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Zur Typologie der Verfasssungen.

26 (41) Gäbe es im Menschen nicht sozusagen eine naturgemäße Anlage zur Gerechtigkeit, dann würde man weder irgendeine Entwicklung der persönlichen Tugenden überhaupt noch des Gemeinwesens finden. Aus diesem Grunde bilden sich ja menschliche Vereinigungen ... und zwar zunächst an bestimmten Wohnorten ... Bieten diese durch ihre günstige Lage Schutz für die erarbeitete Habe, so wird daraus eine Burg oder eine Stadt, und mit solchen Orten verbinden sich wiederum religiöser Kultus und öffentlicher Verkehr. Jedes Volk nun, d. h. jede Menschenansammlung dieser dargelegten Art ist eine Bürgerschaft und stellt eine staatliche Ordnung dar, welche ein Gemeinwesen, d. h., wie ausgeführt, eine Sache des Volkes ist. Es muß durch vernünftiges Planen gelenkt werden, damit es dauernden Bestand hat.. Dieses vernünftige Planen ist vor allem immer von den Bedingungen abhängig, die den Staat hervorgebracht haben.

(42) Dabei gibt es die Möglichkeit, daß ist in einem Gemeinwesen die Herrschaftsgewalt entweder bei einem einzigen liegt oder bei einigen Auserwählten, oder bei der Menge des Volkes, oder daß sie in irgendeiner Weise unter all diesen Trägern verteilt ist. Wenn die Vollmacht, alles zu bestimmen, einer einzigen Person zuerkannt ist, nennen wir diese Person einen König und die politische Verfassung eines solchen Gemeinwesens Monarchie.Wenn die Herrschaftsgewalt irgendwelchen Auserwählten zugebilligt, sagt man, ein solcher Staat werde 'von den 'Besten regiert' [ 'Aristokratie']. Einen Volksstaat [Demokratie] aber haben wir vor uns, wenn alle Herrschaftsgewalt beim [breiten] Volke liegt. Keine dieser drei Arten ist nun zwar vollkommen, aber weil alle jenes Band festigen, das die Menschen von Anfang an durch die Gemeinschaft einer gemeinsamen Sache zusammenhält, sind sie alle doch wenigstens tragbar. Allerdings kann insoweit eine besser sein als die andere. Denn ein weiser und gerechter König oder ene 'Elite vornehmer Bürger' können immerhin, , wie mir scheint, wenn jedenfalls keine Ungerechtigkeiten oder maßlosen Eigeninteressen sich breitmachen, die politische Stabiltät des Gemeinwesens sichern, und sogar das breite Volk selbst kann dies, obwohl die zuletzt angesprochene Verfassungsform am problematischsten scheint.

(43) Doch auch in Königreichen gibt es Nachteile: die Nichtinhaber der Herrschaftsgewalt sind allzusehr ohne Anteil an der gemeinsamen Rechtssetzung und am politischen Planen. Auch unter der Herrschaft der 'Besten' hat die breite Menge der Bürger notwendigerweise kaum Anteil an der politischen Freiheit, weil es für sie keinerlei Zugang zu gemeinsamem Planen und politischer Machtausübung gibt. Eine Volksherrschaft allerdings, selbst wenn sie von einem noch so gerechten und maßvollen Volk ausgeübt würde, wäre doch wegen ihrer radikalen Gleichheit bedenklich insoweit, als sie die gegebenen Stufen der Würde nicht achtet und nutzt.

Wenn deshalb der berühmte Perser Kyros als 'der gerechteste und weiseste König' galt, so scheint ihm doch jene 'Sache des Volkes' - nichts anderes ist ja, wie früher ausgeführt, das Gemeinwesen - keine besondere Bedeutung gehabt zu haben, weil alles nach eines Mannes, nämlich nach seinem Wink und Maß gelenkt wurde.

Wenn ferner, wie wir annehmen, die Massilier, unsere Schützlinge, von auserwählten und hochvornehmen Bürgern mit höchster Gerechtigkeit regiert werden, so erinnert doch die politische Lage des breiten Volkes an eine sklavereiähnliche Dienstbarkeit.

Wenn schließlich die Athener, nachdem sie die politischen Vorrechte des Areopags aufgehoben hatten, alles durch Volksbeschlüsse und Volksentscheide regelten, gelang es ihrem Staat in in dieser Zeit nicht mehr, die unterschiedlichen Stufen politischen Verdienstes zu ehren und für sich zu gewinnen.

(44) All dies Nachteilige stelle ich schon hinsichtlich der drei Arten von Gemeinwesen fest , wenn sie sich in einem ordentlichen, normalen Zusand befinden und nicht politisch aufgewühlt und durcheinandergebracht sind. Dann nämlich haben sie weitere, größere andere Fehler, die ins Verderben führen können; es gibt nämlich keine Art unter jenen Gemeinwesen, die nicht einen jäh abstürzenden und schlüpfrigen Weg hätte zu einem benachbarten Übel hin. ... Die Herrschaft eines einzigen gleitet auf abschüssiger Bahn leicht herab [zu Grausamkeit und Willkür]. ... [Die Herrschaft weniger] kann zu einem Klüngel wie jenem der dreißig Männer werden, wie er eine Zeitlang bei den Athenern herrschte. ... [Daß die Macht des breiten Volkes über alle Dinge] verderbenbingend sein kann, wie etwa bei den Athenern, um nicht nach anderen zu fragen [!], als sich die Volksherrschaft dort in Tollwut und Willkür der Masse verwandelt hatte, [zeigt der Verlauf der Geschichte].

(45) ... Es gibt eben merkwürdige Perioden und gleichsam Umläufe der Veränderungen und Ablösungen in den Gemeinwesen; und wie es Sache des politisch erfahrenen Menschen ist, zu kennen, so ist es Sache eines großen Bürgers und eines fast göttlichen Mannes, sie und sie auch vorauszusehen, wenn sie drohen, und bei bei der Lenkung des Gemeinwesens die Entwicklung zu regulieren und unter eigener Kontrolle zu behalten. Aus diesem Grunde meine ich, ist eine gewissermaßen 'vierte Art' des Gemeinwesens besonders gutzuheißen, nämlich eine solche, die aus Elementen der drei Staatsformen, die ich zuvor erörterte, ausgewogen zusammengesetzt ist.

(41 ... quaedam quasi semina, neque reliquarum virtutum nec ipsius rei publicae reperiatur ulla innstitutio. Hi coetus igitur hac de qua exposui causa instituti, sedem primum certo loco domiciliorum causa constituerunt; quam cum locis manuque saepsissent, eius modi coniunctionem tectorum oppidum vel urbem appellaverunt, delubris distinctam spatiisque communibus. Omnis ergo populus, qui est talis coetus multitudinis qualem exposui, omnis civitas, quae est constitutio populi, omnis res pubhica, quae ut dixi populi res est, consilio quodam regenda est, ut diuturna sit. Id autem consilium primum semper ad eam causam referendum est quae causa genuit civitatem.

(42) Deinde aut uni tribuendum est aut delectis quibusdam aut suscipiendum est multitudini atque omnibus. Quare cum penes unum est omnium summa rerum, regem illum unum vocamus et regnum eius rei pubiicae statum. Cum autem est penes delectos, tum illa civitas optimatium arbitrio regi dicitur. Illa autem est civitas popularis - sic enim appellant -, in qua in populo sunt omnia. Atque horum trium generum quodvis, si teneat iliud vinculum quod primum homines inter se rei publicae societate devinxit, non perfectum illud quidem ne que mea sententia optimum est, tolerabile tamen, et [ut] aliud alio possit esse praestantius; nam vel rex aequus ac sapiens, vel delecti ac principes cives, vel ipse populus - quamquam id est minirne probandum - , tamen nullis interiectis iniquitatibus aut cupiditatibus posse videtur aliquo esse non incerto statu.

(43) Sed et in regnis nimis expertes sunt ceteri communis iuris et consilii, et in optimatium dorninatu vix particeps libertatis potest esse multitudo, cum omni consiiio communi ac potestate careat, et cum omnia per populum geruntur quamvis iustum atque moderatum, tamen ipsa aequabilitas est iniqua, cum habet nullos gradus dignitatis. Itaque si Cyrus ille Perses iustissimus fuit sapientissimusque rex, tamen mihi populi res - ea enim est, ut dixi antea, publica - non maxime expetenda fuisse illa videtur, cum regeretur unius nutu ac modo; si Massilienses nostri clientes per delectos et principes cives summa iustitia reguntur, inest tamen in ea condicione populi siilitudo quaedarn servitutis; si Athensienses quibusdam ternporibus sublato Areopago nihil nisi populi scitis ac decretis agebant, quoniam distinctos dignitatis gradus non habebant, non tenebat ornaturn suum civitas.

(44) Atque hoc loquor de tribus his generibus rerum publicarum non turbatis atque permixtis, sed suum statum tenentibus. Quae genera prirnum sunt in iis singula vitiis quae ante dixi, deinde habent perniciosa alia vitia; nullum est enim genus illarum rerum publicarum, quod non habeat iter ad finitimum quoddam malum praeceps ac lubricum. Nam illi regi, ut eum potissirnum nominem, tolerabili aut si voltis etiam amabili, Cyro subest ad inmutandi animi licentiam crudelissimus ille Phalaris, cuius in similitudinem dominatus unius proclivi cursu et facile delabitur.

Illi autem Massiliensium paucorum et principum administrationi civitatis finitimus est qui fuit quodam tempore apud Athenienses triginta [virorum illorurn] consensus et factio. Tam Atheniensium populi potestatem omnium rerum ipsi, ne alios requiramus, ad furorern multitudinis licentiarnque conversam pesti [historia cognovimus]...

(45) ... mirique sunt orbes et quasi circuitus in rebus publicis commutationurn et vicissitudinum; quos cum cognosse sapientis est, tum vero prospicere inpendentis, in gubernanda re publica moderantem cursum atque in sua potestate retinentem, rnagni cuiusdam civis et divini paene est viri. Itaque quantum quoddam genus rei publicae maxime probandurn esse sentio, quod est ex his quae prima dixi moderatum et permixtum tribus.


LV Gizewski SS 2006

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de