Xenophon, Über die Möglichkeiten, Geldmittel für die Stadt zu beschaffen (1, 1 - 4, 13).

Auszüge aus: Xenophon, Vorschläge zur Beschaffung von Gekdmitteln oder: Über die Staatseinkünfte. Eingeleitet, herausgegeben und übersetzt von Eckart Schütrumpf, Texte zur Forschung Bd. 38, WBG Darmstadt 1982, S. 80 - 95. Mit kleineren Auslassungen. Übersetzung Schütrumpfs ins Deutsche stark modifiziert. C. G.


I. 1, 1. Seit jeher vertrete ich die Auffassung, daß die Leistungsfähigkeit von Staaten so gut ist wie die ihrer Führer. Einige der Führer Athens behaupten nun, daß sie zwar - wie jeder Mensch - wüßten , was das Recht im Verhältns der Staaten gebiete, aber leider zwinge sie die Armut einer großen Menge Bürger unserer Stadt, sich anderen Gemeinwesen gegenüber bis zu einem gewissen Grade hart und ungerecht zu verhalten. Um diese These zu widerlegen, habe ich es unternommen zu untersuchen, welche Wege es gibt, daß die Bürger unserer Stadt ihren Unterhalt aus ihrem eigenen Land gewinnen können; denn dies ist ja der nächstliegende gerechtetste Weg. Gäbe es solche Möglichkeiten, so wäre vermutlich zugleich der Armut der Athener wie dem Mißtrauen gegen sie von Seiten der Griechen abgeholfen. 2. Als ich nun untersuchte, was ich mir vorgenommen hatte, wurde mir bald klar, daß unser Land zahlreiche Voraussetzungen besitzt, um beträchtliche Einkünfte zu ermöglichen. Um die Wahrheit dieser These zu belegen, will ich zunächst die natürliche Beschaffenheit Attikas beschreiben: 3. Daß die Jahreszeiten hier sehr mild sind, zeigt schon die Fülle dessen, was hier wächst. Was an anderen Orten nicht einmal aufginge, trägt hier Früchte. Und wie die Erde Attikas, so bringt auch das umgebende Meer reiche Fülle hervor. Dazu kommt, daß das, was die Jahreszeiten an Gutem gewähren, durch göttliche Gunst besonders früh beginnt und spät endet. 4. Diesen bedeutenden Vorzug hat dies Land aber nicht nur im Hinblick auf saisonale Erträgnisse und Früchte, sondern auch im Hinblick auf ständig verfügbare Werte. So gibt es hier etwa in großem Umfang nutzbare Steinarten, aus denen die schönsten Tempel und Altäre erbaut und besonders eindrucksvolle Götterstauten angefertigt werden können; diese Steinarten sind bei Griechen ebenso wie Barbaren stark begehrt. 5. Es gibt in Attika ferner Land, das zwar unfruchtbar ist, aber, wenn man in ihm gräbt, weitaus mehr Leute ernährt, als wenn es Getreide trüge. Es ist nämlich silberhaltig - wie es scheint, eine göttliche Bestimmung; denn keine der vielen Städte, die uns auf dem Lande oder übers Meer näher benachbart sind, kann auch nur eine kleine Silberader vorweisen. 6. Nicht ohne Grund könnte man ferner der Auffassung sein, unsere Stadt liege im Mittelpunkt nicht nur Griechenlands, sondern sogar der gesamten bewohnten Erde. Denn je weiter man von ihr entfernt ist, um so mehr nehmen unangenehme Kälte und Hitze zu. Dazu müssen alle, die von einem Ende Griechenlands zum anderen gelangen wollen, zu Wasser oder zu Land an Athen wie an dem Mittelpunkt eines Kreises vorbei. 7. Und außerdem: obwohl Athen eine Festlandsstadt ist, importiert es doch wie eine Insel aus allen Himmelsrichtungen alles, was es braucht, und es exportiert, was es will. Denn einerseits ist es für Seeweg an zwei Seiten offen, aber auch auf dem Landwege erhält es viele Waren. 8. Schließlich: anders als bei sehr vielen Griechenstädten, denen benachbarte Nichtgriechen Unannehmlichkeiten bereiten, liegen in der Nachbarschaft Athens nur Städte, die ihrerseits sehr weit von den Nichtgriechen entfernt sind.

II. 2 [Verschiedene Vorschläge Xenophons zur sorgfältigen politischen Behandlung und wirtschaftlich-sozialen Förderung der Metöken, d. h. derjenigen dauerhaften Bewohner Athens, die nicht die atttische Staatsbürgerschaft besitzen.] [... 6. Wenn wir etwa den Metöken] das Recht auf eine Art Grundbesitz einräumten, dann dürften auch infolge einer solchen Maßnahme weitaus mehr und wirtschaftlich interessantere Leute ihre Niederlassung in Athen anstreben als bisher. 7. Schließlich, wenn wir - nach dem Vorbild des Waisenpfleger-Amtes - ein Amt des Metökenbeauftragten einführten und unter den dazu Berufenen diejenigen ausgezeichneten, die nachweislich die meisten Metöken betreuten, dann dürfte auch dieser Schritt die Metöken uns gewogener machen als bisher, und wahrscheinlich würden schon deswegen sehr viele weitere Heimatlose die Metökie in Athen anstreben, d. h. auch: unsere Einnahmen vergrößern.

III. 3, 1. Jetzt möchte ich die Chancen darlegen, die darin liegen, daß unsere Stadt auch für Handeltreibende zahlreiche Annehmlichkeiten bietet und sehr große Gewinne ermöglicht. Einmal stellt sie für die Handelsschiffahrt durchweg sehr ansprechende und sichere Ankerplätze bereit, wo man nach dem Einlaufen unbesorgt und von der Witterung unbehelligt liegen kann. 2. Außerdem hat die Stadt einen wichtigen Vorteil, was das Problem der Rückfracht betrifft: denn Kauffahrer sind meist gezwungen, Rückfracht zu laden, weil die Währung der Städte, aus denen sie kommen, anderswo nicht akzeptiert wird. In Athen gibt es zwar die Möglichkeit, Rückfracht mitzunehmen, weil die meisten Bedarfsgüter dort zur Verfügung stehen, aber Händler können, wenn sie wollen, statt üblicher Rückfracht auch Silbergeld mitnehmen - eine ebenfalls gute Ware; denn wo immer sie das geprägte Silber verkaufen, bekommen sie dafür mehr als den ursprünglichen Wert. 3. Zu den Maßnahmen, Kaufleute in noch beträchtlich größerer Zahl zum Handel in Athen zu bewegen, könnte es gehören, daß die staatliche Handelsbehörde einen Preis aussetzte, um Beamte, die Streitfälle aus Handels-Sachen mit auswärtigenn Händlern besonders schnell und gerecht entscheiden, demonstrativ zu ehren; so würde niemand, der seine Handelsreisen von Athen aus fortsetzen will, durch prozeßbedingtes Warten daran gehindert werden. 4. Es wäre auch motivierend und zweckmäßige, Kaufleute und Reeder durch Ehrensitze im Theater auszuzeichnen und gelegentlich diejenigen zu einem Ehren-Festmahl einzuladen, von denen man glaubt, daß sie durch besonders gute Schiffe und Waren der Stadt Nutzen bringen. Denn die so Geehrten dürften künftig nicht nur um des Gewinnes, sondern auch um der Ehrung willen n freundschaftlichem Geiste nach Athen kommen. 5. Soviel ist klar: Je mehr Menschen sich hier niederlassen und hierherkommen, desto mehr Waren werden sicherlich auch eingeführt und ausgeführt, gekauft und verkauft und desto mehr Mieten und Steuern werden eingenommen. 6. Für solche Steigerungen der Einkünfte bedarf es keiner finanziellen Vorleistungen, sondern nur Volksbeschlüsse zum Wohl der betroffenen Menschen und fördernder Maßnahmen. Für alle anderen Einkünfte, die meiner Meinung nach durch Förderung des Handels erzielt werden können, wird jedoch - dessen bin ich mir sicher - zuvor ein Grundstock an Finanzmitteln nötig sein. 7. Ich meine wiederum, daß man die Hoffnung hegen kann, die Bürger werden sich dazu bewegen lassen, zu diesem Zwecke eine Sondersteuer (Eisphora) zu entrichten. Ich habe dabei vor Augen, daß die Stadt in unruhigen Zeiten auf diese Weise viel Geld aufgebracht hat, so etwa, als sie unter Führung des Lysistratos den Arkadern zur Hilfe kam und in ähnlich weitgehender Weise auch bei dem Feldzug unter Hegesileos. 8. Zudem wurden früher bekanntlich oft Trieren mit viel Aufwand ausgeschickt, obwohl ganz unklar war, ob dies politisch vorteilhaft oder nachteilig sein werde, sicher dagegen nur eines, nämlich daß die Athener niemals das zurückbekommen würden, was sie persönlich einbezahlt hatten, ja nicht einmal einen Teil ihres Beitrags. 9. Verglichen damit könnten sie sich bei Annahme meines Vorschlags durch nichts einen so schönen Gewinn verschaffen wie von dem Geld, das sie für die Bildung eines Grundstockes von Finanzmitteln vorschießen. Bei wem nämlich die Steuer zehn Minen beträgt, der erhält, wie beim Seedarlehen, fast ein Fünftel zurück, da er pro Tag drei Obolen bekommt. Wer aber fünf Minen Steuer entrichtet, erhält mehr als ein Drittel. 10. Die meisten Athener immerhin werden im Jahr sogar mehr erhalten, als sie als Steuer entrichtet haben. Diejenigen nämlich, die eine Mine vorausgezahlt haben, werden eine Einnahme von fast zwei Minen haben, und sie stehen dabei in einem Darlehensverhältnis zu einer Stadt, die als wirtschaftlich sicherste und dauerhafteste aller menschlichen Einrichtungen gilt. 11. Außerdem nehme ich an, daß sogar viele Fremde einen finanziellen Beitrag leisten würden, wenn sie deswegen für alle Zeit öffentlich als Wohltäter verzeichnet würden. Vielleicht würden sogar einige Städte diese ehrende Aufzeichnung anstreben. Sogar einige Könige, Tyrannen und Satrapen könnten diese Form von Dankesbeweis erhalten wollen. 12. Unter der Voraussetzung, daß auf diese Weise ein Grundstock an Geldmitteln bereitgestellt ist, wäre es wirtschaftlich nützlich, für die Reeder in der Nähe der Häfen zu den vorhandenen Herbergen noch weitere hinzuzubauen, ferner, Herbergen für die Kaufleute in der Nähe von Plätzen, die zum Kauf und Verkauf geeignet sind, zu errichten und für die Besucher von außerhalb dem Staat gehörige Unterkünfte zu bauen. 13. Wenn außerdem noch angemessene Wohnungen und Verkaufshallen für die Händler sowohl im Piräus als auch im eigentlichen Stadtkern errichtet würden, dann wäre das einmal für Athen eine bauliche Zierde und zum anderen eine bedeutende Einnahme. 14. Vorteil verspricht auch ein Versuch der Stadt, ähnlich wie an Kriegsschiffen auch an Handelsschiffen Eigentum zu erwerben und sie gegen Stellung von Bürgen zu vermieten; mit ihren anderen Besitztümern verfährt sie ja ebenso. Wenn sich das alles als durchführbar erwiese, könnten dem Staat daraus große Einkünfte erwachsen.

IV. 4, 1. Ein weiterer Weg zu gesteigereten Einkünften ist der Ausbau des Silberberbaus. Geschähe dies den Erfordernissen entsprechend, dann dürfte daraus, so glaube ich, unabhängig von allen anderen zusätzlich erzielbaren Einnahmen, sehr viel Geld einkommen. Zumindest für die, die das nicht wissen, will ich ihre Bedeutung aufzeigen. Denn wenn ihr sie kennt, könnt ihr auch besser beschließen, wie man die Bergwerke nutzen soll. 2. Daß sie seit unbestimmbar langer Zeit in Betrieb sind, ist allen bekannt. Keiner macht auch nur den Versuch anzugeben, wann an mit ihrer Ausbeutung begonnen wurde. Und obwohl schon so lange nach Silbererz gegraben und Silber gewonnen wird, überlegt einmal, was für einen Bruchteil der in ihrer Natur erhaltenen großen, silberhaltigen Hügel die bisher aufgeworfenen Halden darstellen. 3. Es ist auch offensichtlich, daß das Gebiet, in dem Silbererz gefördert wird, im Laufe der Zeit nicht auf eine kleinere Fläche zusammenschrumpft ist, sondern sich ständig ausgedehnt hat. Selbst in den Zeiten, als eine sehr große Anzahl von Menschen in den Silberminen beschäftigt war, fehlte es dort nie an Arbeit, sondern immer gab es mehr Arbeit als Arbeiter. 4. Aber auch heute vermindert keiner von denen, die Sklaven in den Bergwerken besitzen, deren Anzahl, sondern jeder kauft so viele, wie er kann, hinzu. Solange aber nur wenige graben und suchen, wird sicherlich auch nur wenig Silber gefunden; wenn es aber viele tun, dann findet man Silbererz in vielfacher Menge. 5. Unter allen Tätigkeiten, die ich kenne, ist es daher auch diese allein, bei der niemand auf die anderen neidisch ist, wenn sie ihr zusätzlich nachgehen. Es gilt im Silberbergbau wohl eine besondere Art von Rationalität. Alle Besitzer von Ackerland etwa können angeben, wieviel Gespanne und Arbeitskräfte zur Bearbeitung ihres Landes ausreichend sind; wenn jemand mehr als diese Arbeitskräfte einsetzt, kalkuliert man dies als Verlust. Bei den Silberbergwerken dagegen behauptet man , daß alle Bergwerksbetreiber zusätzliche Arbeitskräfte brauchen können. 6. Hier ist es eben nicht so wie in anderen Gewerben: Wenn nämlich die Zahl der Kupferschmiede zu groß wird, geben sie, da ihre Erzeugnisse aus Kupfer zu billig werden, ihr Gewerbe auf, und die Eisenschmiede genauso. Oder wenn Getreide und Wein in großen Mengen vorhanden sind, wird die Landarbeit wegen des niedrigen Preises der Agrargüter unrentabel, so daß viele den Ackerbau aufgeben und sich dem Groß- und Kleinhandel und dem Geldverleih zuwenden. Je mehr Silbererz hingegen entdeckt und je mehr Silber gewonnen wird, desto mehr Leute wenden sich dieser Tätigkeit zu. 7. Noch etwas Besonderes am Silberbergbau: Niemand kauft sich zwar Hausgerät hinzu, wenn er sich schon genug für sein Haus angeschafft hat. Aber keiner erwarb je so viel Silber, daß er keines mehr brauchte. Sofern man aber eine große Menge davon hat, freut man sich nicht weniger daran, wenn man das im Überfluß vorhandene vergräbt, als wenn man es benutzt. 8. Und wenn die Städte eine Blüte erleben, herrscht bei den Menschen eine besonders große Nachfrage nach Silber. Denn die Männer wollen es für schöne Waffen, gute Pferde, Häuser und prächtige Ausstattung ausgeben, die Frauen aber richten ihren Sinn auf kostbare Kleidung und goldenen Schmuck. 9. Und wenn dagegen die Städte infolge von Mißernten oder eines Krieges darniederliegen, dann brauchen sie für Lebensmittel, wenn die Erde unbearbeitet bleibt, und für Hilfstruppen noch viel mehr Geld. 10. Wenn aber jemand behaupten sollte, daß auch Gold nicht weniger nützlich sei als Silber, so will ich dem zwar nicht widersprechen, jedoch weiß ich sehr wohl, daß auch Gold, wenn viel davon gefördert wird, selber an Wert verliert, dafür aber den Wert des Silbers steigert. 11. Dieses habe ich deshalb dargelegt, damit wir voller Zuversicht möglichst viele Menschen in die Silberbergwerke schicken und diese ausbauen voller Zuversicht, daß der Vorrat an Silbererz unerschöpflich ist und Silber in seinem Wert niemals sinkt. 12. Dies scheint auch die Stadt vor mir erkannt zu haben; sie ermöglicht nämlich sogar jedem Fremden, unter gleichen Pachtbedingungen in den Bergwerken tätig zu sein.

V. 4, 13 - 26 [Beschaffung und Vermietung von bis zu 10000 Sklaven durch die Stadt an Unternehmer in erwerbsträchtigen Wirtschaftszweigen wie dem Silberbergbau.]

VI. 4, 27 - 40 [Eröffnung neuer Berwerksgruben durch die Stadt auf öffentliche Investitionkosten und mit öffentlichem Risiko; dadurch indirekte Motivation privater Unternehmungen und Unternehmensgemeinschaften auf diesem Gebiet und Förderung wirtschaftlicher Folgeaktivitäten]

VII. 4, 41 - 51 [Sicherung des öffentlichen und privaten Bergbaus auch für Kriegszeiten.]

VIII. 5, 1 - 4 [Sicherung einer dezidierten Friedenpolitik Athens im griechischen Raum zum Zweck der Steigerung des Wohlstandes und des politischen Einflusses auf die Nachbarstaaten.]


LV Gizewski SS 2006 und WS 2006/2007

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de