Kap. 4: Zur Wirkungsgeschichte antiker religiöser Orientierungen.


INHALT:

1. Zu der Fortwirkung der Religion als 'vormoderner' Geisteshaltung in unserer Zeit und zum Beitrag der Antike dazu.

2. Die Nachwirkungen der vorchristlichen Religionen vor allem des griechischen und römischen Bereichs, einschließlich der Kulte der 'dei adventicii', und ihrer Mythologie, bis in unsere Zeit.

3. Die Nachwirkungen des antiken Judentums bis in unsere Zeit.

4. Die Nachwirkungen des antiken Christentums - mit seinen 'wichtigeren' theologischen Entwicklungsrichtungen und konziliaren Entscheidungen - in unserer Zeit.

5. Literatur, Medien, Quellen.

1. Zu der Fortwirkung der Religion als 'vormoderner' Geisteshaltung in unserer Zeit und dem Beitrag der Antike dazu.

Zu einem fast normativen Selbstverständnis durchaus verschiedenartiger geistiger Richtungen - so des wissenschaftlich-philosophischen, künstlerischen, politischen und technisch-praktischen Bereichs -, das sich seit der Epoche 'Aufklärung' in Auseinandersetzung mit zuvor institutionell und dogmatisch tonangebenden, vor allem christlichen Glaubenstraditionen europäischer Völker als gesellschaftlich zumindest bedeutungsvoll durchgesetzt hat, gehört die Verteidigung 'rational begründeter' Erkenntnisprinzipien und Lebensgrundsätze gegen deren Ableitung aus 'göttlichem Willen' oder 'göttlicher Offenbarung', wie sie in verschiedenen aus der Antike stammenden religiösen Glaubensformen vorausgesetzt ist.

Das ändert allerdings nichts daran, daß es im geistigen Leben heutiger europäischer oder europäisch geprägter Gesellschaften und Individuen

a) weiterhin eine Anzahl prinzipiell ungebrochener religiöser Traditionen - nicht nur des Christentums - gibt, die überwiegend der Antike entstammen,
b) eine Vielzahl oft als allgemeinverbindlich geltender Annahmen und Haltungen gibt, die den Charakter von 'Glaubenssätzen' haben, wobei ein Teil von diesen eher 'unreligiös', ein anderer eher religiösen Ursprungs in säkularer Transformation ist. Sie finden sich häufig gerade in - ganz unterschiedlichen - politischen oder weltanschaulichen Bekenntnissen (etwa des Liberalismus, des Sozialismus und Kommunismus oder des Nationalismus) die eine religiöse Akzentuierung vermeiden.

Im folgenden soll es nur um die Nachwirkung prinzipiell ungebrochener religöser Traditionen aus der Antike gehen (a). Einige Beispiele für thematische Aspekte, die unter b) einzuordnen wären, finden sich in den Kap. 5 - 8 dieses Skripts.

2. Die Nachwirkungen der vorchristlichen Religionen vor allem des griechischen und römischen Bereichs, einschließlich der Kulte der 'dei adventicii', und ihrer Mythologie, bis in unsere Zeit.

Übung 4 A.

Aufgaben:

a) In welchem Sinne verwenden wir heute die Worte 'mythisch' und 'mystisch', 'Kultus' und 'Devotion', 'Opfer' und 'Sakrileg', 'Fabel' und 'Allegorie'? Was besagen ihre Entsprechungen Ihrer Kenntnis nach in der Antike und aus welchen Denkzusammenhängen stammen sie dort?

b) Was oder wen meinen wir, wenn wir heute von einem 'Herkules' ,einer 'Venus', einer 'Muse', von 'Fortuna', 'Viktoria' oder 'Phönix' sprechen? Wen und was bezeichnen diese Worte Ihrer Kenntnis nach in der griechischen und in der römischen Antike?

c) Welche heutige Religion kennt in ihrem Kultus einen 'schwarzen Stein' - und welche antike? In welchen heutigen Staaten kennt die politische Symbolsprache Sonne, Mond oder Sterne oder diese gemeinsam zur Darstellung einer historisch-politischen Grundidee des Staates, und um welche Ideen handelt es sich dabei? Wo finden wir Sonne, Mond oder Sterne Ihrer Kenntnis nach in antiken Religionen? Wo finden wir in der Neuzeitgeschichte bzw. noch in unserer Zeit die 'geknickte' und die 'gerade Tiara' als repräsentative Bekleidungselemente - und wo in der Antike?

3. Die Nachwirkungen des antiken Judentums bis in unsere Zeit.

Übung 4 B.

Aufgaben:

a) Aus welchem Schriftwerk antiker Herkunft sind die nachfolgenden Textbeispiele einer wissenschaftlichen Edition und einer wissenschaftlich kommentierten Übersetzung entnommen? Welcher Entstehungzeit ordnen Sie sie zu?

b) Ist der hier wiedergegebene Textzusammenhang Ihrer Einschätzung nach ein einheitliches Ganzes oder besteht er aus zeitlich verschiedenen Entstehungsschichten? Woraus entnehmen Sie Ihr Urteil?

c) Worum geht es inhaltlich, welche Autorität steht hinter den Sätzen und wo bzw. durch wen werden sie in ihrer Enstehungszeit angewendet?

d) Welche Bedeutung haben die Sätze, ernstgenommen, für einen heutigen deutschen Leser?

4. Die Nachwirkungen des antiken Christentums - mit seinen 'wichtigeren' theologischen Entwicklungsrichtungen und konziliaren Entscheidungen - in unserer Zeit.

Übung 4 C.

Aufgaben:

a) Welcher bis heute vielfach verwendete religiöse Text geht auf den nachfolgend in griechischer und lateinischer Sprache wiedergegebenen zurück?

b) Worum geht es nach Ihren gegenwärtig vorhandenen Sprachkenntnissen in dem griechisch- und lateinischsprachigen Text und welchem Zweck dient er? Welcher Zeit würden Sie ihn zuordnen?

c) Können Sie zwischen einer Ihnen evtl. bekannten Form des Textes und der hier wiedergegebenen Unterschiede erkennen? Worauf könnten diese zurückzuführen sein?

Griechisch- und lateinischsprachiger Text.

Text entnommen aus: Conciliorum oecumenicorum decreta. Hg.: Dokumentationszentrum des Instituts für Religionswissenschaften Bologna unter Mitwirkung von J. Alberigo, P. P. Joannou, Claudio Leonardi, Paulo Prodi und Hubert Jedin, Basel u. a. O. 1962, aus S. 4 - 9.

Das 'apostolische' und das 'nicaeno-konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis in deutscher Sprache.

Text entnommen aus: Katechismus der katholischen Kirche, deutsche Übersetzung der 1993 im Vatikan erschienenen, für den Bereich der katholischen Kirche als Urtext geltenden 'editio typica', München 1993; S. 82.

5. Literatur, Medien, Quellen.

Literatur:

H. D. Betz, B. Janowski, D. S. Browning, E. Jüngel (Ed.), Die Religion in Geschichte und Gegenwart, 8 Bde. und Registerband, Tübingen, 1998 - 2006.

Mircea Eliade, Geschichte der religiösen Ideen, 4 Bde., dt. Übersetzung von Elisabeth Darlap u. a., Freiburg i. Br. 1978/2002.

Medien:

Katechismus der katholischen Kirche, deutsche Übersetzung der 1993 im Vatikan erschienenen, für den Bereich der katholischen Kirche als Urtext geltenden 'editio typica', München 1993; S. 82.

Biblia Hebraica, hg. von R. Kittel unter Mitarbeit zahlreicher weiterer Wissenschaftler, 2. neudurchgesehene und verbesserte Stereotypausgabe, Stuttgart 1921, S. 106 f.

Die Heilige Schrift des Alten Testaments, übersetzt von E. Kautzsch in Vbdg. mit weiteren Wissenschaftlern, 1. Band (1. Mose bis Ezechiel), umgearbeitete Auflage, Tübingen 1922 4 .

Quellen:

Auszüge aus den Beschlüssen des Konzils von Nikaia. Lat. und griech. Text entnommen aus: Conciliorum oecumenicorum decreta. Hg.: Dokumentationszentrum des Instituts für Religionswissenschaften Bologna unter Mitwirkung von J. Alberigo, P. P. Joannou, Claudio Leonardi, Paulo Prodi und Hubert Jedin, Basel u. a. O. 1962, aus S. 4 - 9.


LV Gizewski SS 2006

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de