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6. Kap.: Rechtliche Institute zur 'Ordnung' wirtschaftlicher Interessen (in der Spätantike). 

 Übersicht:
1. Vorbemerkungen
2. Tribute, Steuern, Zölle und empfangsberechtigte Gewalthaber.
3. Öffentliche Dienstpflichten und öffentliche Dienstherrschaft.
4. Landpacht und Großgrundbesitz.
5. Handelsvertrag und Marktrecht.
6. Sklaverei, Leibeigenschaft und Personenherrschaftsrechte.
7. Literatur.

 

1. Vorbemerkungen.

Die im wirtschaftichen Leben der Antike bedeutsamen Interessen lassen sich - der heutigen Gegenwart vergleichbar, aber doch auch in charakteristischer Weise anders - grob einteilen

Aus ihrem Miteinander, ihrer Konkurrenz und ihren Konflikten, in denen sich die 'stärkeren' Interessen mit politischen, machmal militärischen oder sonst gewaltsamen und auch mit ständischen oder kulturellen Machtmitteln und Argumenten durchzusetzen pflegen, entsteht ein relativ dauerhaftes und im allgemeinen auch rechtlich sanktioniertes Gefüge von Verfügungs-, Erwerbs- und Anspruchskompetenzen bestimmter Wirtschaftssubjekte einerseits, denen entsprechende Duldungs-, Leistungs- und Gehorsamspflichten anderer am Wirtschaftsleben Beteiligter andrerseits gegenüberstehen. Spricht man im Hinblick auf die relative Dauerhaftigkeit dieses Gefüges von einer 'Ordnung', so ist in Erinnerung zu behalten, daß sie in erheblichem Umfang auch ungerechte Regelungen enthalten kann, vor allem in dem Sinne, daß diese von historischen Zeitgenossen so empfunden werden und in den Quellen hervortreten. Gerade in der Unzufriedenheit mit den Formen und den Ergebnissen der Güter- und der Pflichten-Verteilung in einer wirtschaftlichen Gesamtordnung oder ihren Teilbereichen liegen Momente zu historischen Veränderungen, die sich auch in der Antike - z. B. in den Wahlrechtsveränderungen des klassischen Athen oder im Bundesgenossenkrieg gegen Rom im 1. Jht. v. Chr. - des öfteren durchsetzen.

Allerdings kann man von den bekannten Wirtschaftsordnungen der antiken Epochen durchweg sagen, daß ihre Strukturen - im Vergleich zu heutigen Typen industrieller Massengesellschaften - relativ traditionsbestimmt und entsprechend dauerhaft und stabil oder starr zugleich sind.

Das tritt einmal insbesondere in einer durchgängigen 'dichotomischen' Sozialstruktur dieser Gesellschaften hervor, in denen als relativ klein einzuschätzende Schichten von Großgrundbesitzern und Inhabern relativ -bezogen auf unsere Zeit - großer Handelskapitalvermögen einer großen Mehrheit nur bescheiden vermögender, zumeist aber nur einfach oder gar ärmlich lebender Bevölkerung gegenübersteht. Rechtlich äußert sich das u. a. auch in einem ständischen Aufbau der Sozialordnung, der die wirtschaftlich-sozialen Differenzen verstärkt.

Zum anderen tendiert der Staat in seiner jeweiligen antiken Form mit seinem Militär- und Beamtenapparat vor allem in Not- und Kriegszeiten zu einer Überforderung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit auch des nicht-staatlichen Wirtschaftslebens, auf dessen Besteuerung er angewiesen ist, setzt sich aber mit seinen Machtmitteln in der Regel gegen innere Widerstände durch. Seine Ansprüche und Anordnungen bedienen sich obrigkeitlich-autoritärer Verfahrensweisen und Rechtseingriffe in die wirtschaftliche Sphäre der ihm untergeordneten Staatsangehörigen, wie z. B. bei der Requisition und Einquartierung in Kriegszeiten oder bei detaillierten Preisvorschriften und Handelsregelungen in Friedenszeiten oder bei der öffentlich-rechtlichen, ursprünglich vermutlich zur Sicherung der regionalen Versorgung eibngeführten Bodenbindung für das ländliche Kolonat in der Spätantike.

Ein drittes Element ist die im Rahmen der vorgenannten beiden Bedingungen relativ naturwüchsig belassene Ordnung 'freier' Preisentfaltung und Marktbildung - 'frei' insoweit, als sie einerseits nicht obrigkeitlich oder ständisch geordnet werden soll und andrerseits so oft auch gar nicht geordnet werden kann (Beispiel Preisregulierungen). Die Strukturprinzipien dieses Sektors greifen gelegentlich auf den Bereich der staatlichen Ordnung über, wo diese mit ihren spezifischen Regulierungsformen (Gesetz, Befehl, Anordnung) sich nicht durchsetzen kann oder funktionelle Lücken aufweist. Dies führt zu u. U. weit verbreiteten Formen des Korruptions- und Begünstigungswesens, z. B. wo Beamte oder Miltärssich als nicht ausreichend entlohnt sehen.

Diese Momente antiker Gesellschaftsstrukturen äußern sich, was das Wirtschaftsleben betrifft, in charakteristischen Rechtsinstituten, von denen einige markante und strukturell wichtige im folgenden zusammengefaßt werden sollen. Dabei stehen die Verhältnisse der spätantiken römischen Geschichte im Vordergrund, weil in diese, wie früher dargelegt, Formelemente früherer Geschichtsepochen und -regionen der Antike eingehen und sie ihrerseits von besonderer wirkungsgeschichtlicher Bedeutung für spätere Epochen der europäischen Geschichte sind. Wichtige Institute mit charakteristischen Formen finden sich in

 

2. Tribute, Steuern, Zölle und empfangsberechtigte Gewalthaber.

Die Abgabepflichten gegenüber dem Staat in Geld und Naturalleistungen lassen sich funktionell in verschiedene Kategorien aufteilen, deren spätantike römische Formen sich aus unterschiedlichen historischen Quellen herleiten:

a) Tribute aus dem Ausland.

Ein Teil der antiken Staatenwelt ist darauf angewiesen oder nimmt es als esssentielle Erleichterung ihrer Existenzbedingungen hin, von auswärtigen Staaten Tribute zu erhalten, die häufig auf deren Niederlagen in Kriegen oder auf ähnlichen Drucksituationen beruhen; die gelegentliche Ungerechtigkeit solcher Leistungen ist dem antiken Bewußtsein durchaus gegenwärtig (vgl. Xenophon, Über die Verbesserung der Staatseinkünfte, 1, 1; 5, 5; siehe Kap. IV: Verkehrsgemeinschaften der Antike). Auch das römische Reich erhält in all seinen Epochen erhebliche Zahlungen nund Lieferungen aus dem Ausland (vgl. z. B. die Friedensbedingungen Roms gegenüber Karthogo, die u. a. eine Zahlung von 10.000 Talenten [Silber] in 50 Jahresraten vorsehen; Livius 30, 37): Notgedrungen leistet es auch seinerseits Zahlungen und Lieferungen an das Ausland (vgl. z. B. die Bedingungen für den auf 50 Jahre geschlossenen Frieden mit dem Sassanidenreich i. J. 532 n. Chr., der die römische Seite 110 Kentenarien [Gold] kostet; Prokop, Perserkriege I, 22).

 

b) 'Kopf'-Steuern.

Ein Teil der Staatsausgaben pflegt über eine Besteuerung der Bürger oder Untertanen , und zwar nach dem amtlich geschätzten Vermögen (caput) der Vermögensinhaber (patres familias) unter ihnen, gedeckt zu werden. Zu diesem Zweck finden im Rom der republikanischen Zeit regelmäßige Vermögensschätzungen (census; später auch capitatio) der römischen Bürger statt, mit denen sich ihre von der Vermögensgröße abhängige Einordnung in Wählerklassen für die Volksversammlung verbindet. Diese Besteuerungsart trifft auch die provinzialen Untertanen des Reiches, die nicht das römische Bürgerrecht haben, allerdings in größerem Umfang als römische Bürger, die in der Regel nur 1 % ihres Vermögens als 'tributum' abzugeben haben. Wenn der römische Staatshaushalt aus auswärtigen Tributen, aus Kriegsbeute und aus den Abgaben der besteuerten Provinzialen - ausreichend versehen ist, kann auf eine Besteuerung der römischen Bürger ganz verzichtet werden, was seit d. J. 168 v. Chr. über längere Zeiträume der republikanischen und der Kaiserzeit-Geschichte hin geschieht. Der Beriff 'caput' wirkt im heutigen Wort 'Kapital', der Begriff 'census' im heutigen Wort 'Zins' nach; auch für die Antike ist davon auszugehen, daß nur ein wirtschaftlich ertragfähiges Vermögen besteuert wird.

 

c) Grundsteuern.

Eine andere Tradition der Besteuerung stammt aus den Ländern des Nahen Ostens, etwa den Flußanrainerstaaten in Ägypten und Mesopotamien, wo seit alters die berechtigten Eigennutzer von Land - das prinzipiell als staatliches Land gilt - eine von amtlich bemessener Größe und festgestellter Ertragsfähigkeit ihres Landes abhängige Steuer von zumeist 20 oder mehr Prozent eines Grundstücksertrags zu zahlen haben. Diese Steuer ist auch eine Vermögenssteuer, in ihrer Form aber zugeschnitten auf die landbesitzende und -kultivierende Bevölkerung und tritt in römischer Zeit deshalb in den Provinzen mit entsprechender Tradition der caput-Besteuerung als Alternative an die Seite; das steuerpflichtige Land wird im römischen Bereich im Flächenmaß 'iugum'(= 'Joch', 'Morgen' ) erfaßt; den Vorgang der Landbesteurung nennt man deshalb 'iugatio'. Charakteristisch für diese Besteuerungsform ist, daß die auf einem katastrierten Landstück tätigen Arbeitskräfte in dessen Ertragsschätzung einbezogen werden (vgl. Cod Iust. 11, 52, 1 pr.). In der Spätantike - nach der diokletianischen Steuerreform - wird die 'iugatio' mit der 'capitatio' in einem möglicherweise vereinheitlichten Steuersystem der amtlichen Vermögensmessung und Steuererhebung zusammengefaßt (capitatio-iugatio).

d) Zölle, Verbrauchssteuern, Verwaltungs- und Nutzungsgebühren. Eine Anzahl von Abgaben wird vor allem in Städten und Häfen erhoben; sie haben oft den Charakter gemeindlicher Steuern und entsprechen örtlichen und regionalen Traditionen. Auf Waren wird über eine Marktgebühr für den Verkäufer letztlich eine Kaufsteuer erhoben. In ähnlicher Weise wirken Wege- und Torzölle, Fähr-, Import- und Hafengebühren (lat. vectigalia, portoria). Diese Art minderwichtiger Abgaben wird auch öfters zur Eintreibung an Steuerpächter abgegeben. Behörden können ferner u. U. Nutzungsentgelte und Aufwandsentschädigungen für staatliche Gebrauchsüberlassungen oder Leistungen fordern.

 

d) Sondersteuern, Vermögensanfall an des Fiskus, Konfiskationen.

In manchen Fällen erhebt der Staat notgedrungen Sondersteuern, ebenso wie er gelegentlich, wenn die Steuerkraft der Verpflichteten - z. B. durch Mißernten oder Kriegszerstörungen - überfordert ist, auch auf ordentliche Steuereinnahmen verzichtet. Bei wenigen Gelegenheiten werden zum Erweis der Loyalität gegenüber dem Kaiser freiwllige Abgaben wie das 'aurum coronarium' erbracht. Erbrechtlich tritt der Staat öfters die Vermögensnachfolge dort an, wo es keine berechtigten Erben gibt. Dies ist auch bei strafrechtlich bedingtem Vermögensverlust so, der bei politisch motivierten Strafrechtsprozessen gegen vermögende Angehörige der höheren Sozialschichten und oberen Stände - auch fiskalisch - besondere Bedeutung hat.

Die wichtigeren Steuern werden durchweg von einer eigens eingerichteten Steuerverwaltung auf zentraler (Hof- und Provinzialverwaltungsstellen) und dezentraler Ebene (Städte und ländliche Steuerbezirke) festgelegt und eingetrieben. Manchmal werden dabei Steuerpächter als Hilfsorgane des Staates zwischengeschaltet; dies geschieht - wegen der damit auch verbundenen Nachteile für den Staat - zumeist aber nur bei weniger wichtigen öffentlichen Abgaben, z. B. gemeindlicher Art. Die regulären Steuereinnahmen reichen für die Bedürfnisse des Staates unter der Bedingung besonderer Beanspruchung der Staatskassen (z. B. in Kriegszeiten) öfters nicht aus. Hieraus entwickeln sich gelegentlich faktisch irreguläre Formen der öffentlichen Finanzbeschaffung. Auch aus diesem Grunde kommt es auch zu weiterverbreiteten Formen der Korruption und Untertanenbedrückung sowohl durch örtliche als auch durch höfische Gewalthaber. Doch stellt die quellenmäßig überlieferte Rechtsordnung und mit ihr eine Vielzahl jeweils zeitgenössischer Stellungnahmen zu solchen Phänomenen klar, daß es sich in solchen Fällen um Unrecht und um sachlich unakzeptable Formen der Staatstätigkeit handelt.

 

3. Öffentliche Dienstpflichten und öffentliche Dienstherrschaft.

a) Persönliche öffentliche Dienstpflichten.

Im System der öffentlich-rechtlichen Dienst- und Duldungspflichten (munera et honores) lassen sich personenenbezogene (munera personalia) von solchen unterscheiden, die an der Inhaberschaft eines Grundstücks oder eines anderen bestimmten Vermögensrechts anknüpfen (munera patrimonii). Die munera personalia lassen sich in 'körperliche Arbeiten' (munera corporalia), Fürsorge-, Verwaltungs- und Kontrollarbeiten (munera publica, administrationes) und obere städtische 'Ehrenämter' (dignitates, honores) aufteilen, wobei die Grenzen zwischen diesen Arten etwas fließen. Ferner lassen sich persönliche Dienstleistungen, die in städtisch-gemeindlichem Rahmen zu erbingen sind, von solchen unterscheiden, die der Gesamtstaat, insbesondere in Kriegszeiten und außergewöhnlichen Not- oder Bedarfslagen, fordert, wie z. B. die Duldung von Einquartierungen (hospitium) oder die Erbringung von Transportleistungen mit privaten Tieren, Wagen und Schiffen (angariae, parangariae, transvectio). Entsprechend den örtlichen und regionalen, teilweise nicht-römischen Traditionen können diese Dienstleistungen und Ehrenämter, bis hin zu den städtischen Spitzenämern und der Zusammensetzung der Stadträte (lat. decuriones), unterschiedlich gestaltet und benannt sein. Dieser Vielfalt gegenüber gilt es drei Strukturmomente des Systems der 'munera et honores' als prinzipiell überall gleich hervorzuheben:

 

b) Öffentlich-rechtliche Belastungen des privaten Vermögens.

Ebenso wie es an bestimmten Grudstücken private Nutzungsrechte anderer geben kann, so kann es im öffentlichen Interesse Belastungen und Nutzungen, etwa durch öffentliche Wasserleitungen oder Straßen, geben. Auch andere private Sachgüter wie z. B. Zugtiere, Wagen oder Schiffe können ggf. - wie persönliche Dienstleistungen - für öffentliche Zwecke in Anspruch genommen werden. Auch bestimmte Vermögen als ganze können in Anspruch genommen werden; so haften die Vermögen der 'decemprimi' eines Stadtrats nach Dig. Just. 50, 4,1, 1 für die ordentliche Ausführung der städtischen Aufgaben. Die wichtigste Belastung privater Vermögen durch den Staat ist allerdings nicht die durch Dienstleistungen, sondern die durch die steuerlichen Abgaben.

 Beschreibung des Systems der 'munera et honores' in Dig. Iust. 50, 4, 1.

 

c) Militärdienste.

Während aller Epochen der römischen Geschichte besteht eine 'allgemeine Wehrpflicht' der römischen Bürger und Untertanen in dem Sinne, daß sie notfalls auch gegen ihren Willen für militärische Dienste eingezogen werden können. In diesem Sinne finden bis zur Spätantike hin Rekrutierungen und entsprechende Gestellungen von Rekrutenkontingenten seitens dafür verantwortlicher Körperschaften statt. Da die 'militia' aber sozial vorteilhaft sein kann, gibt es in erheblichem Umfang stets auch die freiwillige Verpflichtung auf den langjährigen, bezahlten und mit einer beachtlichen Abschlußvergütung und -belohnung endenden Militärdienst. Auch für sozial Höhergestellte bringt der Militärdienst Vorteile für ihre Berufslaufbahn mit sich. Wegen der öffentlich-rechtlichen Disziplin des Militärs gilt die 'militia' aber in jedem Fall als 'munus' i. S. der Erfüllung einer Bürgerpflicht. Nicht-Bürgern, die langjährig im römischen Heere dienen, wird nach Ende ihres Dienstes deshalb das römische Bürgerrecht verliehen.

 

d) Verwaltungsdienste.

Diese lassen sich in vier Kategorien einteilen:

 

4. Landpacht und Großgrundbesitz.

a) Staatliches 'Obereigentum' an Grund und Boden. Staatliches Land. Kaiserliche Domänen.

Wie die gesamte Bevölkerung des Reiches der legitimen Willensbildung und den Gesetzen des Staates zu folgen hat, so sind auch ihre Rechte - einschließlich des Eigentums an Grund und Boden - nach römisch-rechtlichem Verständnis dem staatlichen imperium untergeordnet. Dies darf allerdings nur aus eindeutig erkennbaren Gründen vorwiegenden öffentlichen Interesses in Ausnahmenfällen - und keineswegs willkürlich - in bestehend Landrechte eingreifen; dies gilt auch für den Kaiser als antiken 'Souverän'.

Nach Ermessen verfügen dagegen der Kaiser, die dazu ermächtigten Beamten des Reiches oder persönlichen Bediensteten des Kaisers über alles Land, das dem Staate als Körperschaft oder dem Kaiser als bestimmter öffentlicher Person (persona publica) zusteht. Dafür lassen sich folgende Kategorien bilden:

Obschon die Grenzen zwischen diesen per definitionem ex post umschriebenen Bereichen in der staatlichen und persönlich-kaiserlichen Praxis fließen und die Bezeichnungen für sie im Laufe der Zeit wechseln (z. B. fiscus, patrimonium, res privatae Caesaris, sacrae largitiones, domus Augusta oder domus Augustae), so läßt sich doch - auch in der Wahl verschiedenartiger Benennungen - eine Tendenz zu der o. a. funktionellen Aufteilung der kaiserlicher Verfügung unterstehenden Vermögensmassen feststellen. Die Gliederung öffentlichen Vermögens folgt allerdings auch aus hofbürokratischen oder finanzpraktischen Notwendigkeiten. So bestimmt sich z. B. der Aufbau der 'sacrae largitiones' vor allem nach der Notwendigkeit, die Mittel für die Staatsausgeben und das Münzewesen aus den Steuereinnahmen zu sammeln, durch Staatshandel und eigenbetriebliche Produktion zu realisieren, in 'thesauri' und Lagereinrichtungen zu spreichern und direkt bereitzustellen, während in den 'res privatae' oder im 'sacrum patrimonium' staatliche oder persönlich-kaiserliche Domänen, d. h. vor allem der landwirtschaftlich nutzbare Grundbesitz des Staates und des Kaisers zusammengefaßt sind. Ein Teil dieses Landes wird in Dauerpacht (ius perpetuum, emphyteusis) an Grroßgrundbesitzer, ein anderer über kaiserliche Domänenverwaltungen an prinzipiell temporäre Kleinpächter vergeben oder in der Spätantike dauerhaft von bodengebundenen Kolonen bewirtschaftet.

 

b) Gemeindeland.

Da öffentlich- und privat-rechtliche Korporationen (corpora) nach römischem Recht als Rechtsinhaber fungieren können, können sie auch Landeigentümerrechte ausüben. Den Stadtgemeinden als Körperschaften steht aber nicht nur Landeigentum in diesem Sinne zu. Vielmehr beaufsichtigen sie auch das im allgemeinen Besitz befindliche und für allgemeine freie Nutzung bestimmte Land insoweit, als sie dort ggf. private Landnahmen verhindern. Das Landeigentum von Städten an ackerbaulicher Fläche oder das von ihnen beaufsichtigte Gemeineigentum an Land, Meeres- un d Flußufern kann erheblich sein. Es wird ggf. auch durch Verpachtung verwertet.

 

c) Privates Landeigentum.

Es gibt nach römischem Recht zu Beginn der Kaiserzeit verschiedene Arten von privatem Grundeigentum:

Die Unterschiede zwischen den ersten beiden Gruppen werden spätestens seit der Verleihung des römischen Bürgerrechts an fast die ganze Reichsbevölkerung mit der Constuitutio Antoniniana d. J. 211 n. Chr. unbedeutend. In den Epochen davor zeigt die Gleichstellung von Bürger-Eigentumsrecht und 'völkerrechtlichem' Eigentumsrecht die Bedeutung des reichsweiten Geschäftsverkehrs, der sich auch auf Immobilien erstreckt und eine Beschränkung des Landeigentums auf den Kreis der Bürger außer Kraft setzt, wie sie in anderen antiken Staaten (z. B. im klassischen Athen) durchaus üblich ist. Die dritte Gruppe wird auch in der Spätantike dem Eigentumsrecht nur annähernd - als eine Art vererbliches Dauerpachtrecht oder als vereblicher Dauernießbrauch (ius perpetuum, emphyteusis) - gleichgestellt. Doch treffen die Inhaber dieser Rechte dieselben öffentlich-rechtlichen Verpflichtungen wie normale Grundeigentümer, und sie können, manchmal mit, manchmal ohne behördliche Einschränkkungen, das Land auch weiterverpachten, belasten oder gar veräußern. In jedem Falle gehören sie nicht zu den bodengebundenen 'coloni', sondern zur Schicht der eigenberechtigten Landbesitzer (possessores), auch wenn ihr dauerhafter Eigenbesitz noch so klein ist ("quantulacumque possesio" - Cod. Iust 11, 38, 4, 1). Das Landeigentum erweist sich in diesem Zusammenhang damit als klassenbildende Schranke.

 

d) Unterpacht und Kleinpacht von Land.

In anderer Hinsicht ist der Unterschied zwischen Kleineigentümern von Land und reinen Unterpächtern oder Kleinpächtern von Land geringfügig, nämlich im Hinblick auf ihre in all diesen Konstellationen häufig gegebenen faktische Angewiesenheit auf einen Patron, als welcher in der Regel ein Eigentümer oder eigenberechtigter Dauerpächter größerer landwirtschaftlicher Flächen in Frage kommt, der im Notfall mit Kredit aushelfen oder Schulden stunden oder aufgrund seiner Verbindungen und seines Einflusses in anderer Weise hilfreich sein kann. Die Rechtsposition der Vertragspächter gegenüber ihrem Verpächter-Patron ist wegen der Rechtsfigur des jederzeit kündbaren und im Prozeß keinen vorläufigen Besitzschutz dem Verpächter gegenüber verschaffenden Pachtvertrages sehr schwach. Der dadurch begünstigten Fluktuationsbereitschaft wirken die Regelungen über den Kolonat, die auf alle Pächter ohne bewegliches Eigenvermögen und nach bestimmten - langjährigen - Fristen auch auf Pächter mit beweglichem Eigenvemögen Anwendung finden (Cod. Iust. 11, 48, 19), zwar entgegen. Doch verbessert sich dadurch die soziale Geltung dieser sozialen Gruppen nicht. Ihr Verbleib auf dem Lande und ihre Arbeit dort kann erzwungen werden; insoweit sind sie in der Spätantike den Sklaven nahegerückt (Cod. Iust. 11, 38, 12). Dazu trägt auch bei, daß Klein- und Unterpächter, sofern sie aufgrund ihres gewöhnlich gegebenen Kolonen-Status formell nicht selbst veranlagt werden (censui dominorum fundorum adscripti, adscripticii - Cod. Iust. 11, 48, 4 pr.), doch über ihre Verpächter, die als Eintreibungsorgane des Staates (exactores) fungieren , neben der Pacht zur Grundsteuer herangezogen und dabei hin und wieder von der im allgemeinen unkontrolliert bleibenden Verpächterseite mit überhöhten Forderungen belastet werden (Cod. Iust. 11, 50, 2 pr.)

 

5. Handelsvertrag und Marktrecht.

a) Handelsbezogene privatrechtliche Vertragstypen und sonstige Rechtsfiguren.

45 von 50 Büchern des justinianischen Digesten, die das römische Juristenrecht zusammenfassen, und immerhin 7 von 12 Büchern des Codex Iustinianus, der das kaiserliche Konstitutionenrecht sichtet, enthalten im wesentlichen privatrechtliche und entsprechende prozessuale Rechtsmaterie. Ein Teil davon ist der oikos-familia gewidmet: im wesentlichen das Familien- und das Erbrecht. Alle anderen privatrechtlichen Themenbereiche beziehen sich auf den Geschäftsverkehr unter Privatpersonen und damit in starkem Maße auch auf den Handel und das Gewerbe. Das gilt vor allem für die verschiedenen Rechtstypen von Verträgen (Kauf-, Miet-, Pacht-, Werkvertrag, Gesellschaft, Auftrag, Leihe, Darlehen, Aufbewahrung, Gesellschaft) und Sachen- Herrschafts- oder Nutzungsrechten (Eigentum, Nießbrauch, Hypothek, Pfand, Servitut, Emphyteuse), aber auch für die Regelungen über Rechts- und Geschäftsfähigkeit einschließlich des Sklavenstatus, Vertragsschluß, Beurkundungen, Schadensersatz und privatrechtliche Delikte. Die meisten dieser Rechtsregelungen liegen in einer Form vor, die das römische Recht 'ius gentium' nennt und mit altertümlichen Formen des Bürger-Rechts (ius civile) der römischen Tradition gleichgestellt wissen will.

 

b) Marktaufsicht und Marktgerichtsbarkeit.

In besonderem Maße der Funktionsfähigkeit lokaler, regionaler und überregionaler Märkte dienen die Marktaufsicht (Waren- und Preiskontrolle) durch spezielle Marktaufsichtsbeamte der Städte (lat. aediles, quattuorviri) und Marktgerichte, deren Tätigkeit in Rom besondere Klagen und Ansprüche des Marktrechts ('edictum aedilicium') vorbehalten sind. Die Bedeutung dieser Einrichtungen für die Förderung des Handels und Gewerbes im römischen Wirtschaftsleben entspricht der in anderen Bürger- und Handelsstaaten der Antike, wie z. B. Athen (vgl. Aristoteles, Politik, 7. Buch; und Xenophon, Wege zur Steigerung der Staatseinkünfte, Kap.IV:Verkehrsgemeinschaften der Antike und V: Modellvorstellungen antiker Volkswirtschaften).

 

c) Strafrechtliche Sicherungen des Geldwesens und des Geschäftsverkehrs.

Schon das antike Recht kennt strafrechtlichen Schutz gegen Betrug (fraus), Urkundenfälschung (falsa), Münzfälschung (falsa moneta), Veruntreuung (peculatus). Dieser Schutz schließt viele nicht ausdrücklich formulierte Tatbestände der Störung des Geschäftsverkehrs, seiner Sitten und Vertrauensgarantien ein.

 

6. Sklaverei, Leibeigenschaft und Personenherrschaftsrechte.

a) 'Familiäre' Dienstabhängigkeit aufgrund personenherrschaftsrechtlicher Unterstellung privatrechtlicher Art.

Aufgrund des spezifischen römischen Familienrechts ergeben sich Dienstpflichten für die Angehörigen einer familia gegenüber ihrem pater familias; dieser ist rechtlich auch befugt, sich den Arbeitsertrag der ihm geschuldeten Dienste zueigen zu machen. Zur römisch-rechtlichen 'familia' gehören als die 'betriebswirtschaftlich' und 'gesamtwirtschaftlich ' bedeutendste Gruppe die 'Sklaven' ('servi') - sowohl die Haussklaven als auch die nicht-häuslich eingesetzten Sklaven. Doch hat der pater familias auch den nicht emanzipierten oder mit einem 'peculium' ausgestatteten Angehörigen seiner Verwandtschafts-familia gegenüber direkte Weisungs- und Aneignungsrechte.

Die marxistischen Theorietradition, aber auch andere sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Theoriebildungen über antike Gesellschaftsformationen sehen in der Sklaverei eine funktionell zentrale Institution antiker Gesellschaften. Soweit dies in zu großer Isolierung des Instituts geschieht, erheben sich dagegen vor allem systematische Bedenken. Die Sklaverei ist ein rechtliches Institut unter mehreren wichtigen, auf deren Wirksamkeit die Bildung (Akkumultaion) von Staats-, Grund- und Handelsvermögen ('Kapital' in einem antiken Sinne) und die daran sich entwickelnden wirtschaftlich-sozialen Interessengegensätze in antiken Gesellschaftsstrukturen zurückzuführen sind.

 

b) Privatvertragliche Dienstabhängigkeit.

Privatrechtliche Dienst-, Werk- und auch Pachtverträge verpflichten zur Erbringung jeweils spezifisch geregelter Dienstleistungen sowohl des städtischen Gewerbes als auch der Landarbeit. Bei dieser lassen sich die Arbeitsdienste geschäftsfähig-freier Vertragsarbeiter (operarii rustici) von den Hand- und Spanndiensten der ebenfalls geschäftsfähig-freien Kleinpächter (conductores, coloni), die diese zusammen mit Geld- und/oder Naturalabgaben schulden, unterscheiden. Die Entgelte für vertraglich geschuldete Leistungen, weisen , wie sich z. B. aus den Preistabellen des Edictum Diocletiani ergibt (siehe Kap. III: Typische Produktions- und Verteilungsformen), eine deutliche Strukturierung nach Nutzen und Seltenheit der Qualifikation einerseits, aber auch eine ständisch bedingte Differenzierung zwischen 'honorierten' Tätigkeiten (z. B. der Architekten, Rhetoren und Advokaten) und 'entlohnten' bäuerlichen, handwerklichen und sonst gewerblichen Tätigkeiten auf. Es ist notwendig davon auszugehen, daß die Bezahlung vertraglich vereinbarter Dienste in der Antike im Normalfall der 'nicht-honorierten' Arbeit den 'Grenznutzen' für die Empfängergruppen nicht allzu stark beschneidet; die menschliche Arbeitskraft ist - relativ zu heutigen Entlohnunssystemen - 'billig'. Das ist in demselben Maße als Rahmenbedingunng für gesellschaftsstrukturierende 'Akkumulationsprozesse' in Rechnung zu stellen wie etwa das Institut der Sklaverei oder das staatliche Abgabensystem.

 

c) Dienstabhängigkeit aufgrund öffentlich-rechtlicher Unterstellung.

Im spätantiken Kolonatsrecht verbinden sich privat- und öffentlichrechtliche Dienstverpflichtungen miteiander. Alle Gruppen von Landbearbeitern i. w. S., die kein Landeigentum haben, aber aufgrund - prinzipiell nur lockerer Pachtverträge - in zeitweiligem Landbesitz sind, werden - wahrscheinlich im Interesse der Verhinderung einer Entleerung bestimmter Landstriche von bearbeitender Bevölkerung - öffentlich-rechtlich verpflichtet, auf dem von ihnen bearbeiteten Lande zu bleiben und ihre vertragliche Arbeit dort zu verrichten. Die Verpächter ihrerseits haben die öffentlich-rechtliche Pflicht, sie dort zu belassen und nicht etwa entsprechend ihrem jeweiligen Grundbesitzerinteresse ggf. umzusiedeln. Sie erhalten zur Durchsetzung der Landarbeits-Verpflichtungen in gewissem Umfang staatliche Zwangsmittel, werden andrerseits aber auch für die Zahlung der Steuererträge des verpachteten Landes an den Staat haftbar gemacht. Die die unter solchen Rechtsbedingungen lebende und disziplinierte dienstabhängige ländliche Bevölkerung macht schätzungsweise den größten Teil der Landbevölkerung landwirtschaftlich genutzter Gebiete aus. Die Rechtsfigur des bodengebundenen Kolonen geht in die ländlichen Rechtsverhältnisse des europäischen Mittelalters und späterer Epochen (Leibeigentum, Hörigkeit) ein, wobei die Grenze zur ebenfalls fortbestehenden Sklaverei fließen kann.

 

7. Literatur.

A. H. M. Jones, The Later Roman Empire. 284 - 604,
M. I. Finley, Die antike Wirtschaft,
wie Literaturverzeichnis.
Ferner:
M. Kaser, Das Römische Privatrecht, 2 Bde., 1. Abschnitt: Das altrömische, das vorklassische und das klassische Recht, 2. Abschnitt: Die nachklassischen Entwicklungen, Handbuch der Alertumswissenschaft (HdA), München 1971 2 und 1975 2 .


LV Gizewski SS 1997

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)