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5. Kap.: Antike Typen und heutige Modellvorstellungen antiker 'Volkswirtschaften'.

Übersicht:
1. Vorbemerkungen zum Problem einer Typenbildung für antike 'Volkswirtschaften'.
2. 'Tempel'- und 'Staats'-Wirtschaft.
3. 'Oikos-Wirtschaft' und 'antike Marktwirtschaft'.
4. Literatur und Medien.

 

1. Vorbemerkungen zum Problem einer Typenbildung für antike 'Volkswirtschaften'.

Die heutigen Begriffe 'Volkswirtschaft','Volkseinkommen', 'volkswirtschaftliche Gesamtrechnung' gehen auf historische Rahmenbedingungen zurück, in denen sich die sich entwickelnden 'modernen' Staaten der europäischen Neuzeit umfassend-politisch dem Wirtschaften ihrer Staatsvölker unter dem Aspekt sowohl des allgemeinen Wohlstandes als auch unter dem der gesicherten und verbesserten Staatseinkünfte widmeten. Wie früher schon erwähnt, geht die heutige Volkswirtschaftslehre (früher auch 'Politische Ökonomie' oder 'Nationalökonomie' genannt) in wichtigen Elementen (Theorie und Politik der Marktwirtschaft, Theorie und Politik der Staatswirtschaft/Finanzwirtschaft) insbesondere auf den Merkantilismus und die Freihandelslehre der früheren Neuzeit zurück, und das gilt gleichermaßen für die systematisch-wissenschaftlichen Theoriebildungen wie für die nationalen oder globalen politischen Zielsetzungen und Anwendungszusammenhänge der Finanz- und Wirtschaftspolitik moderner Staaten. Dennoch gibt es einerseits auch antike Wurzeln volkswirtschaftlicher Terminologien, Theorien und Anwendungszusammenhänge unserer Zeit (siehe den Begriff 'Ökonomie'). Zum anderen lassen sich in der Antike den heutigen analoge wirtschaftsbezogene Erkenntnisinteressen nachweisen: es läßt sich aus so verschiedenartigen Quellen wie Geschäftsurkunden, Gesetzestexten, philosophischen Texten, und politischen Denkschriften - manchmal direkt, manchmal nur im Schlußverfahren - erkennen oder zumindest plausibel ableiten, wo es Formen systematischer gedanklicher Erfassung wirtschaftlichen Geschehens für einen gegebenen politisch-staatlichen Rahmen gibt, wo es zu Theoriebildungen kommt und wo die Ableitung praktisch-politischer Konsequenzen aus ihnen durch Inhaber wirtschaftlicher Vermögen oder politisch verantwortliche Stellen in der Antike stattfindet.

Eine heutige Beschreibung antiker Zustände muß allerdings konstatieren, daß unserer Zeit systematisch-theoretische Ausführungen über 'überbetriebliche' oder gar 'gesamtstaatliche' Wirtschaftsordnungen der Antike in ausgearbeiteter Form nur in Ansätzen vorliegen; zu den vorhandenen gehören aber immerhin die 'politisch-ökonomische' Philosophie des Aristoteles in seiner 'Politik' (siehe Kap. I: Grundbegriffe und Grundideen) oder die aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. stammende Schrift 'Oikonomika' eines Anonymus ('Pseudo-Aristoteles'), die sich in aristotelischer Tradition mit den 'Haushalten' der Staaten und der Privatleute befaßt und im folgenden auszugsweise zitiert wird.Warum so wenig an 'volkswirtschaftlicher' Theoriebildungen aus der Antike über all das, was sie bereits beobachtete und praktisch in Rechnung stellte, überliefert ist, läßt sich nur schwer erklären. Es dürfte wohl nicht an fehlender Fähigkeit zur systematischer Erkenntnis und auch nicht an fehlender gründlicher Erfahrung mit dem 'volkswirtschaftlichen' Gegenstand gelegen haben.

Doch hat der Mangel an überlieferter Theorie für die Gegenwart zur Folge, daß sie in besonderem Maße darauf angewiesen ist, sich ihre Begriffe von antiken Wirtschaftsordnungen selbst zu bilden. Dabei gibt es zwei Probleme:

1) Die Begriffsbildung erfolgt mehr oder weniger von heute vorhandenen Begriffen für heute vorhandene Phänomene aus, und sie muß, um praktikabel zu bleiben, auch relativ kurze Termini verwenden. Das führt dazu, daß Begriffe wie z. B. 'Volkswirtschaft', 'Sozialprodukt', 'Währung', 'Plan'- oder 'Befehlswirtschaft', 'Zwangswirtschaft', 'Marktwirtschaft' wissenschaftssprachlich auf antike Geschichtsstrukturen angewandt werden. Bleibt beim Leser entsprechender Texte nicht in Erinnerung, daß sich solche modernen Worte in diesem Falle auf Begriffsbildungen beziehen, die aus einer Kenntnis der antiken Quellen hervorgegangen sind und die darin erkennbaren Strukturen zusammenfassen wollen, so kann es zu schweren Mißverständnissen kommen.

2) Die zeitliche und geographische Weitläufigkeit der Alten Geschichte macht zum Zwecke der gedanklichen Ordnung der vielfältigen Phänomene, ihres Vergleichs und ihrer Verknüfung Typenbildungen erforderlich, die im Sinne des historischen Soziologen Max Weber die Funktion von 'Idealtypen' haben. Max Weber hat bei der Bildung dieser Art von Begriffen auch für die Wirtschaftsgeschichte der Antike Bahnbrechendes geleistet, so etwa in seinem Aufsatz "Agrarverhältnisse im Altertum" (1896; abgedruckt in: Marianne Weber [Hg.], Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte, [1926], Tübingen 1988 2 , S. 1 - 288). Vor der Notwendigkeit der Typenbildung stehen aber auch die anderen schulbildenden Autoren der antiken Wirtschaftsgeschichte wie etwa F. Heichelheim, M. Rostovtzeff oder M. I. Finley). Bei der Anwendung von Typen-Begriffen ist stets in Erinnerung zu behalten, daß sie nur in einem weiteren, nicht aber in einem strengen Sinne Begriffe sind, weil sie bestimmte Wesenselemente des an sich zu definierenden Gegenstandes offen lassen und gerade offen lassen wollen.

Pseudo-Aristoteles, Oikonomika 2, 1-6.

Wer auf gebührende Weise wirtschaften (oikonomein) will, muß die Orte kennen, wo er tätig wird, muß von Natur aus begabt sein sowie aus eigenem Antrieb keine Mühen scheuen und gerecht sein. Wenn ihm von diesen Eigenschaften etwas fehlt, wird er in den Vorhaben, die er in die Hand nimmt, viele Fehler machen.

Es gibt vier Arten von Wirtschaft (oikonomia) , die im großen und ganzen folgendermaßen unterteilt werden (denn wir werden finden, daß die anderen in diese Arten mit hineinfallen): die des Großkönigs, die der Satrapen, die der Stadt und die des Privatmannes. Von diesen Arten ist die umfangreichste und die einfachste die des Großkönigs, (die umfangreichste und schwierigste die des Satrapen), die vielseitigste und leichteste die der Stadt, die kleinste und vielseitigste die des Privatmannes. Notwendigerweise haben sie vieles miteinander gemein. Was aber eine jede von ihnen am meisten auszeichnet, das müssen wir untersuchen.

Zuerst nun wollen wir die königliche Wirtschaft untersuchen. Sie meint zwar das Ganze, doch hat sie vier Aspekte: den, bei dem es um das Münzgeld geht, den der Ausfuhr, den der Einfuhr und den der Ausgaben. Zu iedem dieser Aspekte will ich folgendes sagen: Beim Münzgeld besteht die Frage, wieviel und wann es geprägt werden soll, ob von hohem oder niedrigem Wert; bei Ausfuhr und Einfuhr, wann man etwas, das man von den Satrapen im Rahmen der Beiträge bekommen hat, mit Gewinn losschlägt, und was davon; bei den Ausgaben, welche man zurückstellen soll und wann, und ob man Münzgeld für die Aufwendungen geben soll oder statt Münzgeld Waren.

Zweitens die Wirtschaft des Satrapen. Sie verfügt über sechs Arten der Einkünfte (aus Landwirtschaft, aus den besonderen Produkten im Lande, aus dem Handel, den Zöllen, aus Viehhaltung und aus übrigen Quellen). Von diesen sind die erste und wichtigste Art die Einkünfte aus Grund und Boden; das sind die, die einige die Naturalabgaben nennen, andere den Zehnten. An zweiter Stelle kommen die Einkünfte aus den besonderen Produkten, hier Gold, dort Silber und Kupfer, oder was sonst noch gewonnen werden kann. Drittens die Einkünfte aus den Handelshäfen. Viertens die Einkünfte aus den Wegezöllen und Marktgebühren. Fünftens die Einkünfte aus der Viehhaltung, die 'epikarpia' oder Zehnter genannt werden. Sechstens die Einkünfte aus Steuern auf die Person, die Kopfsteuer oder Handwerkersteuer genannt werden.

Die dritte Form der Wirtschaft ist die der Stadt. Deren wichtigste Einkünfte sind die aus den besonderen Produkten im Lande. Dann kommen die aus den Hafengebühren und Transitzöllen. Schließlich die aus den übrigen Abgaben.

Die vierte und letzte Form der Wirtschaft ist die des Privatmannes. Sie ist uneinheitlich, weil sie nicht auf ein einziges Ziel hin wirtschaften muß, und sie ist die geringste, weil Einkünfte und Ausgaben unbedeutend sind. Ihre wichtigsten Einkünfte sind die aus der Landwirtschaft. Als zweites kommen die Einkünfte aus dem anderen, dem beweglichen Besitz, drittens die Einkünfte aus Geldvermögen. Im übrigen gilt für diese am meisten, was allen Arten von Wirtschaft gemein ist (und nicht als nebensächlich angesehen werden darf), daß nämlich die Ausgaben die Einkünfte nicht übersteigen dürfen.

 

[Übersetzung in Anlehnung an: M. Austin, P. Vidal-Naquet, Gesellschaft und Wirtschaft im alten Griechenland, München 1984, S. 148 f.]

 

Der staatliche und zugleich staatsvolkbezogene Ausgangsrahmen für gesamtwirtschaftliche Modellbildungen in der Antike ist in drei historischen Konstellationenstypen antiker Staatlichkeit fast notwendig angelegt. Von Typen zu sprechen, heißt vorauszusetzen, daß es sich - wie erwähnt - um eine gedankliche Isolierung von Formelementen handelt, die in der historischen Wirklichkeit - etwa Ägyptens, Mesopotamiens Griechenlands oder Roms - in verschiedenartiger Komposition und in ständiger Veränderung über die Epochen der Antike hin auftreten. Es kann sich handeln um

Für all diese Typen, die in konkreten historischen Phänomenen Ägyptens, Mesopotamiens oder der Mittelmeerküsten auffällig hervortreten, lassen sich Beispiele wirtschaftlicher Modellkonzepte für ihren jeweiligen Einflußbereich finden. Diese Modellvorstellungen sind vorauszusetzen und öfters auch belegbar

Es gibt aber auch Konstellationen politischer Systembildung in der Antike, die einer gesamtwirtschaftlichen Denkweise von ihrer Anlage her eher indifferent gegenüberstehen.

Dazu gehört einmal der Typus im engeren Sinne vor-staatlicher Machtverhältnisse in Stammenbildungen und Völkerschaften, welche politisch-zentrale Institutionen nur für bestimmte Bereiche und Sonderfälle, d. h. nur ansatzweise und partiell aufweisen. In ihnen kommt den Basisorganisationen der sozialen Nahverhältnisse (Sippen, Dorfggemeinschaften, lokalen Gemeinschaften) auch in wirtschaftlicher Hinsicht eine besondere Rolle bei der sozusagen naturwüchsigen Organisation des zumeist bäuerlich-ländlichen Wirtschaftslebens zu. Gesamtkonzepte sind in einem solchen Rahmen nicht denkbar. Siehe dazu das Exempel 2 A, einen Textauszug aus der 'Germania' des Tacitus.

Ein anderer Typus hat ähnliche Wirkungen, der des 'dynastischen Herrschaftsstaates'. Dieser entwickelt sich - typischweise - aus dem privaten Haushalt (oikos) eines vornehmen Machthabers und breitet sich von da aus im Wege des extraordinären Machtzugewinns in die politische Sphäre aus, ohne von seinem Ansatz her notwendigerweise an ihrer ganzen Extension ein Regulierungsinteresse zu haben; das gilt auch für das Wirtschaften der seiner Herrschaft Unterworfenen: die Herrschaftsinteressen bedienen sich seiner zwar, beuten es ggf. auch aus und wehren Widerstände dagegen ab, sehen aber für Gesamtregelungen keine Notwendigkeit. Doch kann sich der 'dynastische Herrschaftsstaat' zu einem 'patrimonialen Herrschaftsverband' mit starken 'bürokratischen' Formelementen (M. Weber) entwickeln, bei dem die gesamte Sphäre der Politik als Verfügungsbereich des Dynasten akzeptiert wird und dann teilweise Züge eines hoheitlich-gesetzgeberischen Subjektionsstaates - auch im Hinblick auf die Regulierung des Wirtschaftens - annehmen muß.

Als Basisstruktur des Wirtschaftens kann man in allen Systemtypen der Antike den wissenschaftssprachlich als 'Oikos' (äquivalent mit dem römischen 'familia'-Begriff) bezeichneten organisatorischen Kleinverband ansehen, der überall mit gewisser Eigenkompetenz Aufgaben der Produktion und Versorgung der ihm angehörenden Menschen regelt. Je nach der Existenz übergeordneter Politik- und umfassender regulierender Wirtschaftseinrichtungen ist die organisatorische Bedeutung und Selbständigkeit der Oikos-Einheiten im Rahmen der Gesamtordnung des Wirtschaftens effektiv größer oder kleiner. Dort, wo ihnen eine eigene Wirkungssphäre von selbst zukommt oder ausdrücklich eingeräumt ist - wie in 'naturwüchsigen' Machtverhältnissen und dynastischen Herrschaftsstaaten einerseits und in den einen privaten Sektor von einer öffentlichen Sphäre trennenden Bürger-Staaten andrerseits - ist ihre Bedeutung relativ groß - auch bei der Organisation großräumiger Wirtschaftsprozesse. Zur Veranschaulichung des 'Oikos'- bzw. des 'familia'-Begriffs dienen die unten zitierten Exempel 2 B und 2 C aus Hesiods Gedicht 'Werke und Tage' und aus den Digesten Justinians.

Diese Selbständigkeit ist die Voraussetzung für die Bildung eines antiken Typs von 'Marktwirtschaft', wie er in Exempel 2 D - einem Textauszug aus Aristoteles' Schift 'Politik' - Ausdruck findet. Innerhalb dieses Typs besteht für die wirtschaftenden Subjekte, die 'kapeloi'-Unternehmer, ebenfalls ein Zwang zur Gedanken-Modellbildung über wirtschaftliches Geschehen, z. B. über Preisbewegungen, Währungsveränderungen oder Kapitalbildungsfaktoren. So steht etwa hinter den 'ökonomie'-bezogenen Passagen in der 'Politik' des Aristotleles (siehe Kap. I: Grundbegriffe und Grundideen ) erkennbar, wenn auch nicht detailliert entfaltet, eine Theorie von der notwendigen Gewinnmaximierungstendenz des Kaufmannskapitals. Oder in der oben zitierten Schrif 'Oikonomika' wird ein Gliederungskonzept antiker 'Finanzwissenschaft', ein wenig schon im Sinne der heutigen Systematik der Volkswirtschaftslehre, vorgelegt. Oder Plinius d. Ä. formuliert im 33. Buch seiner 'Naturalis Historia' im Zusammenhang mit seinen Ausführungen über Gold und Silber das später - in der Neuzeit - nachgewiesene Gresham'sche Gesetz über die Verdrängung der 'besseren' durch die 'schlechteren' Münzsorten, wenn diese in einem bestimmten staatlichen Bereich nebeneinander anerkannt sind. Viele antike Autoren, wie z. B. Cato d. Ä.in sener Schrift 'De agricultura' (siehe Kap. IV: Verkehrsgemeinschaften der Antike) schreiben im übrigen über die Rentabiltät von Landwirtschaftsgütern und anderen wirtschaftsbetrieblichen Unternehmungen und damit zumindest im Ansatz stets auch über deren für sie wichtige und erkennbare überbetriebliche Rahmenbedingungen. Staatliche Preisedikte wie z. B. das Höchstpreisedikt Diokletians (siehe Kap. III: Typische Produktions- und Verteilungsformen) sind ohne zusammenhängende Hintergrundskonzepte über großräumige marktwirtschaftliche Prozesse im gesamten Reich, für das sie in Geltung gesetzt werden, nicht denkbar.

Die nachfolgenden Beispiele sollen die Typen 'volkswirtschaftlicher' Ordnung in der Antike illustrieren, indem sie deren charakteristischen Äußerungen in bestimmten Quellentexten nachgeht. Zu diesen Quellen sollen hier hier nur einige Bemerkungen gemacht werden, die den Grund der Zitate im vorliegenden Zusammenhang erklären.

1 A. Im Wilbour-Papyrus spiegelt sich die Boden- und Steuerordnung des Alten Ägypten in der Epoche seines 'Neuen Reiches' (20. Dynastie). Ein Großteil der Vorsteher der großen steuerpflichtigen Landbezirke, in die das ganze Reich eingeteilt ist, sind 'Propheten' (nach der Übersetzung Gardiners), d. h. leitende Priester für Tempelbezirke, nur ein kleinerer sind Hofbeamte des Pharao. Als nachgeordnete Bewirtschafter von Pharaonenland erscheinen in größerer Zahl Soldaten und Privatpersonen verschiedener Stände (die ganze Klasse und Masse abhängiger Landbearbeiter und Kleinpächter erscheint in der Aufstellung gar nicht). Auch die Herrschaftsstellung des Pharao als Oberherrn des gesamten 'Khato'-Landes und Empfängers von Steuerabgaben aus diesem hat eine im wesentlichen religiöse Legitimation. Hohe Staatsämter und hohe Priesterämter werden von einer und derselben gesellschaftlichen Oberschicht wahrgenommen. Man kann insoweit von einer 'hierokratischen' Herrschaftssordnung (M. Weber) sprechen, die sich in starkem Maße der religiösen Zentren (Tempel verschiedener Götter) auch als organisatorischer Zentren für ihre Besteuerungs- und weitere öffentliche Aufagen bedient. Es handelt sich zwar um eine historische Momentaufnahme einer Zeit, der eine Epoche reiner Priesterherrschaft über das Reich nachfolgt. Dennoch gilt auch für andere Epochen der altägyptischen Geschichte, daß sich - in jeweils ändernden Machtverhältnissen - hierokratische und zentral-administrative Elemente im staatlichen Aufbau eng verbinden, wobei die Tempel als Organisationselemente - auch der Wirtschaft - stets eine bedeutende Rolle spielen. Dies Prinzip findet sich auch an anderen Stellen der antiken Geschichte, z. B. in den frühen sumerischen Stadtstaaten ('Priesterkönige') oder im israelitischen Volke des Alten Testaments ('Richter' - 'Propheten', Jerusalemer Tempel, Priester und Leviten), in auffälliger Weise.

I B. Der Codex Hammurabi markiert eine neue Epoche in der alten mesopotamischen Geschichte, in der seit dem Ende des3. Jahrtausends v. Chr. größere Reichsbildungen an die Stelle der älteren, zumindest inn starkem Maße hierokratisch aufgebauten Stadtstaaten treten. Zwar beruft sich die Gesetzgebung des staatlichen Gewalthabers auch auf einen göttlichen Auftrag, wie vor allem die Bildsprache der Hammurabi-Stele, die Präambel und der Epilog ihres Textes deutlich machen, aber nicht Tempel-, sondern Palastadministration, Militärbedienstete, öffentliche Landpächter und öffentliche Berufs-, Handelsverkehrs- und Preisregelungen stehen im Mittelpunkt der Gesetzesvorschriften, und diese sind deutlich als Festsetzung und Richterspruch des Königs formuliert. Diese Gesetzesregeln sind ferner 'umfassend', d. h. auch für alle aus ihrer Sicht wichtigen Bereiche des Wirtschaftens, konzipiert. In gewissem Umfang setzt dieser Typus dabei auch 'freie' Bereiche des Wirtschaftens, so etwa im 'Außenhandel', voraus; doch ist dies in den Regelungen selbst peripher. Auch dieser Typus der Wirtschaftsregulierung, die früher u. a. wissenschaftssprachlich gelegentlich als 'asiatische Produktionsweise' (K. Marx/F. Engels) bezeichnet wurde, findet sich in früheren und späteren Epochen der vorderorientalischen Geschichte wieder. In der griechischen und römischen Geschichte treten sie dagegen eher nur in Mischformen auf, so etwa dort, wo der Staat für sein ganzen Gebiet Kodifikationen, Steuerordnungen oder Preisregulierungen in Geltung setzt, wie im spätantiken römischen Kaiserreich.

2 A. Die Abwesenheit einer staatlichen Zentralgewalt im engeren politischen Sinne und die korrespondierende Bedeutung der kleineren sozialen Nahverhältnisse, auch für die Gesamtordnung des bäuerlichen Wirtschaftens bei 'barbarischen'Völkern, soll der 'Germania'-Text verdeutlichen. Von Interesse sind dabei Bebachtungen des Tacitus über die relativ geringe Bedeutung von Geld, Gold und Silber in diesem Rahmen des Wirtschaftens oder über das Fehlen von Städten.

2 B. Der archaische griechische 'Oikos' - als persönlich-individuell von dessen Haushals-Vorstand verantwortete Sphäre der wirtschaftlichen Arbeit - abseits städtischen Lebens, in bäuerlich-ländlicher, staatlichen Zugriffen nur selten ausgesetzten Umgebung - ergibt sich plastisch aus der Arbeits- und Eigenverantwortungsmoral des Hesiodischen Lehrgedichts 'Werke und Tage'. Was das 'wirtschaftende Individuum' aus sozialer Rücksicht und aus Eigeninteresse zu befolgen hat, macht zugleich den 'Kompetenzbereich' des privaten 'oikonomos' im Sinne der aristotelischen Definition (siehe Kap. I: Grundbegriffe und Grundideen ) deutlich.

2 C. Der römisch-rechtliche 'familia'-Begriff, wie ihn die Digesten unter Übernahme eines Zitats des römischen Juristen Ulpian definieren, läßt die verwandtschaftlichen, die vermögensrechtlichen und die personenrechtlichen - einschließlich der sklavenrechtlichen - Aspekte der römisch-rechtlichen Privatsphäre erkennen.

2 D. Die Trennung des öffentlichen Lebens in eine eine politisch-religiöse ('agora eleuthera') und in eine händlerisch-gewerbliche Späre ('agora anagkaia') im Textauszug aus der Aristoltes-Schift 'Politik' (7. Buch) macht das Nebeneinander verschiedener konstitutiver Interessen im antiken 'Bürger- und Handels-Stadtstaat deutlich, als welchen man u. a. Athen - ebenso wie auch Karthago oder Rom in bestimmten Epochen ihrer Geschichte - begreifen kann. Der 'Markt für die Geschäfte' ist dabei der physische ebenso wie der abstrakte Markt im Sinne heutiger wirtschaftswissenschaftlicher Begriffsbildung für marktiwirtschaftliche Vorgänge, also der Ort, an dem sich der Handel betätigt und - bei größeren Geschäften - auch ein privates 'Handelskapital' antiker Art bildet. Handelstätigkeit wird sowohl von Aristoteles als auch von Xenophon in seiner Schrift 'Wege' (siehe Kap. IV: Verkehrsgemeinschaften der Antike) als essentiell für den Bestand des Stadtstaates eingeschätzt. Wir haben hier also einen Typus antiken gesamtmarktwirtschaftlichen Denkens, zumindest auf der Ebene eines Staatswesens, vor uns.

 

2. 'Tempel'- und 'Staats'-Wirtschaft.

A.Beispiel: Landesweite staatliche Steuererhebung und Tempelwirtschaft im Neuen Reich des Alten Ägypten.

(Die zu a) bis d) folgenden Aufstellungen, Abbildungen und übersetzten Textauszüge, sind - unter Anpassung an die graphischen Einschränkungen einer Wiedergabe im WWW - entnommen aus: The Wilbour-Papyrus, ed. by Alan H. Gardiner, 4. Bände (I: Plates, II: Commentary, III: Translation, IV: Index) Oxford University Press 1941 - 1952. Aus Bd. 1: Nr. 84 und 85. Aus Bd. 2: S. 36 - 39 und die Karte Ägyptens)

a) Feststellung steuerpflichtiger Landeinheiten und ihrer Steuerabgaben in Getreide für ganz Ägypten während einer mehrwöchigen Veranlagungsaktion im 5. Regierungsjahr des Pharao Ramses V. (20. Dynastie, um 1100 v. Chr.) - Textauszug aus dem Wilbour-Papyrus, ed. Gardiner.

 
........................
 
 § 82 The Mansion of [Rac]messe-miamun, Beloved like Ptah.
Measurement made to the east of the Village of Merek
Field for [horses] (which) tthe stable-master Penhasi (named) .5. 1, mc. 1 2/4
 
§ 83 The House of [Rac]messe-miamun, [Repeater of Sed-3 ]festivals in the House of Re.
Measurement made to the south-east of Pi-Medjwe.
The [stable-]master Piu .5.1, mc. 1 2/4
The soldier Beknamun .3 ar. . 1/2, mc. 1 2/4
The soldier Nebanyeb .3 ar. . 1/2, mc. 1 1/1
The [stable-]master Anherrekh .5.1, mc. I 2/4
 
§ 84 The Landing-Place of Pharaoh in Hardai.
Measurement made to the south of P-ma:
The lady Hathor, together with his (sic) brethren .3 ar. . 1/2, mc. I 2/4
Apportioned for Suchus of P-ma, (cultivated) by the hand of Höri 10.2 1 2 AR., mc. 1 2/4
The charioteer Pra(hi)wenmaf, (cultivated) by the hand of the cultivator Amenemope .20 ¬ 5. 1/2 mc. 1 2/4
The lady Tkamen .5. ~ mc.1 2/4
The lady Redy(?}suset .5. , mc. 1 2/4
The herdsrnan Set(em)hab .5. 1/2, mc. 1 2/4
The bee-keeper Pkhore .5. 1/2, mc. 1 2/4
The retainer Nakhthikopahef .5. 1/2, mc. 1 2/4
The stable-master Kenhikhopshef .5. 1/2 mc. 1 2/4
The bee-keeper Ptahmose .5. 1/2 , mc. 1 2/4
The slave Shedemdei 3 ar. . 1/2, mc. 1 2/4
Measurement made to the east of theVillage of the Soldiers:
The lady Tiu .3 ar. . 1/2, mc. 12/4
The stable-master Kenkihopshef .5. 1/2, mc. 1 2/4
Apportioned for ..... p(?)...... . . . .5. 1/2, mc. 1 2/4
The soldier Tjatj .3 ar. . 1/2, mc. 1 2/4
The priest Amenhotpe .3 ar. it was not seen (?)
The lady Mutemope 3 ar. .1/2, mc. 12/4
Measurement made to the south-east of the Village of Webkhe:
The priest Set(hi)wenmaf .5.1/4 [mc. 1 2/4],
The stable-master Yahmay .5. [1/4(?)mc.]1 2/4
The Iady Twershedsu 5 it was [not] seen (?)
The lady Twerhati 3.3 ar. [______ ].
The lady Toshedsu .5 ______.
The stable-master Usihe .5 1/2 [mc.] 1 2/4
The priest Bensuemope .5 being dry
The bes-keeper Ptunero 5 ______.
Measurement made to the West of the Village of the Soldiers:
The lady Tyo 5 it was not seen (?)
Measurment made to the east of Pi-Medjwe:
36, 15 The stable-master Sebkkha .5.1, mc. 1 2/4
Measurement made in the Rapid of...................
The charioteer Pwaamun ...... ¬ 5.1, mc. 1 2/4
Measurement made in the basin (?) (hnm) south of the [Village] of Weben
The lady Hathor .1.. 1/2, mc. 1 2/4
The stable-master Piu .5 [.] 1/2, mc. 1 2/4
Measurement made to the north of the Village of Inroyshes:
The head of the cow-stable Benenka, together with his brethren .5 [.] 1/2, mc. 1 2/4
The lady Tsike, together with her brethren 5 [.] 1/2, mc. 1 2/4
The lady Ese, together with her brethren . . . 1/2 mc. 1 2/45
The lady Tadera[towe] .5. ~1/2, mc. 1 2/4
The soldier Hadnufe [.5]. 1/2, mc. 1 2/4
 
§ 85 The Landing-Place Pharaoh (in) the Keep of Onayna.
Measurement made to the north of H-sahto:
The priest Setmose .3 ar ....., mc. 1 2/4
The charioteer Roma .10..., mc. 1 2/[4]
Measurement made in the ......of the Rapid:
The First Prophet of Amen-Re, King of the Gods, Ramessenakhte, (cultivated) [by the hand of] the scribe May .10 ¬ 5. 1/4, mc. 1 2/4

 

b) Der Textauszug im hieratischen Schriftbild:

Photographie aus dem Wilbour-Papyrus.

Fundstelle w. o, vor a).

 

c) Aufstellung (nach A. H. Gardiner): Propheten, die im Wilbour-Papyrus benannt sind:

 Name / God and Locality
Amenemope / unknown
Amenenuia / Suchus the Shedtite (in Crocodilopolis)
Amenkha / Sunshade which is in She
Amenmaniu / unknown
Amenope / Seth of Su
Anherrekh / (Hathor), Lady ofAphroditopolis
Ankhat /Amun Lord of Thrones of the Two Lands
Harmose / Ptah
Henufe / Sunshade which is in She
Hori (1) / Suchus thc Shedtite (in Crocodilopolis)
(2) / Amun, Lord of Thrones of the Two Lands, in the Backland
(3) / Amun Mui-Khant
(4) / Hathor, Lady of Akhwey
(5) / Anti (in U-Anti)
(6) / Anubis of Harsperu [= Hardai]
(7) / Temple of Ramesse-miamun in P-tjesy-Hu
(8) / Suchus (Sebk-Re) of Anasha
Huy / (1) Amun, Lord of Return?
(2) / Osiris KhantAru
(3) / Seth of Spermeru
Kaha / Sunshade of Heracleopolis
Kanufe / Bata of Sakö
Karo / Sunshade of the Keep of Onayna
Kenyamun / Amun Tjayef (Tjayna)
Khaemtir / (?)
Khaemwese / Ptah, the Great, South of HisWall
Mahu Amun of the Harbour
Manenufe / Amun Founder of the Earth (in Ope)
Marye / Amun of Pi-On
Merybarse (1) / Nephthys of Spermeru
Merybarse (2), Overseer of Prophets / (?)
Merytum / Re-Harakhti (in Heliopolis)
Nata / Seth of Spermeru
Nebnufe /Amun of Mertum
Neferkahu / Sunshade which is in Hericleopolis
Nufe / Arsaphes of Heradceopolis
Penhasi (1) / Mont in the Village of Inroyshes
(2) / Amun Foreteller of Victory (in Sako)
Penpmer / Nephthys (of Spermeru)
Pentwere / Temple of Ramesse-miamun Beloved of hin Arrny
Piu / Suchus (of Anasha)
Ponpor / Suchus (of a Fayyum Town)
Pratemhab / Amun of the Island, which in in The Houses of the God
Pshedu / Amun Overthrower of His Attacker
Psiur / unknown
Ptahmose / Suchus (Sebk-Re) of Anasha
Ramessenakhte (1) / Amun King of the Gotin (of Karnak)
Ramessenakhte (2) / Horus of H-nesu
Ramesseusikhopshef / Suchus Shedti (of Crocodilopolis)
Sebkhotpe / (Arsaphes of Heradleopolis?)
Sebkmose / (Suchus Shedti of Crocodilopolis?)
Siedjo / Buto of Pi-Edjo
Sunero / Suchus the Shedtite of Crocodilopolis
Wennofre (1) / Seth of Pi-Wayna, also of Bast
(2) / Anti of U-Anti
Name unknown, Setem-priest/ The Mansion of Ramesse-miamun (in Medinet Habu).

 

d) Im Wilbour-Papyrus erwähnte Khato-Land- und Tempel-Bezirke:

Khato-Land- und Tempelbezirke nach dem Wilbour-Papyrus (Zusammenfassende Karte).

Fundstelle w. o, vor a).

 

B. BEISPIEL: Palast-, Tempel- und Marktwirtschaft nebeneinander in den umfassenden Gesetzesregeln des Codex Hammurabi (im 18. Jht. v. Chr.).

a) Textausüge

[Übersetzung entnommen aus: O. Kaiser, R. Borger u. a. (Hg.), Texte aus der Umwelt des Alten Testaments. Bd. I: Rechts- und Wirtschaftsurkunden. Historisch-chronologische Texte, Gütersloh 1985, S. 39 - 80]

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6 Wenn ein Bürger Eigentum eines Gottes oder des Palastes stiehlt, so wird dieser Bürger getötet; auch wer Diebesgut aus seiner Hand annimmt, wird getötet.

7 Wenn ein Bürger Silber, Gold, einen Sklaven, eine Sklavin, ein Rind, ein Schaf, einen Esel oder was auch immer aus der Hand eines Bürgers oder eines Sklaven eines Bürgers ohne Zeugen und vertragliche Abmachungen kauft oder in Verwahrung nimmt, so gilt dieser Bürger als Dieb, er wird getötet.

8 Wenn ein Bürger ein Rind, ein Schaf, einen Esel, ein Schwein oder ein Schiff stiehlt, so muß er, wenn es Eigentum eines Gottes oder des Palastes ist, es dreißigfach hingeben,wenn es Eigentum eines Palasthörigen ist, so muß er es zehnfach ersetzen; wenn der Dieb nichts zu geben hat, wird er getötet.

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28 Wenn ein Soldat oder ein "Fänger", der beim Festungsdienst für den König in Kriegsgefangenschafi geraten ist, einen Sohn hat, der imstande ist, seine Lehnspflicht zu erfüllen, so sollen Feld und Baumgarten diesem gegeben werden, und er soll die Lehnspflicht seines Vaters erfüllen.

29 Wenn sein Sohn noch klein ist und nicht imstande ist, die Lehnspflicht seines Vaters zu erfüllen, so soll ein Drittel des Feldes und des Baumgartens seiner Mutter gegeben werden, und seine Mutter soll ihn großziehen.

30 Wenn ein Soldat oder ein "Fänger" sein Feld, seinen Baumgarten oder sein Haus angesichts (der Schwere) der Lehnspflicht aufgibt und sich entfernt, ein anderer nach seinem Weggehen sein Feld, seinen Baumgarten oder sein Haus übernimmt und drei Jahre seine Lehnspflicht erfüllt, so soll es, wenn er zurückkehrt und sein Feld, seinen Obstgarten und sein Haus ver/angt, ihm nicht gegeben werden; derjenige, der es übernommen hat und seine Lehnspflicht erfüllt hat, der soll (auch weiterhin seine Lehnspflicht) erfüllen.

31 Wenn er sich nur ein Jahr fernhält und dann zurückkehrt, sollen sein Feld, sein Obstgarten und sein Haus ihm zurückgegeben werden, und er soll selbst seine Lehnspflicht (wieder) erfüllen.

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73 Wenn ein Kaufmann Getreide oder Geld auf Zinsen gibt und, wenn er es auf Zinsen gibt, das Geld mit zu kleinem Gewichtsstein bzw. das Getreide mit zu kleinem Meßgefäß hingibt, bei der Rücknahme das Geld mit [zu großem] Gewichtsstein bzw. das Getreide [mit zu großem Meßgefäß] zurücknimmt, so geht [der Kaufmann] all dessen, [was er gegeben hat] verlustig.

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75 Wenn ein Bürger Getreide oder Geld von einem Kaufmann entliehen hat, aber kein Getreide oder Geld zum Zurückzahlen hat, wohl aber Habe hat, so soll er alles, was sich in seiner Hand befindet, vor Zeugen, (die bestätigen können,) daß er (es) bringt, seinem Kaufmann geben; der Kaufmann soll keine Schwierigkeiten machen, sondern es (ohne weiteres) annehmen.

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77 Wenn ein Bürger einem (anderen) Bürger Geld als Gesellschaftseinlage gibt, so sollen sie den Gewinn oder den Verlust, der entstanden ist, vor (einem/dem) Gott zu gleichen Teilen teilen.

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100 Wenn ein Kaufmann einem Handlungsgehilfen Geld zu Handelszwecken gibt und ihn auf Reisen schickt, der Handlungsgehilfe unterwegs wenn er, wo er gegangen ist, [Gewinn] erzielt, so soll er all das Geld, das er eingenommen hat, buchen, seine Tage zählena und seinen Kaufmann bezahlen.

101 Wenn er, wo er gegangen ist, keinen Gewinn erzielt, so soll der Handlungsgehilfe das Geld, das er erhalten hat, doppelt ,dem Kaufmann geben.

102 Wenn ein Kaufmann einem Handlungsgehilfen Geld als Geschäftsreisevorschuß gibt und dieser, wo er gegangen ist, Verlust erleidet, so soll er das Kapital dem Kaufmann zurückgeben.

103 Wenn unterwegs ein Feind ihn alles, was er trägt, verlieren läßt, so soll der Handlungsgehilfe hei (einem/dem) Gott schwören und frei ausgehen.

104 Wenn ein Kaufmann einem Handlungsgehilfen Getreide,Wolle, Öl oder irgendwelche Habe zum Verkauf gibt, so soll der Handlungsgehilfe das Geld buchen und dem Kaufmann zurückgeben; der Handlungsgehilfe soll eine gesiegelte Urkunde über das Geld, das er dem Kaufmann gibt, erhalten.

105 Wenn der Handlungsgehilfe sich nachlässigerweise keine gesiegelte Urkunde über das Geld, das er dem Kaufmann gegeben hat, hat geben lassen, so wird das nicht durch eine gesiegelte Urkunde quittierte Geld nicht auf die Abrechnung gesetzt.

106 Wenn ein Handlungsgehilfe Geld von einem Kaufmann er-halten hat, aber das seinem Kaufmann ableugnet, so soll dieser Kaufmann vor (einem/dem) Gott und vor Zeugen nachweisen, daß der Handlungsgehilfe Geld erhalten hat, und der Handlungsgehilfe soll all das Geld, das er erhalten hat, dreifach dem Kaufmann geben.

107 Wenn ein Kaufmann einem Handlungsgehilfen Geld anvertraut hat und der Handlungsgehilfe alles, was der Kaufmann ihm gegeben hat, seinem Kaufmann zurückgibt, der Kaufmann jedoch alles, was der Handlungsgehilfe ihm gegeben hat, diesem ableugnet, so soll dieser Handlungsgehilfe vor (einem/dem) Gott und vor Zeugen den Kaufmann überführen; der Kaufmann soll, weil er es seinem Handlungsgehilfen ,abgeleugnet hat, alles, was er erhalten hat, sechsfach dem Handlungsgehilfen geben.

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268 Wenn ein Bürger ein Rind zum Dreschen mietet,so beträgt die Miete dafür zwei Liter Getreide.

269 Wenn er einen Esel zum Dreschen mietet, so beträgt die Miete dafür ein Liter Getreide.

270 Wenn er einen Bock zum Dreschen mietet, so beträgt die Miete dafür ein Liter Getreide.

271 Wenn ein Bürger Rinder, einen Lastwagen und dessen Führer mietet, so soll er pro Tag drei Scheffel Getreide geben.

272 Wenn ein Bürger allein einen Lastwagen mietet, so soll er pro Tag vier Liter Getreide geben.

273 Wenn ein Bürger einen Mietling mietet, so soll er ihm vom Jahresanfang bis zum fünften Monat pro Tag sechs Gran Silber geben; vom sechsten Monat bis zum Jahresende soll er ihm pro Tag fünf Gran Silber geben.

274 Wenn ein Bürger einen Handwerker mieten will, so soll er pro Tag als Miete eines ...... fünf Gran Silber geben; als Miete eines Textilherstellers fünf Gran Silber; [als Miete] eines Leinewebers [x Gran] Silber; [als Miete] eines Siegelschneiders[x Gran] Silber; [als Miete] eines Bogenmachers [x Gran] Silber; [als Miete] eines Schmiedes [x Gran] Silber; [als Miete] eines Zimmermannsvier Gran Silber; a1s Miete eines Lederbearbeiters [x] Gran Silber; als Miete eines Rohrmattenflechters [x] Gran Silber; [als Miete] eines Baumeisters [x Gran] Silber.

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277 Wenn ein Bürger ein Schiff von sechzig Kor mietet, so soll er pro Tag ein sechstel (Scheqel) als seine Miete geben.

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Epilog

(Dies sind) die gerechten Richtersprüche, die Hammurapi, der tüchtige König, festgesetzt hat, (wodurch) er dem Lande feste Sitte und gute Führung angedeihen ließ. Ich Hammurapi, der vollkommene König, für die "Schwarzköpfigen", die Enlil mir geschenkt hat, deren Hirtenschaft Marduk mir gegeben hat, wurde ich nicht säumig und legte meine Hände nicht in den Schoß. Sichere Stätten suchte ich immer für sie, schwierige Engpässe überwand ich, Licht ließ ich über sie aufgehen. Mit der starken Waffe, die Zababa und Ischtar mir verliehen haben, mit der Weisheit, die Ea mir bestimmt hat, mit der Tüchtigkeit, die Marduk mir gegeben hat, entfernte ich die Feinde oben und unten, vernichtete den Widerstand, trug Sorge für das Wohlergehen des Landes, ließ die Einwohner der Ortschaften (wie Schafe) auf Wiesen lagern, ließ ihnen keinen Störenfried erstehen. Die großen Götter haben mich berufen. Ich, der heilbringende Hirte, dessen Stab gerecht ist - mein guter Schatten ist über meine Stadt gebreitet, auf meinem Schoß hielt ich die Einwohner von Sumer und Akkad, von meiner Schutzgöttin geleitet gediehen sie, in Frieden lenkte ich sie, in meiner Weisheit barg ich sie. Damit der Starke den Schwachen nicht schädigt, um dem Waisen und der Witwe zu ihrem Recht zu verhelfen, habe ich in Babel, der Stadt, deren Haupt Anu und Enlil erhoben haben, in Esagil, dem Tempel, dessen Grundfesten wie Himmel und Erde fest sind, um dem Lande Recht zu schaffen, um die Entscheidung(en) des Landes zu fällen, um dem Geschädigten Recht zu verschaffen, meine überaus wertvollen Worte auf (m)eine Stele geschrieben und vor meiner Statue (namens) "König der Gerechtigkeit" aufgestellt.

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b) Oberteil und darunter folgender Keilschrift-Textteil der Hamurabi-Stele.

Abbildunng der Hammurabi-Stele

Abb. entnommen aus: A. Sherratt (Hg.). Die Cambridge-Enzyklopädie der Archäologie, deuschsprachige Ausgabe, München 1980, S. 127.

 

3. 'Oikos-Wirtschaft' und 'antike Marktwirtschaft'.

A. BEISPIEL: 'Vorpolitische' Oikoswirtschaft bei den Germanen.Aus der 'Germania' des Tacitus.

[Lat. Text und Übersetzung nach: M. Fuhrmann, Tacitus, Germania. Latenisch-deutsch, reclam, Stuttgart 1989, S. 9 - 25] 

 

5. Terra etsi aliquanto specie differt, in universum tamen aut silvis horrida aut paludibus foeda, humidior qua Gallias, ventosior qua Noricum ac Pannoniam aspicit; satis ferax,frugiferarum arborum impatiens, pecorurn fecunda, sed plerumque improcera. ne armentis quidem suus honor aut gloria frontis: numero gaudent, eaeque solae et gratissimae opes sunt. Argentum et aurum propitiine an irati dii negaverint dubito. nec tamen affirmaverim nullam Germaniae venam argentum aurumve gignere: quis enim scrutatus est? possessione et usu haud perinde afficiuntur. est videre apud illos argentea vasa legatis er principibus eorum muneri data non in alia vilitate quam quae humo finguntur; quamquam proximi ob usum commerciorum aurum er argentum in pretio habent formasque quasdam nostrae pecuniae agnoscunt atque eligunt: inferiores simplicius et antiquius permutatione mercium utunrur. pecuniam probant veterem et diu notam, serratos bigatosque. argentumque magis quam aurum sequuntur, nulla affectione animi, sed quia numerus argenteorum facilior usui est promiscua ac vilia mercantibus.



11. De minoribus rebus principes consultant, de majoribus omnes, ita tamen, ut ea quoque, quorum penes plebem arbitrium est, apud principes praetractentur. coeunt, nisi quid fortuitum et subitum incidit, certis diebus, cum aut inchoatur luna aut impletur; nam agendis rebus hoc auspicatissimum initium credunt. nec dierum numerum, ut nos, sed noctium computant. sic condicunt : nox ducere diem videtur.

Illud ex libertate vitium, quod non simul nec ut iussi conveniunt, sed et alter et tertius dies cunctatione coeuntium absumitur, ut turbae placuit, considunt armati. silentium per sacerdotes, quibus tum et coercendi ius est, imperatur. mox rex vel principes, prout aetas cuique, prout nobilitas, prout decus bellorum, prout facundia est, audiuntur, auctoritate suadendi magis quam iubendi potestare. si displicuit sententia, fremitu aspernantur; sin platuit, frameas concutiunt: honoratissimum assensus genus est armis laudare.


16. Nullas Germanorum populis urbes habitarisatis noturn est, ne pati quidem inter se iunctas sedes. colunt discreti ac diversi, ut fons, ut campus, ut nemus placuit. vicos locant non in nostrum morem conexis et cohaerentibus aedificiis. suam quisque domum spatio circumdat, sive adversus casus ignis remedium sive inscientia aedificandi. ne caementorum quidem apud illos aut tegularum usus: materia ad omnia utuntur informi et citra speciem aut delectationem. quaedam loca diligentius illinunt terra ita pura ac splendente, ut picturam ac liniamentacolorum imitetur.

 

 

 

5. Das Land zeigt zwar im einzelnen einige Unterschiede; doch im ganzen macht es mit seinen Wäldern einen schaurigen, mit seinen Sümpfen einen widerwärtigen Eindruck. Gegen Gallien hin ist es reicher an Regen, nach Noricum und Pannonien zu windiger. Getreide gedeiht, Obst dagegen nicht; Vieh gibt es reichlich, doch zumeist ist es unansehnlich. Selbst den Rindern fehlt die gewöhnliche Stattlichkeit und der Schmuck der Stirne; die Menge macht den Leuten Freude, und die Herden sind ihr einziger und liebster Besitz. Silber und Gold haben ihnen die Götter - ich weiß nicht, ob aus Huld oder Zorn - versagt. Doch will ich nicht behaupten, daß keine Ader Germaniens Silber oder Gold enthalte; denn wer hat nachgeforscht? Besitz und Verwendung dieser Metalle reizt sie nicht sonderlich. Man kann beobachten, daß bei ihnen Gefäße aus Silber, Geschenke, die ihre Gesandten und Fürsten erhalten haben, ebenso gering geachtet werden wie Tonkrüge. Allerdings wissen unsere nächsten Nachbarn wegen des Handelsverkehrs mit uns Gold und Silber zu schätzen, und sie kennen bestimmte Sorten unseres Geldes und nehmen sie gern; doch im Innern herrscht - einfacher und altertümlicher - noch der Tauschhandel. Von unseren Münzen gelten bei ihnen die alten und seit langem bekannten, die gezahnten und die mit dem Bilde eines Zweigespanns. Silber schätzen sie mehr als Gold, nicht aus besonderer Vorliebe, sondern weil sich der Wert des Silbergeldes besser zum Einkauf alltäglicher, billiger Dinge eignet.


11. Über geringere Angelegenheiten entscheiden die Stammeshäupter, über wichtigere die Gesamtheit; doch werden auch die Dinge, für die das Volk zuständig ist, zuvor von den Stammeshäuptern beraten. Man versammelt sich, wenn nicht ein zufälliges und plötzliches Ereignis eintritt, an bestimmten Tagen, bei Neumond oder Vollmond; dies sei, glauben sie, für Unternehmungen der gedeihlichste Anfang. Sie rechnen nicht nach Tagen, wie wir, sondern nach Nächten. So setzen sie Fristen fest, so bestimmen sie die Zeit: die Nacht geht nach ihrer Auffassung dem Tage voran.

Ihre Ungebundenheit hat eine üble Folge: sie finden sich nie gleichzeitig und nicht wie auf Befehl zur Versammlung ein; vielmehr gehen über dem Säumen der Eintreffenden zwei oder drei Tage verloren. Sobald es der Menge beliebt, nimmt man Platz, und zwar in Waffen. Ruhe gebieten die Priester; sie haben jetzt auch das Recht zu strafen. Dann hört man den König an oder die Stammeshäupter, jeweils nach dem Alter, nach dem Adel, nach dem Kriegsruhm, nach der Redegabe; hierbei kommt es mehr auf Überzeugungskraft an als auf Befehlsgewalt. Mißfällt ein Vorschlag, so weist man ihn durch Murren ab; findet er jedoch Beifall, so schlägt man die Framen aneinander. Das Lob mit den Waffen ist die ehrenvollste Art der Zustimmung.


16. Daß die Völkerschaften der Germanen keine Städte bewohnen, ist hinreichend bekannt, ja daß sie nicht einmal zusammenhängende Siedlungen dulden. Sie hausen einzeln und gesondert, gerade wie ein Quell, eine Fläche, ein Gehölz ihnen zusagt. Ihre Dörfer legen sie nicht in unserer Weise an, daß die Gebäude verbunden sind und aneinanderstoßen: jeder umgibt sein Haus mit freiem Raum, sei es zum Schutz gegen Feuersgefahr, sei es aus Unkenntnis im Bauen. Nicht einmal Bruchsteine oder Ziegel sind bei ihnen im Gebrauch; zu allem verwenden sie unbehauenes Holz, ohne auf ein gefälliges oder freundliches Aussehen zu achten. Einige Flächen bestreichen sie recht sorgfältig mit einer so blendendweißen Erde, daß es wie Bemalung und farbiges Linienwerk aussieht.

 

B.Beispiel: Die Moral des Despotes und Oikonomos: Hesiod, Werke und Tage (8./7. Jht. vor Chr.; Auszug).

 [Übersetzung nach T. von Scheffer, Hesiod, Sämtliche Werke, hg. von E. G. Schmidt, Bremen 1965, S. 119]

391 - 411:

Schwitzend soll man säen und schwitzend auch plügen,

schwitzend mähe du auch, willst du die Werke Demeters

richtig nach Jahreszeit erledigen; alles gedeiht dir

dann zur rechten Zeit, und später nicht mußt du

betteln gebückt vor fremder Tür - und doch nichts erhalten,

wie jetzt du bei mir; ich aber gebe dir nichts mehr,

messe dir nichts mehr ein. Nein, arbeite, törichter Perses,

Arbeit, wie sie die Götter dem Menschenvolke bestimmten,

daß du mit Weib und Kind dereinst nicht kummerbelastet

deine Nahrung suchst bei Nachbarn, die deiner nicht achten.

Zwei- oder dreimal mag es dir glücken, doch wenn du

länger sie quälst, so ist's umsonst und du redest vergebens.

Unnütz verschwendest du Worte. Viel eher will ich dir raten:

überlege die Tilgung der Schuld und die Abwehr des Hungers.

Erst ein Haus und dann ein Weib und den Ochsen zum Ackern,

nicht ein ehelich Weib, eine Dienstmagd, die Rinder zu pflegen.

Auch die Geräte besorge, die alle passend im Hause,

um nicht and're zu bitten, du darbst dann, wenn sie es weigern,

und die günstige Zeit verstreicht: dann leidet die Arbeit.

Schiebe auch nichts hinaus auf morgen und spätere Tage.

Nicht einem müßigen Manne gelingt es, die Scheuern zu füllen.

 

C. Beispiel: Familia und pater familias im römischen Recht. Aus den Digesten Justinians (6. Jht. n. Chr.).

Dig. 50, 16, 195 (Ulpian).

[Übersetzung nach L. Huchthausen (Hg.) , Römisches Recht in einem Band (Auswahl, Übersetzung aus dem Lateinischen von G. Härtel, Einleitung und Kommentar von L. Huchthausen), Berli, Weimar, 1991 4 , S. 286 f.]

(Einleitungssatz) Der sprachliche Gebrauch des grammatischen männlichen Geschlechts bezieht sich zumeist auf die beiden natürlichen Geschlechter. (1) Wir wollen nun sehen, auf welche Weise die Benennung 'familia' gebraucht wird. Man hat sie ja auf verschiedene Weise gebraucht; denn sie wird sowohl auf Sachen als auch auf Personen bezogen. Auf Sachen, wie z. B. im Zwölftafelgesetz mit diesen Worten: ,,Der nächste Agnat soll den Nachlaß (familia) haben." Auf Personen wird die Bedeutung von 'familia' dann bezogen, wenn das Gesetz von Patron und Freigelassenen spricht: "aus dieser familia in jene familia", und bekanntlich spricht das Gesetz hier von einzelnen Personen. (2) Das Wort 'familia' wird auch zur Bezeichnung einer bestimmten Gemeinschaft verwendet, die entweder in einem besonderen Rechtssverhältnis steht oder die im gemeinsamen Recht der gesamten Verwandtschaft inbegriffen ist. 'Familia' im besonderen Rechtssinne nennen wir mehrere Personen, die unter der Gewalt eines einzigen stehen, dem sie entweder durch die Natur oder durch das Recht unterworfen sind, wie z.B. Familienvorstand (paterfamilias), Hausmutter (mater familias), Haussohn (filius familias), Haustochter (filia familias) und die, welche sofort auf diese folgen, wie z.B. Enkel, Enkelinnen und so weiter. 'Paterfamilias' wird aber der genannt, der im Haus die Herrschaft ausübt. Er wird zu Recht mit diesem Namen bezeichnet, auch wenn er keinen Sohn hat, da wir nicht bloß die Person, sondern auch das Rechtsverhältnis derselben meinen. Danach nennen wir auch einen Unmündigen 'paterfamilias'. Und wenn der 'paterfamilias' stirbt, dann bilden so viele Häupter, wie ihm unterworfen waren, ebenso viele einzelne Familien; denn jeder einzelne nimmt den Namen 'paterfamilias' an. Und dasselbe trifft auch auf denjenigen zu, der aus der väterlichen Gewalt entlassen wurde. Denn auch dieser bildet, da er nunmehr rechtlich selbständig ist, eine besondere Familie. 'Familia' mit gemeinsamem Recht nennen wir alle Agnaten; denn wenn auch nach dem Tode des paterfamilias jeder einzelne eine besondere Familie bildet, so werden doch alle, die unter der Gewalt eines einzigen gewesen sind, mit Recht Glieder derselben Familie genannt, weil sie aus demselben Haus und aus derselben 'gens' hervorgegangen sind. (3) Auch die Gesamtheit der Sklaven pflegen wir 'familia' zu nennen ... Aber auch die Kinder sind darunter inbegriffen. (4) Ferner wird 'familia' die Gesamtheit von Personen genannt, die vom Blute ein und desselben Erzeugers abstammen (z. B. wenn wir 'familia Julia' sagen), wobei es gleichsam um den Ursprung der Erinnerung geht. (5) Eine Frau ist aber [scil. ggf.] sowohl das Haupt als auch das Ende ihrer [scil. persönlichen] 'familia'.

 Lateinischer Text in einer Digesten-Edition.

Digesten.GIF

Aus: P. Krüger, T. Mommsen, Corpus Iuris Civilis, ed. stereotypa septima, vol. I: Institutiones. Digesta, Berlin 1895, S. 864 f.

 

D.Beispiel: Markt und Marktrecht im Bürger- und Handelsstaat.

a) Aristoteles, Politik, 7. Buch (Auszüge).

 [Übersetzung nach F. Susemihl, Aristoteles, Politik, hg. von N. Tsouyopoulos und E. Grassi, München 1965, S. 244 - 251]

1329 a: Denn diejenigen, welche die Waffen in Händen haben, die haben auch das Bestehen und Nichtbestehen der Verfassung in Händen. Es bleibt also nur übrig, daß die Verfassung dies beides denselben Leuten überträgt .... Aber auch der Besitz (ktesis)muß in den Händen der nämlichen Leute sein; denn für die Staatsbürger ist Wohlhabenheit (euporia)erforderlich....

1329 b: Jetzt ist ... über die Verteilung und darüber, wer und von welcher Art die Bebauer des Landes sein müssen, zu reden, insofern wir nämlich behaupten, daß weder, wie andere behauptet haben, der Besitz ein gemeinsamer sein dürfe, sondern nur dadurch, daß der Gebrauch desselben wie unter Freunden vor sich geht, ein gemeinsamer werden müsse, noch auch andrerseits irgendein Staatsbürger an Lebensunterhalt Mangel leiden dürfe. ....... Hiernach ist es denn nun erforderlich, daß der ganze Grund und Boden in zwei Teile (mere) geteilt wird und der eine derselben Gemeinbesitz (koine chora), der andere aber Privatbesitz (chora ton idioton) ist, und daß dann ferner beides wieder in je zwei Teile zerlegt wird, indem vom Gemeindeland der eine Teil zur Bestreitung des Gottesdienstes (leitourgia) und der andere Teil für die Ausrüstung der gemeinsamen Mahlzeiten (syssition dapane) verwandt wird, von den Privatländereien (ton idioton meros) aber der eine Teil der nach den Grenzen des Landes, der andere der nach der Stadt zu liegende ist......

1330 b: Hinsichtlich der festen Plätze haben ... nicht ale Verfassungen das gleiche Interesse. Eine Stadtburg (akropolis) zum Beispiel entspricht der Monarchie und der Oligarchie, der Demokratie dagegen gleichmäßige Befestigung des Ganzen, und der Aristokratie keines von beiden; zu ihr gehören vielmehr mehrere feste Plätze (ischyroi topoi). Hinsichtlich der Privathäuser (idiai oikeseis) aber gilt es als eine der Schönheit und den anderen Bedürfnissen (praxeis) besser entsprechende Anlage, wenn die Stadt nach der neuen hippodamischen Weise gerade von den Straßen durchschnitten wird.....

1331 a: Angemessen ist es aber, die für die Götter bestimmten Gebäude und diejenigen, in welchen die obersten Behörden ihre gemeinsamen Mahle halten, auf einem und demselben hierfür geeigneten besonderen Platze zu vereinen, mit Ausnahme derjenigen Heiligtümer, welchen etwa das Gesetz oder ein Spruch des delphischen Orakels eine abgesonderte Stelle anweist. In Frage kommt dabei eine Platz, der schon von seiner Lage her die Erhabenheit seiner Bestimmung in die Augen treten läßt und überdies den benachbarten Teilen der Stadt gegenüber den Vorzug größerer Höhe und Festigkeit hat. Unterhalb dieses Ortes dürfte sich dann die geeignete Stelle für einen 'freien Markt' (agora eleuthera) befinden, wie man ihn in Thessalien üblicherweise nennt. Frei insoweit, als er freizuhalten ist von allen Handelswaren (kathara onion panton): kein Handarbeiter (banausos) noch Bauer (georgos) noch irgendein anderer Mann von ähnlichem Gewerbe (alloi toiouton) darf ihn betreten, außer auf Vorladung der Behörden. Zur Verschönerung dieses Platzes kann man die Hallen für die Leibesübung (ta gymnasia) dorthin verlegen ....... Demgegenüber muß aber der Handelsmarkt (he ton onion agora) nicht nur ganz andersartig sein, sondern auch eine [vom 'freien' Markt] ganz gesonderte Lage haben an einem Punkte, zu welchem ohne Schwierigkeiten sowohl die über See als auch die über Land kommenden Waren hingeschafft werden können. Da nun die Vorsteher des Staates (proestos tes poleos) in Priester (hiereis) und Regierende (archontes) zu unterteilen sind, so gehört es sich, daß die Amtslokale der ersteren, in denen sie ihre gemeinsamen Mahle halten, um den Markt der heiligen Gebäude herum ihren Platz haben. Die Amtsgebäude der Beamten dagegen, die zuständig sind für Privatverträge (ta symbolaia) , Anklageschriften (graphai) , Vorladungen (kleseis) und dergleichen, wie auch die Amtsgebäude der für die Marktaufsicht (agoranomia) und für die sogenannte der sogenannten Stadtaufsicht (astynomia) Verantwortlichen müssen in der Nähe des Marktes an einem allgemein zugänglichen Ort angelegt werden. Ich meine hier eben den Markt für die notwendigen Bedürfnisse (he anagkaia agora), der für alle Geschäfte (anagkaiai praxeis) bestimmt ist, während jener obere Markt von allem geschäftigen Treiben freigehalten werden soll.

 

b) Stadtplan von Milet (Hippodamischer Neubau nach 479 v. Chr.)

 
Anordnung einer bedarfsgerecht rekonstruierten griechischen Handelsstadt: Milet.

Entnommen aus: W. Müller, G. Vogel, dtv-Atlas zur Baukunst, Bd. 1: Allgemeiner Teil, Baugeschichte von Mesopotamien bis Byzanz, München 1983 5 , S. 166.

 

4. Literatur und Medien.

Max Weber, Agrarverhältnisse im Altertum,
M. I. Rostovtzeff, Die hellenistische Welt. Gesellschaft und Wirtschaft,
M. I. Rostovtzeff, Wirtschaft und Gesellschaft in der römischen Kaiserzeit,
F. Heichelheim, Wirtschaftsgeschichte des Altertums
F. de Martino, Wirtschaftsgeschichte des alten Rom.
M. I. Finley, Die antike Wirtschaft,
M. Austin, P. Vidal-Naquet, Gesellschaft und Wirtschaft im alten Griechenland,
T. Pekary, Die Wirtschaft der griechisch-römischen Antike,
alle wie Literaturverzeichnis. Ferner:
M. Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, 5. rev. Auflage, besorgt von J. Winckelmann (Studienausgabe), Tübingen 1972.
A. H. Gardiner (Hg.), The Wilbour-Papyrus, 4 Bde., Oxford University Press 1941 - 1952.
W. von Soden, Einführung in die Altorientalistik, (WBG) Darmstadt 1985.
E. Hornung, Einführung in die Ägyptologie, (WBG) Darmstadt 1993 4 .
O. Kaiser, R. Borger u. a., Texte aus der Umwelt des Alten Testaments, Bd. 1: Rechts- und Wirtschaftsurkunden. Historisch-chronologische Texte, Gütersloh 1985.
W. Müller, G. Vogel, dtv-Atlas zur Baukunst, Bd. 1: Baugeschichte von Mesopotamien bis Byzanz, München 1983 5 .


LV Gizewski SS 1997

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)