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Zusammenfassende wirtschaftstheoretische Thesen I. zu den Hauptzielen betriebswirtschaftlicher Tätigkeit und II. zum Wirtschaftswachstum in heutiger Zeit.

Entnommen aus: (I) B. Gahlen, H.-D. Hardes, F. Rahmeyer, A. Schmid, Volkswirtschaftslehre. Eine problemorientierte Einführung, Tübingen 1977, S. 212; (II) S. Peters, R. Brühl, J. N. Stelling. Betriebswirtschaftslehre. Einführung, München, Wien 2005 12, S. 20 - 22.


I.

[... Als oberste von einem Betrieb verfolgte Ziele, um deren Erreichung willen er von seinen Eigentümern gegründet und können folgende benannt werden], nämlich in die leistungswirtschaftliche, die finanzwirtschaftliche und die soziale Zielsetzung (Ulrich). Aus dieser Tatsache folgt, daß es in jedem Unternehmen leistungswirtschaftliche, finanzwirtschaftliche und soziale Ziele gibt, wobei jedoch in jedem realen Betrieb der leistungswirtschaftlichen oder der finanzwirtschaftlichen Zielsetzung ein mehr oder weniger stark ausgeprägter Primat eingeräumt wird. Es sei an dieser Stelle im Zusammenhang mit der Betrachtung des Betriebes als eines zielgerichteten Systems darauf hingewiesen, daß die in der Betriebswirtschaftslehre vielfach unterstellte monistische Zielsetzung der ausschließlichen Gewinnerzielung in der Regel eine zu stark vereinfachte Abbildung der betrieblichen Realität darstellt.

Die leistungswirtschaftliche Zielsetzung des Betriebes steht in einem engen Zusammenhang zu seinem Sachziel, der Erstellung und Verwertung von Leistungen für den Bedarf Dritter. Sie beinhaltet in erster Linie die Markt- und Produktziele des Betriebes. Dabei geht es bei der Festlegung der Marktziele a) "um die Bestimmung der Märkte und Marktsegmente, die bearbeitet werden sollen, b) um die Bestimmung der Marktstellung, die in diesen Segmenten erreicht werden soll, c) um die Bestimmung des anzustrebenden Umsatzvolumens." (Ulrich) Demgegenüber handelt es sich bei der Festlegung der Produktziele a) "um die Bestimmung der Art der Produkte, die erzeugt und/oder bereitgestellt werden sollen, b) um die Festlegung der Qualitätsniveaus für diese Produkte, c) um die Bestimmung der Produktmengen, die erstellt werden sollen." (Ulrich)

Die leistungswirtschaftliche Zielsetzung weist immer dann eine besondere Bedeutung auf, wenn dem Betrieb von seinen Eigentümern oder auch in Fällen der Konzessionierung bestimmter Wirtschaftsbereiche vom Konzessionsgeber die Erstellung bestimmter Leistungen, gegebenenfalls in einem Umfang, der sich an einem erwarteten Bedarf oder an einer auftretenden Nachfrage ausrichtet, vorgegeben wird. Die leistungswirtschaftliche Zielsetzung dominiert die anderen betrieblichen Zielsetzungen vor allem in öffentlichen Betrieben, die einen öffentlich-rechtlichen Grundauftrag zu erfüllen haben. Als Beispiele für derartige Betriebe können Versorgungsunternehmen genannt werden, beispielsweise im Energiebereich (Elektrizitätswerke, Gaswerke) oder im Verkehrsbereich (Betriebe des öffentlichen Personennahverkehrs), aber auch im Gesundheitswesen (Krankenhausbetriebe) oder im öffentlich-rechtlichen Kreditgewerbe (Landesbanken, Sparkassen).

Die finanzwirtschaftliche Zielsetzung des Betriebes berücksichtigt die Tatsache, daß ein Betrieb sein Sachziel und damit auch seine leistungswirtschaftliche Aufgabe nur erfüllen kann, wenn er im Betriebsprozeß Faktoren wie Grundstücke, Gebäude, Maschinen, Materialien und Stoffe sowie menschliche Arbeit einsetzt. Diese Faktoren müssen im allgemeinen am Markt gegen Entgelt erworben werden, und jeder Betrieb wird bemüht sein, den entsprechenden finanziellen Einsatz durch die Verwertung der von ihm erstellten Leistungen am Markt auszugleichen (Kostendeckung). Dabei werden sich privatwirtschaftliche Unternehmen bzw. Unternehmer [generell] in der Regel nicht mit einem bloßen Ausgleich ihres Einsatzes zufriedengeben, sondern sie werden darüber hinaus einen Gewinn erwarten, dessen Notwendigkeit aus der Bereitstellung anderweitig verwendbarer Zahlungsmittel, aus der Risikoübernahme und aus der Erbringung von Arbeitsleistungen als Unternehmer abgeleitet wird. Die Messung des Erfolges gehört daher zu einer der wichtigsten Aufgaben des Rechnungswesens [...] Neben der Erfolgsmessung muß ein Betrieb auch jederzeit in der Lage sein, den Zahlungsverpflichtungen nachzukommen, die Liquidität ist aus diesem Grund eine weiter wichtige finanzwirtschaftliche Zielsetzung. Eine Zielsetzung, die von nordamerikanischen Unternehmen zuerst eingeführt wurde und jetzt auch in Europa zunehmend Anhänger findet, ist der Shareholder-Value. Auch er soll den Erfolg des Unternehmens messen, allerdings auf eine neuartige Weise: nicht mehr das Rechnungswesen ist der Gradmesser, sondern die Finanzmärkte insbesondere die Börse an der die Aktien des Unternehmens gehandelt werden. Der Erfolg wird aus der Sicht der Aktionäre (shareholder) bewertet, für diese Gruppe muß sich der Erfolg letztlich in der Gewinnausschüttung oder in einer Wertsteigerung ihrer Aktien niederschlagen.

Die soziale Zielsetzung des Betriebes schließlich resultiert aus der Tatsache, daß jeder Betrieb einerseits Bestandteil der menschlichen Gesellschaft ist und andererseits selbst eine "Gesellschaft" im Sinne einer Gruppierung von Menschen darstellt. Aus dieser Umschreibung ergibt sich, daß der Betrieb zum einen eine nach außen gerichtete (externe) soziale Zielsetzung und zum anderen eine nach innen gerichtete (interne) soziale Zielsetzung verfolgen muß. Die externe soziale Zielsetzung beinhaltet, daß der Betrieb als offenes System in seinen Zwecken, Verhaltensweisen und gegebenenfalls auch Zielsetzungen die Bedürfnisse und Anliegen der ihm umgebenden Gesellschaft berücksichtigen muß. Beispielhaft sind hier die Probleme des Umweltschutzes und der sorgsamen Verwendung natürlicher Ressourcen zu nennen. Die interne soziale Zielsetzung dagegen stellt darauf ab, daß der Betrieb als soziales System bei der Bildung seiner Zweck- und Zielsetzungen auch die Wünsche und Erwartungshaltungen der ihm als Elemente angehörenden Menschen in angemessener Weise zu berücksichtigen hat. Hier können als Beispiele die Fragen der Mitbestimmung bzw. Mitwirkung der Arbeitnehmer, der Arbeitsplatzsicherung, der Arbeitsgestaltung sowie der betrieblichen Altersversorgung genannt werden.


II.

[Die Ergebnisse einer ausführlicheren Diskussion um das volkswirtschaftliche Ziel des Wachstums werden kurz zusammengefaßt.]

Zunächst wurde herausgearbeitet, daß eine langfristig stabile wirtschaftliche Entwicklung eine permanente staatliche Stabilitätspolitik erfordert, d. h. eine Beschränkung auf fallweise stattfindende Eingriffe nicht erlaubt. Will der Staat sich nicht auf eine Verstetigung des Wirtschaftsprozesses beschränken, sondern auch für eine angemessene Rate der Entwicklung sorgen, so muß neben der Steuerung der Nachfrageseite die Steuerung der Angebotsseite treten. Eine 'Stabilitätspolitik' wird insoweit durch eine 'Wachstumspolitik' ergänzt. Die Wachstumspolitik führt nicht nur zu einer Ausdehnung, sondern auch zu einer qualitativen Veränderung der Staatsaktivität, da der Staat nicht mehr nur als Nachfrager, sondern auch als Anbieter von Gütern und Diensten am Markt auftritt. Die Staatsfunktionen im Rahmen der Wachstumspolitik sind dabei nicht statisch, sondern dynamisch zu interpretieren. [An den Beispielen etwa der beruflichen Bildung einerseits, der sektoralen Strukturpolitik andererseits läßt sich zeigen], daß traditionell von den Privaten erfüllte Aufgaben verstärkter staatlicher Flankierung bedürfen oder gänzlich in seine Regie fallen, wenn sie als Instrument der Wachstumspolitik eingesetzt werden. Die Ausdehnung und qualitative Veränderung der Staatsaktivität im Zusammenhang mit der Politik des Wirtschaftswachstums ist ein zentrales Ergebnis [ solcher Analysen].

Hinzu kommt als zweites Ergebnis die Beobachtung, daß das Wirtschaftswachstum [in Jahrzehnten vorwiegend liberal-marktwirtschaftlich konzipierter staatlicher Wirtschaftspolitik] aufgrund unerwünschter Nebenwirkungen und eines dadurch ausgelösten Bewußtseinswandels in der Öffentlichkeit einem Wandel in der Bewertung unterlegen ist, der durch die Pole [Überbetonung des Wachstums] und Nullwachstum gekennzeichnet ist. Die Höhe desWirtschaftswachstums der Zukunft muß zwischen diesen Extrempunkten seinen Platz finden.


LV Gizewski SS 2006 und WS 2006/2007

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de