Kap. 1: Zu Begriff, Zweck und Methode der historischen Untersuchung einer 'Wirkungsgeschichte der Antike in unserer Zeit'.

IN BEARBEITUNG


INHALT:

1. Zum geschichtswissenschaftlichen Begriff 'Wirkungsgeschichte' und seiner Bedeutung für historische Erklärungen.

2. Übersicht über wichtigere Grundlagen einer späteren Wirkungsgeschichte der Antike; die Kapitel des LV-Programms.

3. Literatur, Medien, Quellen.

1. Zum geschichtswissenschaftlichen Begriff 'Wirkungsgeschichte der Antike' und seiner Bedeutung für historische Erklärungen.

a) Zum Begriff 'Antike'.

Abb. entnommen aus: Großer historischer Weltatlas, hg. vom Bayerischen Schulbuch-Verlag, 1. Teil: Vorgeschichte und Altertum, München 1972 5, S. 13.

b) Zur Systematik der Kausalbeziehungen zwischen Antike und heutiger Zeit.

Die ursächlichen Beziehungen zwischen der Antike und unserer Zeit bedürfen im Interesse einer richtigen Einstellung auf ihre Vielfalt und Komplexität einer gewissen Kategorisierung. Es lassen sich folgende Arten unterscheiden:

Arten wirkungsgeschichtlicher Kausalbeziehungen zwischen Antike und heutiger Gegenwart.

I. Strukturelle Vorprägungen späterer gesellschaftlicher Entwicklungen durch einige in der Antike gegebene oder eintretende, späterhin in wichtigen Momenten gleichbleibende naturräumlich- oder zivilisatorisch-strukturelle Rahmenbedingungen, etwa solche geographischer oder klimatischer Art oder kultureller, politischer, wirtschaftlicher oder rechtlicher Grundordnunge antiker Gesellschaften;

II. Geschichtliche 'Handlungen' von Einzelpersonen und Kollektiven des Altertums, welche - im nachhinein betrachtet - den Charakter grundlegender historischer Weichenstellungen haben, wie z. B. der auf der Politik Caesars und Octavians, des späteren 'Augustus', beruhende Umbau der 'römischen Republik' in ein 'Prinzipats'-Kaisertum, welches - in seinen anti-demokratischen, imperialen, militärischen, höfischen und divinisiert-souveränen Elementen - eine Leitform unterschiedlicher Formen monarchischer Herrschaftsgestaltung in späteren Epochen wurde;

III. Vorgänge bewußter kultureller Rezeption, Imitation und Fortentwicklung oder die eher unbewußt-gewohnheitsmäßige Weiterführung 'antiker' Einrichtungen, Denkweisen und Sprachen durch Angehörige und Gruppen fremder oder späterer Kulturen und Völker, welche bereits in der Antike beginnen, so etwa bei den Grenznachbarn an des Römischen Reiches, die aber auch - man möchte sagen: mit ungebrochener Energie - bis in die Neuzeit hineinreichen, wie z. B. bei der 'humanistischen' Übernahme des griechischen und lateinischen Sprachgebrauchs für bestimmte 'neue' und zuleich in der Tradition fundierte Zwecke der Wissenschaft und Kunst.

Diese Einteilung ist auch von Bedeutung für die fachliche und methodische Spezialisierung bei ihrer Untersuchung.

So kommen etwa in Frage

Im Mittelpunkt des methodischen Vorgehens stehstehen dabei u. U. recht unterschiedliche Verfahren

a) einer interpretativ-verstehenden oder deskriptiv-morphologischen Analyse antiker und heutiger Kulturphänomene auf charakteristische Gemeinsamkeiten und Unterschiede hin,

b) des Vergleichs der Ergebnisse und

c) der Erklärung der Gemeinsamkeiten einerseits und der Unterschiede andererseits mit Erkenntnissen von Kausalbeziehungen und Regelhaftigkeiten, die durch die erwähnten wissenschfatlichen Fachgebiete oder Fachteilgebiete erarbeitet sind.

2. Heutige Kulturbereiche merklichen antiken Traditionseinflusses.

Im folgenden geht es um die Erläuterung der oben zu 1 c) in der Übsrichtstafel des Abschnitt unter III. genannten Art wirkungsgeschichtlicher Kausalbeziehung - die Traditionszusammenhänge - an einigen augenfälligen Beispielen mittels dreier Übungen. Die zu I. und II. der Tafel genannten Arten von Kausalbeziehungen, werden in Kap. 2 erläutert.

Übung 1 A.

Aufgaben:

a) Welche Farben, Formen, Bildsymbole und sprachlich formulierten Devisen stellen Sie auf den im folgenden zusammengefaßten Staatswappen moderner Staaten fest?

b) Was soll die jeweilige Symbolik an kulturellem und politischem Selbstverständnis des symbolisch repräsentierten Staates zum Ausdruck bringen?

c) Wo vermuten Sie in der jeweiligen Symbolik und ihren einzelnen Elementen gewollte oder auch evtl. unbewußte Traditionsbezüge zu antiken Ideen- und Bildmotiven?

d) Wie erklären Sie sich diese Wirkungskraft antiker Ideen- und Bildmotive? Wie ist ihre geschichtliche Entwicklung von der Antike bis in unsere Zeit nachweisbar?

Staatswappen moderner Staaten mit ganz oder teilweise antik vorgeprägter Bildsymbolik.

Abbildungen entnommenntnommen aus: dtv-Lexikon politischer Symbole A - Z in einem Band. Einleitung von A. Rabbow. Graphische Gestaltung: Harald und Ruth Bukor, München 1970, Bildteil nach S. 160.

Übung 1 B.

Aufgaben:

a) Welche Worte der nachfolgenden Liste ordnen Sie der deutschen Umgangssprache, der religiösen Sprache, der Bildungssprache, der Rechtssprache, der Wirtschaftssprache und anderen Spezialsprachen des Deutschen zu?

b) Welche von ihnen sind Fremdworte, welche Lehnworte? Welche kann man schwer als Fremd- oder Lehnworte erkennen?

c) Welche Veränderungen haben die Worte von ihrer antik-ausgangssprachlichen bis zu ihrer heutigen deutschen Form durchgemacht?

d) Warum sind diese Worte Ihres Erachtens in den heutige deutschen Sprachschatz eingegangen?

Etymologie einiger lateinischstämmiger Worte im Deutschen.

Entnommen aus: Bernhard Kytzler, Lutz Redemund, Unser tägliches Latein. Lexikon des lateinischen Spracherbes, Kulturgeschichte der antiken Welt, Bd, 52, Mainz 2002 6 , S. 390.

Übung 1 C.

Aufgaben:

a) Welcher Zeit der Antike entstammt Ihres Erachtens der nachfolgend wiedergegebene Text? In welcher Sprache ist er abgefaßt, und an wen richtet er sich?

b) Übersetzen Sie den Text mit Ihren jetzt gegebenen Fähigkeiten. Worum geht es darin?

c) Welche Begriffe aus diesem Text finden wir in der Rechtsprache unserer Zeit wieder und - Ihres Erachtens - warum?

Zitat aus einer antiken Rechtsquelle.

Corpus Iuris Civilis, Institutiones (liber I, titulus1 - De iustitia et de iure -, §§ 3 et 4) , recognovit Paulus Krueger, Berolini apud Weidmannos MDCCCXCV.

2. Übersicht über wichtigere Grundlagen einer späteren Wirkungsgeschichte der Antike; zu den Kapiteln des LV-Programms.

Mit der folgenden Übersicht soll einerseits auf wichtigere Aspekte des Gesamtthemas hingewiesen werden. Zum anderen enthält sie eine Übersicht über die diesen Aspekten gewidmeten einzelnen Kapitel des Skripts.

Einleitung:

Die Fortwirkung von Rahmenbedingungen antiker Kultur- und Gesellschaftsgeschichte und wichtiger ereignisgeschichtlicher Weichenstellungen antiker Geschichte (Kap. 1).

sowie

heutige Kulturbereiche merklichen antiken Traditionseinflusses (Kap.2.

A. Arten der Fortwirkung antiker Geschichte bis in unsere Zeit.
B. Heutige Kulturbereiche merklichen antiken Traditionseinflusses
1. der Verfassung und Politik,
2. des Rechts und der Verwaltung,
3. des Militärwesens,
4. der Literatur, Musik und Bildenden Kunst,
5. der Philosophie, theoretischen und praktischen Wisssenschaften,
6. der Moral und Ethik,.
7. der Theologie,
8. der vormodernen und teilweise auch der modernen Technik aller Zweige,
9. der Landwirtschaft, des Handwerks, des Handels und des Bankenwesens,
10. des Land- und Seeverkehrs,
11. der häuslichen Alltagskultur.
Sprache und Wissen der Antike (Kap. 3).
A. In spätere Epochen sprachbildend und als Bildungsgut fortwirkende antike Sprachen:
1. Hebräisch,
2. Griechisch,
3. Latein.
B. Antike, in spätere Zeiten übermittelte spezialsprachliche Terminologien
1. des Wissens,
2. der Religion,
3. der Kunst,
4. der höheren Alltagskultur.
C. Antike Wissens- und Bildungsdisziplinen der 'artes liberales' ( 'enkyklios paideia') und 'praktischer' Zwecksetzung mit nachwirkender Tradition, etwa der
1. Grammatik.
2. Rhetorik.
3. Philosophie.
4. Mathematik (Arithmetik, Geometrie).
5. Musik.
6. Astronomie.
7. Geschichte.
8. 'Naturalis Historia'.
9. Geographie und Ethnographie.
10.. Jurisprudenz.
11. Medizin.
12. 'Architektur' (als Gesamtheit ak´ller Techniken).
D. Der Bibel als über die Antike hinaus fortwirkende Schriftgrundlage des Glaubens und der Theologie in Judentum und Christentum.
1. Das 'Alte Testament'.
2. Das 'Neue Testament'.

Religiöse Orientierungen der Antike (Kap. 4).
A. Die vorchristlichen Religionen vor allem des griechischen und römischen Bereichs, einschließlich der Kulte der 'dei adventicii', und ihre Mythologie - mit nachwirkender Tradition..
B. Das antike Judentum als nachwirkende Religion.
C. Das antike Christentum - in seinen 'wichtigeren' antiken theologischen Entwicklungsrichtungen und konziliaren Entscheidungen - mit seinen nachwirkenden Traditionen.
Moralische und ethische Orientierungen der Antike (Kap. 5).
A. Regelbereiche antike Moraltraditionen:
1. Familiensinn.
2. Frömmigkeit.
3. Humanität und 'Nächstenliebe'.
4. Staatsbürgerliches Engagement, Gerechtigkeitssinn und Regierungsverantwortung.
5. Militärische Disziplin, Einsatz- und Opferbereitschaft.
6. Pädagogische Verantwortung.
7. Wissenschaftliches Ethos.
B. Antike Ethik-Lehren:
1. Lehre von den Werten und Tugenden
a) DasWahre, das Gute, das Schöne.
b) Kardinaltugenden: prudentia, iustitia, moderatio, fortitudo),
2. Unterschiedliche Ansätze philosophischer Moralbegründung
a) platonisch.
b) aristotelisch.
c) stoisch.
d) skeptisch.
3. Christlich-theologische Moralbegründung (Moraltheologie), christliche Sozialethik). Literarisches 'Engagement'.
Die literarischen und sonstigen ästhetischen Orientierungen der Antike (Kap. 6).
A. Antike Literatur:
1. Poesie-Gattungen.
2. Dramatik.
3. Prosa-Gattungen.
B. Nichtliterarische Kunstgattungen der Antike:
1. Malerei.
2. Plastik.
3. Musik.
Die politischen Ordnungen und Handlungsmuster der Antike (Kap. 7).
A. Theoretisch-typologische Ordnungen:
1. Monarchie.
2. Aristokratie.
3. Demokratie.
4. Republik mit Diktatur.
5. Tyrannis.
6. Illegitime Herrschaft.
B. Reale rechtlich-politische Ordnungen:
1. Verfaßte Stämme und Völkerschaften (ethnoi, gentes nationes).
2. Stadtstaaten und -gemeinden (poleis, civitates).
3. Hegemonie (Vorherrschaft eines Staates über andere),
4. Reichsbildungen (Imperium),
Bündnisse (antik-völkerrechtliche Gemeinschaftsbildungen).
Oligokratien (faktische Minderheiten-Regime: Adelsrepubliken und Händlerrepubliken),
Kaiserherrschaft (Verbindung militärbasierter, faktisch unkontrollierbarer, 'absoluter' Regierungsgewalt einer monarchischen Staatsspitze mit Elementen gewaltenteilig-republikanischer Staatstraditionen). .
Usurpierte und regellose Herrschaft ('Gewaltherrschaft').
C. Politische Handlungsmuster.
1. Staatsgründung und Staatsverfassung.
2. Politische Öffenlichkeit und Abstimmung.
3. Revolution.
4. Innere Ordnung und Gesetzgebung.
5. Rechtsprechung.
6. Ämterbildung und -ausübung.
7. Parteibildung.
8. Kriegführung.
9. Völkerrechtliche Handlungen im Frieden.
10. Reichsbildung.
Die nationalen und ethnischen Gemeinschaftsbildungen der Antike. .Natürliche Formen und organisierte Einrichtungen sozialer Solidarität, Klassen- und Schichten-Strukturen antiker Gesellschaften (Kap. 8).
A. Das Volk als Abstammungs- und Traditionsverband (ethnos, gens).
B. Das Volk als politischer Körper (populus, civitas).
C. Das Volk als 'breite, gewöhnliche Bevölkerung' (plebs).
D. Gemeinschaftsbildungen:
1. Familien- und Verwandschaftsgruppen.
2. Nachbarschaften.
3. Vereine.
4. Bürgerschaften.
5. Klientelen.
6. Politische Parteibildungen.
E. Soziale Unterschiede und Spannungen:
1. Aristoi - demos; optimates - plebs.
2. Reiche - Arme.
3. Bürger - Ausländer / Nicht-Bürger.
4. Freie - Sklaven.
Die rechtlichen Ordnungen der Antike (Kap. 9).
A. Privatrecht
B. Strafrecht
C. Öffentliches Recht der Verfassung und Regierung, Gestetzgebung, Rechtsprechung und Verwaltung (hoheitliche und Selbstverwaltung).
Die wirtschaftlichen Handlungsmuster und Organisationsformen der Antike (Kap. 10).
A. Private Familienselbstversorgung (domus, familia).
B. Gewinnbringende privatwirtschaftliche Erwerbsbetriebe (Handel und Gewerbe / commercium).
C. Gewinnbringende private Großvermögen (Güter, bona).
D. Staaliche Kassen und Vermögen (aerarium, fiscus, patrinomium Caesaris, res privata Caesaris).

3. Literatur, Medien, Quellen.

Es geht hier nur um einige exemplarische, der Einführung in das Gesamtthema dienende Hinweise.

Literatur:

Peter G. Stein, Römisches Recht und Europa. Die Geschichte einer Rechtskultur, Frankfurt 1996.

Manfred Fuhrmann, Latein und Europa. Die fremdgewordenen Fundamente unserer Bildung. Geschichte des gelehrten Unterrichts in Deutschland von Karl dem Großen bis Wilhelm II., Köln 2001 2.

Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik, Tübingen 1972 3 (Zu Herkunft und wissenschaftlicher Bedeutung des Begriffs 'Wirkungsgeschichte').

Medien:

Bernhard Kytzler, Lutz Redemund, Unser tägliches Latein. Lexikon des lateinischen Spracherbes, Kulturgeschichte der antiken Welt, Bd, 52, Mainz 2002 6.

dtv-Lexikon politischer Symbole A - Z in einem Band. Einleitung von A. Rabbow. Graphische Gestaltung: Harald und Ruth Bukor, München 1970, Bildteil nach S. 160.

Quellen:

Corpus Iuris Civilis, Institutiones (I, 1 - De iustitia et de iure -, §§ 3 et 4) , recognovit Paulus Krueger, Berolini apud Weidmannos MDCCCXCV.


LV Gizewski SS 2006

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de