Zu geschichtsphilosophisch- und religiös-weltanschaulichen Momenten in der Lehre von Karl Marx.

Kommentar auszugsweise entnommen aus: Hans-Joachim Störig, Kleine Weltgeschichte der Philosophie. Erweiterte Neuausgabe, Frankfurt M. 1992 (1998) , S. 500 - 503.


[Nach einer zentralen Vorstellung von Karl Marx muß ] die Idee ... in die Wirklichkeit übergeführt werden. Das nennt Marx die "Aufhebung der Philosophie durch ihre Verwirklichung". Das heißt: Für Hegel kehrte die Idee aus ihrer Entäußerung in sich selbst zurück. Es blieb aber eine nun gleichsam von der Idee verlassene Wirklichkeit zurück. Die Aufhebung der Selbstentfremdung muß aber [nach Karl Marx] nicht in der 'Idee', sondern in der Wirklichkeit erfolgen. Erfolgt sie, so [wird] Philosophie als von der Wirklichkeit getrennte Lehre aufhören, überflüssig werden. So [wird] die Philosophie durch ihre Verwirklichung aufgehoben und in ihrer Aufhebung verwirklicht. [Dabei] wollen wir uns vergegenwärtigen, daß in diesem philosophischen Ausgangspunkt offenbar noch etwas mehr 'Hegel' steckt als nur die Übernahme der formalen dialektischen Methode, nämlich:

1. Marx sieht wie Hegel in der gesamten Weltgeschichte einen von einheitlichem Gesetz beherrschten und auf ein Endziel hinstrebenden Prozeß.

2. In diesem Prozeß ist für Marx wie für Hegel das jeweils tatsächlich Gewordene auch 'vernünftig' in dem Sinne, daß es das notwendige - freilich alsbald zu überwindende - Durchgangsstadium des Gesamtprozesses darstellt.

3. Hinter der realistischen und materialistischen Erkenntnis der Wirklichkeit steht bei Marx ... ein idealer Glaube an die 'wirkliche und vollständige Vereinigung von Idee und Wirklichkeit, von Vernunft und Wirklichkeit'.

Was bedeutet es nun, den dialektischen Materialismus auf das gesellschaftliche Leben anzuwenden? Lenin sagt: "Erklärt der Materialismus überhaupt das Bewußtsein aus dem Sein und nicht umgekehrte, so fordert der Materialismus in seiner Anwendung auf das gesellschaftliche Leben der Menschheit die Erklärung des gesellschaftlichen Bewußtseins aus dem gesellschaftlichen Sein." Das heißt: Für den Materialismus ist die Materie das allein Wirkliche. Das denkende Bewußtsein ist nur ein Spiegel dieser Wirklichkeit. In gleicher Weise muß im gesellschaftlichen Leben das gesellschaftliche Sein das einzig Wirkliche sein. Das gesellschaftliche Bewußtsein - Ideen, Theorien, Anschauungen usw. - ist nur ein Spiegelbild dieser Wirklichkeit. Um also die treibenden Kräfte im gesellschaftlichen Leben zu erkennen, darf man nicht auf Ideen und Theorien sehen. Diese sind nur Spiegelbild, [sog.] 'ideologischer Überbau' der Wirklichkeit. Man muß die materielle Basis des gesellschaftlichen Lebens aufsuchen. Wie die Lebensweise der Menschen, so ist ihre Denkweise.

Welches ist aber nun die eigentliche Basis des gesellschaftlichen Lebens, gewissermen die 'Materie' in ihm? Natürlich gehören zu den mateiellen Grundlagen des gesellschaftlichen Lebens die äußeren geographischen Bedingungen sowie Wachstum und Dichte der Bevölkerung. Beide sind aber nicht das bestimmende Element. Sie reichen nicht aus, zu erklären, warum in einem bestimmten Lande zu bestimmter Zeit gerade [eine] bestimmte Gesellschaftsform herrscht.

Das bestimmende Element ist die Produktionsweise der materiellen Güter. In der Güterproduktion wirken zwei Faktoren zusammen: einerseits die materiellen Produktivkräfte. Darunter versteht Marx die Rohstoffe, Produktionsinstrumente (Werkzeuge, Maschinen), Arbeitsfertigkeit und Arbeitserfahrung der arbeitenden Bevölkerung. Die Lehre von den Produktionskräften handelt also von den Naturkräften und den zu ihrer Verarbeitung benutzten materiellen Instrumenten, kurz vom Verhältnis des Menschen zu den natürlichen Grundlagen seiner Produktion.

Die Menschen wirken aber auf die Natur nicht als isolierte einzelne ein. Sie wirken vielmehr stets zusammen. Sie treten damit untereinander in bestimmte Verhältnisse und Beziehungen. Diese Seite des Produktionsprozesses, die Verhältnisse der Menschen untereinander in der Produktion also, nennt Marx zusammenfassend die Produktionsverhältnisse - was sich weitgehend deckt mit den jeweiligen Eigentumsverhältnissen.

Die Produktionsweise als Ganzes steht keinen Augenblick still. Die Veränderungen gehen dabei immer von den Produktivkräften aus, durch Erschließung neuer natürlicher Quellen oder, insbesondere, durch neue Erfindungen bei den Instrumenten der Produktion. Veränderungen der Produktivkräfte erfordern immer auch Veränderungen in der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit: in den Produktionsverhältnissen. Früher oder später müssen die Produktionsverhältnisse dem Stande der Produktivkräfte angepaßt werden. Geschieht das nicht, so wird der Produktionsprozeß gestört. Es kommt zu Krisen. Im Endergebnis aber muß diese Anpassung immer erfolgen.

So verlangte die fortschreitende Entfaltung der Produktivkräfte in der Geschichte den Übergang zuerst von der Urgemeinschaft zur antiken Sklaverei, von da zum Feudalismus, von da zur kapitalistischen Gesellschaft. Alle diese Stufen waren notwendige Stadien der Entwicklung. Jede bedeutete einen Fortschritt gegenüber der vorhergehenden. Eines aber ist allen diesen Systemen gemeinsam. In allen waren die Produktionsverhältnisse so, daß die Produktivkräfte, Grund und Boden, Maschinen usw., im Besitz einzelner oder einzelner Gruppen der Geselischaft waren. In der Sklaverei war der Sklavenhalter Herr über Tod und Leben seiner Sklaven. Er beutete ihre Arbeitskraft nach Belieben aus. Im Feudalismus hatte der Grundherr das Alleineigentum am Boden und in der Form der Leibeigenschaft ein gegen die Sklaverei beschränktes Eigentumsrecht an den Arbeitenden. Die Fortschritte der Produktivkräfte in Landwirtschaft und Handwerk erforderten diese Form der Produktionsverhältnisse, da die komplizierteren Produktionsprozesse einen gewissen Intelligenzgrad und ein gewisses Interesse des Arbeitenden an der Produktion nötig machten. Die Ausbeutung war darum nicht geringer. In der kapitalistischen Ordnung hat der Produzent das Alleineigentum an den materiellen Produktionsmitteln. Der Lohnarbeiter ist hier »frei«. Er ist frei im doppelten Sinne: persönlich unabhängig, aber auch »frei« von jeglichem Produktionsmittel und damit gezwungen, seine Arbeitskraft, um leben zu können, wie eine Ware zu verkaufen. Die Entwicklung der Industrie erforderte einen Stamm von intelligenten, freien Lohnarbeitern. Die Ausbeutung besteht auch hier.

Alle bisherige Geschichte ist somit eine Geschichte von Klassenkämpfen - wie der erste Satz des Kommunistischen Manifestes lautet. Alles, was nun in der Gesellschaft noch außerhalb dieser Basis der Produktionsweise vorhanden ist, also politische oder juristische Verhältnisse und Ordnungen, Anschauungen, Theorien, Kunst, Philosophie, auch die Religion, all dies ist nur ein ideologischer Überbau, der sich langsamer oder rascher mit den Veränderungen der wirtschaftlichen Grundlage umwälzt. Anschauungen sind stets ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Lage. Demnach hat jede Klasse ihre eigene Ideologie.

Der Kampf der Theorien ist nur das Abbild des sozialen Klassenkampfes. Die reaktionären Ideologien der herrschenden Klassen ringen mit den fortschrittlichen Ideologien der aufstrebenden Klassen. Indem sich Marx der ihn umgebenden Gesellschaftsordnung seiner eigenen Zeit zuwendet, muß er folgerichtig, um ihre Entwicklungsgesetze und den voraussichtlichen weiteren Verlauf zu erkennen, ihre ökonomische Grundlage, die kapitalistische Produktionsweise studieren. Das tut er im 'Kapital'. Wir können auf die nationalökonomischen Einzelheiten dieses umfangreichen und nicht leicht zu lesenden Werkes hier nicht eingehen. Wir müssen nur zu zeigen versuchen, wie Marx das geschichtlich Erkannte konsequent auf die kapitalistische Gesellschaftsordnung anwendet.

Das Bild des Klassenkampfes ist (für Marx) hier insofern vereinfacht, als sich im wesentlichen nur noch zwei Klassen gegenüberstehen: die Kapitalisten, die im Besitz der Produktionsmittel sind, und das Proletariat, das nur seine Arbeitskraft besitzt und vom Kapitalisten ausgebeutet wird. Die Ausbeutung geschieht hier mittels des sogenannten Mehrwertes. Der Arbeiter schafft nämlich mit seiner Arbeit mehr an Werten, als er als Lohn ausgehändigt erhält. Als Arbeitsentgelt erhält er gerade so viel, wie nötig ist, um dem Kapitalisten seine Arbeitskraft zu erhalten. Da er auf den Verkauf seiner Arbeitskraft angewiesen ist, muß er diese Bedingung hinnehmen. Der von ihm produzierte Mehrwert fließt dem Kapitalisten als Profit zu.

In der kapitalistischen Produktionsweise sind aber schon die Voraussetzungen angelegt, die zwangsläufig über sie hinaus zu einer neuen, der sozialistischen Gesellschaftsordnung führen müssen. Anzeichen der vorhandenen Widersprüche zwischen Produktivkräften und Eigentumsverhältnissen sind die regelmäßig wiederkehrenden Krisen der kapitalistischen Wirtschaft. Es besteht hier ein Widerspruch zwischen den gewaltig angewachsenen Produktivkräften und den Produktionsverhältnissen. Indem der Kapitalismus die Arbeitermassen in gewaltigen Großunternehmen zusammenballt, verleiht er dem Produktionsprozeß einen gesellschaftlichen Charakter. Damit untergräbt er selbst seine - auf Privateigentum an dem Produktionsmittel beruhende - Grundlage. Der gesellschaftliche Charakter des Produktionsprozesses erfordert gesellschaftliches Eigentum an den Produktionsmitteln.

Die Übereinstimmung zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen muß also hergestellt werden durch die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, durch die 'Expropriation der Expropriateure', die Enteignung der Enteigner, welche vorher die Produktionsmittel an sich gebracht hatten, zugunsten der Gesellschaft.

Indem aber das Proletariat, dessen weltgeschichtliche Aufgabe die Durchführung dieser Revolution ist, die Produktionsmittel in gesellschaftliches Eigentum überführt, wird nicht mehr ein neuer Klassenkampf an die Stelle des alten treten. Die sozialistische Gesellschaft wird vielmehr, da die Produktionsmittel allen gemeinschaftlich gehören, von Klassenkampf und Ausbeutung überhaupt frei sein. Die Gesellschaft der Zukunft wird eine klassenlose Gesellschaft sein.

Diesen Zustand herbeizuführen, ist die Aufgabe der proletarischen Revolution. Es ist folgerichtig, daß Marx seine praktische Aufgabe in der Organisierung und Förderung der Revolution, in der Zusammenfassung und Schulung des Proletariats für diese Aufgabe erblickte.


LV Gizewski SS 2006 und WS 2006/2007

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de