Ethisch begründete Zeitkritik: Lucius Annaeus Seneca, De vitae brevitate.

Text der deutschen Übersetzung nach: Seneca, Von der Kürze des Lebens. Über den Zorn. Von der Muße. Übersetzt von H. M. Endres, München um 1960, S. 9 - 35.


1 Die meisten Menschen führen Klage über die Mißgunst der Natur, da sie nur für eine so kurze Zeitspanne ins Leben träten, da die ihnen zugemessene Lebensfrist so rasch, ja stürmisch ablaufe, da das Leben die Mehrzahl der Menschen mit ganz geringen Ausnahmen im Stich lasse, während sie gerade damit beschäftigt sind, sich im Leben einzurichten. Über diesen allgemeinen Mißstand, den man darin sieht, erhebt nicht nur die große Masse und der geistig tiefstehende Pöbel immer wieder bewegte Klage, nein, sogar bedeutende Männer fühlten sich darob beschwert, und daher auch das Wort des bedeutendsten Arztes (Hippokrates): »Kurz ist das Leben, lang die Kunst.« Und ein Aristoteles hadert gar mit der Natur und äußert sich, wie es einem Weisen nicht gerade gut ansteht, indem er sagt, die Natur sei gegen die Tiere so freundlich, daß sie fünf, ja zehn Jahrhunderte am Leben bleiben dürften, während sie dem Menschen, der zu so vielem und zu so Großem geboren sei, eine viel kürzere Lebenszeit zugemessen habe. Es ist aber nicht so, daß es uns an Zeit fehlte, sondern wir gehen nicht haushälterisch genug mit ihr um. Das Leben reicht aus, urn sogar die größten Dinge zu vollenden, wenn man es nur gut gebraucht. Zerrinnt es uns aber in Schwelgerei und Nichtstun, ohne daß wir es für eine gute Sache verwenden, dann spüren wir erst unter dem Eindruck der äußersten Not, daß es vorbei ist; während es zerrann, bemerkten wir nichts davon. So ist es eben: das Leben ist nicht kurz, so wie wir es empfangen, sondern wie wir es machen, und wir haben nicht Mangel an Leben, nein, wir verschwenden es nur. Gelangen die gewaltigen Schätze von Königen in die Hände schlechter Herren, dann sind sie im Augenblick dahin; bekommt aber ein tüchtiger Haushalter noch so bescheidene Güter in Verwahrung, dann wachsen sie und mehren sich unter seiner Hand. Genauso hat unser Leben für den, der gut damit umzugehen weiß, genügend Raum.

2 Wozu die Klage über die Natur? Sie hat sich ja freundlich gezeigt; das Leben ist lang, wenn man es zu gebrauchen weiß. Der eine aber läßt sich durch nimmersatte Habgier in Fesseln schlagen, der andere wird das Opfer seiner Wichtigtuerei und seiner Arbeitswut, die er an völlig überflüssige Dinge verschwendet; einem wird der Gaumen vorn Wein nicht trocken, ein anderer ist so faul, daß seine Kräfte verkümmern; einer lebt in aufreibender Spannung, was die Leute wohl über ihn sagen, den anderen jagt vor lauter Gewinnstreben die Sucht, Handel zu treiben, in allen Ländern, auf allen Meeren umher. Manche verfallen hoffnungslos der Lust am Kriegsdienst, da sie ständig ihr Auge auf das gefährliche Leben der anderen heften müssen oder wegen ihrer eigenen Gefährdung besorgt sind; wieder andere werden die Opfer undankbarer Herren, denen sie in freiwilliger Knechtschaft dienen. Vielen macht es zu schaffen, daß sie dem Glück ihrer Mitmenschen nacheifern oder daß sie ihr eigenes Los beklagen. Die meisten aber haben kein festes Ziel vor sich und lassen sich von einer unstet schwankenden, mit sich selbst zerfallenen Unbeständigkeit von einem Unternehmen zum anderen treiben. Es gibt Menschen, die an nichts in der Weise Gefallen finden, daß sie ein Lebensziel darin sehen könnten; der Tod überfällt sie, während sie schlaftrunken gähnen, so daß es mit dem orakelähnlichen Spruch, der bei einem bedeutenden Dichter zu lesen ist, seine Richtigkeit hat: »Wir leben nur den allerkleinsten Teil des Lebens«; die ganze restliche Spanne ist nicht Leben, sondern eben nur Zeit. Von überallher drängt sich das Laster an uns heran und verwehrt es uns, aufzustehen und das Auge zu erheben, daß wir die Wahrheit prüfen; nein, es will uns niederhalten im Bann der Begierden. Nie ist es den Menschen gegeben, den Weg zu sich selbst zu finden, wenn ihnen etwa einmal aus Zufall Ruhe zuteil wird; so wie das tiefe Meer, dessen Wogen sich auch nach dem Sturm noch aufbäumen, schwanken sie ruhelos hin und her, und die Begierden lassen ihnen keinen Frieden. Glaubst du, ich spreche von denen, über deren üble Lage es keinen Zweifel gibt? Sieh doch auf jene, deren Glück das Ziel aller ist: sie ersticken geradezu darin. Wie viele empfinden ihren Reichtum als Last! Wie viele ziehen sich durch ihre Tätigkeit als Redner - täglich bewundert man sie darob - ein Lungenleiden zu! Wie viele sind gezeichnet von ihren unablässigen Schwelgereien! Wie viele sind die Gefangenen der Klientenschar, die sie umgibt! Ja, vom Niedrigsten bis zum Höchsten magst du alle dir vornehmen: Der eine braucht einen Anwalt, der andere ist selbst als solcher tätig; der eine ist angeklagt, der andere verteidigt ihn, ein Dritter gibt sich als Richter; keiner ist für sich selbst da, einer ist das Opfer des anderen. Befasse dich mit denen, deren Namen in aller Munde sind: Du wirst sehen, sie unterscheiden sich dadurch, daß der eine für den, der andere für jenen da ist, keiner für sich! Viele haben absolut keinen vernünftigen Grund zur Unzufriedenheit; sie erregen sich über die verächtliche Behandlung, die sie von Höhergestellten erfahren, etwa wenn diese ihnen beim Besuch die kalte Schulter zeigten. Der gleiche Mensch, der für sich selbst nie zugegen ist, bringt es fertig, über den Stolz eines anderen Klage zu führen, während dieser, wer immer es ist, doch wenigstens einmal einen wenn auch stolzen Blick für dich übrig hatte oder sich herabließ, dich anzuhören. Er hat dich immerhin an seine Seite geholt, während du dich selbst nie eines Blicks für wert hieltest oder dir selbst dein Ohr schenken wolltest.

3 So hast du also keinen Grund, solche Dienste jemandem als Gegendienst aufzurechnen; denn während du dich damit befaßtest, hattest du ja nicht die Absicht, für einen anderen dazusein, sondern du wußtest nur nicht für dich selbst dazusein. Wollten sich alle bedeutenden Geister, die jemals von sich reden machten, auf diesen einen Umstand konzentrieren, niemals könnten sie über eine solcheVerdüsterung menschlichen Denkens genugsam staunen. Niemandem gestatten sie ihre Landgüter in Besitz zu nehmen, und beim geringsten Streit um eine Grenzmark greifen sie schon nach Steinen und Waffen; in ihr Leben aber geben sie jedermann Zutritt, ja, sie holen sogar selbst jene heran, die davon Besitz ergreifen wollen. Keiner ist, der sein Geld an andere verteilen möchte, das Leben aber vergibt jeder und unter wie viele verteilt er es! Gilt es das Vermögen zu wahren, dann sind die Menschen zugeknöpft; steht aber die Zeit auf dem Spiel, dann geben sie mit vollen Händen aus, während doch gerade hier der Geiz eine Tugend wäre. Nehmen wir uns einen aus dem Kreis der Alteren vor, um zu ihm also zu sprechen: »Wie wir sehen, hast du die höchste Stufe des menschlichen Lebensalters erreicht, denn hundert oder gar noch mehr Jahre hast du auf deinem Rücken. Nun gib Rechenschaft von deinen Jahren! Sag uns, wieviel Zeit dich dein Gläubiger gekostet hat, wieviel deine Geliebte! Wieviel dein Vorgesetzter, wieviel dein Klient, wieviel der Hader mit deinem Weib, wieviel die Schererei mit deinen Sklaven und wieviel deine dienstbeflissenen Rennereien in der Stadt? Nimm noch die selbstverschuldeten Erkrankungen dazu und die nutzlos vertane Zeit, so wirst du sehen, die Rechnung ergibt weniger Jahre, als du zählst. Denk daran, wenn du schon unbelehrbar bei einem Entschluß verharrtest, wie wenig Tage es waren, die du deiner Absicht gemäß verbrachtest, wenn du überhaupt zu dir selbst kamst, wenn dein Blick deinem Zustand entsprach, wenn dein Gemüt nicht bangte, was du vollends an Werken in dieser langen Lebenszeit zustande gebracht hast, wie viele sich an deinem Leben bereicherten, ohne daß du des Verlustes gewahr wurdest, wie teuer dich unbegründeter Kummer zu stehen kam, leidenschaftliche Gier und tändelnde Unterhaltung, wie wenig dir verblieb von dem, was du besaßest - denk an all dies, und du wirst zugeben müssen, daß du als unreife Frucht vom Lebensbaume fällst.«

4 Was ist nun schuld an all dem? Ihr lebt so, als währte euer Leben ewig; niemals denkt ihr daran, wie kümmerlich es um euch bestellt ist; kein Auge habt ihr dafür, welche Zeitspanne schon vorüber ist; ihr geht damit um, als hättet ihr Zeit in unbegrenztem Maße, während doch vielleicht gerade der Tag, den ihr einem Menschen oder einer Sache widmet, der letzte ist. Vor allem habt ihr Angst, wie eben Sterbliche Angst haben; alles aber begehrt ihr auch so, als wäret ihr unsterblich. Von den meisten bekommt man zu hören: »Von meinem fünfzigsten Lebensjahr an will ich mich der Muße widmen« oder: »Das sechzigste Jahr soll mich frei von allen Amtern sehen.« Doch wer bürgt dir schon dafür, daß du so lange lebst? Wer soll dafür sorgen, daß die Dinge so verlaufen, wie du es dir vorstellst? Hast du keine Bedenken, nur den Rest des Lebens für dich zu behalten und für den hohen Geist nur die Zeit zu bestimmen, die fur etwas anderes nicht mehr taugt? Und es ist doch allzu spät, wenn man dann erst zu leben beginnt, wenn das Ende schon bevorsteht! So kann nur ein Tor die Tatsache der Sterblichkeit vergessen, der kluge Vorsätze auf das fünfzigste oder sechzigste Lebensjahr verschiebt und erst in dem Lebensalter zu leben anfangen will, das nur wenige erreichen. Man kann beobachten, wie mächtige Männer, Leute des höchsten Rangs sich gelegentlich äußern, als wünschten sie sich die Muße, wie sie gar ihr Loblied singen und ihr den Vorzug geben vor all ihrer eigenen Pracht. Wäre es ohne Gefahr möglich, so wollten sie dann und wann gern von ihrer Höhe heruntersteigen. Denn mag es auch äußerlich ruhig um sie sein, mag sie auch nichts aus dieser Ruhe bringen: das Glück trägt seinen Sturz in sich selbst.

5 Der verewigte Augustus, dem die Götter mehr als jedem anderen gewährten, flehte unablässig um Ruhe und bat immer wieder darum, man möge die Last der Staatsgeschäfte von ihm nehmen. Was er auch sprach, stets lief es darauf hinaus, daß er sich nach Ruhe sehnte. Dieser unbegründete aber gleichwohl angenehme Trost, daß die Zeit kommen werde, wo er sich selbst gehörte, machte ihm seine Mühen erträglicher. In einem seiner Schreiben an den Senat lese ich unmittelbar im Anschluß an das Versprechen, seinen Ruhestand in aller Würde und in aller Ubereinstimmung mit seinem einstigen Ansehen hinzubringen, folgende Worte: »Freilich bringt es mehr Ruhm solches zu halten, als es zu versprechen. Das Begehren nach dieser von mir so ersehnten Zeit hat mich in eine spätere Zeit versetzt, so daß ich mir, da ich mich noch nicht an der Wirklichkeit freuen darf, einigen angenehmen Genuß vorwegnehme, indem ich bloß davon rede.« So herrlich kam ihm die Muße vor, daß er sie in seinem Denken vorausgenoß, da es in Wirklichkeit nicht möglich war. Er, der immer wieder sehen mußte, wie alles an ihm allein hing, der über die Schicksale der einzelnen wie ganzer Völker zu entscheiden hatte, gedachte freudevoll des Tages, da er dieser Herrlichkeit Lebewohl sagen durfte. Er wußte es ja, wieviel Schweiß ihm jenes Glück abverlangt hatte, das über die ganze Welt hin strahlte, er wußte auch, wieviel verborgenes Leid es verdeckte. Zuerst mußte er gegen seine eigenen Mitbürger mit der Waffe kämpfen, dann mit seinen Amtsgenossen und schließlich gar gegen seine Verwandten. Dann hat er Blut vergossen auf der See und auf dem Lande, ward im Kriege umhergejagt durch Makedonien, Sizilien, Agypten, Syrien, Asien und nahezu an allen Gestaden, um die des Mordens an den eigenen Landsleuten müden Heere zu auswärtigen Kriegen zu führen. Zur gleichen Zeit, da er die Alpen befriedete und die Feinde gefügig machte, die mitten im Frieden und mitten im Reich da und dort ihre Häupter erhoben, während er die Grenzen über den Rhein, über Euphrat und Donau hinausschob, wurden in Rom selbst die Dolche eines Murena, eines Caepio, Lepidus, Egnatius und anderer für seine Ermordung geschärft. Noch war er diesen Gefahren nicht entronnen, da schufen seine Tochter und zahlreiche vornehme junge Männer, die in ihrem unzüchtigen Begehren wie durch einen Eid an sie gebunden waren, dem hinfälligen alten Mann viel Ungemach, jenes Weib, das die Verbindung mit Antonius aufs neue und in höherem Maße gefährlich gemacht hatte. Diese Eiterbeulen hatte er mitsamt den Gliedern selbst getilgt, doch neue wuchsen nach, und immer wieder brach da und dort etwas auf wie an einem Körper, der mit allzuviel Blut angefüllt ist. Daher sehnte er sich nach Ruhe, und indem er auf sie hoffte und an sie dachte, wurde sein Bemühen immer geringer. Das war ihm das Ziel seiner Wünsche, ihm, der selbst die Wünsche anderer zu erfüllen vermochte.

Marcus Cicero mußte sich mit Leuten herumschlagen wie Catilina und Clodius, Pompeius und Crassus, die teils seine erklärten Feinde, teils recht unsichere Freunde waren, während er mit der Republik ins Wanken geriet und sie gerade noch vor dem Absinken zu bewahren vermochte; schließlich brach er mit ihr, fand aber weder im Glück seine Zufriedenheit, noch bewährte er im Unglück seine Geduld - wie oft hatte er sein Konsulat verflucht, jenes Konsulat, das nicht grundlos, aber maßlos gefeiert war! Was für bedrückte Worte findet er in einem Brief an Atticus damals, als Pornpeius, der Vater, schon überwältigt war, der Sohn sich aber in Spanien noch bemühte, das geborstene Waffenglück wieder zu erneuern? »Was ich hier tue«, schreibt er, »willst du wissen? Nun, ich sitze hier in Tusculum, nur zur Hälfte noch ein freier Mann.« Dann läßt er noch einiges andere folgen, womit er teils die frühere Zeit beklagt, teils seinen Unmut über die Gegenwart äußert und seiner Verzweiflung über die Zukunft Ausdruck gibt. Einen »halbfreien Mann« nennt sich Cicero: Doch wahrlich, niemals wird es ein Philosoph dazu kommen lassen, daß eine so niedrige Bezeichnung für ihn zutrifft, niemals wird er ein halbfreier Mann sein, immer wird seine Freiheit vollkommen und unbeschnitten sein, und er selbst wird keine Fessel tragen, wird sein eigener Herr sein und überlegen seiner Umwelt. Denn was kann über ihm noch sein, da er über dem Schicksal steht?

6 Livius Drusus war ein Mann von Tatkraft und Energie; als er nun angesichts der bedrängenden Menschenmasse von ganz Italien auf den Gedanken gekommen war, neue Gesetze zu schaffen von der unglückseligen Art der gracchischen Gesetzgebung, und als er keinen Ausweg sah in dieser undurchführbaren Sache, die sich aber, nun einmal in Gang gekommen, nicht mehr abbremsen ließ, da soll er sein selbst in den Kindertagen rastloses Leben verflucht und dabei bekannt haben, schon als Knabe sei es ihm als einzigem niemals vergönnt gewesen, untätig zu sein. Denn schon als kleiner Bub und noch während seiner Kindheit hatte er es unternommen, für Angeklagte bei den Richtern vorstellig zu werden und sich auf dem Forum so energisch in die Schanze zu schlagen, daß er bekanntermaßen sogar zu einigem Erfolg kam. Wie mußte sich ein so verfrühter Ehrgeiz auswirken! Es liegt auf der Hand, daß seine so ureife Kühnheit für ihn selbst und für den Staat zu einem schlimmen Ende führen mußte. So erhob er also zu spät seine Klage darüber, daß ihm keine Freizeit gegönnt war, er, der seit seinen Kindertagen eine rastlose Natur war und den Leuten auf dem Forum gar lästig fiel. Es ist nicht ganz sicher, ob er durch Selbstmord geendet hat; denn er brach eines Tages unversehens an einer Stichwunde im Unterleib zusammen. Deshalb zweifeln einige, ob es sich um einen freiwilligen Tod handelte; daß es aber ein Tod im rechten Augenblick war, daran zweifelt niemand.

Es bedarf keiner weiteren Beispiele von Leuten, die sich in den Augen der Mitwelt wie der Inbegriff des Glücks ausnehmen, während sie vor sich selbst die Wahrheit bezeugten, indem sie für all ihre Lebensjahre nur Bitterkeit empfanden. Durch eine solche Haltung haben sie jedoch weder sich selbst noch andere geändert, denn kaum sind solche Worte ertönt, so fallen die Leidenschaften schon wieder in ihre alte gewohnte Weise zurück.

Wahrhaftig, so wie ihr das Leben führt, mag es über tausend Jahre währen, es wird auf eine kümmerliche Spanne zusammenschrumpfen! Ganze Jahrhunderte wird ein solcher Wahnwitz auffressen. Diese Lebenszeit aber, die, wenngleich sie nach dem Gesetz ihrer Natur verstreicht, durch die Vernunft verlängert wird, muß euch wohl rasch verrinnen. Denn ihr ergreift sie ja nicht und ihr wißt sie nicht zu halten, dieses flüchtigste aller Dinge, nein, ihr laßt sie dahineilen, als wäre sie überflüssig und als ließe sie sich zurückholen. Dazu zähle ich vor allem jene, die nur für Prunk und Wollust Zeit haben; einer minderen Beschäftigung geht nämlich niemand nach. Mögen sich andere vom Traumbild des Ruhmes bannen lassen, sie haben auf ihrem Irrweg doch wenigstens den Schein noch für sich; verweise nur auf die Geizigen, auf die Zornigen oder auf jene, die ungerechtem Haß oder einer Feindschaft verfallen sind: Sie alle haben, auch in ihren Fehlern, etwas Männliches; wer aber der Üppigkeit und der Wollust frönt, leidet an einer häßlichen Seuche. Erforsche die ganze Lebenszeit solcher Menschen; schau, wie lange sie rechnen, wie lange sie lauern, wie lange sie sich ängstigen, wie lange sie Komplimente machen oder solche annehmen, wieviel Zeit ihnen eigene und fremde Bürgschaften, wieviel ihre Gastereien kosten, die ihrerseits zu Dienstpflichten für sie geworden sind, und du wirst sehen, wie ihnen der Atem benommen wird durch ihre - soll ich sagen - Übel oder Güter. Endlich ist man allgemein der Auffassung, daß ein Mensch, der anderweitig schon völlig in Beschlag genommen ist, nicht in der Lage ist, etwas mit Glück zu betreiben, nicht die Kunst der Rede und keine freie Wissenschaft, da sein zerstreuter Geist nichts in seiner Tiefe erfassen kann, sondern alles wieder von sich geben muß, da es eben gewissermaßen nur in ihn hineingestopft ward. Nichts kann ein gänzlich in Anspruch genommener Mensch in geringerem Grad tun als wirklich leben; keine Kunst ist ja schwieriger als gerade diese!

7 Die anderen Künste verfügen allenthalben über viele Meister; manche von ihnen konnte man beobachten, wie sie schon kleine Buben so zu packen vermochten, daß diese sogar für andere wieder die Lehrmeister abgaben; zu leben aber muß man das ganze Leben über lernen und, jetzt wirst du wohl noch mehr überrascht sein: auch zu sterben muß man das ganze Leben hindurch lernen. Eine große Zahl von bedeutenden Männern bemühten sich, alles Hindernde aus dem Wege zu räumen und dem Reichtum, ihren öffentlichen Verpflichtungen und der Genußsucht zu entsagen, und sie strebten bis ins höchste Alter nur nach dem einen, daß sie zu leben wüßten; die meisten aber von ihnen schieden aus dem Leben mit dem Geständnis, daß sie es nicht erlernt hätten. Wie sollten da gar jene anderen zu diesem Wissen gelangen? Glaube mir, nur ein großer und über menschliches Irren erhabener Mann bringt es fertig, auch nicht das geringste von seiner Zeit verlorengehen zu lassen, und deshalb erstreckt sich am längsten das Leben dessen, dem es ganz und gar selbst gehörte, solange es währte. Nichts davon hat brachgelegen und blieb ungenutzt, nichts stand unter dem bestimmenden Einfluß eines anderen, fand er doch nichts, was einen Tausch mit seiner Zeit gerechtfertigt hätte, mit der er so haushälterisch wirtschaftete. Deshalb reichte sie ihm auch aus, während sie jenen ermangeln mußte, von deren Leben sich die Leute so viel abzwacken. Doch mußt du mir gewiß glauben, für diese kommt einmal der Augenblick, da sie einsehen, was ihnen entging. Gar viele jedenfalls von denen, die die Last eines großen Glücks zu tragen haben, kann man im Kreis ihrer Schützlinge oder inmitten ihrer Rechtshändel oder auch inmitten der anderen »ehrenvollen Fragwürdigkeiten« ab und zu ausrufen hören: »Es ist mir nicht vergönnt, mir selbst zu leben.« Wieso sollte es einem nicht vergönnt sein? Alle, die deine Dienste als Anwalt suchen, entziehen dich dir selbst. Um wie viele Tage hat dich jener Angeklagte gebracht, um wie viele jener, der sich um ein Amt bewarb? Wieviel Zeit kostete dich jene Alte, deren Hauptbeschäftigung es ist, ihre Erben zu Grabe zu tragen! Wieviel jener, der eine Krankheit vortäuschte, um die Habgier der besitzwütigen Erben zu reizen? Wieviel der einflußreiche Freund, der euch nicht als Freunde um sich hat, sondern als Lakaien?

Prüf sie doch bitte der Reihe nach, die Tage deines Lebens und zähle sie: Du wirst feststellen, daß nur ganz wenige und eben jene, die für die anderen wertlos waren, dir selbst geblieben sind. Jener, der das ersehnte Konsulat erreicht hat, will es lieber wieder abgeben und sagt immer wieder: Wann ist es denn endlich einmal vorbei, dieses Jahr? Ein anderer richtet öffentliche Spiele aus - er hatte sich ja so sehr danach gesehnt, daß ihm diese Aufgabe durchs Los zufiele! Jetzt seufzt er: Wann wird es ein Ende damit haben? Um einen dritten reißt man sich überall auf dem Forum, um ihn zum Schutzherrn zu bekommen, und man läuft in Scharen zusammen, und die Menge übersteigt die Reichweite seiner Stimme: Wann endlich, so ruft er, wird es soweit sein, daß man die Sache vertagt?

Jeder sorgt dafür, daß sein Leben schneller dahingeht, jeder verzehrt sich vor Sehnsucht nach dem Künftigen und jeder hat das Gegenwärtige satt. Wer aber jegliche Zeit zu seinem Nutzen verwendet, wer jeden Tag so einteilt, als wäre es der letzte seines Lebens, der sehnt nicht den folgenden Tag herbei, doch fürchtet er sich auch nicht davor. Denn was gäbe es schon für eine ungekannte Wonne, die ihm diese oder jene Stunde zu bieten vermöchte? Alles kennt er ja, alles hat er ja bis zur Genüge durchgekostet! über das andere mag das Schicksal verfügen oder die Zukunft; sein Leben ist bereits im Sicheren. Hinzubekommen kann er noch etwas, nehmen kann man ihm nichts mehr: hinzubekommen kann er, wie wenn einer satt und voll doch noch einige Speisen nimmt, ohne Appetit zu spüren!

8 Graues Haar und Falten sollen dir kein Zeichen für eine langeLebenszeit sein; ein solcher hat nicht lange gelebt, sondern er ist nur lange dagewesen. Denn meinst du, es habe einer eine weite Reise gemacht, wenn ihn schon bei der Ausfahrt aus dem Hafen ein heftiger Sturm erfaßte, um ihn nach hier und nach dort zu zerren und im Wechselspiel der kreuz und quer einherbrausenden Winde ständig in der gleichen Kreisbahn zu jagen? Ein solcher hat keine weite Reise getan, er ward nur viel umhergeworfen. Es macht mich immer wieder staunen, wenn ich sehe, wie gewisse Leute die Zeit anderer in Anspruch nehmen und diese sich gar leicht dazu herbeilassen. Beide Teile sehen nur auf das, wofür die Zeit beansprucht wird; auf die Zeit selbst aber sieht keiner. Wie wenn es ein Nichts wäre, was man fordert, und wie wenn es ein Nichts ware, was man gewährt: Und mit dem köstlichsten Ding geht man um wie mit einem Spielzeug. Die Zeit entgleitet einem aber, da sie etwas Unkörperliches ist, weil man sie mit dem Auge nicht erfassen kann; und das ist auch der Grund, weshalb man sie so minder einschätzt, ja, sie bedeutet einem fast überhaupt nichts.

Mit Freuden nimmt man alljährlich Geschenke entgegen und nimmt dafür auch Mühen in Kauf und arbeitet mit Hingabe und Sorgfalt; niemand aber achtet der Zeit; man verfährt mit ihr gar verschwenderisch, als koste sie nichts. Die nämlichen Leute aber, sieh sie dir einmal an, wenn sie krank sind, wenn sie sich im Bannkreis des Todes befinden, wenn sie die Knie der Ärzte umklammern, wenn sie vor der Hinrichtung beben, wie sie da bereit sind, ihren ganzen Besitz hinzugeben, nur um am Leben bleiben zu dürfen! Was für Widersprüche in ihrem Denken und Fühlen! Wäre es möglich, einem jeden die Zahl der künftigen Jahre so wie die der vergangenen zu bestimmen, wie würden jene beben, die nurmehr einen geringen Rest übrig sehen, wie knauserig würden sie damit umgehen! Nun aber ist es so einfach, etwas genau Zugemessenes einzuteilen, so gering es ist; doch es verlangt die meiste Aufmerksamkeit, etwas zu bewahren, wovon man nicht weiß, wann es endet. Denke aber nicht, sie seien sich über den Wert der Sache im unklaren, pflegen sie doch denen, die sie am liebsten haben, zu versichern, sie wären bereit, ihnen einen Teil ihrer Jahre zu opfern. Sie machen Geschenke und haben vom Schenken keine Ahnung; sie schenken nämlich in der Weise, daß sie sich Opfer auferlegen, ohne daß die anderen etwas davon haben; aber ob sie wirklich etwas opfern, eben das wissen sie nicht. Und deshalb halten sie den Schaden für tragbar, weil sie den Verlust nicht kennen. Niemand wird dir die Jahre wiedergeben, niemand wird dich selbst dir zurückgeben. Dahineilen wird deine Lebenszeit, so wie sie begann, nicht wird sie ihren Lauf zurückrufen oder innehalten; kein Aufhebens wird sie davon machen, an ihre Eile wird sie dich nicht mahnen: Schweigend nimmt sie ihren Lauf. Nicht eines Fürsten Machtwort, auch keine Volksgunst vermag sie zu verlängern. So wie sie am ersten Tag ihren Lauf begann, wird sie ihre Bahn eilen, nirgends eine Raststätte, nirgends eine Bleibe. Was wird sein? Dich nahmen deine Geschäfte in Anspruch, das Leben aber eilt dahin; mittlerweile steht der Tod vor der Tür, und für ihn wirst du Zeit haben müssen, ob du willst oder nicht.

9 Kann die Zeit für jene von Wert sein, die sich weise rühmen und dabei doch allzuviel zu tun haben, als daß sie ein vernünftiges Leben führen könnten? Ihr Leben setzen sie aufs Spiel, um sich das Leben einzurichten, und auf lange Zeit hinaus spinnen sie ihre Pläne. Das Hinausschieben aber ist im Leben der größte Verlust; stets läßt es uns den gegenwärtigen Tag verträumen und bringt uns um das Heute, da es auf später vertröstet. Der schwerste Hemmschuh im Leben ist die Erwartung, die an das Morgen bindet und das Heute entschwinden läßt. Was das Schicksal in seiner Hand hält, damit befaßt du dich; was du selbst in Händen hast, davon willst du nichts wissen. Wohin blickst du nur, worauf wendest du deinen Sinn? Alles Künftige ist unsicher; so lebe denn für das Heute! Schau, der größte Dichter erhebt seine Stimme, und wie aus Göttermund singt er dir voll Begeisterung das tröstende Lied: »Immer ist es der beste Tag, der zuerst aus dem Leben der armen Sterblichen entrinnt.« (Vergil, Georg. III, 66)

Wozu dies Zaudern, dieses unentschlossene Zögern, will er damit sagen. Fassest du nicht zu, dann entflieht dir der Tag; und fassest du ihn auch, so entflieht er dir dennoch. Darum gilt es, gleichzuhalten mit der Eile der Zeit, indem man sich schnellstens ihrer bedient. Es ist wie bei einem reißenden Waldbach, dessen Wasser man gar schnell schöpfen muß, da es nicht ständig fließt. Auch darin liegt ein feiner Hieb gegen das endlose Planen, daß der Dichter nicht sagt: »Immer ist es das beste Lebensalter«, sondern »immer ist es der Tag«. Wie unbekümmert und angesichts des raschen Dahineilens der Zeit gelassen siehst du nur Monate und Jahre in langer Folge sich vor dir erstrecken, ganz so, wie es deinem Begehren entspricht! Und der Dichter spricht dir von einem Tag, und zwar einem, der dir eben entschwindet! Kein Zweifel also, daß es immer der beste Tag ist, der als erster den Sterblichen entflieht, d. h. denen, die sich im Drang der Geschäfte befinden, da das Alter sie in einem Augenblick überfällt, wo ihre Seelen noch in der Kindheit befangen sind, das Alter, dem sie sich nähern, ohne vorbereitet, ohne gerüstet zu sein. Denn in nichts haben sie vorgesorgt; mit einem Male und völlig überraschend sind sie darein geraten. Daß es jeden Tag näherrückte, wurden sie nicht gewahr. So etwa, wie wenn eine Unterhaltung oder eine Lektüre oder irgendein tieferes Nachdenken den Reisenden ablenkt und dieser sich am Ziele befindet, ehe er merkt, wie es ihm näherkam - genauso werden sich die Geschäftigen dieser fortgesetzten und so eiligen Lebensreise, die während des Wachens und Schlafens in gleichem Zeitmaß dahingeht, nicht bewußt, ehe sie sich am Ziele befinden.

10 Wollte ich mein Thema im einzelnen erörtern und durch Beweise ausbauen, so hätte ich vieles, um zu belegen, wir kurz das Leben dieser Betriebsamen ist. Fabianus, keiner von unsren heutigen Kathederphilosophen, sondern einer vom alten Schrot und Korn, sagte des öfteren: »Gegen die Begierden muß man energisch, nicht mit milder Nachsicht vorgehen; man muß ihre andrängende Front nicht durch leichte Wunden, sondern in zupackendem Angriff ins Wanken bringen; ihre Spitzen muß man unwirksam machen, man kann ihnen nicht wieder mit Sticheleien begegnen.« Will man den Betriebsamen ihren Irrtum bewußt machen, dann muß man sie belehren und darf nicht nur Klage führen über sie.

Dreierlei Zeiten umfaßt das Leben, die gegenwärtige, die gewesene und die künftige. Die, in der wir leben, ist nur kurz; über die, in der wir leben werden, läßt sich nichts Bestimmtes sagen; die, in der wir gelebt haben, steht unverrückbar fest. Denn über sie hat das Schicksal nichts mehr zu bestimmen, und unter keines Menschen Willkür kehrt sie jemals zurück. Sie ist den Geschäftigen verloren; sie haben ja keine Zeit, um in die Vergangenheit zurückzublicken, und hätten sie Zeit, dann ist es doch bitter, sie an Dinge zu erinnern, die man zu bereuen hat. Deshalb lassen sie ihre Gedanken nur ungern zurückschweifen zu jenen Zeiten, die sie übel vertan haben, und wagen nicht, jene Handlungen wieder aufleben zu lassen, von denen sich jetzt herausstellt, daß es Mißgriffe waren, was sich damals durch irgendeine Reizwirkung eines augenblicklichen Lustgefühls nicht wahrnehmen ließ.

Niemand wendet sich gern in die Vergangenheit zurück, wenn er nicht sein ganzes Handeln so unter Kontrolle hatte, daß eine Täuschung ausgeschlossen ist. Ein Mensch muß Angst haben vor seinem Erinnerungsvermögen, soweit er vieles voll Ehrgeiz anstrebte, voll Hochmut mißachtete, voll Leidenschaftlichkeit errang, heimtückisch erschlich, in Besitzgier an sich riß und verschwenderisch durchbrachte! Demgegenüber ist aber das der erhabene, geheiligte Teil unserer Lebenszeit, in dem wir über menschliches Fehlen hinausgeschritten sind und die Herrschaft des Schicksals hinter uns gebracht haben. Ihm vermag kein Mangel, keine Furcht, keine Krankheit etwas anzuhaben. Für ihn gibt es keine Störung, ihn bringt nichts aus seiner Bahn, sein Besitz ist ein dauernder, unangefochtener. Der jeweils gegenwärtige Tag dauert immer nur einen Augenblick. Die vergangenen Tage aber werden alle, wenn du willst, vor dich hintreten, und du kannst sie betrachten nach Belieben und festhalten. Dazu aber haben die Geschäftigen keine Zeit. Nur ein Gemüt, das sich nicht durch Sorgen beunruhigen läßt, vermag alle Phasen seiner Lebenszeit zu durchlaufen; die Seelen der Betriebsamen aber sind wie unter ein Joch gebeugt und können sich nicht wenden und zurückblicken. So ist denn ihr Leben in ein tiefes Meer hinabgesunken, und wie es zwecklos ist, irgendetwas in ein Gefäß zu schöpfen, wenn kein Boden vorhanden ist, um das Geschöpfte aufzunehmen und zu bewahren, so kommt es auch nicht darauf an, wieviel Zeit gegeben ist, wenn es keinen Punkt gibt, an dem sie haften kann; durch angeschlagene und undicht gewordene Seelen rinnt die Zeit hindurch. Gar kurz ist das Heute, so kurz, daß es manchen ein Nichts zu sein dünkt. Unablässig ist die Zeit nämlich im Laufe, sie fließt dahin und stürzt jählings davon; sie hört schon auf, bevor sie zugegen ist, und sie duldet kein Verweilen, so wenig wie das Weltall und die Gestirne, deren rastlose Fahrt niemals auf dem selben Punkt zum Halten kommt. So ist es allein die Gegenwart, die dem Betriebsamen gehört, und sie ist so kurz, daß sie sich nicht fassen läßt, und auch sie selbst entwindet sich denen, deren Leben auf so vielerlei Dinge verzettelt ist.

11 Willst du schließlich noch wissen, worin sich die Kürze ihres Lebens äußert? Schau nur, wie sie danach gieren, lange zu leben! Hinfällige Greise betteln unter Gelübden um eine Zulage von einigen Jährchen. Sich selbst machen sie vor, daß sie noch jünger seien. Sie schmeicheln sich durch Lügen und betrügen sich selbst mit solcher Freude, als führten sie damit auch das Schicksal hinters Licht. Erinnert sie aber ein körperliches Unbehagen an ihre Sterblichkeit, wie zögern sie dann zu sterben, nicht als verließen sie nun eben das Leben, sondern als würden sie gewaltsam daraus entfernt! Dann schreien sie, Narren seien sie gewesen, daß sie nicht gelebt hätten, und wenn sie nur aus dieser Krankheit noch davonkämen, dann wollten sie in Muße leben. Jetzt sehen sie ein, wie vergeblich sie für Dinge vorgesorgt hätten, in deren Genuß sie niemals kommen würden, wie sinnlos alle ihre Mühe vertan sei.

Wer aber abseits von solchem Getue sein Leben führte, warum sollte es für den nicht lange währen? Nichts davon wird außer acht gelassen, nichts hierhin und dort verzettelt, nichts wird eine Beute des Zufalls, nichts fällt der Liederlichkeit zum Opfer, nichts geht durch Verschenken verloren, nichts ist überflüssig. Ja, wenn man sosagen will, ein solches Leben ist eine einzige Verzinsung! Mag es so kurz sein wie immer, lange genug ist es im tJberfluß, und deshalb wird der Weise, wann auch der letzte Tag kommen mag, ohne Zögern und festen Schrittes in den Tod gehen.

Vielleicht möchtest du fragen, was es für Leute sind, die ich als die >Betriebsamen< bezeichne. Glaube ja nicht, ich meinte nur die damit, auf die man die Hunde hetzen muß, wenn man sie aus der Markthalle vertreiben will, jene, die du beobachtest, wie sie entweder von ihrem Klientenschwarm umringt gar bedeutsam sich herausbegeben oder wie sie unter der Anhängerschaft eines anderen gar bescheiden die Halle verlassen; oder jene, die ihre wichtigen Geschäfte von zu Hause fortholen und an fremde Türen pochen lassen; oder die, welchen eine öffentliche Versteigerung Unbehagen macht, bei denen es urn gemeinen und manchmal auch von üblen Folgen begleiteten Gewinn geht. Nein, bei einigen ist sogar die Freizeit vorn Drang der Geschäfte erfüllt; auf ihrem Landgut oder auf ihrem Ruhebett inmitten der Einsamkeit, wenn sie sich von allem frei gemacht haben, sind sie sich selbst zuwider; man kann nicht sagen, daß sie in Muße leben; in einer Geschäftigkeit des Nichts, des Müßiggangs bringen sie vielmehr ihr Leben hin.

12 Jener, sagst du, lebe in Muße, der korinthische Gefäße, die durch die Verrücktheit einiger weniger sehr teuer geworden sind, mit ängstlicher Genauigkeit sortiert und der seine Zeit meistenteils mit den rostüberzogenen Metallplättchen verbringt? Der in der Ringschule sitzt und sich nicht satt sehen kann an dem Geraufe von Knaben - denn es ist traurig zu sagen, aber wir begnügen uns nicht mehr mit den Lastern Roms! Der die Menge seiner Sklaven paarweise ordnet nach Alter und Hautfarbe? Der die bedeutendsten Athleten anstellt?

Von jenen behauptest du, sie lebten in Muße, denen die Stunden in großer Zahl beim Barbier verstreichen, bis man ihnen abnimmt, was allenfalls in der letzten Nacht nachgewachsen ist, da ja über jedes Härchen Rat gehalten wird, bis es, in Unordnung geraten, wieder an seinem Platze ist, oder bis es von hier und dort nach vorne gekämmt ist, um die Glatze zu decken! Was für Wutausbrüche, wenn sich der Barbier etwas, gehen ließ, da er meinte, er habe es ja nur mit einem Mann zu tun! Wie geraten sie in Weißglut, schneidet man an ihrer Mähne einiges ab, wenn es nicht richtig lag, wenn nicht alles wieder in Locken fiel! Wer von ihnen sähe nicht lieber den Staat in Aufruhr als sein Haar in Unordnung? Wer dächte nicht mehr an seinen Kopfputz als an sein Kopfweh? Wer wollte nicht lieber schön aufgemacht sein als Achtung gebieten? Diese Menschen, glaubst du, leben in Muße, die ihre Zeit bei Kamm und Spiegel verbringen? Und was ist mit jenen, die sich beschäftigen mit dem Gedichtemachen, mit dem Anhören und Vortragen von Liedern, und denen, die ihre Stimme, deren unverkünstelte Weise die Natur so schön und einfach gebildet hat, durch die Verrenkungen eines unnützen Ziergesangs verunstalten? Deren Finger stets zu einem Lied geräuschvoll den Takt schlagen, die stets eine leise tönende Melodie auf den Lippen haben, ob man in einer ernsten oder gar einer traurigen Angelegenheit mit ihnen reden möchte? Nein, sie haben keine Muße, es ist nur eine untätige Betriebsamkeit! Ja, nicht einmal ihre Schmausereien möchte ich bei ihnen zur Muße zählen, wenn ich beobachte, wie sie vor Angst und Sorge ihr Silbergerät beisammenhalten, welche Genauigkeit sie aufwenden müssen, um ihre Lotterbuben recht zu schürzen, welche Spannung es ihnen verursacht, in welchem Zustand der Eberbraten aus der Küche kommt und wie rasch ihre Eunuchen zum Servieren herbeistürzen, wenn die Tischglocke ertönt; wie kunstvoll das Geflügel tranchiert wird, daß es ja keine zu großen Stücke gibt; mit welcher Sorgfalt die armen Tischknaben den Mageninhalt der Betrunkenen beseitigen: Derlei Dinge sind es, die ihnen den Ruf eines geschmackvollen und vornehmen Hauses verschaffen müssen, und ihr Wahn verfolgt sie bis in ihre intimsten Bereiche, daß sie nicht mehr essen und trinken können, ohne aufzufallen und anzugeben.

Auch von jenen möchte ich nicht behaupten, sie lebten in Muße, die sich in Tragsesseln und Sänften umherschleppen lassen und die einen genauen Stundenplan für ihre Ortsveränderungen beachten, als dürften sie gegen diesen nicht verstoßen; die ihr Diener an den Zeitpunkt des Bades erinnern muß, an den des Schwimmens und den des Speisens, die im übermäßigen Erschlaffen ihres verweichlichten Herzens so von Kräften sind, daß sie von sich aus keine Ahnung mehr haben, ob sie hungrig sind! Von einem solchen Genießer höre ich - wenn man da noch von >genießen< sprechen kann, wo man verlernt, was zum menschlichen Alltag gehört -, er habe, nachdem man ihn auf den Händen aus dem Bade gehoben und auf einen Tragsessel gesetzt hatte, gefragt: »Sitze ich nun?« Meinst du, daß dieser Mensch, der nicht wußte, ob er sitze, daß dieser Mensch weiß, ob er lebe, ob er sehe, ob er Muße habe? Ich jedenfalls könnte nur schwer sagen, ob ich ihn mehr bedauerte, wenn er's tatsächlich nicht wußte oder wenn er sich nur unwissend stellte. Vielfach handelt es sich bei solchen Leuten wirklich um ein Vergessen, zum Teil aber ist es nur ein Nachäffen. Manche Verrücktheiten machen ihnen Spaß, als wären sie Beweise für ihren glücklichen Zustand. Es dünkt ihnen niedrig und verächtlich, wenn einer weiß, was er tut. Da geh nun hin und halte es für Ubertreibung, wenn Schauspieler in ihrer Weise die Genußsucht lustig anprangern! Im Gegenteil, sie lassen mehr beiseite, als sie darstellen, und die Zahl der unglaublichen Laster hat in diesem erfindungsreichen Zeitalter so zugenommen, daß wir den Schauspielern sogar Nachlässigkeit ankreiden können. Soll man wirklich glauben, es gebe einen so gänzlich von Lust und Vergnügen benommenen Menschen, daß er sich durch einen anderen sagen lassen müßte, ob er sitze?

13 Nein, ein solcher lebt nicht in Muße; er braucht eine andere Bezeichnung: Es handelt sich hier um einen Kranken, ja, um einen Toten! In Muße lebt, wer auch darum weiß, daß er die Muße hat; zur Hälfte aber lebt nur, wer einen eigenen >fachkundigen Beurteiler< braucht, wenn er sich über seinen körperlichen Zustand klarwerden will. Wie kann ein solcher Mensch jemals Herr seiner Zeit sein? Es würde zu weit führen, wollte man jeden einzelnen erwähnen, der sein Leben hinbrachte mit dem Brettspiel oder mit dem Ballspiel oder damit, daß er seinen Körper in der Sonne durch und durch braten ließ. Wer dem Vergnügen viel Raum gibt, lebt nicht in Muße.

Kein Zweifel wird auch über die geschäftige Untätigkeit jener bestehen, die sich nutzlos den wissenschaftlichen Studien hingeben, deren es bereits auch bei den Römern eine ansehnliche Zahl gibt. Fürwahr, nur die Griechen waren bislang so verrückt, daß die Zahl der Ruderknechte eines Odysseus ihr Interesse erweckte oder die Frage, ob die Ilias oder die Odyssee zuerst geschrieben wurde und ob sie vom gleichen Autor stammten, und andere Dinge dieser Art, die den, der sie bei sich behält, nicht gescheiter, und den, der sie weitergibt, nicht gelehrter, sondern eher unangenehm in den Augen der Leute machen. Doch schau, sogar bei den Römern hat das eitle Streben Eingang gefunden, sich mit unnötigen Dingen zu befassen. Dieser Tage bekam ich jemanden zu hören, der darüber sprach, was ein jeder der römischen Feldherrn als erstes vollbracht habe. Der erste Sieger in einer Seeschlacht war danach Duilius, der erste, der Elefanten im Triumphzug verwendete, Curius Dentatus. Hat dies auch mit wirklichem Ruhm nichts zu schaffen, so handelt es sich hier lediglich um irgendein Wissen von Taten aus dem Kreise römischer Bürger, freilich um ein völlig nutzloses, für irgendwelche auffälligen, aber völlig belanglosen Ereignissen Aufmerksamkeit einforderndes. Auch auf die Erforschung jener Frage könnte man verzichten, wer die Römer zuerst veranlaßt habe, ein Schiff zu besteigen. Nutzlos zu wissen, daß es Claudius gewesen sei, der sich eben dadurch den Beinamen Caudex zugezogen habe, weil mehrere aneinandergefügte Bretter früher caudex genannt worden seien, weshalb man die öffentlichen Gesetzestafeln als >codices< bezeichnet habe, und Schiffe, die nach uraltem Brauch auf dem Tiber die Waren herbeischaffen, auch heute noch >caudicariae< genannt würden. Auch dies erscheint etwa kaum von Bedeutung, daß Valerius Corvinus, der den Sieg über Messana erfochten habe, der erste aus dem Valerierhause gewesen sei, der durch die Übertragung des Namens der eroberten Stadt den Beinamen Messana erhielt, später aber Messala hieß, da das Volk allmählich die Laute änderte. Es mag ferner Leute geben, denen es bedeutsam erscheint, daß Lucius Sulla, während sonst immer nur angekettete Löwen gezeigt worden seien, als erster sie frei im Circus vorgeführt habe, da ihm König Bocchus Wurfschützen gesandt hätte, die imstande gewesen wären, sie abzuschießen? Ich denke, auf derartige Unwesentlichkeiten kann man verzichten!

Und ist es von irgendeiner Bedeutung für die sittliche Bildung zu wissen, daß Pompeius zuerst eine Rauferei von achtzehn Elefanten im Circus vorführte, wobei wie in einem regelrechten Kampf Verbrecher gegen sie aufgeboten wurden? Der erste Mann im Staate, der sich unter den bedeutenden Männern des Altertums - jedenfalls der Sage nach - durch seine Güte hervortan haben soll, hielt es demnach für ein förderunswürdiges Schauspiel, Menschen auf eine nie gekannte Art und Weise umzubringen. Sie kämpfen bis zum Außersten? Nicht genug! Sie zerfleischen sich gegenseitig? Immer noch nicht genug. Niedergestampft müssen sie werden von der ungeheuren Wucht der Bestien. Es wäre doch besser, wenn solches vergessen würde! Und sei es darum, daß nicht eines Tages ein Mächtiger daraus lerne und es ihn gelüste, solche Unmenschlichkeit zu übertreffen.

14 Ein >großes Glück<, wie vermag es unsere Herzen zu blenden! Pompeius sah sich damals als Herrn über die Natur, als er ganze Scharen von armen Menschenkindern den Bestien vorwarf, die in einer anderen Breite lebten, damals, als er es zum Kampf zwischen so ungleichen Geschöpfen kommen ließ, als er unter den Augen römischer Bürger so viel Blut fließen ließ, er, der die Römer bald zwingen sollte, noch viel mehr zu vergießen! Kein anderer als er war es, der sich in der Enttäuschung über die Untreue Alexandrias dem letzten Sklaven darbot, daß dieser ihn töte; das war der Augenblick, da er verstanden haben wird, was es für ein eitler Prunk mit seinem Beinamen [>der Große<] war!

Doch zurück wieder dorthin, wo ich abschweifte: Ich möchte noch anderweitig dartun, wie überflüssig vielfach die menschliche Sorgfalt ist. Der oben bereits erwähnte Philosoph [Fabianus] berichtete, Metellus, der Sieger über die Karthager auf Sizilien, habe als einziger unter den Römern 120 eroberte Elephanten vor seinem Wagen einherführen lassen; Sulla aber sei der letzte der Römer gewesen, der das freie Land an der Stadtmauer hinausgerückt habe, das nach altem Brauch gewöhnlich nie bei Eroberung von Provinzialgebiet, sondern nur bei einem Zuwachs an italischem Boden erweitert wurde. Ein solches Wissen ist wahrlich noch nützlicher als die Kenntnis der >Tatsache<, daß der Aventin, wie jener sagte, außerhalb dieses Freilands gelegen sei, entweder weil das Volk dorthin ausgezogen sei, oder weil bei den Auspizien des Remus die Vögel nicht mit diesem Platz übereingestimmt hätten. Und so noch eine Menge anderen Zeugs - wahrscheinlich nicht mehr als Spekulationen oder gar Fehlinformationen.

Aber auch gesetzt, sie erzählten es in gutem Glauben und hielten sich an gute Gewährsleute, wessen Irrtum läßt sich schon dadurch vermeiden, wessen Leidenschaften lassen sich damit dämpfen? Wen läßt es tapferer sein, wen gerechter, wen gütiger? Unser Fabianus sagte deswegen zuweilen, er sei im Zweifel, ob man nicht besser auf jegliche Studien verzichte, als daß man sich damit einlasse.

In Muße leben einzig jene, die ihre Zeit der Weisheit weihen; nur sie leben wirklich; denn sie sind nicht nur auf ihre eigene Lebenszeit bedacht, sondern sie wissen auch jede Zeitperiode ihrer Lebenszeit einzufügen. Alles, was an Jahren vor ihnen dahinging, fügen sie ihren eigenen hinzu. Wenn wir nicht gänzlich undankbar sind, so sind die berühmten Religionsstifter für uns geboren, und sie haben uns den Lebensweg bereitet. Zum größten, was aus dem Dunkel zum Licht durchbrach, gelangen wir durch das Bemühen anderer; kein Jahrhundert ist uns verhüllt, alle sind uns offen; und steht uns der Sinn danach, hohen Geistes über die Schranken menschlicher Schwäche hinauszugelangen, so haben wir einen riesigen Zeitraum zur Verfügung, den wir durchwandern können. Wir sind imstande, mit Sokrates zu disputieren, mit Karneades uns Zweifeln hinzugeben, mit Epikur uns ein ruhiges Leben zu machen, mit den Stoikern über die menschliche Natur zu siegen, mit den Kynikern diese hinter uns zu lassen und nach dem Beispiel der Natur mit jeglichem Zeitalter wie ein guter Kamerad einherzugehen. Weshalb sollten wir uns nicht von diesem bedeutungslose und hinfälligen Gang der Zeit mit ganzem Herzen hinwenden zum Unendlichen, zum Ewigen, das uns mit den Besten verbindet? Jene, die umherlaufen, um ihre Besuche zu machen und dadurch sich und andere zu stören, - wenn sie so recht >umhergezogen< sind, wenn sie jeden Tag jede >Schwelle geputzt< haben und an keiner offenen Tür vorübergegangen sind, wenn sie die entlegensten Häuser aufgesucht haben, um dort ihre bezahlten Aufwartungen zu machen - wie viele werden es dann sein, die sie in der riesigen und verschiedenartigsten Zerstreuungen hingegebenen Stadt nicht antreffen konnten? Wie viele können keinen Besuch empfangen, da sie schlafen oder ihren Gelüsten frönen oder weil sie eben unfreundliche Menschen sind? Wie viele lassen sie endlos warten und haben unter dem Vorwand großer Eile doch keine Zeit für sie? Wie viele werden den Weg nicht durch den mit Klienten vollgedrängten Vorhof nehmen, sondern sich lieber durch einen heimlichen Ausgang davon machen, als wäre es weniger unfreundlich, jemanden zu täuschen als ihn abzuweisen? Wie viele werden vom gestrigen Rausch noch im Halbschlaf und benommenen Kopfes kaum die Lippen auseinanderbringen, wenn sie schließlich unter verächtlichem Gähnen den Namen aussprechen, der ihnen tausendmal zugeflüstert ward, während jene Armsten ihren Schlaf unterbrechen, um den der anderen abzuwarten?

Jene, so können wir behaupten, verbringen ihre Zeit richtig, die Tag für Tag den Zenon, den Pythagoras, den Demokrit und die anderen Meister der edlen Wissenschaften, den Aristoteles und Theophrastos zu vertrautem Umgang haben wollen. Keiner von ihnen wird Zeitmangel vorschützen, keiner wird den, der zu ihm kommt, nicht glücklicher und mit einem liebevolleren Herzen von sich gehen lassen. Tag und Nacht kann jeder Mensch bei ihnen vorsprechen. Keiner von ihnen wird von dir verlangen zu sterben, aber jeder wird es dich lehren; keiner kostet dich deine Jahre, nein, die seinigen gibt er dir noch dazu. Keiner wird dich in Gefahr bringen, wenn du dich mit ihm unterhältst, keiner wird dein Leben aufs Spiel setzen, indem er dir Freund ist, und für keinen bedarf es aufwendiger Ehrenbezeigungen.

15 Was immer du begehrst, sie werden es dir schenken; sie werden nicht schuld sein, wenn du dir bei ihnen nicht holst, was du fassen kannst. Welches Glück, welch angenehmes Alter wartet auf den, der sich ihrem Schutz anvertraut hat! Das Geringste wie das Höchste wird er mit ihnen beraten, er wird sich täglich über sich selbst bei ihnen Rat holen, wird von ihnen die Wahrheit vernehmen, ohne zu erröten, und ihr Lob ohne Schmeichelei, und sie werden ihm Richtschnur sein, wenn er sich heranbildet. Wir sagen gewöhnlich, wir hätten nicht die Möglichkeit gehabt, unsere Eltern auszusuchen, sie seien uns durchs Los beschieden. Aber das eine ist uns überlassen, nämlich aufzuwachsen nach unserer Wahl. Es gibt Familien der erlauchtesten Geister; wähle, in welche du aufgenommen sein willst! Nicht nur dem Namen nach wirst du Sohnesstelle einnehmen, nein, auch hinsichtlich des Erbguts selbst; und dieses wirst du nicht zu bewahren haben auf eine niedrige und eigennützige Weise; es wird anwachsen, je mehr Menschen du es mitteilst. Den Pfad zum Ewigen werden sie dir weisen, und einen Platz wirst du einnehmen, von dem dich niemand verdrängen kann. Einzig so läßt sich das Sterben verschieben und gar in Unsterblichkeit verwandeln. Ehrenstellen, Denkmäler und was immer die Eitelkeit auf Grund öffentlicher Beschlüsse oder vermöge des technischen Fortschritts aufgebaut hat, gehen rasch dahin; alles bricht über kurz oder lang durch die Wirkung der Zeit zusammen und zerfällt. Was aber durch die Weisheit seine Weihe empfing, dem vermag nichts zu schaden. Kein Alter wird es vertilgen oder schwächen; schon die unmittelbar folgende und auch jegliche fernere Zeit wird immer noch etwas hinzutun zur Ehre der Weisheit; denn der Neid hält sich wohl beim Nächstliegenden auf, während das Fernere ehrliche Bewunderung erntet.

So umfaßt das Leben des Weisen einen weiten Raum, und es beengen ihn nicht die nämlichen Grenzen wie die anderen Menschen. Einzig er steht außerhalb der Gesetze der Menschheit, und alle Jahrhunderte sind ihm untertan wie einem Gott. Ist eine Zeit dahingegangen, dann hält er sie in seiner Erinnerung zurück; ist sie gegenwärtig, so nützt er sie; wird sie erst sein, dann genießt er sie schon im voraus. Sein Leben wird dadurch lang, daß er alle Zeiten in eine einzige zusammennimmt.

Kurz und sorgenreich aber ist die Lebenszeit derer, die das Vergangene vergessen, das Gegenwärtige nicht nützen und sich vor dem Kommenden fürchten. Sind sie einmal am Ende, dann erkennen diese Armsten zu spät, daß sie solange von ihren Geschäften in Beschlag genommen waren und doch nichts zustande brachten.

16 Und daß sie zuweilen den Tod herbeirufen, dies halte ja nicht für einen Beweis dessen, daß sie auch ein langes Leben hätten! Ihre Beschränktheit macht ihnen Beschwer durch unbestimmte Wünsche, die sie gerade das erstreben lassen, was sie fürchten, d. h. oft wünschen sie deshalb den Tod herbei, weil sie Angst vor ihm haben. Auch daß ihnen gelegentlich der Tag lang wird, weil sie zu ihrem Leidwesen bis zur festgesetzten Essenszeit die Stunden so langsam vergehen sehen, auch das darfst du nicht als Beweis dafür ansehen, daß sie lange lebten; denn haben sie einmal nichts zu tun, dann fühlen sie sich in ihrer Muße nicht recht behaglich, und sie wissen nicht, was sie damit anfangen und wie sie diese herumbringen sollen. Deshalb verlangen sie nach irgendeiner Beanspruchung, und alle Zeit, die bis dahin vergeht, ist ihnen zuwider. Das ist bei Gott genauso, wie wenn sie die Zwischenzeit überspringen wollten, wenn ein Termin für ein Fechterspiel festgesetzt ist oder wenn der festgelegte Zeitpunkt irgendeines anderen Schauspiels oder einer Belustigung zu erwarten steht. Sobald etwas Erhofftes hinausgeschoben wird, erscheint ihnen die Zeit zu lang, während die Zeit, die sie gern haben, kurz ist und rasch dahingeht, ein Vorgang, der sich durch ihre eigene Schuld noch beschleunigt; eilen sie doch dahin und dorthin, unfähig, bei einem einzigen Wunsch zu verharren. Ihnen aber sind die Tage nicht zu lang, sondern verhaßt. Doch wie kurz erscheinen ihnen die Nächte, die sie in den Armen ihrer Buhlerinnen oder beim Trunk verbringen! Deshalb auch der Unsinn, den Dichter verkünden, die mit ihren Geschichten die Verirrungen der Menschen noch steigern und die davon faseln, Jupiter habe, von der Lust des Beischlafs überwältigt, die Länge der Nacht verdoppelt! Bedeutet es denn etwas anderes, als unsere Laster zu schüren, wenn man die Götter zu ihren Urhebern macht und wenn man der Sünde die Zügel schießen läßt, indem man sie mit dem Beispiel der Götter entschuldigt? Ist es nicht so, daß sie die Nächte sehr kurz dünken müssen, da sie sich diese so viel kosten lassen? Den Tag verlieren sie, indem sie auf die Nacht warten, die Nacht, indem sie sich ängstigen vor dem Tag. Ihre Lustbarkeit ist sogar von Angst getrübt und durch vielfache Schrecknisse voll Unruhe; inmitten des tollsten Freudentaumels überkommt sie der Gedanke: »Wie lange wird das währen?« Solche Regungen haben Könige über ihre Macht Tränen vergießen lassen, und die Größe ihres Glücks konnte sie nicht ergötzen, sondern das Ende, das früher oder später kommen mußte, versetzte sie in Schrecken. Als der Perserkönig voll Übermut sein Heer in die Weite der Ebene entfaltete und nicht die Zahl der Soldaten, sondern die Größe seiner Streitmacht abschätzte, vergoß er Tränen, da in hundert Jahren von einer solchen Mannschaft nicht ein einziger mehr am Leben sein werde! Und doch machte er, der da Tränen vergoß, gerade selbst sich daran, sie dem Verhängnis zuzuführen und die einen zur See, die anderen zu Lande, teils im Kampf, teils auf der Flucht zugrunde gehen zu lassen und die nämlichen in einer kurzen Zeitspanne zu vernichten, für die er auf hundert Jahre hinaus besorgt war!

17 Wie, sind nicht sogar ihre Freuden voller Angst? Sie ruhen ja auf keinem festen Untergrund, sondern die gleiche Leere, aus der sie kommen, macht sie auch zunichte. Was aber muß es für eine Zeit sein, von der sie selbst behaupten, sie tauge nichts, wenn schon die Zeit, derer sie sich rühmen und in der sie sich den anderen Menschen überlegen fühlen, keineswegs ganz in Ordnung ist? Je größer der Besitz, desto größer die Sorge, und auf kein Glück darf man weniger Hoffnung setzen als auf das freigebigste. Um den Zustand des Glücks zu festigen, bedarf es einer ganz anderen Glückseligkeit: den Wünschen, die schon erfüllt sind, muß man Gebete weihen! Denn was uns der Zufall bescherte, ist alles ohne Bestand; je höher sich etwas erhebt, desto näher ist es dem Fall. Was aber zu fallen droht, kann nimmer Freude machen. Sehr kümmerlich also und nicht nur sehr kurz ist wohl das Leben derer, die mit größter Mühe das erreichen, was sie nur mit noch größerer Mühe sich erhalten können, d. h., die sich mit Beschwernis verschaffen, was sie sich wünschen, und dann mit Furcht besitzen, was sie erreichten. Inzwischen aber denken sie nicht mehr an die Zeit, die nimmer wiederkehren wird. Neue Geschäfte lösen die alten ab, ein Hoffen erregt das andere, ein eitles Begehren das andere. Man will dem Übel kein Ende machen, nur seine Ursache möchte man ändern. Unsere eigenen Ehrenämter haben uns zu schaffen gemacht, noch mehr Zeit kosten uns fremde. Wir haben es aufgegeben, uns um Amter zu bewerben, doch fangen wir wieder an, andere zu empfehlen. Die Bürde des Anklägers haben wir abgelegt, die des Richters haben wir statt ihrer übernommen. Den Richter zu machen, hat einer satt bekommen, und nun ist er Vorsteher bei der Untersuchungskommission! Als bezahlter Verwalter fremden Eigentums ist einer alt geworden, nun aber hat er damit zu tun, daß er mit seinem eigenen Vermögen fertig wird. Den Marius hat der Kommiß freigegeben, nun aber beschäftigt ihn statt dessen das Konsulat. Quinctius sieht, daß er die Diktatur schleunigst loswird, doch aufs neue wird man ihn vom Pflug wegholen. Gegen die Karthager will - noch nicht reif für eine solche Riesenaufgabe - Scipio ziehen, der den Hannibal besiegt hat und den Antiochus: Scipio, die Zier seines eigenen Konsulats, der Bürge für das seines Bruders; hält er nicht selbst inne, dann wird man sozusagen ihn Jupiter an die Seite stellen: Aber Unruhen unter seinen Mitbürgern werden diesem beispielhaften Retter zu schaffen machen, und nachdem der Jüngling göttergleiche Ehren zurückwies, wird er als Greis froh sein, wenn er voll Trotz die Verbannung suchen darf. Weder im Glück noch im Elend, nie wird es an Gründen zur Sorge fehlen; durch des Lebens Alltagsmühen wird einem die Muße beschnitten werden, nie wird man handeln, ewig wird man nur wünschen.

18 Deshalb sondere dich ab aus der großen Masse, mein bester Paulinus, und nimm deine Zuflucht in einem ruhigeren Hafen, statt dich über Gebühr für dein Alter herumstoßen zu lassen! Denk daran, wie vielen Wogen du preisgegeben warst, wie vielen Stürmen du teils als Privatmann standgehalten, teils im öffentlichen Leben die Stirn geboten hast! Es sind Beweise voll Mühen und Unrast, die deine Geistesgröße schon hinlänglich bezeugten; nun stelle die Probe an, wie sie sich in der Muße bewährt! Deines Lebens größerer Teil, will sagen der bessere, sei dem Gemeinwohl gewidmet; einiges von deiner Zeit aber soll dir selbst gehören. Und es ist keine trägeTatenlosigkeit, zu der ich dich rufe; ich will nicht, daß du deine ganze Lebensenergie, die in dir steckt, in Schlaf und Genuß versinken läßt, wie es die große Menge liebt; solches heißt nicht in Ruhe leben. Nein, in deiner sorgenfreien Zurückgezogenheit wirst du viel Wichtigeres finden als alle Geschäfte, die du bisher so eifrig betriebst. Wohl führst du die Rechnungsbücher des Weltreichs so uneigennützig, als ginge es um fremdes Gut, und so sorgfältig, als wären es deine eigenen, und mit solchem Verantwortungsgefühl, wie eben das Gemeingut verlangt; du ziehst dir Liebe zu in einem Amte, bei dem es schwer ist, dem Haß zu entgehen. Dennoch, glaube mir, ist es besser, die Rechnung seines eigenen Lebens im Kopf zu haben als die über das öffentliche Getreide. Jene Lebendigkeit des Geistes, die größten Aufgaben gewachsen ist, widme nach einem wohl ehrenvollen, jedoch zu einem glücklichen Leben untauglichen Dienst dir selbst! Bedenke, seit frühester Jugend hattest du bei all deiner Hingabe an die edlen Wissenschaften nicht beabsichtigt, daß dir viele tausend Scheffel Getreide in Sicherheit übergeben werden könnten; nein, größere und höhere Hoffnungen hattest du erweckt! An Männern, die gut wirtschaften und emsig arbeiten können, wird kein Mangel sein. Ist doch langsames Zugvieh viel geeigneter, Lasten zu schleppen, als edle Rösser es sind! Und wer hat je deren wundervolle Behendigkeit gehemmt, indem er ihnen schweres Gepäck aufbürdete? Bedenke außerdem, welcher Unruhe du dich aussetzest, wenn du dich einer solchen Last beugst! Du hast es mit dem Magen der Menschen zu tun: Ein hungerndes Volk aber kennt weder Vernunft, noch läßt es sich durch billige Argumente beruhigen oder durch Bitten beeinflussen. Erst vor kurzem, wenige Tage vor des Gaius Caesar Tod [Caligula wurde am 24. Januar 41 n. Chr. ermordet.] - wenn Tote noch bei Sinnen sind, dann ärgert er sich jetzt vermutlich maßlos darüber, daß er sterben mußte, während das römische Volk ihn überlebt - waren kaum für sieben, allerhöchstens für acht Tage Lebensmittelvorräte vorhanden! Wähernd er mit Hilfe von Schiffen Brücken baute und mit den Kräften des Reiches seinen Spott trieb, trat das schlimmste Übel ein, das auch Belagerte treffen kann, nämlich Nahrungsmittelmangel. Beinahe Untergang und Hungersnot, und was sonst noch alles mitfolgt, das allgemeine Verderben, war der Preis für die Nachäffung jenes verrückten fremden Königs, der zu seinem eigenen Unglück vom Übermut gepackt war. Was mochten sich jene damals denken, die für die Vorräte des Staats verantwortlich waren! Mit Äxten, Steinen, Feuerbränden und Schwertern ging man gegen sie vor, und sie mußten alle Verstellungskunst aufbieten, um die Fäulnis im Innern zu verbergen, wofür sie freilich gute Gründe hatten. Denn manches muß man kurieren, ohne daß der Patient eine Ahnung davon hat; und vielen schon brachte es den Tod, daß sie über ihre Krankheit Bescheid wußten.

19 Zieh dich doch zurück zu dem, was mehr Ruhe, mehr Sicherheit und größere Erhabenheit bietet! Du kannst es doch nicht für gleichgültig ansehen, ob du dafür verantwortlich bist, daß das Getreide ohne einen Betrug auf seiten der Lieferanten, und ohne daß es durch deren Versagen zu Schaden kommt, in die Scheunen gebracht wird, daß es nicht Feuchtigkeit zieht und verdirbt und auskeimt, daß Maß und Gewicht stimmen - oder ob du an diese heiligen und erhabenen Aufgaben herangehst, um zu erforschen, welches die Stofflichkeit der Götter sei, worin ihre Genüsse bestehen, in welchem Zustand sie sich befinden, von welcher Gestalt sie seien; welches Geschick deiner Seele bevorstehe und wohin uns die Natur versetze, wenn sie uns aus den Banden dieses Körpers befreit? Was es sei, was das Schwergewicht dieses Weltalls in seiner Mitte halte und mache, daß es über dem Leichten schwebe, daß das Feuer hoch in den- Ather aufsteige und die Gestirne ihre richtige Bahn ziehen? Und was es sonst noch überall für wundervolle Dinge gibt.

Willst du dich vom Erdboden erheben und deine Gedanken dorthin wenden? Jetzt, solange das Blut noch warm ist und unsere Lebenskraft noch frisch, müssen wir an die höheren Dinge herangehen. Wenn du so lebst, dann wartet auf dich ein reicher Schatz an edlen Wissenschaften, Lust und Liebe zum Tun des Guten, das Schweigen der Leidenschaften, die Kunst zu leben und zu sterben, ein Zustand tiefer Ruhe. Wohl befinden sich alle betriebsamen Menschen in einer traurigen Lage, am traurigsten aber steht es um jene, die sich bei ihrer Betriebsamkeit nicht einmal um ihre eigenen Probleme bemühen; wenn sie schlafen, so ist es der Schlaf eines anderen, wenn sie essen, ist es der Appetit eines anderen, und wenn sie lieben oder hassen, was doch die freiesten Regungen sind, so folgen sie damit dem Befehl eines anderen. Wollen sie einen Begriff bekommen von der Kürze ihres eigenen Lebens, dann sollen sie bedenken, welch geringer Tei davon nur ihnen gehört. Wenn du aber wahrnimmst, daß sie oft schon das Staatskleid anlegten, daß ihr Name auf dem Forum in Ehren steht, dann beneide sie nicht! Das ist ein Gewinn, den man nur mit dem Leben bezahlt. Dafür, daß ein einziges Jährlein ihren Namen trägt, müssen sie alle ihre Jahre opfern. Schon manche hat das Leben verlassen, noch während sie den Gipfel der Ehre vor sich hatten und während sie sich auf den ersten Sprossen abmühten. Manche sind durch tausendfache Würdelosigkeit zur höchsten Würde mühsam gelangt, und nun bedrängt sie der sorgenvolle Gedanke, sie hätten sich abgerackert um einen Titel auf ihrem Grabmal. Manche sind im höchsten Greisenalter, in dem sie noch wie Jünglinge neue Hoffnung nährten und Pläne machten, inmitten großer und unablässiger Anstrengungen kraftlos zusammengebrochen.

20 Schmach über den, den der Lebensodem verläßt, während er als Greis vor Gericht den Anwalt macht, für gänzlich fremde Streitende, nur um den Beifall einer verständnislosen Menge zu erhaschen! Schande über den, der, eher des Lebens als seiner aufreibenden Geschäftigkeit müde, inmitten seiner Pflichterfüllung zusammenbricht! Schande über den, dem der lange auf die Folter gespannte Erbe hohnlacht, wenn er inmitten seiner Abrechnungen tot umsinkt! Da fällt mir ein Beispiel ein, mit dem ich nicht hinterm Berg halten kann: Turannius war ein alter Mann und immer noch von gewissenhaftester Pünktlichkeit. Als er, schon über neunzig Jahre alt, von Gaius Caesar aus dem Amt eines Getreideverwalters ohne sein Ansuchen entlassen wurde, da ließ er sich aufs Bett legen und gebot den ihn umstehenden Hausgenossen, ihn wie einen Toten zu beklagen. Das ganze Haus jammerte über die Muße, die dem greisen Herrn auferlegt worden war, und man beendete die Trauer nicht eher, als bis er sein anstrengendes Amt wieder zurückerhalten hatte.

Ist es denn so angenehm, wenn man bis in den Tod hinein tätig sein darf? So jedoch denken die meisten; ihr Verlangen nach Mühen reicht weiter als ihre Kraft. Der Schwäche des Körpers wollen sie nicht nachgeben; am Greisenalter sehen sie nur das eine Unangenehme, daß es sie von ihren Geschäften zurückhält. Das Gesetz befreit einen vom fünfzigsten Lebensjahr an vom Kriegsdienst und vom sechzigsten an von der Mitgliedschaft im Senat; weniger bereitwillig jedoch gewähren sie selbst sich die Ruhe als das Gesetz. Während sie aber mittlerweile weder sich noch andere zur Ruhe kommen lassen, während einer des anderen Ruhe erschüttert, während sie sich gegenseitig im Elend ablösen, entbehrt ihr Leben jeglichen Gewinns und jeglicher Lust, und von einem geistigen Wachstum kann keine Rede sein; niemand hat den Tod vor Augen, einjeder lenkt sein Hoffen in die weite Ferne. Es gibt sogar Leute, die über ihr Leben hinaus Anordnungen treffen und ganze Steingebirge von Denkmälern, die Stiftung öffentlicher Bauwerke und Fechterspiele an ihrem Scheiterhaufen und dazu noch ein Leichenbegängnis von üppiger Prachtentfaltung verlangen. Doch, beim Herkules, gerade sie, die am wenigsten gelebt haben, sollten beim Schein von Fackeln und Wachskerzen bestattet werden!


LV Gizewski SS 2006

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de