Grundtypen der Axiome gegenwärtiger - 'traditioneller' ebenso wie 'moderner‘ - Moral- und Ethiksysteme.

Zusammenfassung: Christian Gizewski.


1. Ethische und moralische Normen für menschliches Verhalten werden als durch göttlichen Willen und göttliches Gebot bestimmt aufgefaßt, die zu ermitteln für den Gläubigen daher im Mittelpunkt alles moralischen und ehthischen Nachdenkens stehen muß. Je nach den Inhalten der vielfältigen religiösen Vorstellungswelt etwa im Judentum, Christentum und Islam sind die moralischen und ethischen Normen daher ein Moment frommen Nachdenkens und gelehrter Theologie. Eine Vermittlung zwischen ihren Positionen, soweit sie verschieden sind, ist, wenigstens im Ansatz, nur schwer möglich.

2. Eine göttlich gewollte 'Ordnung dee Natur‘ gibt der philosophischen Erkenntnis [nicht bloß einem religiösen 'Glauben‘] der Menschen die Normen ihres Verhaltens vor. Beachten sie sie nicht, so liegt hierin ein Verstoß gegen eine objektive, natürlich-kosmische Ordnung, die über kurz oder lang zu einer Selbstschädigung des für sie verantwortlichen Menschen führt. ['griechische Naturphilosophie‘ - HERAKLIT].

3. Im Aufbau der Welt gibt es eine Zweiteilung zwischen einer Sphäre der singulären, konkreten Sächlichkeit und Kreatürlichkeit einerseits und einer Späre umfassender, genereller ideeller Gestaltungen andererseits, die zugleich die der Götterwelt ist. Die ethischen Normen gehören zur göttlich-ideellen Sphäre. Sie sind in einem Prozeß dialektischen, am Maßstab einer 'Mesotes‘ zwischen den zumeist vielfältigen Alternativen ausgerichteten Vernunftgebrauchs ermittelbar. ['Sokratik' - SOKRATES; 'Akademie' - PLATON].

4. Ethische Normen entwickeln sich als System in der politischen Ordnung der Menschen ['Polis-Ordnung‘] - als Voraussetzung und Ausdruck ihrer sowohl i. e. S. politischen als auch i. w. S. sozialen Prinzipien. Sie variieren folglich nach der - insoweit auch für die moralische Selbstbestimmung der Menschen wichtigen - Form des Gemeinwesens und können mit dieser ebenso positiven wie negativen Charakter entwickeln.[ 'Peripatos' - ARISTOTELES].

5. Ethische Normen sind in der Natur des Menschen als Lebewesens (Gattung Mensch) verankert, und zwar, über die Grenzen von Gesellschafts- und Staatsformen hinweg, prinzipiell gleichwirkend, soweit die wichtigeren Normen in Betracht kommen. Ethisch zu ermittelde Hauptaufgabe des Menschen ist demgemäß, in einem vorsichtigen, in aller Gelassenheit vorgenommnen Vernunftgebrauch, unter Zrückdrängung aller unnützen Affekte und voreiligen Festlegungen, das &Mac226;naturgemäß Richtige‘ zu ermitteln und dann unerschütterlich dabei zu bleiben, alles andere an Anforderungen aber als mehr oder weniger nebensächlich zu betrachten['Stoa' - ZENON von Kition, CHRYSIPPOS, SENECA].

6. Ethische Normen stellen in starkem Maße ein Ergebnis auch der individuellen menschlichen Bedürfnisse, Strebungen und Gefühle dar und geben diesen insoweit auch eine individuelle Form. Dabei spielt das Prinzip der 'Lust‘ bzw. der 'Schmerzabwehr' der 'materiellen Interessen‘ [griech. 'hedone‘, greich. ataraxia und lat. 'interesse‘] eine wichtige Rolle und muß realistischerweise stets -bei der Maßstabsetzung ebenso wie bei ihrer praktischen Umsetzung - mitberücksichtigt werden. ['Hedonismus', 'Materialismus' - EPIKUR, LUCRETIUS].

7. Zu weit greifende ethische Konstruktionen und zu hoch greifende individuelle Ansprüche an das Leben und die menschliche Umwelt lassen sich durch richtiges philosophisches Nachdenken als scheinhaft entlarven und kritisieren; der Mensch kann durchaus &Mac226;wie ein Hund‘ in Einfachheit, Bedürfnislosigkeit und dennoch in Würde existrieren. d. h.: insoweit haben die Menschen auch eine gewisse Ähnlichkeit mit Tieren, bei denen es sich ebenso verhält [Kynismus - ANTISTHENES, DIOGENES von Sinope].

8. Aus der Erkenntnis einer vielfältigen und sogar grundsätzlichen Relativität menschlicher Urteilsperspektiven läßt sich auch eine Zurückhaltung im Hinblick auf eine allzu sichere und bestimmende Vertretung moralischer und ethischer Positionen herleiten. Ergebnis einer solchen Zurückhaltung (griech. 'epoche‘) ] kann sein eine Zurückhaltung im politischen und moralischen Engagement und[ eine gesteigerte Bereitschaft zum Austausch von Meinungen. [Skepsis - PYRRHON von Elis, SEXTUS EMPIRICUS].

9. Aus einer wissenschaftlich-philosophisch vorausgesetzten prinzipiellen Unmöglichkeit 'objektiver‘ moralischer und ethischer Begründungen und Normierungen menschlichen Verhaltens (&Mac226;radikalisierte Skepsis‘) einerseits und der Notwendigkeit, dennoch konisientent und wirksam zu handeln, andererseits ergibt sich die Notwendigkeit, durch wohlüberlegte, systematische, aber letzlich &Mac226;nur‘ persönliche Entscheidungen zu einer Festlegung und Begründung von Normen zu gelangen, an denen sich das menschliche ndividuum orientieren will [Phänomenologie, Existenzialismus - M. HEIDEGGER, J. P. SARTRE].

10. Aus einer politisch-philosophisch vorausgesetzten prinzipiellen Unmöglichkeit sicherer moralischer und ethischer Begründungen und Normierungen menschlichen politischen Verhaltens und politischer Organisationsformen ('radikalisierte Skepsis‘) ergibt sich auf der Ebene des kollektiven Agierens die Notwendigkeit, die dennoch nötig werdenden politischen Entscheidungen, die häufiger auch individuelles moralisches Verhalten implizieren, solchen Verfahrensweisen und Institutionen zu überlassen, die in einer bestimmten Population ausreichend Tradition, Prestige und/oder Durchsetzungsmacht dafür haben [Dezisionismus - CARL SchMITT].


LV Gizewski SS 2006 und WS 2006/2007

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de