Aus dem 'Satyricon' des Petronius Arbiter (27 - 37: Vom Gastmahl des Trimalchio.

Deutsche Übersetzung nach: Petron, Satyricon. Ein römischer Schelmenroman. Übersetzt und erläutert von Harry C, Schnur, Stuttgart 1984, S. 36 - 44.


(27) ... Wir bemerkten wir auf einmal einen kahlköpfigen älteren Herrn, der eine rote Tunika trug und, umgeben von [Sklaven-] Knaben mit langen Locken, Ball spielte. ... Ihr Herr hatte Pantoffeln an und spielte mit grünen Bällen . Hatte ein Ball den Boden berührt, so hob er ihn nicht wieder auf, sondern ein Diener, der einen Beutel voller Bälle trug, reichte den Spielern neue. Wir bemerkten noch etwas anderes, das uns originell vorkam: zwei Eunuchen standen an den Enden des Spielfeldes einander gegenüber: der eine hielt einen Nachttop aus Silber, während der andere die Bälle zählte - nicht diejenigen, die im Spiel von Hand zu Hand flogen, sondern die, welche zu Boden fielen. Während wir noch diese feine Eleganz bewunderten, kam Menelaus eilends herbei und sagte: »Das ist der Mann, bei dem ihr diniert: ihr seht gewissermaßen schon den Auftakt zum Mahl.«

Während Menelaus noch sprach, schnalzte Trimalchio mit den Fingern: auf dieses Signal hielt ihm der Eunuch die Nachtvase vor, ohne daß Trimalchio dabei mit dem Ballspiel aufhörte. Als er so seine Blase erleichtert hatte, verlangte er Wasser zum Händewaschen, tauchte die Fingerspitzen ein und trocknete sie dann an den Haaren der Knaben ab.

(28) Alle Einzelheiten zu berichten wäre langweilig. Wir gingen daher ins Innere des Bades, ließen uns durch die Hitze in Schweiß bringen und gingen dann eilig unter die kalte Dusche. Trimalchio hatte sich bereits mit Salböl übergießen lassen und wurde abgetrocknet - nicht mit Leinentüchern, sondern mit Überwürfen aus ganz weicher Wolle. Inzwischen tranken drei Heilmasseure vor seinen Augen Falernerwein: als sie sich rauften und dabei den meisten Wein verschütteten, sagte Trimalchio: »Die trinken auf mein Wohl.« Dann ließ er sich in einen scharlachroten Schlafrock aus Flausch wickeln und in eine Sänfte setzen. ... Während man Trimalchio wegtrug, lief ein Musikant neben dem Kopfende der Sänfte und spielte ihm während des ganzen Weges auf der Miniaturflöte auf, als pfiffe er ihm ein Geheimnis ins Ohr.

Wir folgten ihm, schon ganz voller Bewunderung, und erreichten die Haustür zusammen mit Agamemnon. Dort hing ein Plakat mit folgender Aufschrift: »Jeder Sklave, der ohne Befehl des Chefs das Haus verläßt, kriegt hundert Hiebe.« Direkt am Eingang stand ein Portier, in einem grünen Gewands mit einem kirschroten Gürtel, und enthülste Erbsen über einer Silberschüssel. über der Tür aber hing ein goldener Käfig mit einem Buntspecht, der uns beim Eintreten begrüßten.

(29) Während ich dies alles mit offenem Mund bestaunte, wäre ich um ein Haar rücklings hingefallen und hätte mir die Beine gebrochen; denn links vom Eingang, unweit der Portiersloge, war ein riesiger Kettenhund - an die Wand gemalt, und in großen Buchstaben stand darüber: VORSICHT - HUND. Meine Begleiter lachten nur; als ich mich aber von dem Schreck erholt hatte, sah ich mir die ganze Wand gründlich an. Da war ein Sklavenmarkt abgemalt mitsamt den Reklameplakaten: Trimalchio selbst, mit dem Heroldstab Merkurs in der Hand und mit lockigem Haar, betrat unter Minervas Führung die Stadt. Der Maler hatte dann mit großer Sorgfalt und mit entsprechender Beschriftung dargestellt, wie er erst Rechnen lernte und dann zum Buchhalter avancierte. Ganz am Ende der Säulenhalle sah man, wie Merkur ihm unters Kinn griff und ihn auf das Podium hob. Da stand auch Fortuna dabei, mit einem riesigen Füllhorn, sowie die drei Parzen: die sponnen goldene Fäden. In der Säulenhalle bemerkte ich auch eine Gruppe von Läufern, die mit ihrem Trainer übten. Außerdem sah ich in der Ecke einen großen Schrein: in seiner Nische standen silberne Laren, eine marmorne Venusstatue und eine ziemlich große Golddose, in der man, wie es hieß, die ersten Barthaare des Chefs aufbewahrte. Ich fragte nun den Haushofmeister, was für Bilder im Salon wären. »Die Ilias und die Odyssee«, sagte er, »und ein von Laenas veranstaltetes Gladiatorenspiel.«

(30) Uns blieb keine Zeit, alle Fresken zu betrachten, denn wir hatten schon den Speisesaal erreicht, wo in einem Vorraum ein Zahlmeister Abrechnungen entgegennahm. Was mich besonders erstaunte, waren Rutenbündel mit Beilen, die an den Türpfosten befestigt waren; ihr Unterteil lief in eine Art Schiffsschnabel aus Bronze aus, und darauf stand geschrieben: »Dem C. Pornpeius Trimalchio, dem Sevir Augustalis, von seinem Zahlmeister Cinnamus gewidmet.« Von der Decke hing eine Doppelampel mit derselben Widmung, und an jedem der zwei Türflügel war ein Schild. Das eine, wenn ich mich recht erinnere, trug diese Inschrift: »Am 30. und 31. Dezember diniert unser Herr Gajus außerhalb«; auf der anderen Tafel waren die Mondphasen und die sieben Planeten abgemalt und günstige und ungünstige Tage mit Knöpfen von verschiedener Farbe markiert. Als wir uns an diesen entzückenden Dingen satt gesehen hatten und im Begriff waren, den Speisesaal zu betreten, rief uns ein junger Diener zu - dies war sein Amt -: »Mit dem rechten Fuß!« Wir waren richtig für einen Augenblick betreten, vor Furcht, es könne einer von uns die Schwelle der Vorschrift zuwider überschreiten. Kaum hatten wir aber mit dem rechten Fuß Tritt gefaßt, als ein Sklave, den man schon [zum Verprügeln] ausgezogen hatte, sich uns zu Füßen warf und uns anflehte, wir möchten ihn der Bestrafung entreißen. Das Vergehen, dessen er sich straffällig gemacht habe, sei ja nicht so arg gewesen. Man habe ihm nämlich im Bade die Kleider des Zahlmeisters entwendet, und die seien kaum zehn Sesterzen wert gewesen. Wir traten also wieder mit dem rechten Fuß zurück und baten den Zahlmeister, der im Salon Goldmünzen zählte, er möge doch dem Sklaven die Strafe erlassen. Mit arroganter Miene blickte er von seiner Arbeit auf und sagte: »Es kommt mir weniger auf den Verlust an als auf die Unzuverlässigkeit dieses nichtsnutzigen Sklaven. Er hat mein Bankettgewand verloren, das mir ein Klient zum Geburtstag geschenkt hat. Es war zwar mit tyrischem Purpur gefärbt, aber immerhin schon einmal gewaschen. Na schön: ich schenk ihn euch.«

(31) Wir waren ihm für diese großzügige Gunstbezeugung sehr verbunden und betraten den Speisesaal: da stürzte sich der Sklave, den wir losgebeten hatten, auf uns, bedeckte uns zu unserer Überraschung mit einem Schauer von Küssen und dankte uns für unsere Menschenfreundlichkeit. »Ihr werdet bald merken«, sagte er, »an wem ihr eine gute Tat getan habt; >der Wein des Herren ist des Schenken Dank<.« .... Schließlich legten wir uns zu Tisch; Sklaven aus Alexandrien2 gossen uns Schneewasser über die Hände, während andere, die ihnen folgten, uns außerordentlich geschickt die Niednägel an den Zehen beschnitten. Selbst bei diesem unappetitlichen Geschäft blieben sie nicht still, sondern begleiteten es mit Gesinge. Ich wollte feststellen, ob die ganze Dienerschaft aus Sängern bestände, und verlangte zu trinken. Der Bursche, der mich prompt bediente, nahm den Auftrag mit ebenso schrillem Singsang entgegen, und jeder andere, bei dem man etwas bestellte, tat dasselbe. Man kam sich vor wie in der Operette statt in einem herrschaftlichen Speisesaal. Man servierte uns sehr gepflegte Vorspeisen, denn alle waren schon bei Tisch außer Trimalchio selbst, für den man originellerweise den Ehrenplatz freihielt. Auf dem Tablett mit Vorspeisen stand ein Esel aus korinthischer Bronze mit zwei Sattelkörben, wovon einer grüne, der andere schwarze Oliven enthielt. Den Esel überdachten zwei Silberplatten, auf deren Rand der Name Trimalchio sowie ihr Gewicht eingraviert war, und auf angelöteten Stegen lagen mit Honig und Mohn bedeckte Haselmäuse. Heiße Würstchen lagen auf einem silbernen Rost, und unter ihm syrische Pflaumen mit Granatapfelkernen.

(32) Während wir mit diesen Delikatessen beschäftigt waren, trug man Trimalchio unter Musikbegleitung herein und setzte ihn inmitten ganz kleiner Kopfkissen nieder. Nur mit Mühe unterdrückten wir das Lachen; denn aus einem scharlachroten Mantel guckte sein kahlrasierter Kopf heraus, und um den Hals, den sein Gewand eng einschloß, hatte er sich eine Serviette mit breiten Purpurstreifen gebunden, von der beiderseits Fransen herunterhingen. Dazu trug er am linken kleinen Finger einen großen, leicht vergoldeten Ring und am vorderen Glied des Ringfingers einen kleineren Ring, der mir wie echtes Gold vorkam, aber ganz mit angelöteten Sternchen aus Eisen verziert war; und um uns auch andere Pretiosen zu zeigen, machte er seinen rechten Arm frei: der war verziert mit einem goldenen Armband und einem Reif aus Elfenbein, dessen Verschluß ein blankes Metallplättchen bildete.

(33) Er stocherte sich die Zähne mit einem silbernen Zahnstocher und sagte dabei: »Liebe Freundel, eigentlich paßte es mir noch gar nicht, zum Essen zu kommen; aber ich habe mir jedes Vergnügen versagt, um euch nicht durch längere Abwesenheit aufzuhalten. Ihr werdet mir aber gestatten, meine Partie zu Ende zu spielen.« Ein Diener trug ihm ein Spielbrett aus Terpentinholz mit Würfeln aus Kristall hinterher; und da sah ich nun etwas ganz besonders Geschmackvolles:statt weißer und schwarzer Steine hatte er nämlich Gold- und Silbermünzen. Während er weiterspielte und dabei allerlei Handwerkerausdrücke gebrauchte, waren wir noch bei den Vorspeisen. Da brachte man uns ein Tablett mit einem Korb: darin saß eine Henne aus Holz mit den Flügeln um sich herum gefaltet, wie es Vögel beim Brüten tun. Alsbald kamen zwei Diener, durchsuchten zu kreischender Musik das Stroh, holten Pfaueneier heraus und verteilten sie unter die Gäste. Bei diesem Schauspiel blickte Trimalchio vom Spiel auf und sagte: »Freunde, ich ließ Pfaueneier unter die Henne legen, und, bei Gott, ich glaube, sie sind schon angebrütet. Versuchen wir aber doch mal, ob man sie noch ausschlürfen kann.« Man gab uns Löffel, die mindestens ein halbes Pfund wogen, und wir machten die in Mehl und Fett gebackenen Eier auf. Meines warf ich beinahe fort, denn es schien mir, als ob sich darin schon ein Küken gebildet hätte; als ich aber einen, der schon öfter hier zu Gast gewesen war, sagen hörte, »Hier gibt's sicher was Leckeres«, langte ich mit der Hand in die Eierschale und zog eine sehr fette, in gepfeffertes Eigelb gehüllte Feigendrossel hervor.

(34) Trimalchio hatte nun seine Partie beendet, ließ sich von allem nachservieren und hatte uns mit lauter Stimme Erlaubnis erteilt, uns, wenn wir wollten, zum zweitenmal Honigwein einschenken zu lassen, als die Musik plötzlich einen Tusch blies und der erste Gang von einer Sängergruppe blitzschnell abserviert wurde. In diesem Wirbel fiel einem Sklaven ein Schüsselchen aus der Hand: als er es vom Boden aufheben wollte, bemerkte Trimaichio dies, ließ den Diener ohrfeigen und befahl, die Schüssel wieder hinzuwerfen. Sogleich erschien auch der Hausratsverwalter und fegte mit einem Besen die Silberschale zusammen mit dem anderen Abfail hinaus. Es erschienen auch alsbald zwei Negersklaven mit kleinen Schläuchen, ähnlich denen, womit man im Amphitheater den Sand sprengt, und spritzten uns Wein über die Hände, denn Wasser bot uns niemand an. Als wir unserem Gastherrn über seinen guten Geschmack Komplimente machten, sagte er: »Mars hat gern gleiche Chancen für alle: daher habe ich jedem sein Einzeltischchen vorsetzen lassen, und außerdem werden es uns die stinkenden Sklaven mit ihrem Hin- und Herlaufen nicht so heiß machen.« Gleich brachte man auch gläserne Henkelflaschen, sorgfältig mit Gips versiegelt; um den Hals trugen sie Etiketten mit der Aufschrift »Falerner, abgefüllt unter Opimius, hundert Jahre alt.« Während wir die Etiketten lasen, klatschte Trimalchio in die Hände und sagte: »O weh, so hat denn der Wein ein längeres Leben als ein Menschlein. Drum wollen wir uns einen antütteln: Wein ist Leben. Ich serviere euch echten Opimier-Wein: gestern ließ ich nicht so guten Wein auftragen, wo ich doch viel anständigere Leute zu Gaste hatte.« Wir tranken also aus und musterten diesen Luxus voller Bewunderung, als ein Sklave ein silbernes Skelett hereintrug; es war so konstruiert, daß Gelenke und Wirbelsäule in jeder Richtung beweglich waren. Nachdem er das Skelett mehrmals auf den Tisch hatte fallen lassen, wobei es dank seiner Gelenkigkeit verschiedene Stellungen einnahm, bemerkte Trimalchio: »Ach, wir Armen: wie doch das ganze Menschlein ein Nix is: So schaun alle wir aus, sobald uns der Teufel geholt hat: Wohl sein wollen wir's uns lassen, solange es geht.«

(35) Auf diese Grabrede folgte ein Gericht, dessen Größe zwar unserer Erwartung nicht entsprach, das aber wegen seiner Originalität alle Blicke auf sich zog. Auf einer runden Schüssel waren nämlich die zwölf Zeichen des Zodiakus kreisförmig angeordnet, und auf jedes davon hatte der Konstrukteur eine ihm entsprechende Speise gelegt. Auf dem Widder lagen also Schöpsenerbsen, auf dem Stier ein Stück Rindfleisch; auf den Zwillingen Hoden und Nieren, auf dem Krebs ein Kranz, auf dem Löwen eine afrikanische Feige, auf der Jungfrau die Gebärmutter einer Jungsau, auf der Waage zwei Waagschalen, ein Käsegebäck in der einen, ein Honigkuchen in der anderen, auf dem Skorpion der gleichnamige Seefisch, auf dem Schützen ein Rabe, auf dem Steinbock ein Hummer, auf dem Wassermann eine Gans, auf den Fischen zwei Barben. In der Mitte lag eine Sode mit Gras darauf, das eine Honigwabe aufrecht hielt. Ein ägyptischer Sklave reichte in einer Wärmpfanne Brot herum .... und quetschte sich mit widerlicher Stimme ein Chanson aus der Operette »Teufelsdreck« ab. Als wir uns recht deprimiert an solchen Fraß heranmachten, sagte Trimalchio: »Laßt uns speisen: das schreibt der Komment beim Diner vor.«

(36) Als er das sagte, kamen unter Musikbegleitung vier Diener im Walzertakt hereingehüpft und räumten den oberen Tafelaufsatz ab. Daraufhin sahen wir unter ihm Platten mit Masthühnern, Saueutern und in der Mitte einem Hasen, dem man Federn angesteckt hatte, damit er wie Pegasus aussähe. An den Ecken dieses Tafelaufsatzes bemerkten wir vier Marsyasfigure mit kleinen Schläuchen, aus denen pikante Fischsauce auf Fische hinabfloß, die geradezu in einem Teich von Sauce schwammen. Wir klatschten alle Beifall - die Dienerschaft begann damit - und machten uns lächelnd über diese Leckerbissen her. Trimalchio war nicht minder ergötzt über den Erfolg seines neuen Ganges und rief: »Schneid!« Gleich kam ein Vorschneider her und zerlegte, zu Musikbegleitung tänzelnd, die Speisen so, daß man hätte glauben mögen, hier kämpfe ein Streitwagenlenker bei Orgelbegleitung. Indes wiederholte Trimalchio mit gedehnter Stimme: »Schneid. schneid!« Ich vermutete, daß in der häufigen Wiederholung des Wortes ein Witz läge, und genierte mich nicht, den Gast, der neben mir lag, danach zu fragen. Der hatte Witze dieser Art schon oft gesehen und sagte: »Sieh den Kerl dort, der vorschneidet: er heißt Schneid. Jedesmal wenn Trimalchio ihm zuruft: 'Schneid«, nennt er ihn mit demselben Wort beim Namen und gibt ihm gleichzeitig einen Befehl.

(37) Ich konnte schon nichts mehr herunterkriegen, sondern wandte mich diesem Nachbarn zu, um so viel wie möglich in Erfahrung zu bringen, selbst wenn mit seinen Geschichten weit ausholen würde. ...


LV Gizewski SS 2006 und WS 2006/2007

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de