: 8 Schaufeln, 8 Hacken, 4 Spaten, 5 Schaufeln, 2 vierzinkige Harken. (8 ?) Heusicheln, 5 Strohsicheln, 5 Baumsicheln, 3 Äxte, 3 Keile, 1 Mörser für Dinkel, 2 Zangen, 1 Feuerhaken, 2 kleine Kohlen-Öfen. (4) Dazu: 100 Ölfässer, 12 Wannen, 10 Fässer zum Aufbewahren der Weintrester, 10 für Olivenfruchtwasser 10 für den Wein, 20 für Getreide, 1 Faß für Lupinen, 10 Tonnen, eine Waschwanne, 1 Badewanne, 2 Wasserfässer und eigene Deckel für Fässer und Tonnen. Außerdem: eine Eselmühle und eine Handmühle, eine spanische Mühle, 3 Mühlbäume, 1 Anrichtetisch. 2 bronzene Scheiben, 2 Tische, 3 große Bänke, eine Schlafzimmer-Bank, 3 Bänkchen, 4 Sessel, 2 Armsessel. (5) 1 Schlalzimmer-Bett, 4 mit Riemen unterspannte Betten und 3 gewöhnliche Betten.1 hölzerner Mörser, 1 Stampfe zum Walken, einen aufrechtstehenden Webstuhl, 2 Stampfen, 1 Mörserkeule für Bohnen, 1 für Dinkel, 1 für Saatgut (?), 1 (Sieb ?) zum Aussondern der Olivenkerne, 1 Scheffel, einen halben Scheffel, 8 Matratzen, 8 Bettdecken, 16 Kopfkissen10 Decken, 3 Servietten 6 Flickenmäntel für die Knechte.

 

bb) Der Wirtschaftsraum Latium, Toskana, Campania in römischer Zeit.

 Geographische Karte dess heutige Mittelitalien.

Entnommen aus: Großer Atlas zur Weltgeschichte, hg. von H. E. Stier u. a., ©Westermann Schulbucherlag Braunschweig, München 1990, S. 31 (Ausschnitt).

 

d) Das Moseltal zur Zeit des Ausonius.

aa) Aus der 'Mosella' des Decimus Magnus Ausonius (um 380 n. Chr.).

 [Übersetzung nach W. John, Mosella. Das Mosellied des Ausonius (mit Einfühung und Kommentar, neuberb. von W. Binsfeld und W. Abel), Trier 1980, S. 53 ff.]

 

1 - 28:

Transieram celerem nebuloso flumine Navam

Addita miratus veteri nova moenia Vingo,

Aequavit Latias ubi quondamGallia Cannas

Et nulla humani spectans vestigia cultus

Praetereo arentem sitientibus undique terris

Dumnissum riguasque perenni fonteTabernas

Arvaque Sauromatum nuper metata colonis:

Et tandem primis Belgarum conspicor oris

Noiomagum, divi castra inclita Constantini.

Purior hic campis aer Phoebusque sereno

Lumine purpureum reserat iam sudus Olympum;

Nec jam consertis per mutua vincula ramis

Quaeritur exclusum viridi caligine caelum,

Sed liquidum iubar et rutilam visentibus aethram

Libera perspicui non invidet aura diei.

In speciem tum me patriae cultumque nitentis

Burdigalae blando pepulerunt omnia visu:

Culmina villarum pendentibus edita ripis

Et virides Baccho colles et amoena fluenta

Subter labentis tacito rumore Mosellae.

Salve, amnis laudate agris, laudate colonis,

Dignata imperio debent cui moenia Belgae,

Amnis odorifero iuga vitea consite Baccho,

Consite gramineas, amnis viridissime, ripas!

Naviger ut pelagus, devexas pronus in undas

Vt fluvius, vitreoque lacus imitate profundo

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298 - 319:

Quis potis innumeros cultusque habitusque retexens

Pandere tectonicas per singula praedia formas?

Non hoc spernat opus Gortynius aliger aedis

Conditor Euboicae, casus quem fingere in auro

Conantem Icarios patrii pepulere dolores,

Non Philo Cecropius, non qui laudatus ab hoste

Clara Syracosii traxit certacertamina belli.

Forsan et insignes hominumque operurnque labores

Hic habuit decimo cerebrata volumine Marcei

Hebdornas, hic clari viguere Menecratis artes

Atque Ephesi spectata manus vel in arce Minervae

Ictinus, magico cui noctua perlita fuco

Allicit omne genus volucres perimitque tuendo

Conditor hic forsan fuerit Ptolomaidos aulae

Dinochares, quadro cui in fastigia cono

Surgit et ipsa suas consumit pyramis umbras;

lussus ob incesti qui quondam foedus amoris

Arsinoen Pharii suspendit in aere templi:

Spirat enim tecti testudine chiorus achates

Afflatamque trahit ferrato crine puellam

Hos ergo aut horum similes est credere dignum

Belgarum in terris scaenas posuisse domorurn

Molitos celsas, fluvii decoramina, villas

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382 - 409

Salve, magne parens frugumque virumque, Mosella!

Te dari proceres, te bello exercita pubes,

Aemula te Latiae decorat facundia linguae;

Quin etiam mores et laetum fronte serena

lngenium natura tuis concessit alumnis

Nec sola antiquos ostentat Roma Catones

Aut unus tantum iusti sectator et aequi

Pollet Aristides veteresque illustrat Athenas.

Verum ego quid laxis nimium spatiatus habenis

Victus amore tui praeconia detero? conde,

Musa, chelyn pulsis extremo carmine netis!

Tempus erit, cum me studiis ignobilis oti

Mulcentem curas seniique aprica foventem

Materiae commendet honos, cum facta viritim

Belgarum patriosque canam, decora inclita, mores:

Mollia subtili nebunt mihi carmina filo

Pierides tenuique aptas subtemine telas

Percurrent, dabitur nostris quoque purpura fusis.

Quis mihi tum non dictus erit? memorabo quietos

Agricolas legumque catos fandique potentes,

Praesidium sublime reis; quos curia summos

Municipum vidit proceres propriumque senatum,

Quos praetextati celebris facundia ludi

Contulit ad veteris praeconia Quintiliani,

Quique suas rexere urbes purumque tribunal

Sanguine et innocuas illustravere secures

Aut Italum populos aquiionigenasque Britannos

Praefecturarum tituli tenuere secundo.

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450 - 476:

[Cum me]

Augustus pater et nati, mea maxima cura,

Fascibis Ausoniis decoratum et honore curuli

Mittent emeritae post munera disciplinae,

Latius Arctoi praeconia persequar amnis:

Addam urbes, tacito quas subter laberis alveo,

Moeniaque antiquis te prospectantia muris;

Addam praesidiis dubiarum condita rerum,

Sed modo securis non castra, sed horrea Belgis;

Addam felices ripa ex utraque colonos

Teque inter medios hominumque boumque labores

Stringentem ripas et pinguia culta secantem.

Non tibi se Liger anteferet, non Axona praeceps,

Matrona non, Gallis Belgisque intersita finis,

Santonico refluus non ipse Carantonus aestu.

Concedet gelido Durani de monte volutus

Amnis et auriferum postponet Gallia Tarnen

lnsanumque ruens per saxa rotantia late

In mare purpureum dominae tamen ante Mosellae

Nomine adorato Tarbellicus ibit Aturrus.

Corniger externas celebrande Mosella per oras

Nec solis celebrande locis, ubi fonte superno

Exseris auratum taurinae frontis honorem

Quaque trahis placidos sinuosa per arva meatus

Vel qua Germanis sub portibus ostia solvis:

Si quis honos tenui volet aspirare Camenae,

Perdere si quis in his dignabitur otia Musis,

Ibis in ora hominum laetoque fovebere cantu.

1 -28

Die schnelle Nahe hatt' ich überschritten Nebel lag noch auf der Flut, voll Staunen über die neuen Mauern, die an das alte Bingen angebaut, dort wo Gallien sein Cannae einst erlebte und unbeweint noch liegen hilflose Scharen auf der Flur. Weiter kam ich auf einsamern Weg durch den öden Urwald, und ohne daß ich eine Spur von menschlicher Kultur erblicke, zieh' ich vorbei an Denzen, das wasserlos, wo rings die Fluren dürsten, vorbei an den Tabernen, von einem ewigen Quell bewässert, vorbei an den Feldern, die kürzlich sarmatischen Siedlern vermessen, und endlich erblick' ich zuerst im belgischen Lande Neumagen, des seligen Gonstantin erlauchte Feste. Reiner liegt hier die Luft auf den Feldern, und Phoebus erschließt in heiterem Licht den prächtigen Himmel, jetzt ist verscheucht der Nebel! Und nicht mehr sucht man durch das Astwerk, das sich in dichtem Gewirre verschlingt, nach des Himmels heiterem Blau, verdeckt durch das grünliche Dunkel: nein, schimmernden Glanz und strahlende Helle zu schau'n wehrt nicht die freie Luft des klaren Tags. Da wirkte alles mit schmeichelndem Blick, daß ich wohl glaubte zu sehen die Schönheit und Pracht meiner strahlenden Heimat Bordeaux: die Giebel der Villen, an hangenden Ufern hoch oben gelegen, die Hügel, die von Reben grünen, die lieblichen Fluten der Mosel, die unten mit stillem Gemurmel dahinfließt. Sei mir gegrüßt, du Strom, dich preisen die Triften, dich die, die hier wohnen, dir danken die Belger die Stadt, die würdig befunden der Kaiserplalz! Du Strom, dich umrahmen weintragende Höhn, wo Bacchus läßt reifen schönduftenden Wein, und grünende Ufer umrahmen dich, - du Strom, der ganz in Grün getaucht! Schiffe trägst du wie ein Meer, doch - als ein Strom - läßt abwärts strömen du die Wogen, und in der Tiefe klar wie Glas ahmst du die Seen nach.

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298 - 319:

Wer wäre imstande, die ungezählte Pracht und Anmut entfaltend darzulegen die baulichen Formen an jeglichem Grundstück? Nicht dürfte dieses Werk verachten der Flügel führende Künstler aus Gortyn, der jenen Tempel in Cumae erbaute, er, den der Vaterschmerz zurückhielt bei dem Versuch, im Golde nachzubilden das Unglück seines Sohnes Icarus; und auch nicht Philo aus Athen und auch nicht jener, der vom Feind gepriesen, den berühmten Kampf um Syrakus so in die Länge dehnte. Vielleicht auch hatte hier berühmter Künstler mühevolle Werke aufgeführt die Siebenzahl, die in des Marcus zehntem Buch gefeiert ist, hier wirkte vielleicht des berühmten Menecrates Kunst und jene Künstlerhand, die man in Ephesus bewunderte, vielleicht auch Ictinus, bewundert auf Athenes Burg, er, dessen Eule, die mit zauberhaftem Safte er bestrich, wohl aller Arten Vögel an sich lockt und sie durch ihren bloßen Blick schon tötet. Hier war vielleicht Dinochares, der den Palast von Alexandria erbaute und der in einem quadratischen Kegel zur Spitze hin den Wunderbau der Pyramide sich erheben ließ, die ihren eignen Schatten in sich birgt; der auch einstmals - vom König ward es ihm befohlen wegen der Ehe, die jener in sündhafter Liebe schloß - in dem ägyptischen Tempel das Bildnis der Arsinoe frei in den Lüften schweben ließ: an jener Deckenwölbung atmet nämlich ein Achat von blasser Farbe und zieht das angehauchte Mädchenbildnis an dem Haar von Eisen hoch. - Für diese Meister also, oder wer sonst diesen gleich, wär' es wahrlich keine Schande, im Belgerland den Grund gelegt zu haben zuden Häusern, aufrichtend stolze Villen, die des Flusses Zierden sind.

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382 - 409

Sei mir gegrüßt, o Moselstrom, der Feldfrucht mächtiger Erzeuger, der Männer Vater! Berühmter Adel, kriegserprobte Jugendschar und um die Wette eifernd Redekunst in Latiums Sprache, die zieren dich! Selbst auch feinsittiges Betragen und frohen Geist auf heitrer Stirn hat deinen Pflegekindern die Natur geschenkt; und nicht kann Rom allein sich solcher Männer rühmen, wie es die beiden alten Cato waren. und nicht ein Aristides nur steht Recht und Billigkeit verfechtend da und läßt Athen, die altberühmte Stadt, glanzvoll erstrahlen. Jedoch, wozu laß' ich die losen Zügel allzuweit schon schießen, was quäl' ich mich fürwahr, aus Liebe nur zu dir, mit solchem Lobpreis ab? Leg', Muse, deine Leier hin, nachdem die letzten Saiten im Schlußakkord erklungen sind! Die Zeit wird kommen - wenn ich mit Studien der Muße, fern von allem Ruhm, des Alters Sorgen lindern muß und mich im Sonnenglanz des Alters wärmen werde - dann soll mich ehrenvoller Stoff empfehlen: dann werde ich der Belger große Taten, Mann für Mann, besingen und auch die väterlichen Sitten, des Volkes Ehr' und Zier: sanfte Lieder werden mir mit feinem Garn die Musen weben mit zartem Einschlag werden sie des Aufzugs wohlgefügte Fäden mir durchschießen: dann wird fürwahr auch meinen Spindeln Purpurglanz nicht fehlen. Wer wird von mir dann nicht gepriesen sein? Die stillen Bauern werd' ich rühmen, Gesetzeskundige, der Redekunst Beherrscher, die den Beklagten so erhabnen Schutz bedeuten; sie, die das Rathaus als ihrer Bürger höchsten Adel und ihren eigenen Senat erblicckte; sie, die die weitgefeierte Beredsamkeit der Schule, wo sie noch die Knabentoga mit dem Purpurstreifen trugen, zum Ruhm des alten Quintilian erhob, und jene, die in ihrer Provinzialhauptstadt das Regiment geführt und ihrem Tribunal, vom Blute rein, sowie den Beilen, die keine Schuld zu ahnden hatten, Ruhm und Glanz verschafften oder der Italer Völker und die im Nordsfürm aufgewachsenen Britannier regierten als Stellvertreter der Präfekten.

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450 - 476:

Augustus, er, der Vater mit den Söhnen, sie, denen meine ganze Liebe gilt, ja wenn sie mich mit der Ausonier Consulat und mit kurulischer Würde höchstgeehrt nachhaus entlassen werden, nachdem ich ausgedient in diesem Amte als Erzieher, dann will ich noch in breiterem Maße dem Flusse hier im Norden von dort ein Herold sein. Dazu will ich die Städte rühmen, an denen du tief unten im stillen Bett vorüberziehst, und all die Festen, die mit ihren alten Mauern auf dich schaun; ich will auch die Kastelle rühmen, die hier zum Schutz des Reiches in banger Zeit einst angelegt, - doch jetzt sind's für die Belger, die gar nichts mehr zu fürchten brauchen, nur Speicher noch, nicht mehr Kastelle. Die Siedler will ich dann noch rühmen, die reich auf beiden Ufern wohnen, und wieder dich, die du inmitten von allem, was Menschenhand erschafft und was das Land am Pfluge leistet, die Ufer streifst und diese fetten Fluren teilst. Nicht die Loire wird dir den Vorrang streitig machen, auch nicht die schnelle Aisne, die Marne nicht, die zwischen Gallien und Belgien als Grenzstrom fließt, auch selbst nicht die Charente die in der Meeresbrandung der Saintonge rückwärtswogt. Es wird auch die Dordogne vor dir weichen müssen und Gallien wird den Tarn, der Gold in seinen Fluten führt, erst nach dir zählen können. Und jener auch, der über rollendes Gestein wie rasend weithin stürzt, wird dann erst zu dem purpurfarbnen Meere ziehen, wenn er zuvor dem Namen seiner Herrin, der Mosel, den Ehrengruß entboten hat, er, der Tarbeller-Strom Adour. Gehörnter Moselstrom, dich soll man auch in fernsten Landen rühmen und nicht allein in jenen Gegenden, wo du aus hochgelegnem Quell die goldne Zierde deiner stiergehörnten Stirn erhebst und wo du ruhig deinen Weg dir bahnst, dich schlängelnd durch die Fluren, oder wo am Eingang zum Germanenland du schließlich deine Mündung hast: wenn irgendwelche Ehre bescheidnem Sang sich beigesellen will, wenn jemand es für wert erachten wird, hei dem Gedicht hier seine Mußestunden zu vertreiben, dann wirst du bald durch aller Munde gehn und wirst in frohem Sang gepriesen sein.

 

bb) die Wirtschaftsregion an Mosel und Rhein in römischer Zeit.

Karte der archäologisch festgestellten römischen Siedlungen an Rhein und Mosel.

 Entnommen aus: Charles-Marie Ternes, Römisches Deutschland,. Aspekte seiner Geschichte und Kultur, Reclam-Verlag Stuttgart 1986, S. 273.

 

cc) Trier im 4. Jht. n. Chr.

Karte Triers im 4. Jht. n. Chr.

Entnommen aus: Charles-Marie Ternes, Römisches Deutschland,. Aspekte seiner Geschichte und Kultur, Reclam-Verlag Stuttgart 1986, S. 311.

 

4. Literatur, Medien und Quellen.

M. Austin, P. Vidal-Naquet, Gesellschaft und Wirtschaft im alten Griechenland (wie Literaturverzeichnis).
G. Hölbl, Geschichte des Ptolemäerreiches (wie oben zu 3, b, bb angegeben).
H. Kiepert, Lehrbuch der Alten Geographie (wie Literaturverzeichnis).
F. de Martino, Wirtschaftsgeschichte des alten Rom (wie Literaturverzeichnis).
T. Mommsen, Römische Geschichte, Bd. V: Die Provinzen vonn Caesar bis Diocletian (wie Literaturverzeichnis).
T. Pekary, Die Wirtschaft der griechisch-römischen Antike (wie Literaturverzeichnis).
M. Rostovtzeff, Die hellenistische Welt. Gesellschaft und Wirtschaft, und: M. Rostovtzeff, A Large Estate in the Third Century B. C., und: Wirtschaft und Gesellschaft in der römischen Kaiserzeit (wie Literaturverzeichnis).
M. Schnebel, Die Landwirtschaft im hellenistischen Ägypten (wie Literaturverzeichnis).
C. M. Ternes (wie oben zu 3, d, bb und cc angegeben)
Diercke, Altlas (wie oben zu 3, a, bb angegeben)
Großer Atlas der Weltgeschichte (wie oben zu 3, c, bb angegeben)
dtv-Lexikon der Antike (Kulturgeschichte; wie oben zu 2 angegeben)
O. Schönberger (wie oben zu 3, c, aa angegeben)
E. Schüttrumpf (wie oben zu 3, a, aa angegeben)
W. John, Das Mosellied des Ausonius (wie oben zu 3, c, aa angegeben).
M. Rostovtzeff, A Large Estate in the Third Century B. C., (wie Literaturverzeichnis).


LV Gizewski SS 1997

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)