Zum Inhaltsverzeichnis
  AGiW TITELSEITE
  AGiW REGISTER
 

7. Kap.: Spuren antiken Wirtschaftens und Wirtschaftsdenkens im späteren Europa (Überblick).

 

 Übersicht:
1.Vorbemerkung: Die Stärke der antiken Kulturdiffusion. Antike Traditionen und Antiken-Rezeption in der materiellen Kultur, im Wirtschaftsleben und -denken späterer Epochen bis zur Gegenwart.
2. Königliche Regalien.
3. Domänenwesen. Kammerwesen.
4. Lehenswesen und Grund-Herrschaft.
5. Verwaltung des Kirchen- und Klostervermögens.
6. Ständeordnung.
7. Stadt- und Marktrecht.
8. Zunft-, Gilden- , Ordens- und sonstiges Gemeinschaftswesen.
9. Beurkundungs- und Grundbuchwesen.
10. Privatrecht.
11. Bankwesen, Gesellschafts-, Scheck- und Wechsel-, Immobilienrecht.
12. Neuzeitlich-staatliches Haushaltswesen: Wirtschaftspolitik, einschließlich Kriegswirtschaft, Finanz- und Steuerpolitik.
13. Fortenwickeltes neuzeitliches Unternehmertum, Industrie (Gewerbe), Leistung, Konkurrenz (Wettbewerb), Kapital, Immobilien.
14. Fortentwickelte neuzeitliche Finanz- und Währungspolitik, Staats- und Planwirtschaft.
15. Beamte und Angestellte, Arbeiter, Proletariat, 'freie' Berufe der neueren Geschichte.
16. Neuzeitliche Theoriebildungen zur politischen Ökonomie, Volks- und Weltwirtschaft.
17. Literatur und Quellen.

 

1. Vorbemerkung: Die Stärke der antiken Kulturdiffusion. Antike Traditionen und Antiken-Rezeption in der materiellen Kultur, im Wirtschaftsleben und -denken späterer Epochen.

Im folgenden wird anhand zumeist weniger historischer Stichworte und ihnen gelegentlich als Exempel hinzugefügter Quellentexte die Wirkungsgeschichte antiker Wirtschaftsformen und der ihnen entsprechenden Denkweisen über die Antike hinaus - im Mittelalter und in der Neuzeit verdeutlicht. Die Traditions- und Rezeptionsgeschichte des antiken Erbes in den verschiedenen europäischen Kulturzonen - im Bereich des Wirtschaftens und Wirtschaftsdenkens ebenso wie in anderen Bereichen - ist sicherlich nur eine Erklärungsebene für historische Gestaltungen, an deren Herausbildung nicht nur Überlieferungskomponenten aus der Antike, sondern auch aus jeweils einheimisch-ethnischen Traditionen - und darüber hinaus andere Faktoren, beteiligt sind, die gar nichts mit Traditionen oder einer Neuorientierung an überlieferten Vorbildern zu tun haben, sondern viel mehr mit jeweils gegenwärtigen materiellen Interessen und politischen Notwendigkeiten. Trotzdem erscheint es manchmal erstaunlich, in welchem Maße immer wieder antike Formelemente auch in den oftmaligen Um- und Neubildungen wirtschaftlicher Strukturen - bis zu unserer Zeit hin - in nachantiken Epochen ausgemacht werden können. Der Grund dafür liegt darin, daß im Rahmen der von den Räumen antiker Zivilisationsentfaltung ausgehenden Kulturdiffusion nicht nur deren materielle Kultur - von den Gartenpflanzen über das Münzgeld bis zum Häuser - und Straßenbau - auf die Diffusionszonen überging, sondern weitgehend auch, wenn auch in verschiedenen Formen oder Etappen, deren für das Wirtschaften wichtigen 'gesellschaftsleitenden' Einrichtungen und Verfahrensweisen, wie die Eigen-, Eingriffs- und umfassenden Zwangsrechte des Staates bzw. des Herrschers, das Steuersystem, die Bodenordnung, das Stadt- und Marktwesen, das Privatrechtssystem oder die Ordnung der sozial differnezierten Status-Rechte und politischen Klassen (beides im Mittelalter 'Stände' genannt).

Es versteht sich, daß all diese Aspekte historischer Wirkungsmacht hier nur angedeutet werden können; es kann dabei primär nur um grundsätzliche Struktur-Übertragungen, nicht um die vielen 'kleinen' Kulturtraditionen und -rezeptionen gehen, die noch im heutigen Alltagsleben und in der heutigen Alttagssprache ebenso wie im Bereich heutiger wirtschaftsbezogener Politik, Technik, Wissenschaft und ihrer Sprache an die Antike erinnern. Vergegenwärtigt man sich die ganze Ausdehnung antiker Wirkungsgeschichte im heutigen Wirtschaftsleben und Wirtschaftsdenken, so ergibt sich folgende Systematik: Antike Traditionen und Antiken-Rezeption finden sich - was das Wirtschaftsleben betrifft - in größerem Umfang, wenn auch in vielfältiger Kombination mit Formelementen anderer Herkunft,

 

Die heutige Gestaltungen wirtschaftsgeschichtlich bedeutsamer Traditionen und Rezeptionen aus der Antike haben sich über eine Anzahl historischer 'Zwischenstufen' entwickelt, von denen nur einige besonders wichtige historische Strukuren in den folgenden knappen Zusammenfassungen angesprochen werden können.

 

2. Königliche Regalien.

Die Kompetenzen des 'deutschen Königs und Kaisers der Römer' unterscheiden sich nach politisch-ideeller Begründung, Verfassungsform, Einzelelementen und Umfang teilweise erheblich von denen des antiken römischen Kaisers. Das zeigt sich u. a. auch an der Notwendigkeit, in einem Katalog wie dem nachfolgenden diejenigen herrscherlichen Kompetenzen, die er mit dem antiken Kaiser gemein hat, zusammenzufassen und damit gegenüber konkurrierenden politischen Mächten wie Fürsten, Papst oder nach Unabhängigkeit vom Reich strebenden italienischen Stadtgemeinden zu unterstreichen. Immerhin macht dieser Katalog aber auch wieder deutlich, daß in der mittelalterlichen Herrscherstellung viele Traditionen fortwirken, welche sich letztlich auf diejenigen der Kaiser oder Kaiservertreter der Spätantike zurückführen lassen, an deren Stelle die Germanenkönige des frühen Mittelalers traten. Daß nicht alle Kompetenzen des antiken römischen Kaisers dem 'deutschen Könige und Kaiser der Römer' zukommen, wird an den vorsichtigen Formulierungen des letzten Abschnitts klar, der Steuerordnungen der römischen Vergangenheit, nicht solche der damaligen Gegenwart meint. - Im Rahmen der weiteren politisch-traditonsgeschichtlichen Entwicklung ist eine Anzahl der mittelalterlich-kaiserlichen Kompetenzen auf den heutigen staatlichen Souverän übergegangen.- Im folgenden wird ein Auszug aus den Roncalischen Gesetzen Friedrichs I. in ihrem mittelalterlichen Urkunden-Latein neben einer deutschen Übersetzung präsentiert. Die mit Ziffern markierten Textbezüge auf die römische Antike werden anschließend kurz kommentiert.

Aus den Roncalischen Gesetzen Friedrichs I. (d. J. 1158).

   [Textedition: V. Colorni, Die drei verschollenen Gesetze des Reichstags bei Roncaglia, 1969, S. 26 ff., Übersetzung und Kommentierung bei K. Kroeschell, Deutsche Rechtsgeschichte 1 (bis 1250), Hamburg 1972, S. 179 ff.]

1. Regalia sunt: arimannie (1), vie publice (2), flumina navigabilia, et ex quibus fiunt navigabilia (3), portus (4), ripatica (5), vectigalia (6), que vulgo dicuntur thelonea (6), monete (7), mulctarum penarumque compendia (8), bona vacantia (9), et que indignis legibus auferuntur (10), nisi que specialiter quibusdam conceduntur (11), et bona contrahentium incestias nuptias (12), condemnatorum et proscriptorum (13), secundum quod in nostris constitutionibus cavetur (14): angarium et parangarium (15) et plaustrorum et navium prestationes (16), et extraordinaria collatio ad felicissimam regalis numinis expeditionem (17), potestas constituendorum magistratuum ad iustitiam expediendam (18), argentarie (19), et palatia (20) in civitatibus (consuetis), piscationum reditus (21) et salinarum (22), et bona committentium crimen maiestatis (23), et dimidium thesauri in loco Caesaris inventi vel loco religioso; si data opera, totum ad eum pertinet (24).

2. Omnis iurisdictio (25) et omnis districtus (26) apud principem est et omnes iudices a principe administrationem accipere debent (27) et iusiurandum prestare quale a lege constitutum est (28).

3. Palacia et pretoria habere debet princeps in his locis in quibus ei placuerit (20).

4. Tributum dabatur pro capite (29), tributum dabatur pro agro (30). Pro capite dabatur denarius qui X denarios in se continebat, nomen et ymaginem Caesaris in se continens (31). Pro agro dabatur aut annona (32) aut aurum aut argentum aut es aut vestes (33) aut aurum coronarium (34) aut navicularia functio (16) ; quia secundum diversa loca erat prestatio. Pro annona decimam dari quaedam leges insinuare videntur (35). Dabatur autem tributum secundum diversa tempora diverso modo: alia per quinquennium, quo completa urbs romana lustrabatur unde lustrum dicitur (36), post per singulos annos, ex quo era ab Augusto fuit constituta (37); alia per singulas calendas, unde kalendarium appellatur (38).

 1. In die königliche Zuständigkeit fallen: der Befehl über die freien Heermannen, das öffentliche Straßenwesen, die Aufsicht über die schiffbaren Flüsse und deren Zuflüsse, Hafengebühren, Ufergebühren, alle Transportabgaben, die gewöhnlich 'Zölle' genannt werden, das Münzrecht, die Gelder aus Bußen und Strafen, die Verfügung über herrenlose Güter und gesetzmäßig zu konfiszierende Güter - von Einzelfällen abgesehen, in denen sie ihren Besitzern überlassen bleiben -, und das Vermögen derjenigen, die eine sittlich ausgeschlossene Ehe förmlich begründet haben sowie derer, die entsprechend den Bestimmungen neuerlassener Konstitutionen verurteilt oder geächtet werden; ferner die öffentlich angeordneten Fuhr- und sonstigen Dienste, die öffentlich angeordnete Bereitstellung von Landfahrzeugen und Schiffen und die außerordentlichen Umlagen für die Feldzüge des königlichen Herrschers, denen alles denkbare Glück beschieden sein möge, die Befugnis, Beamte für Rechtsprechungszwecke einzusetzen, die Aufsicht über den Geldhandel, das Recht, Pfalzen in den dafür traditionell vorgesehenen Städten zu haben, das Recht, die Einkünfte aus vergebenen Fischereirechten und aus Salinen zu erhalten, das Recht, bei Schatzfunden auf königlichem Land die Hälfte zu erhalten oder, bei selbst veranlaßter Suche, das Ganze.

2. Alle Rechtsprechung und alle Banngewalt geht vom Herrscher aus, und alle oberen Beamten können ihre Amtsgewalt nur von ihm erhalten. Sie haben einen Amts- und Loyalitätseid zu leisten, wie er im Gesetz vorgesehen ist.

3. Wo nach seinem Ermessen nötig, muß der Herrscher eigene Königshöfe und Amtssitze einrichten können.

4. Es wurden [scil. nach römischem Recht] Kopf-Steuern und Land-Steuern entrichtet. Als Kopf-Steuer wurde ein Denar-Betrag gezahlt, der bis zu zehn Denar-Münzen mit dem Bild des Kaisers darauf (Silbermünzen) enthalten konnte. Als Landsteuer konnten entweder eine Naturalabgabe oder Gold- oder Silbermengen oder das ehrenhalber an den Herrscher entrichtete 'Kranzgold' oder auch eine Schiffstransportleistung geschuldet sein; das hing von den örtlich unterschiedlichen Verhältnissen ab. Es scheint so, daß einige Gesetze es erlaubten, statt der Naturalabgabe auch einen 'Zehnten' in Geld zu entrichten. Die Steuern wurden in verschiedenen Zeiten auf unterschiedliche Weise gezahlt. Einmal gab es die Fünjahresfrist, nach der jeweils die Stadt Rom entsühnt wurde, weswegen man diese Frist auch 'Sühneperiode' nannte. Später wurde die Steuer jährlich erhoben; zu diesem Zweck wurde von Augustus die 'Ära' [etymolog. von 'aes'] eingeführt. Eine andere Art der Erhebung war die zu einzelnen 'Kalenden'-Terminen, weswegen man auch von einem öffentlichen 'Kalender'-Schuldbuch [calendarium; z. B. der Stadtgemeinden] spricht.

Kommentar. 

(1) Die Befehlsgewalt über das Heer (imperium) ist eine der Hauptkompetenzen des römischen Kaisers, hat allerdings andere rechtsgeschichtliche Wurzeln (Magistratsrecht) als die Aufgebots- und Befehlsgewalt germanischer Könige, mit der sich die römische Tradition im Mittelalter verbindet.

(2) - (5) Im römischen Recht wird unterschieden zwischen 'res communes iure naturali', 'res publicae', 'res universitatis', 'res singulorum' und 'res nullius' (Inst. Iust. 2, 1). Zu den 'öffentlichen Sachen' ('res pubicae') gehören die nicht im Privatbesitz ('res singulorum') oder anderer Zuordnung befindlichen öffentlichen Straßen ('viae publicae') und Örtlichkeiten ('loca publica'), die Flüsse (flumina), Häfen (portus) und Ufer (ripae). Sie unterliegen als öffentliche der Regelungskomptetenz des Staates (vgl. z. B. Dig. 43, 7 ff.) und damit in letzter Instanz der des Kaisers; zu dieser gehört auch die Erhebung von Nutzungsgebühren (vgl. z. B. Dig 43, 9), wobei ein deutlicher Unterschied zwischen Abgaben an den 'fiscus' und Abgaben an die Stadt-Gemeinden gemacht wird (Dig 50, 16, 15).

(6, 21, 22) I. e. S. 'öffentliche'. d. h. fiskalische Zölle und Nutzungsabgaben werden im römischen Recht etwa so definiert: "publica vectigalia intellegere debemus, ex quibus vectigal fiscus capit: quale est vectigal portus vel venalium rerum, item salinarum et metallorum et picararaium" (Dig 50, 16, 16). Zum 'ius piscandi': siehe Inst. Iust. 2, 1, 2. 'Telos, teloneum' ist ein griech. Synonym für das lat. 'vectigal'.

(7. 19) Die Münzprägung (signatio/aequatio monetae/pecuniae/aeris) ist in Rom eine öffentliche Angelegenheit, die in der Kaiserzeit teils vom Senat, teils vom Kaiser administriert wird. Die Münzhoheit liegt aber wie alle andere Staatsgewalt letztlich beim Kaiser. Dementsprechend ist die öffentliche Münzwährung ('aurum, argentum, aes publicum') strafrechtlich besonders geschützt (ggf. Todesstrafe und Vermögenseinziehung - Dig. 48, 13, 1; Cod. Iust. 9, 24).

- Aus der Währungshoheit des Kaisers ergibt sich auch seine Zuständigkeit für die Genehmigung und Beaufsichtigung der (wirtschaftsgeschichtlich besonders bedeutsamen) Geschäfte der 'argentarii'; dies sind Gewerbetreibende, die staatliche und private Gelder in Verwahrung nehmen, darüber genaueste, systematische Rechnung führen, auf Anweisung der Berechtigten Zahlungen leisten, Auktionen durchführen und Kredite geben - also sozusagen das antike Bankgewerbe (Dig. 2, 13.4 - 10; Nov. Iust. 136 de argentariorum contractibus). Sie sind berechtigt, Gebühren zu nehmen, aber auch verpflichtet, erhebliche Abgaben an den 'fiscus' zu zahlen. Dieser Einnahmeposten ist auch für den mittelalterlichen Kaiser von großer Bedeutung.

(8 .10 -14. 23) Öffentliche Strafen (poenae publicae), die wegen Straftaten gegen die öffentliche Ordnung (delicta publica; Dig. 48, 4 ff.) verhängt werden und Geldzahlungen (multae) oder Vermögensverlust (publicatio bonorum) vorsehen (Dig. 49. 19 und 20), fallen nach römischem Recht dem Staat (fiscus) zu, Bußzahlungen aus reinen Delikten gegenüber Privatpersonen (delicta privata) diesen.

(9. 24) Der römische Staat (fiscus) erwirbt ein erbenlos hinterlassenes Vermögen (bona vacantia - Cod. Iust. 10, 10).

- Zum Recht des Schatzfundes, das schon in römischer Zeit einen Interessenausgleich zwischen Finder, Grundstücksbesitzer und öffentlicher Hand anstrebt: Dig. 49, 14, 3, 10 f.; Inst. Iust. 2, 1, 39; Cod. Iust. 10, 15).

(15. 16) Transport- und andere Arbeitsleistungen, Einquartierungen und Requisitionen (angariae, parangariae, naviculariae functiones, hospitia) aller Art, soweit unabweislicher Bedarf besteht, kann der römische Staat allen Bürgern und Untertanen gegenüber anordnen (Dig. 50, 4). Letztlich liegt diese Kompetenz beim Kaiser, der auch als letztzuständige Instanz allein von entsprechenden Belastungen Befreiung (immunitas, beneficium) gewähren kann. Die römisch-kaiserlichen Rechte gehen über die des mittelalterlichen Herrschers in dieser Hinsicht aber deutlich hinaus.

(17) Zu Steuerumlagen für ungewöhnliche staatliche Zwecke ('extraordinariae indictiones'): Cod. Iust. 10, 42, 10.

(18. 25 - 28) Aufgrund ihrer außerordentlichen politischen Souveränitätsstellung (in einem antiken Sinne) werden die römischen Kaiser im Laufe der Kaiserzeit zu einer auch verfassungsrechtlich letztzuständigen Instanz für die Setzung und authentische obergerichtliche Interpretation geltenden Rechts, für die Organisation der staatlichen Verwaltung und Gerichtsbarkeit und für die Berufung der zivilen und militärischen Bediensteten und Amtsträger des Staates; vgl. etwa Cod. Iust. 1. 14 und 15; Nov. Iust. 8, app. ('iusiurandum'). Diese zumindest prinzipielle Zusammenfassung der Staatsgewalt an einer Stelle im staatlichen Aufbau ist eine fortwährende politische Grundidee auch in der mittelalterlichen Kaisergeschichte, obwohl die Monarchenrechte dieser Epochen (wie z. B. die 'Banngewalt' - mlat. 'districtus'-) im allgemeinen gewaltenteilig begrenzt erscheinen. An sie können deshalb neuzeitliche Souveränitätskonzepte mit ihren auch in volkswirtschaftlicher Hinsicht wichtigen Kompetenzzuweisungen an den Staat (z. B. in den Formen absolutistisch-fürsorglicher Wohlfahrtspolitik, des Merkantilismus oder der liberalen Nationalökonomie) anknüpfen.

(20) Zu den für den antiken römischen Kaiser selbstverständlichen Hoheits-Rechten gehört auch die Bestimmung von Orten für den kurz- oder längerfristigen Sitz seiner Regierung und seines Hofes (palatium, domus) mit den notwendigen administrativen und militärischen Nebenentscheidungen; als paradigmatisches Beispiel diene die Gründung des 'Zweiten Rom', Konstantinopel, durch den Kaiser Konstantin. Ebenso bestimt der Kaiser nach Ermessen über die Einrichtung von Verwaltungmittelpunkten und militärischen Zentren (praetoria, cohortes, mlat. curtis). Für den mittelalterlichen Kaiser sind diese Rechte nicht selbstverständlich, sondern müssen sich zusätzlich auf alte Gewohnheiten und besondere politische oder militärische Notwendigkeiten berufen.

(29 - 38) Zum spätantiken Steuerrecht, das Vermögen (caput, capitale), Grundbesitz (ager, iugum, possessio) und geldwerte Sach- und Dienstleistungen nach vergleichbaren Bemessungseinheiten (caput, iugum) besteuert ('capitatio iugatio'): Cod. Iust. 10. 16 - 30; Dig 50, 15, 4. Naturalleistungen (annonae) und Geldzahlungen (aera) sind üblich.Zu Abgaben in Gold: Cod. Iust. 10, 22, 1. Zum 'aurum coronarium': Cod. Iust. 10, 76. Zur 'collatio vestium' als für bestimmte Provinzen von einer bestimmten Steuerbemessungsgrundlage an festgelegte Steuerzahlungform: Cod. Iust. 12, 39. Der zehnte Teil des Jahresertrags (decima), etwa eines Grundstücks, ist eine mögliche und oft angeordntete, aber nicht die einzige denkbare Steuerquote. Zur Bürgersteuer in republikanischer Zeit: Cicero. leg. 3, 7. Die jährliche Erhebung von Steuern ('annona', i. w. S., etym. von 'annus') hängt mit der jährlichen Bezahlung des Heeres und der zivilen Staatsbediensteten zusammen, die seit dem 1. Jht. v. Chr. in größerem Umfang nötig wurde. DasWort 'denarius' hat eine Doppelbedeutung als 'römische Münzwährung' und als Bezeichnung für einen Münztyp, der ursprüngliche zehn Asse ('denarius' etym. von 'deni') enthält.

 

3. Domänenwesen. Kammerwesen.

Ein erheblicher Teil der Einkünfte des römischen Staates stammt aus seinem Eigenbesitz, und darunter nehmen die aus der Nutzung von Staatsland, insbesondere aus landwirtschaftlich genutzten Eigenbetrieben, einen nicht genau abschätzbaren, aber erheblichen Teil ein; immerhin pflegen die landwirtschaftlichen Eigenbetriebe des Staates oder des Kaiserhauses in besonderen Finanzverwaltungen (z. B. 'res privatae' oder 'res domenicae'; vgl. Cod. Iust. 11, 56 ff.) verwaltet zu werden. Diese Verwaltungen sind auch für eine eventuelle Verpachtung staatlicher oder persönlich-kaiserlicher Eigenbetriebe zuständig. Die innere Strukur dieser Eigenbetriebe pflegt aus dem zentralen Verwaltungssitz eines 'procurator' oder Großpächters ('emphyteuticarius') und nachgeordneten Verwalterhöfen der 'vilici' sowie den zugeordneten Kleinhöfen oder Arbeitsstellen der Klein- und Unterpächter (coloni, conductores), Sklaven (servi) und freien Landarbeiter (operarii) zu bestehen. Diese Eigenbetriebsstrukur ebenso wie die die staatlichen und persönlich-monarchischen Eigenbetriebe zusammenfassenden Verwaltungen finden sich auch im Domänenwesen ('Domäne' etym. von 'domenica') des mittelalterlichen und des neuzeitlich-monarchischen Staates in vielen Zügen wieder.

Einkünfte aus staatlichem Bergbau, staatlicher Eigenproduktion oder staatlichem Handel pflegen im römischen Kaiserreich dagegen zusammen mit allen anderen Einkünften aus der allgemeinen Steuerverwaltung in einer größeren einheitlichen Finanzverwaltung (in der Spätantike 'sacrae largitiones') zusammengefaß zu sein (vgl. Not. dign., or. 13 und oc. 11); dieser Verwaltung obliegt auch die Schatz-Organisation (thesauri, spätlat. und mlat. camerae; > camerarius/Kämmerer) und die Veranlassung und Kontrolle der staatlichen Ausgaben, von denen ein großer Teil für das Heer und ggf. die Kriegführung auszugeben ist. Auch dieser Aufbau, der sich aus der Notwendigkeit einheitlicher Verwaltung und Verwertung des verschiedenen Abgaben- und Einkunftsarten (nicht nur in Geld) des Staatseinkommens ergibt, wirkt in entsprechenden 'Kammer'-Strukturen des mittelalterlichen und neuzeitlichen Fiskalwesens fort (im preußischen 'Kriegs- und Domänen-Kammer'-System sogar in einer an die antike Differenzierung der staatlichen Finanzverwaltungen erinnernden Weise).

 

4. Lehenswesen und Grund-Herrschaft.

Der römischen Senatorenstand ist aus Standesgründen in früheren Epochen der römischen Geschichte rechtsgrundsätzlich, in späteren Epochen zumindest aus Dezenznormen der Standestradition verpflichtet, die Sicherung seiner wirtschaftlichen Existenz auf den Bezug von 'Renten' aus Grundbesitz zu beschränken. Grundbesitz ist dabei nicht nur Landeigentum im engeren Sinne, sondern auch ein bestimmter Rechtstypus des dauernden Nutzungsbesitzes ('emphyteusis' oder 'ius perpetuum'), der sich von einem einfachen, schuldrechtklichen Pachtvertrag einmal durch seinen sachenrechtlichen Charakter, zum anderen auch durch seine faktisch übliche Anwendung auf 'gesicherte, dauerhafte Großpachtverhältnisse' unterscheidet. Prinzipiell können derartige Rechte nach dem Tode des Berechtigten an den Eigentümer-Grundherren zurückfalle; dies geschieht faktisch aber nur ausnahmsweise, und öfters ist sogar die Vereblichkeit und die Veräußerlichkeit dieses Rechtstyps durch Vereinbarung oder Gewohnheit gesichert. Nutzungs-Besitz dieser Art wird vom Staat, dem größten Landeigentümer des römischen Reiches, bzw. vom Kaiser einmal für militärische, politische oder administrative Dienste verliehen. Er kann aber auch rechtsgeschäftlich gegen Bezahlung einer entsprechenden Geldsumme erworben werden. Dies setzt voraus, daß der Staat zumindest keine Einwände gegen die Person des Erwerbers hat.

Eine Verleihung findet auch an verdiente Angehörige des Ritterstandes statt, denen es - anders als den Senatoren - stets erlaubt ist, ihr Vermögen auch durch Handelsgeschäfte zu vermehren. Sie treten ferner seit jeher als rechtsgeschäftliche Pächter großer Landflächen vom Staate auf. Der geschäftliche Umsatz größerer Geldvermögen in proßpächterischen Landbesitz dieser Art legt es wirtschaftlich nahe, daß des Land eher als 'Kapital', d. h. als Instrument der Vermögensbildung, denn als Grundlage einer 'Rente'/ 'Pension', d. h. nur einer standesgemäßen Einkommenssicherung genutzt wird.

Aus diesen verschiedenen Voraussetzungen entsteht und erneuert sich ständig eine antike Großgrundbesitzer-Schicht. Die Großgrundbesitzer gehören dabei zumeist entweder dem senatorischen oder dem ritterlichen Stande (ordo senatorius, ordo equester) an. Wer noch nicht dazugehört, strebt in der Regel danach. Als 'personae publicae' sind Senatoren und römische Ritter einerseits dem Staat zu besonderer Loyalität - ggf. auch zu besonderen Opfern und Leistungen - verpflichtet. Sie genießen andrerseits verschiedene wichtige Privilegien , insbesondere auch in der hinischt, daß sie vonseiten des Staates bzw. des Kaisers bei der Zuweisung der mit größerem Landbesitz verbundenen Einfluß- und Einkunftsquellen rechtlich und sozial privilegiert werden ('beneficium'- Dig. 1, 4 3).

Sicherlich weisen die mittelalterlichen Lehens-Rechte eine Anzahl von Formelementen aus germanisch-ethnischer Tradition auf, so etwa die Rechtsfigur der Vassallität mit ihren adelsbezogenen persönlichen Gefolgschafts-, Heerfolge- und sonstigen Treuepflichten, oder das dem Adelswesen Rechnung tragende Moment der Übertragung einer gewissen Staatsgewalt auf den Belehnten für sein Lehensgebiet. Dennoch ist die rechtsgeschichtliche Verwandtschaft der lehensbedingten Grundherrschaft - mlat. 'beneficium' genannt - mit dem römischen Recht des Senatoren- und Ritterstandes und ihrer Qualität als staatstragender oder gar kaiserhofnaher (comitatus) Stände unübersehbar: Lehens-Recht ist ein ständisches Sonderrecht, ein Lehen entsteht nur über Land und als Grund-'Herrschaft', und es wird vom Herrscher oder einem andere 'Lehns-Herren' übertragen.

Die Strukturverwandtschaft mit den antiken Verhältnissen liegt im politischen und rechtlichen Nahverhältnis einer Grundbesitzeraristokratie zum Staat bzw. zum Monarchen, ja in ihrer zumindest formalen Abhängigkeit von seinen Gewährungen (indulgentia, beneficium). Der Unterschied zwischen ständisch bedingter Grundherrschaft und 'kapitalisierten Grundbesitz', welchletzteren es im Mittelalter bei Nicht-Adligen gibt, liegt darin, daß dieser auf einem rein privatrechtlichen Titel, etwa dem Eigentum, als einem subjektiven Recht beruht und keinerlei 'öffentlich-rechtliche' Komponenten hat. In den neuzeitlichen Veränderungen der Bodenordnung wird der Typ des privatrechtlichen Grundeigentums zum gesellschaftlich maßgeblichen, der das ältere 'Feudaleigentum' allmählich - aber in Deutschland erst in unserem Jahrhundert völlig - verdrängt hat.

 

5. Verwaltung des Kirchen- und Klostervermögens.

Die wirtschaftliche Absicherung der ihrem inneren Sinn nach den materiellen Bedürfnissen fernen und eigentlich dem aus ihnen befreienden Heilswege gewidmeten Kirche ist, was ihre - in einem antiken Sinne - 'volkswirtschaftliche' Bedeutung betrifft, schon in der Spätantike eine wichtige Angelegenheit sowohl des Staates als auch vermögender Privat-, insbesondere Standespersonen als auch natürlich der Kirchenverfassung selbst, die vor allem im Klosterwesen, aber auch bei dem Betrieb von Hospitälern und bei der Versorgung Bedürftiger wirtschaftliche Arbeit und die Verteilung von Wirtschaftsgütern zu organisieren hat. Aus diesem Grunde regelt die spätantike Gesetzgebung auch die Organisation der Kirchenverwaltung ausführlich mit dem Ziele, den Kirchen durch Zuwendungen oder staatliche Privilegierungen eine ausreichende Existenzbasis zu sichern, eine mißbräuchliche oder ungeordnete Verwendung oder Veräußerung von Kirchenvermögen zu verhindern und auch eine unangmessene Zahl oder ein unangemessenes Maß von Versorgungsberechtigungen für das Kirchenvermögen auszuschließen (Cod. Iust. 1, 2: res ecclesiticae et privilegia). Der Gesetzgeber fördert dabei großzügige private Schenkungen an die 'Idealperson' Kirche (piae causae donationes : Cod. Iust. 1, 2, 19; 8, 53, 34, 1a) über ein eigens dafür neu geschaffenes Recht für die Verwaltung von kirchlichen Stiftungsvermögen (pietatis officium: Cod. Iust. 1, 3, 34; ). Er trägt auch dafür Sorge, daß den formell für die Verfügung über das Kirchenvermögen ihrer Verwaltugsbereiche zuständigen Bischöfen, Äbten und geistlichen Stiftungsverwaltern (epsicopi, abbates, dioiketai) wenn nötig nicht-geistliche Anwälte oder Verwalter (advocati, oeconomi) zur Seite stehen, die gesetzlich ausdrücklich verpflichtet sind, in ordentlicher Weise die rechtlichen und wirtschaftlichen Belange der von ihnen betreuten und vertretenen kirchlichen Einrichtung zu wahren (Cod. Iust. 1, 2, 24).

Das Kirchenvermögens- und Stiftungsrecht des Mittelalters baut auf diesen Prinzipien auf. U. a. wird dabei das Recht verschiedener Vorsteher kirchlicher Verwaltungsbezirke sogar auf die Ausübung von Grundherrschafts-, ja auf an sich primär dem hohen Adel zukommende Territorialhoheitsrechte ausgedehnt. Auch das kirchliche Stiftungs- und Kloster-Vermögensrecht erhält über die in ihm vorgesehenen materiellen Bezugsrechte und Abgabepflichten zugunsten der geistlichen Einrichtungen ('praebenda' > 'canonica' > Pfründe) und durch eine sich verselbständige Amtsstellung der Kirchen-Vögte (advocati) eine wirtschaftlich interessante und damit weltliche Komponente, gegen die sich verschiedene geistliche Reformbewegungen des Mittelalters bis hin zur Reformation wenden. - Obschon die Säkularisation des Kirchenvermögens, die mit der Reformation beginnt und erst im vergangenen Jahrhundert endet, die Vermögensordnung der Kirchen der 'bürgerlich-rechtlichen' Eigentumsordnung anpaßt und obschon die liberal-konstitutionalistischen Bewegungen des 18. und 19. Jahts. eine 'weltanschaulichen Neutralität' des Staates festschreiben, so sind doch die staatliche Förderung religiöser und wohtätiger Zwecke, der öffentlich-rechtliche, korporative Sonderstatus der Kirchen und ihre institutionelle 'Religionsfreiheit' als bis heute fortwirkende Folgen einer von der Spätantike ausgehenden Traditionsgeschichte der Kirchenorganisation anzusehen .

 

6. Ständeordnung.

Antike Sozialschichtungen, etwa die des römischen Kaiserreichs, sind nicht nur nach Vermögen, Bildung, Religion und anderen, den faktischen Gegebenheiten nach ggf. jederzeitiger Veränderung nach Wahl der Einzelnen unterliegenden Vorgaben der Lebensgestaltung differenziert, sondern auch nach Typen rechtlich programmierter Lebensläufe, deren Wirksamkeit entweder auf der Zugehörigkeit zu einer Familie oder auf einer Veränderung des Familienstandes oder auf staatlicher Verleihung beruht. Sie schränken die individuelle Wahl bei der Gestaltung der Lebensverhältnisse selbst dann ein, wenn diese rein faktisch möglich ist. Im römischen Bereich heißen sie 'ius personarum' oder auch 'status' oder 'codicio' (Gai., inst. 1, 3 ff. ;Inst. Iust. 1, 3 ff.), mit deutschen Worten: Personenstand, Personenstatusrecht. Neben den 'status civiles', den Typen der (bis zur Constituio Antoniniana d. J. 211 n. Chr.) im römischen Reich unterschiedlichen Bürgerrechte (römisches Bürgerrecht, latinisches Bürgerrecht, Peregrinenstatusrecht) - und den 'status libertatis' (Statusrechte der 'liberae personae sui iuris', derjenigen 'alieni iuris' sowie der unfreien 'servi' - ) gibt es weitere Kategorien von 'status' oder 'condiciones': die nach 'honor', die nach 'dignitas' und die einfach nach 'condiciones' eines plebejischen Herkunftsmilieus:

a) Unterscheidung nach 'Ehre' (honor): die Abstufung des politischen und sozialen Gewichts der Bevölkerung nach 'Ehre' unterscheidet die zu besonderer Loyalität gegenüber dem Staat und zu sittlich beispielgebender Lebensführung verpflichteten Personen, die höhere öffentliche Ämter ausüben dürfen ('personae publicae') , als 'honestiores' (auch 'superiores') in wichtigen rechtlichen Aspekten (Karrierevoraussetzungen, Strafrechtsprivilegierungen, Befreiung von bestimmten 'munera', Verpflichtung zur Übernahme von öffentlichen Ehrenämtern) und im Hinblick auf die daraus folgenden wirtschaftlichen und sozialen Chancen deutlich von dem gewöhnlichen Volk, den 'plebei' (auch 'inferiores').

b) Unterscheidung nach 'Würde' (dignitas): die durch hohe politische oder militärische Ämter und besondere Verdienste bekundete Nahverhältnis einer Person zum Staat begründet die ihr persönliche zukommende und ggf. verliehene 'dignitas', aber indirekt auch eine dignitas-Stellung der zu ihrer familia gehörenden Verwandten. Zwischen denjenigen, denen eine 'dignitas' zukommt, gibt es nach deren Ausmaß Rangabstufungen: einmal nach großen Klassen: zwischen den senatorischen Standespersonen ('senatorii') als Würdenträgern 'primi ordinis' 'und den ritterlichen ('equites') als solchen 'secundi ordinis', zum andern nach Stellung in der nach amtlichen Verantwortungsbereichen, Verdiensten, Seniorität und Herkunftsstand stark differenden Würdenordnung des kaiserlichen Hofes (ordo dignitatum - Cod. Iust 12. 1 und 8).

c) Unterscheidung nach 'maßgeblichen Lebensverhältnissen' (condicio): das Herkunfts- und Lebenmilieu einer Person ist - auch außerhalb der Sphäre der 'honestiores' - im Bereich des einfachen Volkes öfters Anknüpfungspunkt rechtlicher Vorschriften für die Lebensführung, innerhalb derer nur bestimmte Dinge möglich, andere aber ausgeschlossen sind. Ebenso wie die 'honestiores' aufgrund ihrer Status manches tun und manches nicht tun dürfen, so gilt dies öfters auch für das einfache Volk. Ehemalige Sklaven oder Söhne von Sklaven oder Schausteller oder andere Personen aus 'infamen' Lebensverhältnissen etwa können niemals 'honestiores' werden und folglich grundsätzlich weder eine legitime Ehe mit einer 'persona honestior' schließen noch ein höheres öffentliches Amt ausüben (12, 1, 2 ). Bodengebundene Kolonen können ihr Land nicht verlassen (Cod. Iust. 11, 48, 12). Angehörige bestimter dienstpflichtiger Korporationen und ihre Kinder müssen in diesen bleiben (Cod. Iust. 11, 18, 1). Aber auch Angehörige des Dekurionenstandes können ihre Zugehörigkeit zu diesem nicht aufgeben (Cod. Iust 10, 32, 31 ff.). Kleriker und Mönche müssen konsequent in ihren selbstgewählten geistlichen Lebensbedingungen verbleiben (Cod. 1, 3, 17). Bestimmte Ämter können nur von Personen ritterlichen oder senatorischen Standes besetzt werden (vgl. die Rangbezeichnungen für die hohen Staatsämter in Cod. Iust. 1, 26 ff.), und es ist unmöglich, daß Personen aus bestimmten inferioren Milieus Dienst am Hofe tun oder in den Ritterstand aufgenommen werden (Cod. Iust. 12. 32 - 34; ) etc.

Diese Elemente einer antiken Ordnung festgelegter Personenrechtsunterschiede wirken - neben solchen anderer Herkunft - in den verschiedenen Funktionsbereichen mittelalterlicher Standesordnung nach. Die fortwirkenden antiken Prinzipien sind:

Eine Hauptzielrichtung neuzeitlich-politischer Verfassungsbewegungen ist die Beseitigung der meisten ständischen Strukturen der vorherigen Staats- und der Gesellschaftsordnungen auch deshalb, weil diese u. a. die mögliche Wirksamkeit des Wirtschaftens, einen effektiven geschäftlichen Warenaustausch, Grundstücksverkehr und Arbeitsmarkt sowie eine den wirtschaftlichern Bedarfslagen entsprechende Entwicklung der Berufsfelder, der Berufswahl- und Ausübungsmöglichkeiten in rational uneinsehbarer Weise einschränkt. Soweit statusrechtliche Traditionen der Tendenz zur gesamtwirtschaftlichen Rationalisierung nicht wesentlich im Wege stehen, sind sie weiter - ggf. auch nur partiell oder temporär - bis heute wirksam geblieben (z. B. im Standesrecht der 'freien' Berufe, im Kirchenrecht, im Hochschulrecht, in verbliebenen adelsrechtlichen Traditionen; je nach Fassung der maßgeblichen, wirklich wirksamen 'Auswahlkriterien' aber wohl auch in politischen oder sozialen 'Elitebegriffen' der neuesten Geschichte und der Gegenwart.

 

7. Stadt- und Marktrecht.

Die mittelalterliche Konzentration und Förderung der Gewerbetreibenden (lat. 'institores', 'negotiatores') in Marktorten, die Einrichtung der dafür nötigen Marktaufsicht und Marktgerichtsbarkeit dort und die Respektierung korporativer Satzungen der Einwohnerschaft solcher Orte durch den Kaiser oder seinen Stellvertereter, aber auch das staatliche Münzrecht und Interesse an städtischen Zoll-/Steuer-Einnahmen weist in starkem Maße zurück auf die unter kaiserlicher bzw. statthalterlicher Aufsicht stehenden, städtisch verfaßten Marktorte der römischen Kaiserzeit (coloniae, municipia, civitates - vgl. Cod. Iust. 10, 32 ff.). Erst im weiteren Verlauf der mittelalterlichen Städtegeschichte gewinnt die Beispielfunktion unabhängiger Stadtstaaten, wie sie die griechisch-römische Geschichte auch kennt, in mehr oder weniger ausgeprägter Form größere Bedeutung für die Stadtverfassungen, so z. B. für die im hohen Mittelalter enstehenden Stadtrepubliken des italienischen Bereichs. Für die neuzeitliche Entwicklung städtischer Selbstverwaltung wird dagegen wieder das römisch-kaiserzeitliche Modell zum traditions- oder rezeptionsgeschichtlichen Ausgangspunkt, insofern als die Städte bei weitgehender Eigenverantwortlichkeit im kommunalen Bereich dennoch unter staatlicher Aufsicht stehen und gesamtstaatliche Aufgaben, wie z. B. die der Steuererhebung, mitzutragen haben.

Einrichtung des Marktortes Bremen durch kaiserliche Konzession hoheitlicher Rechte an den Stadtherrn und Unterstützung der kaufmännischen Rechtsgewohnheiten der gewerbetreibenden Einwohner - Urkunde Ottos I. d. J. 966.

(MGH DD O I 307 5. 422f.; Quellen zur Deutschen Verfassungs-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte bis 1250, ausgewählt und übersetzt von L. Weinrich, Darmstadt 1977, S. 54 - 57]

In nomine sanctae et individuae trinitatis. Otto, dei clementia imperator augustus. Si religiosorum optemperaremus votis et nostrae liberalitatis loca divino cultui mancipata largitate donaremus, ad eternae recompensationis premium indubitanter id nobis credimus profuturum. Quare omnibus constet, nos pro dei amore venerabilis Adaldagi Hammaburgensis ecclesiae archiepiscopi flagitationibus annuentes, construendi mercatum in in loco Bremun nuncupato illic concessisse licentiam. Bannum et theloneum nec non monetam totumque, quod inde regius rei publicae fiscus obtinere poterit, prelibatae conferimus sedi; quin etiam negotiatores eiusdem incolas loci nostrae tuitionis patrocinio condonavimus precipientes hoc imperatoriae auctoritatis precepto, quo in omnibus tali patrocinentur tutela et potiantur iure quali ceterarum regalium institores urbium, nemoque inibi aliquam sibi vendicet potestatem, nisi prefati pontificatus archiepiscopus et quem ipse ad hoc delegaverit, manu nostra signato et anuli nostri impressione roborato.

Acta IV. idus augusti, anno dominicae incarnationis DCCCCLXVl, indictione VIII, anno domini Ottonis magni imperatoris regni XXXI, imperii vero IV; actum Mersburg; in dei nomine, feliciter.

 Im Namen der heiligen und ungeteilten Dreifaltigkeit. Otto, von Gottes Gnadengüte erhabener Kaiser.Wenn wir den Wünschen der frommen Geistlichen entsprechen und die Stätten, die der Verehrung Gottes gewidmet sind, mit einer Spende unserer Freigebigkeit beschenken, so wird Uns das, so glauben Wir, unzweifelhaft beim Erstatten des ewigen Lohnes nützen. Daher soll es allen bekannt sein. daß Wir aus Liebe zu Gott unter Zustimmung zum Ersuchen des hochwürdigen Adaldag, Erzbischof der Hamburger Kirche, ihm die Erlaubnis verliehen hahen, im Ort namens Bremen einen Marktverkehr einzurichten Gerichtsbann und Zoll sowie dieMünze und alles, was der königliche Fronhof des Staates von dort erhalten könnte, übertragen Wir dem zuvor genannten Stuhle; ja Wir beschenken auch die Kaufleute, die Einwohner dieses Ortes sind, mit dem Schutz und Schirm Unserer Muntschaft, wobei Wir durch dieses Gebot kraft kaiserlicher Macht gebieten, daß sie in allem durch solchen Schutz beschirmt werden und solches Recht besitzen sollen, wie die Handelsleute der übrigen königlichen Städte, und niemand soll dort irgendwelche Amtsgewalt beanspruchen, es sei denn der Erzbischof des genannten Bistums und wen er damit beauftragt - ein Gebot, mit eigener Hand gezeichnet und mit dem Aufdruck Unseres Siegelrings bestätigt.

Geschehen am 10. August, im Jahre der Geburt des Herrn 966, in der 8. Indiktion, im 31. Jahr des Königtums des Herrn Otto, des Großen Kaisers, und im 4. seines Kaisertums. Geschehen zu Merseburg. ImNamen Gottes, Heil und Segen.

 

8. Zunft-, Gilden- , Ordens- und sonstiges Gemeinschaftswesen.

Das Zunftwesen weist in manchen Elementen zurück auf das römische Recht der Korporationen und Kollegien. Diese haben - wie es auch Aufgabe der mittelalterlichen städtischen Zünfte oder Innungen ist - u. a. öffentliche Aufgaben, wie z. B. die Organisation der Steuererhebung, und kennen Satzungen (leges), für die Mitglieder verbindliche Beschlußfassungen und eine interne Unterstellung der 'corporati' unter einen Vorstand (Cod. Iust. 11, 15 ff.).

Soweit solche Elemente vorliegen, kann man auch für andere Verbindungen und Gemeinschaften des Mittelalters (Gilden, Dienst- und Schwurgemeinschaften, Bruderschaften und Orden, Universitäten) eine Fortwirkung von Momenten des antiken Korporations- und Kollegienwesens - neben solchen jeweils spezifisch anderer (religiöser, verwandtschaftlicher, wirtschaftspraktischer oder landsmannschaftlicher) Art - annehmen. Die Eigentümlichkeit der antiken Korporation, in bestimmten Funktionen Bestandteil der öffentlichen Ordnung zu sein und unter staatlicher Aufsicht zu stehen, aber zugleich eine Interessenvertretung der Mitglieder und deren rechtsverbindliche Selbstorganisation zu ermöglichen, wirkt aber nicht nur im Mittelalter nach, sondern über dessen Traditionen oder aufgrund juristischer Rezeption in einer Vielfalt neuzeitlicher Vereins- und Körperschaftsbildungen, bis hin zum Gewerkschaftswesen, zum Genossenschaftswesen und zu den Selbstverwaltungs-Körperschaften des öffentlichen Rechts der Gegenwart.

 

9. Beurkundungs- und Grundbuchwesen.

Obwohl spezielle Formen der Urkundengestaltung - z. B. des Grundbuchs, des Schecks oder des Wechsels - in den stadt- und handelsrechtlichen Verhältnissen des Mittelalters ihre Wurzeln haben, so weisen sie dennoch in einigen wichtigen Elementen grundsätzlich auf ältere römisch-rechtliche Formen der Beurkundung und Urkundenarchivierung zurück, die unmittelbar aus der Antike in das nachfolgende Mittelalter übernommen werden (vgl. etwa zu den Stichworten 'archivum', 'tabularius', 'tabellio', 'protocolla': Dig. 48, 19, 9, 6; Cod. Iust, 1, 55, 9, 1; Nov. Iust. 64).

Der im folgenden auszugsweise wiedergegebene Urkundenentwurf aus merowingischer Zeit, dessen Sprache wegen ihrer weitgehenden Nichtbeachtung der im klassischen Latein üblichen Flexionsformen und Wortschreibungen als ein volkssprachliches Spätlatein bzw. als ein frühes Alt-Altfranzösisch anzusehen ist, macht dennoch sprachlich und sachlich - in den gewählten Amts- oder Rangbezeichnungen ebenso wie in den Rechtsbegriffen - deutlich, daß die römischen Rechtstraditionen in den Städten der ehemaligen Gallia Lugdunensis als Gewohnheitsrecht ('consuetudines' > 'coutumes') fortbestehen. Dazu gehört auch die Beurkundung durch städtische Behörden und die Führung öffentlich errichteter oder in öffentliche Verwahrung gegebener Urkunden in einem städtischen Register (codex, archivum, tabularium publicum; die Übersetzung von 'codex' ins Deutsche ist 'Buch') und die Tätigkeit von Rechtsanwälten (prosecutores = Sachwalter, Interessenvertreter) bei der Urkundenerrichtung. Das im folgenden erkennbare Verfahren ist durchaus zweckmäßig und nicht übermäßig schwerfällig, gemessen an der Bedeutung von Grundstücks- und ähnlichen Vermögensübertragungen, an deren Urkundenform auch das heutige Recht besondere Anforderungen stellt. Allerdings ist unter anderem der Bereich der grundstücksbezogenen Urkunden ( das spätere 'Grundbuch') noch nicht organisatorisch abgetrennt, sondern Teil des allgemeinen öffentlichen Urkunden-Archivs. Dieses ist jedoch auch so eine geeignete Grundlage für einen gesicherten Geschäftsverkehrs mit großen Vermögenswerten. Erst dessen Zunahme in späteren Epochen der mittelalterlichen Geschichte erfordert eine Differenzierung des Urkundenwesens, z. B. für Waren- und Geldtransaktionen und für den Grundstücksverkehr.

Muster einer öffentlich zu registrierenden und archivierenden Urkunde (Dotal-Schenkung) aus dem Frankenreich (Anjou) des 6. Jhts n. Chr.

Quelle: MGH. Formulare, Formulaae Andecavenses, Nr. 1. In Auswahl und Übersetzungnach: K. Kroeschell, Deutsche Rechtsgeschichte 1 (bis 1250), Hamburg 1972, S. 59 ff. Dort findet sich auch eine längere Kommentierung. Die Schreibung des lateinischen Textes ist nicht etwa fehlerhaft, sondern entspricht der Schreibweise der Zeit. Da es sich nicht um eine Urkunde, sondern um ein Urkundenmuster, offenkundig auch zu Lehrzwecken, handelt, enthält der Text einige Alternativen, Blanko-Stellen und ironisch-witzige Übertreibungen.

Lateinischer Text:

Hic est iesta.

Annum quarto regnum domni nostri Childeberto reges, quod fecit minsus ille, dies tantus, cum iuxta consuetudinem Andicavis civetate curia publica resedere in foro, ibique vir magnificus ille prosecutor dixit: "Rogo te, vor laudabilis illi defensor, illi curator, illi magister militum, vel reliquam curia publica, utique cotecis puplici patere iobeatis, qua habeo, quid apud acta prosequere debiam." Defensor, principalis simul et omnis curia publica dixerunt: "Patent tibi cotecis puplici; prosequere que optas." Curia vero dixerunt: "Mandatum, quem tibi habere dicis, accipiat vir venerabilis illi diaconus et amanuensis." Illi prosecutor dixit: "Rogo domno meis omnibus puplicis, ut sicut mandatum istum legebus cognovistis esse factum, ut dotem, quem per manebs tenio, vobis presentibus in foro puplico iobeatis recitare." Curia vero dixerunt: "Dotem, quem te dicis per manibus retenire, illi diaconus et amanuensis Andecavis civitate nobis presentibus accipiat relegendum". Quo accepto dixit:

Incipit cessio: "Dulcissima et cum interga anore dilgenda sponsa mea, filia illius, nomen illa, eog illi. Et qua, propicio Domeno, iuxta cinsuetudinem una cum volumtate parentum tuorum spunsavi, proinde cido tibi de rem paupertatis meae, tam pro pro ponsaliciae quam pro largitate tue, hoc est casa cum curte circumcincte, mobile et inmobile, vineas, silvas, pratas, pascuas, aquas aquarumque decursibus, iunctis et subiunctis, et in omnia superius nominata, dulcissima sponsa mea, ad diae felicissimo nupciarum tibi per hanc cessione dileco adque transfundo, ut in tuae iure hoc recepere debis. Cedo tibi bracile valente soledus tantis, annolus valentus soledus tantus. Cedo tibi caballus cum sanbuca et omnia stratura sua, boves zantus, vaccas cum sequentes tantas, ovis tantus, sodis tantus. Haec omnia subscripta rem in tuae iure et dominacione hoc recipere debias, vel posteris suis, [si] inter nos procreati fuerunt, dereliquentis, salvi iure sancti illius, cuius terre esse videtur. Et [si] fuerit ullumquam tempore, qui contra hanc cessione ista, quem ego in te bona volumtate conscribere rogavi, aut ego ipsi, aut ullus de heredibus meis vel propinquis meis, aut qualibet homo vel extranea aut emissa persona, venire voluerit, qut agere vel repetire presumpserit, ante lite ingressus duplet tibi tantum et alio tantum, quantum cessio ista contenit, aut eo tempore meliorata voluerit, et repeticione sua non opteniat effectum, et haec cessio ista adque volomtas nostra omni tempore firma permaneat."

Post haec curia ait: "Se adhuc aliquid abis ex hac causa aut agere debias, dicitu in presente". Illi prosecutor dixit: "Gracias agere magnitudine vestrae, quod dotem sua scripta quem prosequio gestis municipalibus, ut abuit karetas vestra, alegassetis. Ita fecisse vobis ex more conscripsi."

Deutsche Übersetzung.

Dies ist das Muster einer Urkunde.

Im vierten Jahr der Regierung unseres Herrn, des Königs Childebert, an dem und dem Tage des Monats Soundso, als der Stadtrat des Stadtgebiets Angers entsprechend dem Gewohnheitsrecht eine öffentliche Sitzung auf dem Markte abhielt, erklärte dort der hochzuachtende Herr Soundso als Rechtsanwalt folgendes: "Ich beantrage bei dir, ehrenwerter Herr Stadtvorsteher Soundso, Kurator Soundso, Militärbefehlshaber Soundso, und dem übrigen Stadtrat, anzuordnen, daß in das öffentliche Urkunden-Register eine Urkunde aufgenommen werde, deren rechtsgültige Niederlegung dort ich betreiben soll."... [scil.: Der Anwalt weist dann seine Vollmacht nach] ... Der Stadtvorsteher bzw. ein anderer Vorsitzender und der übrige Stadtrat ordneten darauf an: "In deiner Sache ist das Urkundenbuch eröffnet. Trage vor, was du registriert haben willst. Deine Vollmacht ist beim ehrenwerten Herrn Soundso, dem Diakon und Stadtschreiber, zu den Akten zu geben."... [scil.: die Vollmacht wird übergeben und überprüft] Der Rechtsanwalt Soundso erklärte nunmehr: "Ich bitte den Herrn Vorsitzenden und den ganzen Rat, nachdem Ihr meine Anwaltsvollmacht als den Gesetzen entsprechend festgestellt habt, zu gestatten, eine Schenkungsurkunde wegen einer Eheschließung, die ich vorzulegen habe, in Eurer Gegenwart auf dem Marktplatz zu verlesen." Der Stadtrat erklärte darauf: "Den Text der Schenkungsurkunde, den Du vorlegen willst, soll der Diakon und Stadtschreiber von Angers, Soundso, zur Verlesung in Empfang nehmen." Dieser verlas nunmehr das übergebene Schriftstück:

Es beginnt der Wortlaut der Rechtsübertragung: "Meine süßeste und van ganzem Herzen zu liebende Braut namens Soundso, ich genannt Soundso. Da ich mich mit Gottes Gnade dem Brauche gemäß mit dem Willen deiner Eltern mit dir verlobt habe, schenke ich dir im Hinblick darauf als Brautgeschenk etwas aus meinem bescheidenen Vermögen, nämlich ein Haus mit umzäuntem Hof, bewegliche und unbewegliche Habe, Weinberge, Wälder, Wiesen, Weiden, Gewässer und Wasserläufe, mit verbundenen oder zugehörigen Grundstücken. All die erwähnten Dingen, allerteuerste Braut, überlasse und übertrage ich dir durch diese Schenkung zum Tage unserer über die Maßen glücklichen Hochzeit, damit du es in Deinem rechtmäßigen Besitze behalten sollst. Ich schenke dir ein Arrmband, soundso viel Schillinge wert, sounsoviele Tuniken, eine Bettdecke für ein gemachtes Bett, soundso viel Schillinge wert, goldene Orringe, soundso viel Schillinge wert, Ringe, sounsoviel Schillinge wert. Ich schenke dir ein Pferd mit Sattel und allem Geschirr, soundsoviele Ochsen, sounsoviele Kühe mit ihren Kälbern, soundsoviele Schafe, soundsoviel Schweine. All diese hier erwähnten Dinge sollst du in deinen Besitz und dein Eigentum aufnehmen für dich und deine Nachkommen, wenn welche von uns beiden erzeugt werden, unbeschadet der Rechte des Heiligen, auf dessen Gebiet sie sich befinden. Und wenn es je einen gibt, sei es ich selbst oder einer meiner Erben oder Verwandten, sei essonst irgendjemand, ein Fremder oder ein Stellvertreter, der sich dieser Schenkung, die ich dir aus freiem Willen habe niederschreiben lassen, widersetzen sollte oder es etwa wagt, zu klagen und Schadensersatz zu beanspruchen, der bezahle dir vor Beginn des Prozesses einmal und ein anderes Mal das Doppelte dessen, was die Schenkung enthält, oder dessen, was sie zu jener Zeit mit dem Wertzuwachs ausmachen wird, seine Klage sei erfolglos, und diese Übereignung und unser Wille soll auf alle Zeit festen Bestand haben."

Darauf gab der Stadtrat den Hinweis: "Wenn Du in dieser Sache noch etwas zu erörtern oder zu beantragen hast, ist dies jetzt zu tun". Der Rechtsanwalt Soundso erklärte darauf: "Ich danke dem hohen Stadtrat, daß er die schriftliche Schenkungsurkunde meines Auftraggebers, die ich vorzulegen hatte, dem städtischen Urkundenregister beigefügt hat. Daß Ihr dies getan habt, habe ich dem Gewohnheitsrecht entsprechend auf der Urkunde vermerkt."

 

10. Privatrecht.

Der im hohen Mittelalter in Norditalien (Bologna) beginnende exakt-rechtswissenschaftliche Rückgriff auf das spätantike Recht der kaiserlichen Codices, vor allem auf die Digesten, den Codex, die Institutionen und die Novellen Justinians, und innerhalb dieser vor allem - wenn auch keineswegs ausschließlich - auf ihre privat- und zivilprozeßrechtlichen Regelkomplexe ('Corpus Iuris Civilis') erfolgt nicht nur aus historisch-wissenschaftlichem Interesse, sondern letztlich vor allem in der Absicht, sie juristisch-konstruktiv bei der Lösung praktischer Rechtsprobleme der damaligen Gegenwart einzusetzen. Ein wichtiger Grund dafür ist darin zu sehen, daß sie für die Bedürfnisse des entfalteten städtischen Geschäftsverkehrs wegen ihrer Herkunft aus entsprechenden antiken Verhältnissen bereits sorgfältig durchdachte Lösungen enthalten. Die Begrifflichkeit und Systematik des römischen Rechts wird im Prozeß seiner Rezeption in Europa so grundlegend für das juristische Denken, daß noch heute die allermeisten juristischen Figuren, Institute und Begriffe - wie z. B. im deutschen Bürgerlichen Gesetzbuch - direkte oder adaptierte Übernahmen aus dem römischen Recht und Übersetzungen aus dem Lateinischen sind; nicht selten werden darüberhinaus im juristischen Sprachgebrauch lateinisch-stämmige Lehnworte oder direkt lateinische Rechtsmaximen (wie z. B.: "tres faciunt collegium"; "ultra posse nemo obligatur"; "ne bis in idem" etc.) verwendet, die nicht nur äußerlich eine enge Traditions-/Rezeptions-Beziehung zur Antike bedeuten.

Auch das kaiserliche Kammergericht des 15. Jahrhudnerts wendet erkennbar römisches Recht und römische Rechtsbegriffe an, selbst wo es sich der deutschen Sprache bedient. Ein Vergleich der altertümlichen und etwas umständlich wirkenden Form der damaligen deutschen Rechtssprache mit der lateinischen zeigt im übrigen, das die letztere mit ihrer relativen Deutlichkeit und Kürze auf die Dauer auch Auswirkungen auf den Stil und die Argumentationsformen öffentlicher Redeweise im deutschsprachigen Rechtsbereich haben mußte.

 Ein Termin vor dem kaiserlichen Kammergericht. Urteile und Beschlüsse vom 25. Mai 1498.

XXV. Maii

Originali registro apud acta retento, copiae illius et aliorum instrumentorum partibus communicandae, Et ad proximam agendum.

In der Sachen P. H. an einem / und L. 0. andern Theils beruerende list erkannt / daß das einbracht Register im Gericht ligend bleiben / und dem gedachten H. ob er deß begert / Copey davon gegeben werden soll. Deßgleichen soll 0. der zweyen Instrument / durch H. einbracht / auch Copey / und frist biß auft den nechsten Gerichtstag / darwider zu handlen /gegeben werden.

Declaratio poenae executorialium adhuc denegata/ Et quod ad cohaeredes, etiam qui in lite non fuerunt, et partem petunt, sententiae inhaerendum/ Et liquidanda liberorum rata.

Zwischen R. V. und G. H. von Y. Gebruedern / und G. Weiland X. von D. Ehelichen Haußfrawen irer Schwester / eins / und R. V. von X. andern Theils / In sachen / beruerende Execution vorgesprochner Urtheil / ist nach beyder Partheien fuerbringen zu Recht erkannt / das der genant V. auff fuergewandt Beger der 0. noch zur Zeit nicht soll in die Peen der außgangenen Executorialn erklert werden: Weiter auff deß genannten R. erste Einrede / betreffende der H. zwey Geschwisterigt / so in dieser Rechtfertigung nicht verfast gewest sind / und doch ihre Theil / am angezogenen Hof M. gefordert werden soll / list zu Recht erkannt / Daß es deßhalb bey vorgesprochner Urtheil bleiben soll / Und fuerter declamirt / Woellen die Partheven / wie sich gebuert / zu Recht gnug außfuehren / was und wie viel / laut jetztgemelter Urtheil / deß genannten V. Kinder theil / so ihm nach Abgang 0. seiner Mutter angefallen und zugestanden gewest sey / soll gehoert werden / und fuerter ergehen 1 was recht ist.

Commissarii dandi, pro rationibus fructuum et impensarum audiendis, et accordandis partibus, vel remissione eorum, quae coram iis acta sunt.

Weiter der auffgehabten Abnutzung und auffgewandten Impens halber / Ist verlassen / Daß den Partheyen / auff ir beger / bequeme und gelegene Commissarien gegeben werden / vor den sie der auffgehabten Abnutzung / auch der nutzbarn und notterftigen Impens halben / so der gedacht 0. mit erbawen und Erhaltung der angezogenen und spenningen Gueter auffgewandt bat / Erbar redlich Rechnung thun / und dieselben Impens / gegen den Abnutzungen / wie sich nach Form der Recht gebuert / abgezogen / und durch die Commissarien / mit fleiß gesucht werden soll / die Partheyen guetlich zu vertragen. Wo das nicht folgen wolt / sollen sie alsdann die Partheyen deßhalb wider fuer das Koenigglich Cammergericht weysen / .....

[Entnommen aus: K. Kroeschell, Deutsche Rechstgeschichte 2 (1250 - 1650), 1989 7 , S. 261, mit Kommentierung auf S. 255 ff. und 267 ff.].

 

11. Bankwesen, Gesellschafts-, Scheck- und Wechsel-, Immobilienrecht.

Der sich entfaltende und verdichtende Handelsverkehr im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen europäischen Raum entwickelt seine eigenen städtisch- und überstädtisch-politischen Organisationsformen, wie etwa die Hanse, Gewerbe- und Handelseinrichtungen, wie etwa Kontore und Faktoreien, die Handelsgesellschaften und das Bankwesen, und dem allen entsprechende kaufmännische Rechts-Gewohnheiten. Im Rahmen dieser vielen Neuerungen kommt auch der Fortentwicklung der von der Rezeption des römischen Rechts erschlossenen antiken Rechtsinstitute zu zeitgemäßen Instrumenten des rechtlich gesicherten Geschäftsverkehrs eine wichtige Rolle zu. Dazu gehört eine Differenzierung der schon der Antike bekannten und als 'mensa argentaria' rechtlich ausführlich geregelten Bank- , d. h.- Geldwechsel- (constituta pecunia)-, Kredit- (creditum, mutuum), Depot- (depositum)- und Auktions- (auctio) Geschäfte (zur 'mensa argentaria' generell: Dig. 2, 13, 4 ff.; Nov. Iust. 136)). Es entwickeln sich vor allem das Recht des den Zahlungsverkehrs sichernden und vereinfachenden Schecks (etym. wohl aus einem arab. oder pers. Ausgangswort), der von der römisch-rechtlichen Zahlungsanweisung des Gläubigers zugunsten eines Dritten ('delegatio' - Dig. 50, 17, 180)) ausgeht, und das Recht des Rechtsstreitigkeiten über Zahlungsverpflichtungen minimierenden Wechsels (ital. 'cambio', etym. aus. gallolat. 'cambiare' = tauschen), der aus dem bedingungslosen Schuldversprechen ('constituta pecunia'; Dig. 13, 5) des römischen Rechts hervorgeht. Wichtig sind ferner die Differenzierung des römischen Rechts der 'societas', das sich zwar bereits in der Antike in starkem Maße auf handelsbezogene Wagnisgemeinschaften bezieht (vgl. Dig. 17, 2. 5 und 29), aber im Hinblick auf Beteiligungsformen und Haftungsbegrenzungen Fortentwicklungen benötigt, sowie eine die Kapitalisierung des Grundbesitzes fördernde Entwicklung leicht handhabbarer und sicherer Formen der Grundstücksveräußerung und Grundstücksverpfändung, die ebenfalls von römisch-rechtlichenVorformen einer 'traditio praedii' (Inst. 2, 1, 40) der 'hypotheca' (Dig. 20, 1, 4) ausgehen können. Man kann sagen, daß dies die privatrechtlichen 'Säulen' sind, die die privatwirtschaftliche Entwicklung des Gewerbewesens und Handelsverkehrs in der Neuzeit bis heute tragen. Daneben wirkt allerdings auch in starkem Maße eine staatlich-ökonomisches Entwicklungsmoment, das ebenfalls in gewissem Umfang aus antiken Wurzeln hervorgeht.

 

12. Neuzeitlich-staatliches Haushaltswesen: Wirtschaftspolitik, einschließlich Kriegswirtschaft, Finanz- und Steuerpolitik.

Die Entstehung eines neuzeitlichen Typus der Staatsgewalt, der eine Konzentration politischer Letztentscheidung bei einem institutionell - d. h. nicht primär persönlich - gedachten Souverän zum Inhalt hat, beruft sich auch, zumindest naturrechtlich, auf die ratio der Rechtsfigur des 'über den Gesetzen stehenden' römischen Kaisers (princeps legibus solutus - Dig. 1, 3, 31 ). Der so motivierte neuzeitliche 'Absolutismus' führt nicht nur zu einer Zusammenfassung der Kompetenzen für Außenpolitik, Kriegführung, Gesetzgebung und Rechtsprechung, sondern auf die Dauer auch zu einer den gesamten Herrschaftsbereich umfassenden Finanz- und Wirtschaftspolitik 'des Souveräns': zur 'Volkswirtschaft' im ursprünglichen Sinne des Wortes. Nach Auflösung der inneren Machtfragen in der Bildungsphase absolutistischer Regierungsformen, insbesondere der traditionell konkurrierenden Herrschafts-Rechte der verschiedenen 'Stände' in dem Sinne, daß nur einer, der Staat (etym. von 'status'), übrigbleibt, wird gerade dieser Aspekt konzentrierter obrigkeitlicher Finanz- und Wirtschaftspolitik sowohl im Interesse des Staates als auch seiner Untertanen zeitweilig zu einem Hauptthema staatlicher Reorganisation. Die im folgenden auszugsweise wiedergegebene Reorganisations-Anordnung des preußischen Königs des Jahres 1722 bedeutet nicht nur eine Beseitigung der bis dahin in starkem Maße ständisch aufgebauten Fiskalverwaltung zugunsten einer Konzentration der staatlichen Wirtschaftskraft, sondern zugleich eine Reorganisation des gesamten Regierungsapparats unter der eindeutigen Führung des 'Souveräns'. Auch wenn die faktischen räumlichen Verhältnisse und die (verglichen mit späteren Epochen ) relative Begrenztheit der Ressourchen der römischen Kaiserzeit die Handlungsmacht des antiken Monarchen begrenzen, was etwa reichsweite Regelungen betrifft, so ist dennoch auch in der Antike an vielen Stellen der Versuch nachweisbar, im Interesse der Steigerung der Staatseinkünfte und der Belebung der 'freien' Wirtschaftstätigkeit von Staats wegen verwaltungsorganisatorische und gesetzgeberische Reformmaßnahmen durchzuführen, so etwa in den Reichsreformen des Augustus oder denen Diokletians. Insoweit greift der wirtschafts- und finanzpolitische Absolutismus auf ein antikes Paradigma zurück. Im übrigen zeigt die Vielzahl der in der folgenden 'Instruktion' verwendeten lateinischen, lateinisch-stämmigen oder über das Französische aus dem lateinischen Sprachgebrauch stammenden Worte - letztlich - des antiken Verwaltungs-, Steuer- und Wirtschaftswesens das Ausmaß der traditions- oder rezeptionsgeschichtlichen Fortwirkungen der Antike in der merkantilistischen Regierungspraxis des 18. Jahrhunderts schon rein sprachlich an.

 Instruktion König Friedrich Wilhelms I. für das General-, Ober-Finanz-, Krieges- und Domänen-Direktorium (1722).

Art. 1 : Wegen der Bedienten bei dem General-Ober-Finanz-, Krieges- und Domänen-Directorio, auch Provinzialcommissariaten und Kammern und deren Instruirung.

§ 1. Nachdem Wir der höchsten Nothwendigkeit zu sein befunden, mit Unserem bisherigen Generalkriegscommissariat und Generalfinanzdirectorio eine Aenderung zu treffen und diese beide Collegia gänzlich zu cassiren und aufzuheben, an derselben Statt aber ein General-Ober-Finanz-, Krieges- und Domänendirectorium anzuordnen und demselben die Respicirung aller Affairen, die bis dato bei dem gewesenen Generalkriegescommissariat und Generalfinanzdirectorio tractiret worden, allergnädigst anzuvertrauen, als declariren Wir hiedurch, daß Wir Selbst das Präsidium über gedachtes GeneralDirectorium führen wollen, um demselben desto mehr Lüstre, Autorität und Nachdruck beizulegen, zugleich auch die besondere und ganz genaue Attention zu zeigen, so Wir auf die zu ermeldtes Directorii Ressort gehörende Affairen, ihrer äußersten Wichtigkeit nach, beständig und unermüdet zu nehmen Uns angelegen sein lassen.

.....

§ 6. Wann Bediente bei dem General-Directorio abgehen, sollen Uns die fünf dirigirende Ministri zu Bekleidung solcher vacant gewordenen Chargen andere Subjecta allerunterthänigst vorschlagen.

§ 7. Es müssen aber so geschickte Leute sein, als weit und breit zu finden, und zwar von evangelisch-reformirter oder lutherischer Religion, die treu und redlich sind, die offene Köpfe haben, welche die Wirthschaft verstehen und sie selber getrieben, die von Commercien-, Manufactur- und anderen dahin gehörigen Sachen gute Informationen besitzen, dabei auch der Feder mächtig, vor allen Dingen aber Unsere angeborne Unterthanen sein, es müßte dann, so viel diesen letzten Punkt betrifft, sich fügen, daß Uns zwar ein fremder, jedoch sehr habiler Mensch vorgeschlagen würde, welchenfalls Wir endlich wohl ein oder zwei von dergleichen Subjectis bei Unserem GeneralDirectorio passiren lassen wollen. Um aber obangeführte und andere dahin gehörende Qualitäten kurz zu fassen, so müssen es solche Leute sein, die zu allem capable, worzu man sie gebrauchen will.

.......

Art. 2 : Der Ministrorum Functiones.

§ 1. Bei Unserem General-Directorio soll der dabei dirigirenden Ministrorum Amt und Function hauptsächlich darin beruhen, daß sie auf ihre Departements eine genaue Obsicht führen, damit in denselben mit Fleiß und Treue gearbeitet, Unser höchstes Interesse durchgehends auf alle nur ersinnliche Weise befodert und zu solchem Ende dieser Unserer Instruction in allen derselben Funkten ein accurates Genügen geleistet und nicht das geringste davon negligiret oder verabsäumet werde.

§ 2. Die Relationes aus den Provinzien müssen an denjenigen von besagten fünf dirigirenden Ministris adressiret werden, in dessen Departement die Sachen gehören, von welchen der Bericht handelt.

......

Art. 7: Wegen Conservation der Unterthanen.

§ 1.Von was großer Importanz die Conservation der Unterthanen von jedweder Puissance sei und was es vor gefährliche Suiten nach sich ziehen könne, wann durch übel eingerichtete Oekonomie und gar zu schwere Lasten die Unterthanen enerviret und in solchen Stand, daß sie ihrem Landesherrn die sonst gewöhnliche Prästationes entweder gar nicht mehr oder doch nicht völlig leisten können, gesetzet werden, das ist männiglich bekannt, und hat derowegen das General-Directorium auf die Conservation Unserer sämmtlichen Unterthanen mit großem Fleiß und Application sein Absehen zu richten, damit dieselbe allerseits in gutem Flor und Wohlstand erhalten, und sowohl die Krieges- als die Domänenprästanda nicht höher gesetzet werden, als sie es ertragen können.

§ 2. Es hat aber das General-Directorium nicht bloß und allein auf die Conservation der Städte und um dieselbe in florissanten Zustand zu setzen, sein Absehen zu richten, sondern absonderlich auch auf die Conservation des Landmanns, der Dörfer und des platten Landes mit zu reflectiren.

§ 3. Keine Anlagen sollen gemachet werden, wobei die Unterthanen nicht bestehen können. Wann aber hier oder da in Unsern Landen etwas aufgeleget worden, so ist wohl zu überlegen, ob auch die andere Prästationes an Domänen, Accise und dergleichen nicht ausfallen werden. Wann sich solches findet, so muß das General-Directorium sofort remediiren.

.....

Art. 8: Wegen des Contributionswesens.

§ 1. Das Contributionswesen ist einer von den wichtigsten Punkten, worauf des General-Directorii unermüdete Application und Sorgfalt gerichtet sein muß, und soll Uns auch in specie wegen dieses Punkts das ganze obermeldete Directorium, sowohl die darin sitzende Ministri, als auch in specie die Membra eines jeden Departements, jedoch so viel diese letzte betrifft, weiter nicht, als eines jeden Departement sich erstrecket, responsable sein.

§ 2. Das General-Directorium soll auch insonderheit darauf Acht haben, daß die Contributiones wohl und richtig einkommen und nichts davon zurückbleibe.

§ 3. An den Orten, wo keine egale Classification ist, soll eine gleich durchgehende Quotisation und Classification gemachet, ingleichen die Catastra, welche nicht in Ordnung sein, in Ordnung gebracht werden, damit, so viel als immer möglich, eine Provinz gegen die andere und ein Kreis und District gegen den andern gerechnet, nicht mehr contribuiren, als die unter ihnen zu haltende Proportion und Gleichheit mit sich bringet, und die Lasten mit gleichen Schultern getragen werden.

§ 4. Absonderlich hat das General-Directorium wohl Acht zu geben, daß Unsere Immediatunterthanen in der Contribution und Einquartierungen nicht prägraviret werden, maßen sie an vielen Orten gegen die Mediatunterthanen in beiden Punkten prägraviret sind, und muß ermeldetes Directorium diesen Punkt genau untersuchen und, was deshalb zu ändern und zu verbessern ist, ungesäumt redressiren.

.....

Art. 10 : Accisewesen

§ 1. Bei dem Accisewesen muß eine von des General-Directorii größesten Sorgen dahin gerichtet sein, daß die Tarifs accurat und gut gemachet und in denselben alle ausländische Wollen- und andere Waaren hoch und dergestalt impostiret werden, daß Unsere Landeswaaren und Manufacturen in Unseren Landen wohlfeiler gegeben und besser debitiret werden können als ausländische.

§ 2. In specie muß auch ermeldetes General-Directorium die fremde Biere, Brannteweine, Weinessig, ausländisch Korn, Gerste, Hafer, Butter und gemeinen Käse mit hohen Imposten belegen, damit Unsere Denreen die Halbschied wohlfeiler gekaufet werden können als die fremde.

§ 3. Hingegen müssen die Waaren und das Getreide, so Unsere Lande ausgeben und in die Fremde schicken, nicht mit Imposten beschweret, sondern bloß eine leidliche Handlungsaccise auf dieselbe geleget, auch sonsten die Ausfuhren auf alle Art und Weise favorisiret werden.

......

Art. 11: Wegen der Zölle und Commercien.

§ 1. Das General-Directorium wird allen ersinnlichen Fleiß anwenden, um es dahin zu richten und zu befodern, daß die Commercia in Unserm Königreich, Provinzien und Landen je länger je mehr empor und in einen florissanten Zustand gebracht, Unsere Zölle auch nicht abnehmen, sondern, so viel immer möglich, verbessert und allen dabei vorgehenden Unterschleifen und Defraudationen auf eine zureichende Art vorgebeuget werden möge.

......

[Entnommen aus: P. Baumgart, Erscheinungsformen des preußischen Absolutismus. Verfassung und Verwalzung [Historische Texte Neuzeit <1>, hg. von R. Koselleck und R. Vierhaus], Nördlingen 1966, S. 32 ff.]

 

13. Fortenwickeltes neuzeitliches Unternehmertum, Industrie (Gewerbe), Leistung, Konkurrenz (Wettbewerb), Kapital, Immobilien.

Die Entwicklung einer modernen Marktwirtschaft setzt nicht nur Gewerbe, Handel, Märkte und Unternehmer voraus, sondern auch eine öffentliche Ordnung, die deren Belange organisiert, fördert, aber auch umformt und kontrolliert (siehe unten P. 14.). Erst in Wechselbeziehung mit ihr kann die Entwicklung einer differenzierten Eigensphäre wirtschaftlicher Selbstorganisation (Wirtschafts-Gesellschaften, Bank- und Börsenwesen, Waren- und Arbeitsmäkte, Technik-Entwicklungen, Ausbildungssysteme, Versicherungssysteme) statfinden. Die Herausbildung der beide Bereiche erfassenden Prinzipien der heutigen Wirtschafts- und Sozialverfassung erfolgt seit der Zeit absolutistischer Wirtschaftspolitik in einem historisch relativ langen, von vielfältigen politischen Interessenkonflikten auch zwischen Staats- und 'freier' Wirtschaftsseite begleiteten Prozeß. Aus diesem Grunde muß man seither in besonderem Maße eine historisch neu entwickelte Qualität der Gestaltungen beider Seiten des modernen Wirtschaftslebens in Rechnung stellen. Dennoch lassen sich für mentale Grundstrukturen, moralische Prinzipien und tragende Begriffe auch modernen Wirtschaftslebens Wurzeln in der Antike finden. Zunächst zum Bereich der 'freien' wirtschaftlichen Selbstorganisation.

Hier gilt das Gesagte etwa für den Begriff des 'Unternehmens', eine Übersetzung des lat. 'periculum sustinere', d. h. des bewußten und gewollten Tragens eines Schadensrisikos bei Handelsgeschäften, insbesondere etwa bei der Bildung von Handelgesellschaften (Dig. 17, 2, 29 f.). Das lat. Wort 'periculum' enspricht dabei dem wohl der griech.-byzantinischen Schiffahrtssprache entstammenden 'rizikon'. Im Gegensatz zu den üblichen Teilnehmern am Geschäftsverkehr, die das Schadensrisiko eines Geschäfts auf andere abzuwälzen bestrebt sind, nimmt der Unternehmer Risiken - kalkuliert und begrenzt - auf sich, um im Gegenzuge Gewinnchancen (lucrum) zu realisieren.

'Industrie' stammt vom römisch-rechtsprachlichen Wort 'industria', und zwar wahrscheinlich von der speziellen Wortbedeutung, die im Recht der 'societas' einen Arbeitsanteil bezeichnet, den ein Gesellschafter statt einer Geldeinlage in die Gesellschaft einbringen kann (Dig. 17, 2. 29 und 80). Die Wortbedeutung 'Vorsatz' (Dig. 21, 2, 60, 1) oder die allgemeine Wortbedeutung 'Fleiß' dürften als traditionsgeschichtliche Quelle des heutigen Begriffs ausscheiden. Ist es so, dann ist seit alters einmal die organisatorische und geschäftsführende Arbeit neben dem eingesetzten Geld als gleichberechtigtes und wesentliches Moment des Wirtschaftens gedacht; zum andern sind auch 'erzeugende', also nicht nur 'händlerische' Tätigkeiten im 'industria'-Begriff enthalten, und zwar ungeschieden von den dispositiven Tätigkeiten. All dies dürfte im heutigen Industrie-Begriff, der von dem des Handels und des Bankwesens abgesetzt ist und die Sphäre der Arbeitswelt übergreift, nachwirken.

'Leistung' ist eine Übersetzung des lat. Wortes 'praestare', welches die genaue Erfüllung einer Rechtspflicht bedeutet (Dig. 44, 7, 3). Obwohl dies Wort ursprünglich eine rein rechtliche Bedeutung hat, nimmt es in der christlichen Pflichtenlehre auch eine religiöse Bedeutung an, wo es um die Erfüllung weltlicher Verpflichtungen geht, die zugleich Glaubensverpflichtungen sind. Zwar wahrt eine christliche Ethik gegenüber dem Wirtschaften und dem Geld eine deutliche Distanz (Matth. 6, 19 ff.; Hebr. 13, 5). Doch ist dem Gläubigen ggf. auch aufgegeben, mit irdischen Gütern zum Wohle der Brüder im Glauben und zur Ehre Gottes umzugehen und dabei 'mit dem Pfunde zu wuchern' (Matth. 25, 14 ff.); hierbei ist allerdings die geistliche Zielsetzung stets vorrangig und nicht der materielle Erfolg als solcher. In der Zeit der Reformation bekommt dieser Gedanke im calvinistischen Christentum eine besondere Bedeutung. In seiner Schrift "Die protestantische Ethik und der 'Geist' des Kapitalismus" (1904/5) hat Max Weber auf die historische Rolle dieser zugleich religiös und wirtschaftlich wirksamen Einstellung für die Entwicklung des modernen Unternehmertums hingewiesen. Allerdings ist dessen bis in die Gegenwart wirksam gebliebene 'Leistungs-Ideologie' ohne den religiösen Hintergrund in ihrem Engagement nicht mehr recht verständlich.

'Konkurrenz' stammt von lat. Wort 'concurrere', welches allgemein ein Zusammenlaufen oder ein Nebeneinanderherlaufen, zum Beispiel beim Wettlauf, in besonderer rechtssprachlicher Bedeutung aber ein Nebeneinanderbestehen gleicher oder ähnlicher Rechte und Ansprüche im Hinblick auf ein- und dieselbe Sache (Dig 5, 2, 16; 20, 4, 7) bezeichnet. Das im 16. Jht. aus dem Französischen ins Deutsche übernommene Fremdwort verallgemeinert schon im Französischen die allgemeine oder besondere Ursprungsbedeutung auf Situationen, in denen Menschen im Widerstreit Ähnliches anstreben, und insbesondere auf das Wirtschaftsleben. Das deutsche Wort 'Wettbewerb' ist eine der Sprachreinigungsbewegung des 19. Jhts. entstammende Übersetzung des aus dem Französischen übernommenen 'concurrence'. Der Übersetzer entschied sich offensichtlich für die Ausgangsbedeutung 'Wettlauf' von lat. concurrere sowie für das Wort 'bewerben', das mit 'Gewerbe' zusammenhängt, einem deutsch-sprachlichen Äquivalent für 'industria'.

'Kapital' stammt vom lateinischen Adjektiv 'capitalis/captale', zum Substantiv 'caput'. Im römischen Steuerrecht ist 'caput' das für das Verfahren der 'capitatio'-Besteuerung maßgebliche Vermögen. Im mittelalterlichen Latein tritt 'capitale' sprachlich an die Stelle von 'caput'. 'Caput' ist in der Spätantike der einzelne Steuerpflichtige ('Kopf' > 'Kopfsteuer'), dessen nicht-landwirtschaftliches Vermögen und Einkommen besteuert wird, bzw. das zu besteuernde nicht-landwirtschaftliche Vermögen des steuerpflichtigen Einzelnen selbst. Auch wenn das spätantike Besteuerungsverfahren nicht ganz genau bekannt ist, so ist doch aus der Nebeneinanderstellung der Worte in der dieses System kennzeichnenden Wortbildung "capitatio (aut) iugatio'' (Cod. Th. 8, 11, 1, pr. ; Cod. Iust. 11, 48, 9) zu erschließen, daß 'caput' ein dem steuerpflichtigen Landbesitz ('iugum' - Cod. Iust. 10, 49, 1, 1) vergleichbares, ertragsbringendes und deshalb besteuerbares Vermögen ist. Das Grundkonzept des ertragsbringenden bzw. -fähigen Vermögens - also nicht die römisch-rechtlichen 'familia' in ihrem umfassenden privatrechtlichen Sinne (Dig. 50, 16, 195 ; siehe Kap. V: Modellvorstellungen antiker Volkswirtschaften)- ist damit als die Quelle der über das Mitttelalter hin fortwirkende Traditionsgeschichte des heutigen Kapital-Begriffs anzusehen.

Auch wenn Besitz- und Verfügungsrechte an Grund und Boden in der Antike im allgemeinen nicht nur in starkem Maße sippengebunden, sondern zumeist auch von einem Bürgerrecht abhängig zu sein pflegen, so kennt doch das römische Recht - sowohl das Erbrecht als auch das Recht des Geschäftsverkehrs - die freie Verfügung des Erblassers (testator) oder Eigentümers (dominus) über das ihm gehörende Grundstück (praedium, res immobilis). Ebenso werden im römischen Recht die Rechtstypen des Grundpfandrechts (als hypotheca), der Grunddienstbarkeit (servitus), des dinglichen Dauernutzungsrechts (usus fructus und emphyteusis) ausgebildet, deren Existenz auch die wirtschaftlich-unternehmende Verwendung von Grundstücken in starkem Maße vereinfachen. Aus diesem Grunde können die auf die Einschränkung oder Beseitigung feudalrechtlicher Hemmnisse für den Grundstücksverkehr gerichteten Bemühungen schon seit dem späten Mittelalter und der frühen Neuzeit auf das römische Immobilien-Recht zurückgreifen, das sich in vielen Einzelheiten bis heute in unserem Bürgerlichen Gesetzbuch erhalten hat.

Textauszug aus den Quaestiones dominorum Bononensium.

[ed. J. B. Palmiero, in: Scripta Anecdota Glossatorum, Bd. 1, Bologna 1913, S. 218]. 

 

Übersetzung des Texts: 

"Fall 42: Jemand hatte öffentlich bekanntgegeben, daß er ein Lehen zu vergeben habe, aber nur unter der Bedigung, daß der Empfänger ihm Treue gegenüber jedermann schwöre. Darauf trat ein Interessent an ihn heran, der das Lehensgrundstück erhielt und einen Treueid gegen jedermann schwor, wobei allerdings zusätzlich vereinbart wurde, daß jeder, der im Todesfalle seine Rechtsnachfolge antreten werde, auch das Lehensgrundstück erben solle. Da der Lehensnehmer keine Kinder hatte, folgte ihm nach seinem Tode sein Bruder nach, der schon auf ähnliche Weise einem anderen Lehensherrn den Treueid geschworen hatte. Wegen der Vereinbarung seines verstorbenen Bruders mit dessen Lehensherrn will er auch seines Bruders Lehensland übernehmen. Der Lehensherr seines Bruders will ihm die Übernahme des Lehens aber nicht gestatten, bevor er ihm den Lehenseid geschworen habe. Das will der Erbe aber wegen seines gegen jedermann gerichteten Lehenseides einem anderen gegenüber nicht tun. Er macht gegen den Lehensherrn seines verstorbenen Bruders einen gesetzlichen Herausgabeanspruch geltend, bzw. er ersucht um eine gerichtliche Entscheidung."

Erklärung:

Die unter A. (=actio, Klageantrag) wiedergegebenen Fundstellen vor allem aus den Digesten und dem Codex Iustinianus begründen juristisch die Klägerposition (Cod. Iust. 6, 42, 82; Dig. 7, 8, 1, 1; Dig. 31, 1, 60; Cod. Iust. 2, 1, 8, 14; Dig. 35, 2, 1, 54; Dig. 3, 3, 1, 8) , die unter R. (= replicatio) die Position des Klagegegners (Dig. 43, 3, 1, 1; Cod. Iust. 6, 51, 1, 1; Cod. Iust. 67, 20, 1, 8; Cod. Iust. 5, 18, 1, 4 u. w.). Aufgabe des Rechtsstudenten, der den Fall zu bearbeiten hat, ist es, eine Lösung anhand der römisch-rechtlichen 'leges' und der fallbezogenen Abwägung ihrer Grundgedanken gegeneinander zu finden.

Der Aufgaben-Text aus einer für die italienischen 'Kommentatoren'-Schule des 14. Jhts. charakteristischen 'casus'-Sammlung für den Studiengebrauch ist ein frühes Beispiel für eine Tendenz, bei Rechtsentscheidungen das umständlich und unübersichtlich erscheinende Lehensrecht zumindest subsidiär durch den Rückgriff auf römisch-rechtliche Normen zu umgehen, und damit auch ein Beispiel für den Beginn des langdauerndenen historischen Prozesses der Ablösung des ständisch-feudalen durch das bürgerlich-rechtliche Bodenrecht.

 

14. Fortentwickelte neuzeitliche Finanz- und Währungspolitik, Staats- und Planwirtschaft.

Wie unter P. 13 erwähnt, ist auch der Bereich der fortentwickelten staatlichen Wirtschafts-, Geld- und Finanzpolitik in starkem Maße ein solcher historisch neuer Gestaltungen. Dennoch wirken auch hier wichtige Traditions- und Rezeptionsmomente aus der Antike nach. Das ergibt sich nicht nur daraus, daß wesentliche Elemente des Typus der absolutistischen Staats- und Wirtschaftsordnung, wie der Souveränitätsbegriff oder die politische, staatsbezogenen Ökonomie oder das Postulat der vernunftrechtlich legitimierten Regierung zumindest in einem sachlichen Kern auf die meisten Staatensysteme der Gegenwart übergegangen sind, was auf die o. e antiken Anknüpfungspunkte hinweist. Auch andere Rückbezüge auf die Antike sind seit der Zeit des Absolutismus zum Staatsverständnis hinzugekommen: auf das antike Völkerrecht ('ius gentium' ) als Recht sicheren, freien, innerstaatlichen und 'internationalen' Handels, auf die antiken Bürgerstaaten in den Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts oder auf die etwa in der christlichen Lehre vorgeformten 'humanistischen' oder 'soziale' Maßstäbe gesellschaftlichen Lebens im Zusammenhang mit den sozialen Bewegungen der neuen Geschichte. Was den fortentwickelten staatlichen Bereich der Wirtschaftsordnung betrifft, prägen sich diese Ideen etwa in folgenden Fortentwicklungen aus:

in eher liberal verfaßten Staaten oder temporären Staatszuständen, und zwar

in eher autoritär oder diktatorisch verfaßten Staaten oder temporären Staatszuständen, und zwar

wo und in welchem Umfang dies dem 'Souverän' jeweils politisch zweckmäßig erscheint. Beide 'Modelle' staatlicher Ordnung der Gegenwart können als ganze ebenso wie in ihren einzelnen Komponenten auf antike Ausgangsphänomene bezogen werden. In der Antike gibt es als besonders gesetzmäßig, gewaltenteilig, freiheitlich und/oder handelsfreundlich geltende Staatswesen (z. B. die attische Demokratie oder die römische Republik) neben solchen, in denen das Gesetzes- und Gerichssystem, das geordnete Zusammenwirken mehrerer Verfasssungsorgane, die Bürgerfreiheiten oder die Freiheit des Marktzugangs, des Handels und Gewerbes vom Staat nicht benötigt oder berücksichtigt werden. Selbst das römische Kaiserreich kennt in seiner langen und wechselvollen Geschichte Phasen 'gesetzmäßiger', den republikanischen Traditionen verbundener, 'liberaler', und 'human-fördernder' Staats- und Kaisermacht (z. B. die Zeit der 'humanistischen' Adoptivkaiser im 2. Jht n. Chr.) neben solchen kaiserlicher Diktatur oder gar Tyrannis - oft im Zusammenhang mit langdauernden Kriegs- oder inneren Konfliktlagen (z. B. in der Zeit der 'Soldaten'-Kaiser im 3. Jht.).

Die staatliche Gewähr einer Sphäre gesellschaftlicher Selbstorganisation ist traditions- und rezeptionsgeschlichtlich auf das 'ius privatum', die rechtlich geordnete Privat- und Privatverkehrssphäre des römischen Rechts, zurückzuführen, die in klarem Unterschied zu einer Sphäre des 'ius publicum' angelegt ist und die Familie, das antike Eigentumsrecht, das sonstige Vermögen des 'singulus' und sein Recht umfaß, rechtsgeschäftliche Bindungen bestimmter Typen - vom Kauf- bis zum Gesellschaftsvertrag - gegenüber anderen Menschen durch Willenerklärung zu begründen. Ein Element der Selbstorganisation sind in der Antike auch die 'collegia' und 'corpora', die, obschon im römischen Bereich unter meist strenger staatlicher Ausicht stehend, dennoch als Ausgangsinstitute moderner Vereinigungsfreiheit gelten müssen.

Die römische Staatsordnung legt ferner - auch in der Kaiserzeit, ja in dieser besonders, denkt man etwa an die Rechtskodizes der Spätantike, die der mittelalterlichen Rezeption als so beispielhaft erschienen - besonderen Wert auf eine gesetzmäßige Form hoheitlichen ebenso wie privaten Handelns und stellt für dessen Sicherung ein in der Regel mehrzügiges Gerichtssystem zur Verfügung, das untere und obere Gerichte sowie wenigstens eine Appellationsinstanz für den Fall der Klärung rechtsgrundsätzlicher Fragen enthält.

In vielfältiger Weise fördert der römische Staat das Wirtschaften in seinem Bereich auch in dem Sinne, daß Städte und Märkte gegründet, Verkehrswege ausgebaut, öffentliche Nutzbauten - Lagerhäuser, Wasserleitungen, Hafenanlagen u. ä. - errichtet werden. Durch seine Gesetzgebung erleichtert er ferner die Tätigkeit von Gewerben, achtet auf eine prinzipiell gleichmäßige, nicht überlastende Besteuerung der Bevölkerung oder überwacht die rechtlichen Grenzen der Marktgeschäfte. Auch in gewissen sozialen Maßnahmen - wie z. B. bei der im Bedarfsfalle stattfindenden Sicherung der Getreideversorgung oder bei gelegentlich nötigen Steuererlaßmaßnahmen ist er ein gewisses historisches Vorbild für Modelle einer sich auf bestimmte allgemeinnützliche Funktionen beschränkenden Staatsmacht. Deutlich wird diese Seite des römischen Staates vor allem aber an einer deutlichen Trennung fiskalischen Vermögens von demjenigen der Privaten und in einer zumindest prinzipiellen Bereitschaft, in diese nur auf einer klaren und allgemeinen rechtlichen Grundlage sowie ausnahmsweise nur in besonders einleuchtenden und unabweisbaren Fällen öffentlichen Bedarfs einzugreifen.

Andrerseits gibt es auch Epochen oder temporäre Zustände der römisch-kaiserzeitlichen Geschichte, in denen der Staat in starkem Maße zur Finanzierung seiner Aufgaben, etwa wegen notwendiger Kriegführung, zur Finanzierung größerer Bauvorhaben oder zur Beseitigung von Schulden, gelegentlich auch zur Bezahlung von Tributlasten gegenüber dem Ausland, Eigenvermögen ansammelt, die Steuern , Zölle und öffentlichen Dienstleistungspflichten stark erhöht, aus politischen Gründen die Enteignung größerer Vermögen vornimmt, mit harter Hand, ja mit Repressalien schon gegen Unmutsdemonstrationen seiner Bürger vorgeht, vor allem aber mit öffentlich-rechtlichen Vorschriften umfassend in die Sphäre der nicht-staatlichen Wirtschaftssubjekte eingreift. Die notstands- und kriegsbedingte exzeptionelle Allzuständigkeit des römischen Staates, die solche Eingriffe zunächst zumeist begründet, kann sich dabei für bestimmte Lebensbereiche auch zu längeren Normalzuständen verfestigen. Ein charakteristische, systematische und reichsweite Wirtschaftsregulierungsmaßnahme liegt etwa im Diokletianischen Preisedikt (vgl Kap. III: Typische Produktions- und Verteilungsformen) vor, dessen praktische Auswirkungen wir zwar nicht genau kennen, das aber nur eine unter mehreren in den Quellen erhaltenen preisrechtlichen Anordnungen der römischen Obrigkeit ist: Preisvorschriften gehören also zum üblichen, zumindest aber zum ggf. bedenkenlos angewendeten Instrumentarium der römischen Regierungspraxis. Eine zunächst wahrscheinlich in verschiedenen Provinzen nur notstandsbedingte Maßnahme ist die Bodenbindung der adskriptizischen Kolonen, die im spätantiken Recht ein selbstverständlicher Normaltyp ländlicher Lebensverhältnisse wird. Besonders bezeichnend für die Weite und Strenge der wirtschaftlichen Regelungskompetenz des Staates, sogar gegenüber jenen, die an sich das wirtschaftliche Leben - in den Städten - aktiv zu tragen pflegen, ist auch die in der späteren Kaiserzeit einsetzende Zwangsverpflichtung der vermögenden städtischen Honoratioren, d. h. der Angehörigen des Kurialenstandes, auf die Übernahme von Ehrenämtern und auf die Haftung mit ihrem Vermögen für die städtischen Steuerschulden. Der römische Staat hat insoweit auch stets als Vorbild für die Organisation von Kriegs- und Notstandsregierungen oder Militärregimes gedient.

Soweit in der jungen Neuzeitgeschichte umfassende staatliche Wirtschaftsverwaltungen und Planungsinstitutionen für friedliche und normale Zeiten geschaffen werden - wie im Bereich der sozialistisch-kommunistischen Staatenwelt, aber auch in nicht-kommunistischen 'Entwicklungs-Diktaturen' - geht ihr Grundkonzeption letztlich nicht auf den römischen Staat und seine Ordnung, sondern auf das - ebenfalls auf die Antike zurückführbare - Natur- und Vernunftrecht zurück, dessen 'ratio' ja bereits dem absoluten Fürsten der früheren Neuzeit die souveräne Gewalt im Interesse der Entwicklung des Wohles aller zuspricht. Aus diese 'ratio' entspringt in der neuerern Neuzeitgeschichte, und insbesondere in der Zeitgeschichte, einmal der politische Ansatz einer totalen und bedingungslos effektiv die politischen Kräfte bündelnden, Widerstände beseitigenden und den kürzesten 'historischen' Weg zu einem all dies rechtfertigenden politischen Ziel gehenden Staatsmacht ( z. B im Konzept der 'Diktatur des Proletariats' oder dem des 'Führerstaates'). Zum andern ist die vernunftrechtliche 'ratio' auch Basis für den eher sozial und bürgerrechtlich konzipierten Ansatz, eine in jeder hinsicht geplante und rational auf bestimmte Ziele der Entfaltung von Wohlfahrt und Kultur ausgerichtete Gesellschaftspolitik zu organisieren, ohne daß der Staat mit seinen Gewaltmöglichkeiten dabei das Hauptinstrument sein soll. Auf diese Weise wird kein politisches Heilsziel erstrebt, sondern es sollen nur Systemschwächen und -dysfunktionen, die nach dem Konzept auf eine unkoordinierte ('naturwüchsige') Politik- und Gesellschaftsentwicklung zurückgeführt werden, vermieden werden. Beide Typen, der eher totalitäre und der eher bürger- und rechtsstaatliche der Gestaltung einer i. e. S. staatlichen und generell einer 'gesellschaftlichen' Wirtschaft, pflegen sich mit politischen Idee anderer Art zu verbinden, deren ethnische, ständische, religiöse oder philosophische Traditionen oftmals wiederum bis in die Antike zurückverfolgbar sind.

 

15. Beamte und Angestellte, Arbeiter, Proletariat, 'freie' Berufe der neueren Geschichte.

Obschon die Berufswelt der Gegenwart aus den historisch relativ neuen Bedingungen moderner Bürokratisierungs-, Industrialisierungs-, Liberalisierungs-, Verwissenschaftlichungs-, Demokratisierungs- oder Sozialisierungs-Prozesse hervorgegangen ist, so sind in ihr - wie sich oft schon aus dem sprachgeschichtlichen Hintergrund der Berufsbezeichnungen ergibt - weitaus ältere Traditionen wirksam, darunter eine Anzahl wichtiger Traditionen, die bis auf die Antike zurückgehen.

Im Beamtentum ('Amt' etym. von gallolat. 'ambactus') wirken nicht nur die organisatorischen Bedürfnisse des sich reorganisierenden absolutistischen Staates nach (vgl. oben unter P. 12), sondern - historisch vermittelt etwa über Amtsstellungen wie die des 'Vogts' (mlat. 'vocatus', 'advocatus') - die Traditionen des römisch-kaiserzeitlichen höheren Beamten, der vom Kaiser 'berufen' ('vocatus') wird. Der römische Rechtsanwalt-'advocatus' ('advocare' hier i. S. von 'Rechtsbeistand holen') begründet eine andere bis heute reichende Tradition, die aber von der des Beamten zu unterscheiden ist. Vom antiken höheren Beamten erwartet nicht nur sein Dienstherr, sondern das ganze Gemeinwesen eine besondere Loyalität gegenüber dem Staat, ja ein politisches Engagement bis hin zur Zivilcourage gegenüber dem Dienstherren selbst, und eine stoische. d. h. auf Gewissensüberzeugung beruhende Pflichterfüllung, ferner Unparteilichkeit, Uneigennützigkeit und unbedingte Sachlichkeit in der Amtsführung. Darauf werden die Beamten auch eidlich verpflichtet. Für die traditionsgeschichtliche Wirksamkeit dieses antiken Ideals ist seine Verwirklichung in der 'Praxis' weniger wichtig als die unmittelbare Einsichtigkeit der ihm zugrundeliegenden 'ratio'; diese rechtfertigt auch schon in der Antike eine versorgunsgrechtliche Privilegierung der emeritierten Beamten gegenüber anderen Berufen. Zum Beamtenideal: vgl. Amm. Marc. 16, 7, 4 ff. anhand einer konkreten Person, des cubicularius und Eunuchen Eutherius; zum Beamteneid: vgl. Nov. Iust. 8, app. 'iusiurandum'; zu den Beamtenpflichten: Nov. Iust. 17; zur stoischen Pflicherfüllung gegenüber dem Staat: Mark Aurel, Eis heauton 1, 14 ff.). Die Wirkungsgeschichte des Ideals eines Staatsdieners hat aber nicht nur über die Traditionen des Mittelalters - einschließlich der von antiker Ethik (Cicero/Ambrosius) geprägten Pflichtenlehre des Christentums - geführt, sondern ist teilweise auch - wie z. B. die storische Pflichten-Philosophie in Bezug auf den Staat - in der Renaissancezeit erneut in der politisch-administrativen Gedankenwelt rezipiert worden.

Das im Wort 'Angestellter' enthaltene Element 'Stelle' entspricht dem lat. 'locus', das im römischen Recht u. a. einen Posten oder ein Amt bezeichnet (Dig. 3, 2, 4, 1). 'Locare operas' ist im römischen Recht ferner die Bezeichnung für den Abschluß eines Dienstvertrages (Dig. 3, 1, 1, 6). 'Locatus' kann demnach (im Sinne von 'locum tenens') jemanden bezeichnen, der auf einen Posten gestellt ist, wie auch (medial) jemanden, der sich selbst dienstvertraglich verpflichtet hat. Für beide Wortbedeutungen ist anzunehmen, daß sie bis in den heutigen, primär privatrechtlichen - und deutlich von dem öffentlich-rechtlichen Beamten-Begriff unterschiedenen - Angestelltenbegriff fortwirken.

Das Wort 'Arbeiter' (franz. 'ouvrier', etym. von 'operarius') verweist über eine direkte - auch durch die Sprache der Bibel (z. B. Matth. 20, 1 ff.) vermittelte - Traditionslinie zurück auf den 'operarius', den mit Tagelohn oder anderen Lohnarten bezahlten körperlich Arbeitenden (vgl. dazu das Diokletianische Preisedikt, Kap. III: Typische Produktions- und Verteilungsformen). Bei den von ihm erbrachten 'operae' kann, muß es sich aber nicht um dienstvertraglich geschuldete Leistungen (Dig 19, 2) handeln; auch Sklavenarbeit wird als 'opera' bezeichnet (Dig 7, 7).

Das ursprünglich bildungssprachliche Wort 'Proletarier' knüpft rezeptiv an die 'proletarii', die unterste Wählerklasse der grundbesitzlosen und auch sonst armen Bürger Roms (Cicero. rep. 2, 40) an. Diese Wiederaufnahme eines antiken Wortes wird aber wegen seiner Umwandlung zu einem sozialistisch-politischen Kampfbegriff und wegen der für das Arbeitermilieu an sich ungewöhnlichen Beibehaltung seiner gebildeten Fremdsprachlichkeit weitaus bedeutsamer als Element legitimierenden Rückbezugs auf die Antike, als ein bloß bildungssprachliches Wort es sein könnte. Es weist - über die 'Arbeiter-Frage' im engeren Sinne hinausgehend - auf die Regelhaftigkeit hin, mit der die schon aus der Antike bekannten Macht- und Marktbildungsprozesse in vormodernen und in modernen Gesellschaften ohne zureichenden rationalen Grund Schichten armer Mitbürger zu erzeugen pflegen. Es steht in seiner politisch-ideellen Argumentations-Funktion zugunsten struktureller Änderungen an den dafür verantwortlich gemachten gesellschaftsleitenden Prinzipien damit eher Worten wie 'Republik' oder 'Demokratie' nahe.

Die 'freien' Berufe gehen traditionsgeschichtlich fast bruchlos auf die Antike zurück. Schon in dieser haben Ärzte, Architekten, Rechtsanwälte - dazu auch Rhetoren und Lehrer der Wissenschaften - einen hochangesehenen, weit über den werkvertraglich oder dienstvertraglich Arbeitenden eingeschätzten Platz sozialer Geltung und auch eine durchschnittlich weitaus höhere Bezahlung als diese (vgl. dazu das Diokletianische Preisedikt, Kap. III: Typische Produktions- und Verteilungsformen). Ihr Abstand zur normalen Arbeitswelt wird auch dadurch unterstrichen, daß sie in aller Regel für ihre Leistungen keine 'merces' (Dienst- oder Werklohn), sondern ein 'honorarium' erhalten. Als 'honestiores' (im römischen Bereich), aber auch aufgrund besonderer Berufstraditionen, treffen sie schon in der Antike besondere Pflichten einer Standesmoral.

Alle diese ideel tiefverwurzelten und jeweils in eine lange Vergangenheit zurückreichenden Berufs- und Standestraditionen sind u. a. auch in verbandliche und politische Denkweisen, Parteibildungen und Ideologien neuzeitlicher Wirtschafts-, Sozial- und Politikgeschichte eingegangen, sodaß sie für deren Erklärung nicht zu unterschätzen sind.

 

16. Neuzeitliche Theoriebildungen zur politischen Ökonomie, Volks- und Weltwirtschaft.

Die im engeren Sinne volkswirtschaftlichen Theoriebildungen der neuzeitlichen Geschichte, d. h. die systematisch-wissenschaftlichen Konzepte zur Erklärung, organisatorischen Beherrschung und optimierenden Entwicklung des wirtschaftlichen Geschehens im Bereiche eines Staates und seines Volkes, sind auf verschiedene - traditions- oder rezeptionsgeschichtliche -Weise mit antiken Ausgangsphänomenen verbunden.

Einmal sind es theoretische Ausführungen über die 'oikonomia' antiker Gemeinwesen, wie sie ansatzweise etwa in der 'Politik' des Aristoteles (siehe Kap. I: Grundbegriffe und Grundideen) oder in den 'Oikonomika' eines Anonymus des 3. Jhts. v. Chr. (siehe Kap. V: Modellvorstellungen antiker Volkswirtschaften) vorliegen und in - von der aristotelischen Tradition geprägten - Politik- und Fürstenspiegel-Schriften des Mittelalters (z. B. in entsprechenden Ausführungen des Thomas von Aquin (De regimine principum, 2. Buch; um 1265), des Marsilius von Padua (Defensor Pacis, Kap. 1, um 1324) oder - im arabischen Bereich - des Ibn Chaldoun (Buch der Beispiele, um 1400) Nachfolger gefunden haben.

Neben ihnen muß man, wie in Kap. V dargelegt, in erheblichem Umfang praxisnahe systematische Denkweisen in Rechnung stellen, die der staatliche Fiskal-, Steuer- und Geldpolitik in der Antike zugrundegelegen haben müssen und in umfassenden gesetzgeberischen und verwaltungsorganisatorischen Maßnahmen auf diesen Gebieten zumindest in Aktion erscheinen, wenn auch nicht in theoretischer Reflexion. Es ist davon auszugehen, daß solche 'Theoriebildungen der staatlichen Wirtschafts-Praxis' in der nachantiken Staatengeschichte nachwirken, wie die antike Staatspraxis generell und das zur Rechtsgewohnheit werdende römische Recht, und insbesondere dort, wo mittelalterliche Kaiser, Könige oder andere Herrschaftsträger umfassendere Staats-Reformen in ihrem Herrschaftsgebiet durchführen, als Traditionsgut neben den jeweils aktuellen politischen Motiven Wirkung entfalten. Das zeigt sich allein schon an der mittelalterlichen Fortführung oder Adaptation von Begriffen wie 'fiscus', 'res domenicae', 'regalia'. 'moneta' , 'mercatus'; ihre Gegenstände erfordern schon einzeln und vor allem im Zusammenhang faktisch ein 'volkswirtschaftliches' Denken der jeweils verantwortlichen Regierung.

Die Herausbildung neuzeitlich-volkswirtschaftlicher Theorien setzt die Enstehung eines staatlichen Souveräns voraus, zu dessen unbestrittenen und auch praktikablen Kompetenzen eine Wirtschaftspolitik für sein Herrschaftgebiet gehört. Hier setzt als i. e. S. systematische Theoriebildung die Volkswirtschaftslehre des 'Merkantilismus' an , etwa bei Jean Bodin (Reponse aux paradoxes de M. Malesroit, 1568). Diese Lehre knüpft in ihrem Modell für die Optimierung der Landesentwicklung an der 'Souveränitätsstellung' des römischen Kaisers, in ihrer natur- und vernunftrechtlichen - die Konfessionsstreitigkeiten neutralisierenden - Ordnungskonzeption am antiken Konzept eines 'ius naturale' an. Natur- und vernunftrechtliche Ausgangsannahmen weisen auch die 'physiokratische' Volkswirtschaftstheorie, etwa bei Francois Quesnay (Tableau economique, 1758) und die liberale Theorie des staaten- und völkerübergreifenden Handels, etwa bei Adam Smith (Inquiry into the Wealth of Nations, 1776), auf. In den im folgenden wiedergegebenen Auszügen aus seinem Werk ist auch ein völkerrechtliches Ordnungsdenken zu spüren, das sich - wie bei Hugo Grotius (De iure belli ac Pacis, 1625) - letztlich auf das antike 'ius gentium' zurückführen läßt. Quesnay und Smith stellen sich allerdings deutlich gegen ein Übermaß staatlicher Eingriffe in und Vorschriften für die Volkswirtschaften; sie setzen auf 'natürliche' Organisationsprozesse, durch welche auch eine 'natürliche Harmonie' des Wirtschaftslebens entstehe. Das dem zugrundeliegende Konzept einer 'prästabilierten Harmonie' der realen Welt kann auf einen deterministischen Gottes- und Schöpfungsbegriff zurückgeführt werden, wie er als nicht-orthodoxe Unterströmung in der christlichen Theologie seit der Gnosis nachweisbar ist, oder/und auf eine pantheistische Konzeption stoischer Philosophie, wie sie im Zuge der Renaissance in der Welt der Gebildeten in größerem Umfang rezipiert wird.

Ein weiteres antikes Moment, das in die Entwicklung der Volkswirtschafttheorien rezeptiv Eingang findet, ist das Konzept des 'Bürgerstaats'. (Republik, Demokratie). Sein Grundgedanke ist, daß der wirtschaftleitende Souverän seine Kompetenz ausschließlich im Interesse des Staatsvolks und in Verantwortung vor diesem auszuüben hat. Dies Konzept durchdringt sogar das Staatsverständnis der im 19. Jahrhundert fortbestehenden, bis dahin absolutistisch auftretenden Monarchien. Ihm stehen die historischen Paradigmen der attischen Demokratie oder der römischen Republik Pate. Dafür liefern der amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1776 - 1783) und die französischen Revolution d. J. 1789 ff. pradigmatische Beispiele. Selbst in einem Vortrag des Juristen C. G. Svarez vor dem preußischen Kronprinzen (um 1791), der unten auszugsweise wiedergegeben ist, tritt dieser Grundgedanke mit aller Deutlichkeit hervor; ja der Redner warnt den künftigen Herrscher indirekt vor seiner Nichtbeachtung.

In der marxschen Gedankenskizze über die Entwicklungsformen des Kommunismus schließlich, die ebenfalls auszugsweise unten folgt, tritt eine grundsätzliche Strukturkritik an staatlich souverän regierten und liberal verfaßten gesellschaftlichen Systemen hervor, die dennoch nicht in der Lage sind, die Entstehung proletarischer Schichten durch eine Wohlfahrtspolitik zu verhindern. Kritisiert wird, daß diese grundsätzlich nicht zu einer vernünftigen und 'harmonischen Ordnung', sondern zu Konflikt und Unordnung in bestimmten Bereichen des sozialen Lebens führen müssen. Nach Marx' Auffassung bedingen sie darüber hinaus notwendig ihr eigenes historisches Ende und machen damit einer neuen Form gesellschaftlicher Ordnung Platz, die er überschwenglich als "Lösung des Rätsels der Geschichte" bezeichnet.

An der Massenwirksamkeit, die die marxschen Gedanken im 19. und 20. Jahrhundert erreicht haben, zeigt sich, daß in ihnen bewegende und weitverbreitete Grundideen verschiedener Herkunft u. a. eine appellativ wirksame Synthese gefunden haben:

Diese Grundgedanken, obschon eindeutig als nicht-religiös formuliert, lassen sich dennoch einmal auf das Christentum, d. h. einige seiner ethischen Maximen und zentralen Glaubensvorstellungen, zurückführen: der 'soziale Gedanke' auf das Gebot der tätigen Nächstenliebe, das weit über den Kreis der Verwandtschaft hinausreicht und sich auch an die 'Herren' richtet (Matth 22, 24 ff.; Eph. 6, 7ff.)), der 'Humanismus' auf die anti-materielle Wertorientierung des weltüberwindenden Glaubens, die nicht irdische Güter, sondern das Himmelreich als Ziel vor Augen hat (Matth. 5, 3 ff. und 6, 19 ff.), das 'anarchische Konzept' auf die zumindest prinzipielle Staatsferne des Christentums, das eigentlich nur im Hinblick auf eine 'civitas Dei', nicht auf eine 'civitas terrena' engagiert sein kann (Hebr. 13, 14; 2. Kor. 5, 1 ff.), und das 'Kommunismus'-Konzept auf die eschatologischen Vorstellungen des Christentums (Matth. 25, 31 ff.). Die Transformation dieser bewegenden Gedanken in 'säkulare' - wie generell die 'Säkularisation' als ideengeschichtlicher Prozeß - läßt sich zumindest partiell ebenfalls als Auswirkung des Christentums verstehen (i. S. etwa von Röm. 8, 17 ff. ['Weltveränderung'] und Jak. 1, 22 - 2, 26 ['Glauben der sozialen Tat']). Diese christlichen Elemente sind ferner so zahlreich und, für sich und in ihrer Kombination so charakteristisch, daß - trotz Marx' jüdischer Herkunft - m. E. primär nicht jüdische Traditonselemente, sondern im wesentlichen solche der in starkem Maße noch dezidiert christlich geprägten Gesellschaft seiner Zeit als Erklärung sowohl für die gedankliche Form als auch für die politische Wirksamkeit der im folgenden zitierten Grundgedanken in Betracht kommen.

Zum andern wurzeln die marxschen Gedanken in den schon erörterten Republik- und Demokratie-Konzepten auch des wirtschaftsbezogenen Denkens seiner Zeit. Bei ihm sind außerdem vernunft- und naturrechtliche Traditionen erkennbar - wie bei Adam Smith und den vorherigen Volkswirtschaftstheoretikern: sie äußern sich u. a. auch in seinem frühen Interesse an der 'materialistischen' Philosophie bei Demokrit und Lukrez. Auch die geistesphilosophische Tradition, in der sein Lehrer Hegel steht, läßt sich, wie Marx selbst festgestellt hat, transformiert in seiner Geschichtsphilosophie wiederfinden. Sein Denken weist damit zurück sowohl auf den antiken Platonismus und zugleich, wie schon angedeutet, auf deterministische Traditionen innerhalb der christlichen Theologie und/oder auf stoisch- oder demokritisch-pantheistische Grundlagen.

In der Vielzahl der grundlegenden gedanklichen Momente der zitierten Textstelle aus den 'Ökonomisch-politischen Manuskripten', die auf den ersten Blick ganz 'unökonomisch' erscheinen, zeigt sich besonders deutlich, daß für die Wirtschaftsordnungen auch der Gegenwart in ihren Grundorientierungen weit zurückreichende und doch bewegende ideelle Traditionen bestimmend sein können, die nicht allein mit der Organisation der Befriedigung materieller Bedürfnisse zu tun haben. Dies gilt bei aller Wissenschaftlichkeit und technischen Praxis-Orientierung auch für andersartige Theorien der 'politischen Ökonomie' oder 'Volks- und Weltwirtschaft'. Ihre Grundorientierungen finden in ihnen im allgemeinen keinen philosophisch so ausgearbeiteten Ausdruck wie in in der Marxschern Denkweise, sondern äußern sich eher nur in den mit ihnen verbundenen Wertschätzungen und Verhaltensweisen des praktischen Alltags (z. B. in einer 'metaphysisch' anmutenden Komponente des 'Leistungs'-Postulats oder des 'reinen' 'Erfolgs'-Denkens -siehe oben unter P. 13).

a) Adam Smith, Der Wohlstand der Nationen (An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations, 1776.

[Übersetzung von H. C. Recktenwald, München 1982 2 , S. 16 f. und 22 f.]

Kap. 2: Das Prinzip, das der Arbeitsteilung zugrunde liegt.

Die Arbeitsteilung, die so viele Vorteile mit sich bringt, ist in ihrem Ursprung nicht etwa das Ergebnis menschlicher Erkenntnis, welche den allgemeinen Wohlstand, zu dem erstere führt, voraussieht und anstrebt. Sie entsteht vielmehr zwangsläufig, wenn auch langsam und schrittweise, aus einer natürlichen Neigung des Menschen, zu handeln und Dinge gegeneinander auszutauschen.

Ob es sich bei dieser Neigung um eine jener angeborenen oder ursprünglichen Eigenschaften der menschlichen Natur handelt, die nicht weiter erklärt werden kann, oder ob sie, was wohl wahrscheinlicher sein dürfte, die notwendige Folge der menschlichen Fähigkeit, denken und sprechen zu können, ist, diese Frage wollen wir hier nicht näher untersuchen. Jene Eigenschaft ist allen Menschen gemeinsam, und man findet sie nirgends in der Tierwelt, wo es im übrigen weder einen Austausch noch eine andere Form gegenseitigen Übereinkommens zu geben scheint. ... Niemand hat je erlebt, daß ein Hund mit einem anderen einen Knochen redlich und mit Bedacht gegen einen anderen Knochen ausgetauscht hätte, und niemand hat auch je beobachtet, daß ein Tier durch sein Verhalten einem anderen bedeutet hätte: das gehört mir und das gehört dir, ich bin bereit, dieses für jenes zu geben. Will ein Tier von einem Menschen oder einem anderen Tier irgend etwas haben, so kennt es kein anderes Mittel, als die Gunst dessen zu gewinnen, von dem es etwas möchte. ... Der Mensch verhält sich gelegentlich ebenso. Erreicht er auf andere Weise sein Ziel nicht, versucht er, die Gunst des Mitmenschen durch Unterwürfigkeit und Schmeichelei zu erlangen. Ein solcher Weg ist allerdings recht zeitraubend und deshalb auch nicht immer gangbar. In einer zivilisierten Gesellschaft ist der Mensch ständig und in hohem Maße auf die Mitarbeit und Hilfe anderer angewiesen, doch reicht sein ganzes Leben gerade aus, um die Freundschaft des einen oder anderen zu gewinnen. Fast jedes Tier ist völlig unabhängig und selbständig, sobald es ausgewachsen ist, und braucht in seiner natürlichen Umgebung nicht mehr die Unterstützung anderer. Dagegen ist der Mensch fast immer auf Hilfe angewiesen, wobei er jedoch kaum erwarten kann, daß er sie allein durch das Wohlwollen der Mitmenschen erhalten wird. Er wird sein Ziel wahrscheinlich viel eher erreichen, wenn er deren Eigenliebe zu seinen Gunsten zu nutzen versteht, indem er ihnen zeigt, daß es in ihrem eigenen Interesse liegt, das für ihn zu tun, was er von ihnen wünscht. Jeder, der einem anderen irgendeinen Tausch anbietet, schlägt vor: Gib mir, was ich wünsche, und du bekommst, was du benötigst. Das ist stets der Sinn eines solchen Angebotes, und auf diese Weise erhalten wir nahezu alle guten Dienste, auf die wir angewiesen sind. Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, daß sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschen- sondern an ihre Eigenliebe, und wir erwähnen nicht die eigenen Bedürfnisse, sondern sprechen von ihrem Vorteil. ...

Wie das Verhandeln, Tauschen und Kaufen das Mittel ist, uns gegenseitig mit fast allen nützlichen Diensten, die wir brauchen, zu versorgen, so gibt die Neigung zum Tausch auch letztlich den Anstoß zur Arbeitsteilung. ...

Kap. 4: Wie der Handel der Städte zur Entwicklung des Landes beigetragen hat.

Wachstum und Reichtum der Handels- und Manufakturstädte trugen auf dreifache Weise zur Entwicklung der Länder bei, zu denen sie gehörten.

Erstens: Für die Rohstoffe und Agrarprodukte des eigenen Landes waren die Städte ein großer und aufnahmefähiger Markt und gaben so ständig Impulse für die weitere Entwicklung. Diese Vorteile kamen nicht nur dem eigenen Land zugute, auch alle anderen Völker, mit denen sie Handel betrieben, profitierten mehr oder weniger davon. Jedem Land boten die Städte für einige ihrer Grundstoffe und gewerblichen Erzeugnisse einen Absatzmarkt. Sie gaben auf diese Weise einen gewissen Anstoß zum wirtschaftlichen Aufschwung und gesellschaftlichen Fortschritt aller. Natürlich zog das eigene Land auf Grund der geringeren Entfernungen den größten Nutzen aus einem solchen Markt. Da die inländischen Güter mit niedrigeren Frachtkosten belastet waren, konnten die Händler den heimischen Erzeugern höhere Preise zahlen und dennoch den Konsumenten die Waren ebenso preiswert anbieten wie die aus entfernteren Ländern.

Zweitens: Die vermögenden Städter erwarben häufig auf dem Lande Grundbesitz, zum Teil Brachland. Kaufleute haben im allgemeinen den Ehrgeiz, Gutsbesitzer zu werden. Sind sie es einmal, dann kultivieren sie den Boden in der Regel am besten, denn sie sind es gewohnt, ihr Geld hauptsächlich in vorteilhaften Projekten zu investieren wogegen der reine Landedelmann es vorwiegend als Mittel zum Aufwand zu betrachten pflegt. Hat er sich einmal von seinem Geld getrennt, erwartet er höchst selten, es je wieder zu sehen. Der Kaufmann indes rechnet mit dem Rückfluß seines Geldes und einem Gewinn. Solch unterschiedliche Gewohnheiten beeinflussen natürlich Temperament und Disposition in allen geschäftlichen Dingen. Ein Kaufmann ist meist ein kühner, ein Landedelmann hingegen ein zaghafter Unternehmer. Der Kaufmann scheut sich nicht, auf einen Schlag beträchtliches Kapital zur Verbesserung seines Grund und Bodens anzulegen, sobald er einen entsprechenden Wertanstieg seines Gutes erwarten darf. Der Edelmann, besitzt er etwas Kapital, was nicht oft der Fall ist, wagt dies jedoch kaum. Wenn er überhaupt investiert, so verwendet er häufig anstatt Kapital lediglich Ersparnisse, die er aus seinem jährlichen Einkommen erübrigen kann. Wer je das Glück gehabt hat, in einem Marktflecken zu leben, der auf dem flachen Lande liegt, müßte bemerkt haben wie kühn Kaufleute im Vergleich zu reinen Gutsbesitzern handeln. Außerdem erzieht die merkantile Tätigkeit den Kaufmann ständig zu Ordnung, Wirtschaftlichkeit und Aufmerksamkeit. Er ist deshalb weit besser geeignet, ein Investitionsprojekt mit Gewinn und Erfolg durchzuführen.

Drittens und letztens: Handel und Gewerbe führten nach und nach zu Ordnung und guter Verwaltung, wodurch auch Freiheit und Sicherheit der Bürger untereinander im ganzen Lande zunahmen. Früher lebte man fast immer in dauerndem Kriegszustand mit den Nachbarn und in sklavischer Abhängigkeit vom Grund- oder Dienstherrn. Die letzte Folge ist bei weitem die wichtigste aller Wirkungen. Meines Wissens ist David Hume der einzige Autor, der sie bislang beachtet hat. ...

b) Aus den Vorträgen von Carl Gottlieb Svarez vor dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm (III.). Über Souveränität, Gesetzgebungsrecht und Machtsprüche eines preußischen Monarchen. 1791/92.

Verhältnisse zwischen dem Staat und seinen Bürgern.

I. Der Zweck des Staats ist, die äußere und innere Ruhe und Sicherheit zu erhalten, einen jeden bei dem Seinigen gegen Gewalt und Störung zu schützen und für Anstalten zu sorgen, wodurch den Einwohnern Mittel und Gelegenheiten verschafft werden, ihre Kräfte und Fähigkeiten auszubilden und dieselben zur Beförderung ihres Privatwohlstands anzuwenden.

II. Das Oberhaupt des Staats hat vermöge des bürgerlichen Vertrages, auf welchem die ganze Staatsverbindung beruht, die Pflicht und also auch das Recht, die äußeren freien Handlungen aller Einwohner des Staats nach den Zwecken desselben zu leiten und zu bestimmen. Diese Sätze enthalten den Grund und Umfang der Souveränitätsrechte eines preußischen Monarchen. Er ist das Oberhaupt der bürgerlichen Gesellschaft, die sich unter ihm vereinigt hat, an den Zwecken ihrer Verbindung, d.h. an ihrer Ruhe und Sicherheit, an der Beförderung des Privatwohlstands mit vereinigten Kräften zu arbeiten. Sie hat den Gebrauch und die Disposition über diese ihre vereinigten Kräfte ihrem Souverän übertragen. Auf seinen Wink muß sich alles in Bewegung setzen, seinen Befehlen ein Genüge zu leisten. Ihm ist niemand an die Seite gesetzt, der ein Recht hätte, ihn bei den Maßregeln, die er nötig findet, bei dem Gebrauch, den er machen will, einzuschränken oder zu kontrollieren. In ihm vereinigen sich also alle Rechte der bürgerlichen Gesellschaft, und dies ist es, was seine Souveränität ausmacht, vermöge deren er alle Handlungen der Bürger des Staats zu den Zwecken der bürgerlichen Gesellschaft nach seinem Gutfinden dirigieren kann. Aber in eben diesen Zwecken liegen auch die inneren Einschränkungen der Souveränität und ihr Unterschied vom Despotismus. Beide sind einander darin gleich, daß niemand im Staat ist, der ein Recht hätte, sich dem Willen des Regenten mit äußerlicher Gewalt zu widersetzen. Aber der Souverän übt seinen Willen nur darum aus, damit durch selbigen einer oder der andre von den Zwecken des Staats befördert werden möge; der Despot hingegen bedient sich seiner Macht nur zu Beförderung seiner Privatabsichten, seiner Launen und Leidenschaften. Der Despot betrachtet den Staat und seine Untertanen als sein Privateigentum, der Regent betrachtet sie als eine Gesellschaft vernünftiger und freier Menschen, die ihm nur deswegen die Disposition über ihre Handlungen und Kräfte übergeben haben, damit er desto ungehinderter und nachdrücklicher im Stande sein möge, ihre Sicherheit zu schützen und ihren Wohlstand zu befördern. Da nun der Despotismus den Samen seiner Zerstörung selbst bei sich führt und die Macht des Despoten, welche von der Liebe und dem Vertrauen der Untertanen nicht unterstützt wird, bei dem ersten nachdrücklichen Widerstande, den sie von innen oder von außen findet, notwendig früher oder später in sich selbst zerfallen muß, so ist es eine der festesten Stützen der Monarchie, daß der Souverän ausdrücklich erklärt, er wolle seine Macht nur zur Erreichung der Zwecke des Staats, d.h. zum Wohl seiner Untertanen, anwenden. Dadurch verliert er nichts von seinen Souveränitätsrechten. Er bleibt nach wie vor der einzige, dessen Wille und Entschluß entscheidet, welche Mittel gewählt und wie sie ausgeführt werden sollen. Aber er hat

a) von seinem Lande und von seiner Regierung den Vorwurf des Despotismus gänzlich abgelehnt, den man sonst dem preußischen Staat aus Mangel an Kenntnis zu machen pflegt.

b) Er hat Liebe und Vertrauen in den Herzen seiner Untertanen von neuem befestigt.

c) Er hat sich in Sicherheit gesetzt gegen die Ratschläge eigennütziger und ehrsüchtiger Staatsdiener, welche die gegründete Furcht vor künftiger Verantwortung und Strafe wegen verletzter Grundgesetze des Staats abhalten muß, dem Regenten Maßregeln vorzuschlagen, die seinem feierlichen Versprechen, alle seine Rechte nur zum Wohl der bürgerlichen Gesellschaft anzuwenden, entgegenlaufen.

Friedrich II. hat eben diese Grundsätze in seinen Schriften erklärt und in seiner Regierung befolgt pp.

......

[Entnommen aus: P. Baumgart, Erscheinungsformen des preußischen Absolutismus (w. o.), Nördlingen 1966, S. 74 f.]

 

c) Auszug aus: Karl Marx, Ökonomisch-politische Manuskripte (1844)

[zitiert nach: I. Fetscher (Hg.), Karl Marx, Friedrich Engels. Studienausgabe, Bd. II: Politische Ökonomie, Frankfurt 1977, S. 97, 99]

 

...Der Kommunismus endlich ist der positive Ausdruck des aufgehobenen Privateigentums, zunächst das allgemeine Privateigentum. Indem er dies Verhälnis in seiner Allgemeinheit faßt, ist er

1) in seiner ersten Gestalt nur eine Verallgemeinerung und Vollendung desselben; als solche zeigt er sich in doppelter Gestalt: einmal ist die Herrschaft des sachlichen Eigentums so groß ihm gegenüber, daß er alles vernichten will, was nicht fähig ist, als Privateigentum von allen besessen zu werden; er will auf gewaltsame Weise von Talent etc. abstrahieren. Der physische, unmittelbare Besitz gilt ihm als einziger Zweck des Lebens und Daseins; die Leistung des Arbeiters wird nicht aufgehoben, sondern auf alle Menschen ausgedehnt; das Verhältnis des Privateigentums bleibt das Verhältnis der Gemeinschaft zur Sachenwelt; endlich spricht sich diese Bewegung, dem Privateigentum das allgemeine Eigentum entgegenzustellen, in der tierischen Form aus, daß der Ehe (welche allerdings eine Form des exklusiven Privateigentums ist) die Weibergemeinschaft, wo also das Weib zu einem gemeinschaftlichen und gemeinen Eigentum wird, entgegengestellt wird..... Die erste positive Aufhebung des Privateigentums, der rohe Kommunismus, ist also nur eine Erscheinungsform von der Niedertracht des Privateigentums, das sich als das positive Gemeinwesen setzen will.

2) Der Kommunismus a) noch politischer Natur, demokratisch oder despotisch; b) mit Aufhebung des Staates, aber zugleich noch unvollendetem und immer noch mit dem Privateigentum, d. h. der Entfremdung des Menschen affiziertem Wesen. In beiden Formen weiß sich der Kommunismus schon als Reintegration oder Rückkehr des Menschen in sich, als Aufhebung der menschlichen Selbstentfremdung, aber indem er das positive Wesen des Privateigentums noch nicht erfaßt hat und ebenso wenig die menschliche Natur des Bedürfnisses verstanden hat, ist er auch noch von demselben befangen und infiziert. Er hat zwar seinen Begriff erfaßt, aber noch nicht sein Wesen.

3) Der Kommunismus als positive Aufhebung des Privateigentums, als menschlicher Selbstentfremdung, und darum als wirkliche Neignung des menschlichen Wesens durch und für den Menschen; darum als vollständige, bewußt und inerhalb des ganzen Reichtums der bisherigen Entwicklung gewordene Rückkehr des Menschen für sich als eines gesellschaftlichen, d. h. menschlichen Menschen. Dieser Kommunismus ist als vollendeter Naturalismus = Humanismus, als vollendeter Humanismus = Naturalismus, er ist die wahrhafte Auflösung des Widerstreits zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem Menschen, die wahre Auflösung des Streits zwischen Existenz und Wesen, zwischen Vergegenständlichung und Selbstbestätigung, zwischen Freiheit und Notwendigkeit, zwischen Individuum und Gattung. Er ist das aufgelöste Rätsel der Geschichte und weiß sich als diese Lösung. ....

 

17. Literatur und Quellen.

M. I. Finley, Die antike Wirtschaft, wie Literaturverzeichnis.
Max Kaser, Römisches Privatrecht, 2 Bde: 1. Abschnitt: Das altrömische, das vorklassische und das klassische Recht; Bd. 2: Die nachklassischen Entwicklungen, (HdA, 3, 3), München 1971 2 und 1975 2. .
Karl Kroeschell, Deutsche Rechtsgeschichte, Bd. 1 und 2, w. u. P. 18.
Rolf Sprandel, Verfassung und Gesellschaft im Mittelalter, Paderborn 1978 2
Karl Bosl, Europa im Aufbruch, München 1980.
Hans Schosser, Grundzüge der Neueren Privatrechtsgeschichte. Ein Studienbuch , Heidelberg 1979 3 .
Michael Stolleis, Geschichte des öffentlichen Rechts in Deutschland, Bd. 1 (Frühere Neuzeit), München 1988.
Hans Hattenauer, Europäische Rechtsgeschichte, Heidelberg 1992.
Christian-Friedrich Menger, Deutsche Verfassungsgeschichte der Neuzeit, Heidelberg 1979 2 .
Horst Claus Recktenwald, Vorwort und Würdigung des Gesamtwerkes, zu: Adam Smith, Der Wohlstand der Nationen (w. u. P. 18).
Max Weber, Die protestantische Ethik und der 'Geist' des Kapitalismus (1904/5), Bodenheim 1993.
Klaus O. Hansen, Die Menatlität des Erwerbs. Erfolgsphilosophien amerikanischer Unternehmer, Frankfurt 1992.
Walter Euchner (Hg.), Klassiker des Sozialismus. Von Babeuf bis Plechanow: München 1992.
Liselot Huchtausen (Hg.), Römisches Recht in einem Band, Berlin und Weimar 1991.
Siegried Lauffer, Dioketians Preisedikt, Berlin 1971.
Thomas von Aquin, Über die Herrschaft der Fürsten, übersetzt und kommentiert von F. Schreyvogel und U. Matz, Stuttgart 1975.
Marsilius von Padua, Der Verteidiger des Friedens, ausgewählt, bearbeitet und übersetzt von W. Kunzmann, H. Kusch und H. Rausch, Stuttgart 1971.
Ibn Khaldoun, Buch der Beispiele. Die Einführung al Muqaddima, ausgewählt, übersetzt und kommentiert von M. Pätzold, Leipzig 1992.
J. B. Palmiero (ed.), Scripta Anecdota Glossatorum, Bd. 1, Bologna 1913 (Quaestiones dominorum Bononensium).
Karl Kroeschell, Deutsche Rechtsgeschichte, Bd. 1 (bis 1250), Bd. 2 (1250 - 1650), Bd. 3 (seit 1650), Opladen 1989 3 .
Arno Buschmann (Hg.), Kaiser und Reich. Klassische Texte und Dokumente zur Verfassungsgeschichte des Hl. Römischen Reiches Deutscher Nation, München 1984.
Peter Baumgart (Hg.), Erscheinungsformen des preußischen Absolutismus. Verfassung und Verwaltung, (Historische Texte der Neuzeit, Bd. 1), Nördlingen 1966.
Hugo Grotius, De Iure Belli ac Pacis libri III, in quibus ius naturae et gentium item iuris publici praecipua explicantur, Paris 1625. Dt. Übersetzung: W. Schätzel, Hugo Grotius' De Iure Belli ac Pacis libri tres, 1950. Engl. Übersetzung mit Kommentar und wertvollen Registern: F. W. Kelsey u. a., Hugo Grotius, Die Iure Belli ac Pacis, Classics of International Law (CIL) II (1925), ND London 1965.
Jean Bodin, La reponse aux paradoxes de M. de Malestroit touchant l'encherissement de toutes choses et des monnoies (1568) in H: Hauser (Hg.) , La Reponse de Jean Bodin a M. de Malestroi, Paris 1932. Dazu auch: W. Euchner, Eigentum und Herrschaft bei Bodin, in: H. Denzner (Hg.), Jean Bodin [Tagungsmaterialien], München 1973, S. 261 - 279.
Marguerite Kuczinski (Hg.), Francois Quesnay, Ökonomische Schriften [Beiträge zur 'Enzyklopädie' und 'Tableau economique', mit Einleitung und Kommentar], 2 Bde., Berlin 1971.
Adam Smith, Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und Ursachen, übersetzt und kommentiert von H. C. Recktenwald, München 1982 2 .
Karl Marx, Ökonomisch-politische Manuskripte, in: I. Fetscher (Hg.), Karl Marx, Friedrich Engels. Studienausgabe, Bd. II: Politische Ökonomie, Frankfurt 1977.


LV Gizewski SS 1997

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)