Kap. 2: Fortwirkende Rahmenbedingungen und wichtige ereignisgeschichtliche Weichenstellungen antiker Geschichte.


INHALT:

1. Vorbemerkungen.

2. In späteren Epochen fortwirkende strukturelle Rahmenbedingungen antiker Geschichte.

3. Grundlegende ereignisgeschichtliche Weichenstellungen antiker Geschichte für spätere Epochen.

4. In die Wirkungsgeschichte der Antike 'intervenierende Momente'. Beispiel: Völkerbewegungen im eurasiatischen Raum am Ende der Antike.

5. Literatur, Medien, Quellen.

1. Vorbemerkungen.

Aus der Systematik der Kausalbeziehungen zwischen Antike und Gegenwart, die in Kap. 1, Abschnitt 1 b, dargestellt ist, werden im folgenden die dortigen Kategorien I - 'Fortwirkende naturräumlich- oder zivilisatorisch-strukturelle Rahmenbedingungen antiker Geschichte' - und II - 'Grundlegende ereignisgeschichtliche Weichenstellungen antiker Geschichte für spätere Epochen' - im Rahmen dieses Kapitels anhand einiger wichtiger exemplarischer Aspekte zusammenfassend vorweg erörtert. Dafür gibt es folgende Gründe:

a) Beide Arten von Kausalverhältnissen stehen gewissermaßen im Hintergrund der sog. 'Traditionsgeschichte' der Antike. Sie sind ein wesentlicher Grund für den Fortbestand antiker Einrichtungen und Denkweisen im Denken und in der Praxis späterer Gesellschaften - bis zu denen unserer Zeit. Sie bedürfen daher einer besonderen Betonung im Rahmen des hier zu behandelnden Themas.

b) Für Kategorie I der Systematik - naturräumlich oder zivilisatorisch-strukturelle Rahmenbedingungen antiker Geschichte - sind zu einem größeren Teil Spezialkenntnisse anderer Disziplinen als der der 'Allgemeingeschichte' nötig, so etwa solche der Geographie, Geologie, Klimatologie, Biologie, Anthropologie, Ethnologie, allgemeinen Sprachwissenschaft (Linguistik), Sprachgeschichte (wie Indogermanistik oder Semitistik) oder vergleichend-modellbildenden Archäologie (etwa in der Frage der Hochkultur- und der Schriftentwicklungen auf der Welt). Diese Kenntnisse gehören nur ansatzweise zum Instrumentarium einer 'Allgemeingeschichte', obschon ihre Berücksichtigung und der Hinweis auf sie im Rahmen auch der historischen Disziplin manchmal - wie etwa bei dem vorliegenden Skriptthema - von besonderer Bedeutung sein kann. Die angemessene Lösung für eine Darstellung in diesem Skript liegt deshalb in einem überblicksartigen Hinweis auf ihre Bedeutung in einem besonderen Kapitel.

c) Für Kategorie II der Systematik gilt, daß es sich hier um besonders wichtige Vorprägungen späterer Geschichte durch allgemeinhistorisch zu beurteilende, der Antike zuzurechnende Ereignisse und Ereignisfolgen handelt, deren Ergebnisse grundlegende Strukturbildungen nicht nur der antiken Gesellschaft, in der sie sich vollziehen, bewirken, sondern in der Folge auch späterer, aus der antiken Geschichte direkt und indirekt hervorgehender Gesellschaften einschließlich derer unserer Gegenwart. Prägungen dieser Art vollziehen sich am ehesten im Bereich der Politik, der Kriegführung und der 'öffentlichen Meinungsbildung', auch wenn keineswegs alles, was hier geschieht, wichtigere, längerfristige Folgen hat und insoweit als 'historische Weichenstellung' betrachtet werden kann. Soweit dies aber so ist, sind sie von ähnlich fundamental-strukturbildender Bedeutung wie naturräumlich- oder zivilisatorisch-strukturelle Rahmenbedingungen der Geschichte: das menschliche Handeln formt auf diesem Wege gewissermaßen seine eigenen Rahmenbedingungen. Auch diese Kategorie von Kausalverhältnissen bedarf daher einer besonderen Hervorhebung.

Dabei wiederum ist folgendes hervorzuheben: Daß es aus der Antike bis in unsere Zeit fortwirkende Strukturen unterschiedlicher Art gibt, schließt ein, daß diese in stärkerem Umfang auch 'intervenierenden' Momenten - sei es der Naturentwicklung, sei es der menschengemachten Geschichte - unterlagen und unterliegen, welche die fortwirkenden antiken Ausgangsstrukturen in späteren Epochen modifizierten und weiter modifizieren. Klimaveränderungen oder die menschliche Besiedlung in der Antike weitgehend leerer Räume, ein erhebliches Bevölkerungswachstum auf der Welt - einschließlich des früheren Raumes der Antike (s. u. zu 2 a), die Erschließung und Nutzung neuer Bodenschätze, neue Nutztiere und Nutzpflanzen, die technologische Entwicklung auf allen Lebensgebieten, die Veränderung der Verkehrsverhältnisse auf der Welt haben auf dem anderthalb Jahrtausende langen Weg von der Antike bis in unsere Zeit erhebliche Veränderungen der fortwirkenden antiken Rahmenbedingungen und Traditionen bewirkt. Um dies zu illustrieren, befaßt sich dieses Kapitel exemplarisch nur mit einem kleinen Aspekt, nämlich dem verändernden Einfluß, den Völkerbewegungen im eurasiatischen Raum seit dem Ende der Antike auf 'Fortwirkung antiker Strukturen' hatten.

2. In späteren Epochen fortwirkende strukturelle Rahmenbedingungen antiker Geschichte.

a) Fortbestehende, für die menschliche Ernährung und Produktion, für Wirtschafts- und Siedlungsformen, für die Völkerbildung und die Verkehrslinien wesentliche klimatische, geologische und geographische Verhältnisse im Raum der Antike.

Abb. entnommen aus: Großer historischer Weltatlas, hg. vom Bayerischen Schulbuch-Verlag, 1. Teil: Vorgeschichte und Altertum, München 1972 5, S. 13.

Abb. entnommen aus: Diercke-Weltatlas, bearbeitet von H. Sprengel, T. Topel, R. Janke, F. Mayer und vielen Wissenschaftlern, Westermann-Schulbuchverlag, Braunschweig 1986, S. 82, 83 (Ausschnitt).

Abb. entnommen aus: Diercke-Weltatlas, bearbeitet von H. Sprengel, T. Topel, R. Janke, F. Mayer und vielen Wissenschaftlern, Westermann-Schulbuchberlag, Braunschweig 1986, S. 83.

Abb. entnommen aus: Diercke-Weltatlas, bearbeitet von H. Sprengel, T. Topel, R. Janke, F. Mayer und vielen Wissenschaftlern, Westermann-Schulbuchverlag, Braunschweig 1986, S. 83.

Abb. entnommen aus: Großer Historischer Weltatlas, hg. vom Bayerischen Schulbuchverlag, 1. Teil: Vorgeschichte und Altertum, bearbeitet von H. Bengtson und V. Milojcic, mit Beiträgen vieler weitere Wissenschaftler, München 1972, S. 47

Abb. entnommen aus: Diercke-Weltatlas, bearbeitet von H. Sprengel, T. Topel, R. Janke, F. Mayer und vielen Wissenschaftlern, Westermann-Schulbuchverlag, Braunschweig 1986, S. 100.

b) Fortbestehende zivilisatorische Errungenschaften und ethnische, sprachliche und anthropologische Gruppenbildungen des antiken Raumes.

Beide Übersichtsdarstellungen entnommen aus: Die Cambridge-Enzyklopädie der Archäologie, hg. von A. Sherratt, unter Beteiligung zahlreicher wissenschaftlicher Autoren, (London 1980, engl.), dt. Übersetzung betreut von mehreren Übersetzern, Reakteuren und wissenschaftlichen Fachberatern, München 1980, S. 434 und 449.

Schematische Darstellung entnommen aus: Werner König, dtv-Atlas zur deutschen Sprache. Tafeln und Texte. Mit 140 farbigen Abbildungsseiten, graphisch gestaltet von H. J. Paul, München 1983 5, S. 28.

Übung 2 A.

Aufgaben:

a) Stellen Sie begründete Vermutungen darüber an, wie die Sprachenverteilung im Raum der 'antiken Welt' gewesen sein mag. Welche heutigen Sprachen haben sich aus antiken Vorformen entwickelt? Welche heutigen Sprachen haben Ihres Erachtens keine Vorformen im Raum der 'antiken Welt' gehabt?

b) Stellen Sie ferner begründete Vermutungen darüber an, welche religiösen Kulte und Bekenntnisse der 'antiken Welt' in denen der heutigen Zeit fortleben. Gehört der Islam zu ihnen? Welche antiken Religionen von ursprünglicher Bedeutung existieren, soweit Sie wissen, heute nicht fort?

c) Welche 'verborgenen' Formen des Fortwirkens antiker Sprachen und Religionen, auch wenn diese heute nicht mehr 'als Systeme' gesprochen bzw. praktiziert werden, sind dennoch denkbar? Nennen Sie Beispiele!

Abb. entnommen aus: Diercke-Weltatlas, bearbeitet von H. Sprengel, T. Topel, R. Janke, F. Mayer und vielen Wissenschaftlern, Westermann-Schulbuchverlag, Braunschweig 1986, S. 95.
Abb. entnommen aus: Diercke-Weltatlas, bearbeitet von H. Sprengel, T. Topel, R. Janke, F. Mayer und vielen Wissenschaftlern, Westermann-Schulbuchverlag, Braunschweig 1986, S. 95.

Zu heutigen somatischen Phänotypen der Menschheit: Teil I - Teil II - Teil III.

Zu ihrer heutigen Verteilung auf der Welt.

Abb. entnommen aus: R. Knußmann, Vergleichende Biologie des Menschen. Lehrbuch der Anthropologie und Humangenetik, Stuttgart, New York 1980, S. 348 - 350 und 344.

3. Grundlegende ereignisgeschichtliche Weichenstellungen antiker Geschichte für spätere Epochen.

a) Staaten- und reichsgeschichtliche Weichenstellungen. Beispiel: Die Etablierung des römischen Kaisertums durch Octavianus 'Augustus' (31 v. - 14 n. Chr.).

Übung 2 B.

Aufgaben:

a) Identifizieren Sie den Autor der unten wiedergegebenen Erklärung. Geben Sie Gründe für Ihre Annahme an.

b) Worauf legt der Autor bei der Beschreibung seiner politischen, religiösen und rechtlichen Stellung besonderen Wert? Ist diese ein Amt? Wie würden Sie das politische System charakterisieren, in dem er wirkt (Republik, Demokratie, Aristokratie, Diktatur, Tyrannis, gewaltenteilig, rechtsstaatlich) ? Wo liegt in diesem politischen System Ihres Erachtens die Souveränität? Wie könnte die Nachfolgefrage entschieden werden?

c) Welche historischen Nachwirkungen könnte die hier zum Ausdruck kommende Stellung einer politischen Persönlichkeit in welchen Institutionen späterer Epochen gehabt haben?

Beispiel einer historischen Weichenstellung in der antiken Geschichte.

Textauszug entnommen aus einer wissenschaftlichen Edition des sog. 'Monumentum Ancyranum', übersetzt, kommentiert und herausgegeben von Marion Giebel, Stuttgart 1980, S. 8 - 13.

b) Kriegsgeschichtliche Weichenstellungen. Beispiel: Der Eroberungskrieg Alexanders i. d. J. 334 - 325 v. Chr.

Kartenbild entnommen aus: Hermann Kinder, Werner Hilgemann, dtv-Atlas Weltgeschichte, Bd. 1: Von der Anfängen bis zur französischen Revolution, Deutscher Taschenbuch-Verlag München 1999 33, S. 64

c) Religions- und öffentlich-ideengeschichtliche Weichenstellungen. Beispiel: Das christliche Glaubensbekenntnis nach den Beschlüssen des Konzils von Nicaea (325 n. Chr.)

Lat. und griech. Text entnommen aus: Conciliorum oecumenicorum decreta. Hg.: Dokumentationszentrum des Instituts für Religionswissenschaften Bologna unter Mitwirkung von J. Alberigo, P. P. Joannou, Claudio Leonardi, Paulo Prodi und Hubert Jedin, Basel u. a. O. 1962, aus S. 4 - 9.

4. In die Wirkungsgeschichte der Antike 'intervenierende Momente'. Beispiel: Völkerbewegungen im eurasiatischen Raum am Ende der Antike.

Von Nomadenvölkern des innerasiatischen Raums, welche dort bereits während der Zeit des mediterran-vorderorientalischen Altertums in verschiedenartigen Reichsbildungen organisiert sind und es auch späterhin bleiben, gehen während der Zeit der Antike und späterhin - meist in Richtung Chinas, gelegentlich aber auch nach Westen gerichtete - Kriegszüge und Wanderungsbewegungen aus. Eine nach Westen gehende Bewegung ist die in der Spätantike, i. J. 375 n. Chr. stattfindende der Hunnen, welche die 'Völkerwanderung' germanischer und späterhin auch slawischer Stääme auslöst. Die Konsequenz der Wanderung germanischer Stämme, was die 'Fortwirkung antiker Strukturen' betrifft, ist u. a. die Besetzung und Besiedlung der größten Teile der zuvor römisch regierten und kulturell wie sprachlich geprägten Gebiete in Gallien, Germanien und Britannien. Obschon dies

Großer Atlas zur Weltgeschichte, hg. und bearbeitet von H. E. Stier u. v. a., Westermann-Schulbuchverlag Braunschweig, Sonderausgabe München1990, S. 47.

Großer Atlas zur Weltgeschichte, hg. und bearbeitet von H. E. Stier u. v. a., Westermann-Schulbuchverlag Braunschweig, Sonderausgabe München1990, S. 46.

Großer Atlas zur Weltgeschichte, hg. und bearbeitet von H. E. Stier u. v. a., Westermann-Schulbuchverlag Braunschweig, Sonderausgabe München1990, S. 48.

5. Literatur, Medien, Quellen.

Großer Atlas zur Weltgeschichte, hg. und bearbeitet von H. E. Stier u. v. a., Westermann-Schulbuchverlag Braunschweig, Sonderausgabe München1990, S. 49.

Literatur:

Die Cambridge-Enzyklopädie der Archäologie, hg. von A. Sherratt, unter Beteiligung zahlreicher wissenschaftlicher Autoren, (London 1980, engl.), dt. Übersetzung betreut von mehreren Übersetzern, Redakteuren und wissenschaftlichen Fachberatern, München 1980.

Moses I. Finley, Die antike Wirtschaft, (1973), dt. Übersetzung von Andreas Wittenburg, München 1977.

Harald Haarmann, Universalgeschichte der Schrift, Frankfurt, New York 1990.

Rudolf E. Keller, Die deutsche Sprache und ihre historische Entwicklung. Bearbeitet und übertragen aus dem Englischen, mit einem Begleitwort und einem Glossar versehen von K. H. Mulagk, Hamburg 1995 2.

Medien:

Diercke-Weltatlas, bearbeitet von H. Sprengel, T. Topel, R. Janke, F. Mayer und vielen Wissenschaftlern, Westermann-Schulbuchverlag, Braunschweig 1986, S. 82, 83, 95 und 100.

Werner Hilgemann, dtv-Atlas Weltgeschichte, Bd. 1: Von der Anfängen bis zur französischen Revolution, Deutscher Taschenbuch-Verlag München 1999 33, S. 64

Großer Atlas zur Weltgeschichte, hg. und bearbeitet von H. E. Stier u. v. a., Westermann-Schulbuchverlag Braunschweig, Sonderausgabe München1990, S. 46, 47, 48, 49.

Großer historischer Weltatlas, hg. vom Bayerischen Schulbuch-Verlag, 1. Teil: Vorgeschichte und Altertum, München 1972 5, S. 13 und 47.

Die Cambridge-Enzyklopädie der Archäologie, hg. von A. Sherratt, unter Beteiligung zahlreicher wissenschaftlicher Autoren, (London 1980, engl.), dt. Übersetzung betreut von mehreren Übersetzern, Reakteuren und wissenschaftlichen Fachberatern, München 1980, S. 434 und 449.

R. Knußmann, Vergleichende Biologie des Menschen. Lehrbuch der Anthropologie und Humangenetik, Stuttgart, New York 1980, S. 348 - 350 und 344.

Werner König, dtv-Atlas zur deutschen Sprache. Tafeln und Texte. Mit 140 farbigen Abbildungsseiten, graphisch gestaltet von H. J. Paul, München 1983 5, S. 28.

Quellen:

'Monumentum Ancyranum', übersetzt, kommentiert und herausgegeben von Marion Giebel, Stuttgart 1980, S. 8 - 13.

Auszüge aus den Beschlüssen des Konzils zu Nicaea, Lat. und griech. Text entnommen aus: Conciliorum oecumenicorum decreta. Hg.: Dokumentationszentrum des Instituts für Religionswissenschaften Bologna unter Mitwirkung von J. Alberigo, P. P. Joannou, Claudio Leonardi, Paulo Prodi und Hubert Jedin, Basel u. a. O. 1962, aus S. 4 - 9.


LV Gizewski SS 2006

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de