Über die Lage der Erde im Raum. Aristoteles, Vom Himmel, 292 b, 293 a.

Dt. Übersetzung aus: Aristoteles, Vom Himmel. Von der Seele. Von der Dichtkunst. Übersetzt, herausgegeben und mit einem Vorwort versehen von Olof Gigon, München 1983, S. 124 f.


Damit ist über die in der Kreisbewegung bewegten Gestirne gesprochen und gesagt, welcher Wesenheit sie sind, welches ihre Form ist, ihre Bewegung und ihre Anordnung. Es bleibt nun übrig von der Erde zu sprechen, wo sie liegt, ob sie ruht oder sich bewegt und welches ihre Gestalt ist.

Über ihre Lage haben nicht alle dieselbe Ansicht: die meisten lassen sie in der Mitte liegen, nämlich alle, die den gesamten Himmel als begrenzt annehmen. Im Gegensatz dazu steht die Lehre der sogenannten Pythagoreer in Italien. Sie sagen, daß in der Mitte ein Feuer sei; die Erde aber sei eines der Gestirne und würde sich im Kreise um die Mitte drehen und Nacht und Tag machen. Sie nehmen außerdem noch eine zweite, dieser gegenüberstehende Erde an, die sie die Gegenerde nennen; indem sie dabei ihre Theorien und Erklärungen nicht nach den Phänomenen richten, sondern vielmehr die Phänomene zu bestimmten Theorien und Anschauungen herzuzwingen und anzupassen suchen.

Freilich mögen auch viele andere diese Ansicht teilen, daß man der Erde nicht den Platz in der Mitte zuteilen dürfe, indem sie die Beweise nicht aus den Phänomenen zusammensuchen, sondern eher aus theoretischen Erwägungen. Sie meinen nämlich, daß das Ehrwürdigste den ehrwürdigsten Platz erhalten solle; das Feuer sei aber ehrwürdiger als die Erde und die Grenze ehrwürdiger als das Dazwischen; Grenze sei aber das Äußerste und die Mitte. Aus solchen Erwägungen schließen sie, daß die Erde nicht in der Mitte der Kugel liegen dürfe, sondern eher das Feuer.

Ferner meinen die Pythagoreer auch, es müsse so sein, weil es sich gehöre, daß der wichtigste Teil des Alls (und dies sei die Mitte) am meisten behütet werde; so nennen sie das Feuer, das diesen Platz innehat, die Wache des Zeus; dies, als hätte der Begriff der Mitte nur eine einzige Bedeutung und als sei der Mittelpunkt der Größe nach zugleich der Mittelpunkt der Sache und der Natur. Aber wie bei den Lebewesen die Mitte des Lebewesens nicht identisch ist mit der Mitte des Körpers, so muß man es erst recht beim gesamten Himmel annehmen. Aus diesem Grunde also sollten sich jene nicht in Verwirrung bringen lassen hinsichtlich des Alls und nicht eine Wache zum Mittelpunkt ziehen, sondern vielmehr nach jener andern Mitte suchen, was sie ist und wie sie ist. Denn jene Mitte ist der Ursprung und das Ehrwürdige, der räumliche Mittelpunkt gleicht aber eher einem Ende als einem Anfang.

Er ist das Begrenzte, und das Begrenzende ist das Ende. Ehrwürdiger ist aber das Umgreifende und das Begrenzende als das Begrenzte. Denn dieses ist die Materie, jenes die Wesenheit des Ganzen.


LV Gizewski im SS 2006.

Autor: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .