Gert von Eynern, Stichwort 'Marktmacht'.

Lexikonbeitrag entnommen aus: Wilhelm Bernsdorf (Hg.) unter Mitarbeit zahlreicher weiterer Autoren, Wörterbuch der Soziologie, 3 Bde., Frankfurt M, 1973, Bd. 2, S. 521 - 523.


Beruht die Chance, seinen Willen gegen den widerstrebenden Willen eines anderen durchzusetzen ('Macht'), auf der Verfügung über ökonomische Mittel, so spricht man von 'wirtschaftlicher Macht'. Politische und wirtschaftliche Macht sind in der Regel eng ineinander verschlungen. Häufig entsteht politische Macht aus wirtschaftlicher Überlegenheit, und fast immer hat politische Macht wirtschaftliche Vorteile zur Folge; denn gerne bedient sich der Machthaber ökonomischer Mittel, um seine Ziele zu erreichen. Als Beispiele hierfür seien genannt; der Druck, den viele Einflußgruppen (pressure groups) in der modernen Demokratie auf die Organe der staatlichen Willensbildung ausüben; die Bedeutung des Bodenbesitzes für den politischen Einfluß; die wirtschaftlichen Ursachen und Wirkungen imperialistischer Kriege; die Kreditgewährungen und -kündigungen, mit denen Regierungen ihre Machtpolitik unterstützen, zuweilen unter dem Motto »Entwicklungshilfe«; Blockaden und andere Formen »kalter« Kriege.

Diese Beispiele betreffen die wirtschaftliche Herrschaft, d. h. ein Machtverhältnis, bei dem es zwei grundsätzlich verschiedene Gruppen gibt: die Herrschenden und die Gehorchenden. Bei einer anderen Form der wirtschaftlichen Macht hingegen, der Marktmacht, stehen sich auf einem Markte zwei Parteien gegenüber, die formal gleich frei sind, von denen keine die andere zu einem Vertragsabschluß zwingen kann und wo dennoch die eine wirtschaftlich überlegen ist.

Die markantesten Kennzeichen des kapitalistischen Zeitalters - die gedrückte Lage des Proletariats und die wirtschaftliche Konzentration - sind Erscheinungen der Marktmacht bzw. -ohnmacht. Das ist um so auffälliger, als dieses Zeitalter mit einer Philosophie und Nationalökonomie begonnen hat, die sich die Abschaffung der wirtschaftlichen Macht zum Ziel gesetzt hatten: Durch die Wettbewerbswirtschaft wollten die 'Klassiker' erreichen, daß alle Marktteilnehmer gleich stark, also gleich schwach, gleich 'ohn-mächtig' wären ('Konkurrenz').

Dieses Ziel, wirtschaftliche Macht zu beseitigen, ist faktisch nicht erreicht worden. Denn erstens setzten sich aus triftigen Gründen immer wieder Monopolisierungstendenzen durch. Zweitens gibt es wichtige Fälle, wo bei volkommen freiem Wettbewerb eine Marktpartei der anderen überlegen ist: man kann dann von 'Wucher' sprechen. Solche Uberlegenheit (Macht) hat diejenige Marktpartei, deren Angebot (oder deren Nachfrage) wesentlich elastischer ist als die starrere Nachfrage (oder das starrere Angebot) ihres Partners. Elastizität ist das Maß, in dem ein Angebot mengenmäßig wachst (bzw. eine Nachfrage mengenmäßig zurückgeht), wenn der Preis steigt; ihr mathematischer Ausdruck ist die prozentuale Mengenveränderung dividiert durch die prozentuale Preisveränderung. Typische Fälle einer bedeutenden Elastizitatsdifferenz bilden die Märkte für Lebensmittel in Hungerjahren (Übermacht der Bauern infolge starrer Nachfrage der Städter) und die Grundsituation auf den Arbeitsmärkten (Übermacht der sogenannten 'Arbeitgeber' infolge der starren Nachfrage der Anbieter von Arbeitsleistungen).

Als ständige Massenerscheinung ist im Industriezeitalter vor allem die Machtstruktur auf den Arbeitsmärkten von sozialer Bedeutung. Das Arbeits-Angebot ist häufig nicht nur starr, sondern sogar 'negativ': Wäre der Lohn niedriger, so wäre das Angebot höher, weil dann einige bisher nichtverdienende Familienmitglieder dazu beitragen müßten, das Einkommen des Haushalts auf dem bisherigen Stand zu halten. Bei einer solchen Marktstruktur muß der Lohn stark sinken, wenn die Nachfrage der 'Arbeitgeber' auch nur ein wenig zurückgeht. Besonders in Zeiten großer Arbeitslosigkeit tritt dem Arbeiter diese Abhängigkeit vom 'Arbeitgeber' deutlich ins Bewußtsein.

Gelegentlich ist diese Macht der 'Arbeitgeber' mit einem lokalen Monopol verbunden, wenn es in einem Orte nur ein industrielles Unternehmen gibt. Aber mit der Verbesserung der Verkehrsverbindungen und der dichteren Industrialisierung sind solche Gebietsmonopole seltener geworden. Dagegen bleibt grundsätzlich die Übermacht der Unternehmer auf dem Arbeitsmarkt dank der größeren Elastizität ihrer Nachfrage bestehen. Gelegentlich hat man diese Art der Überlegenheit als 'Klassenmonopol' bezeichnet (Franz Oppenheimer): mit einem Monopol im ökonomischen Sinne hat sie jedoch nichts zu tun, im Gegenteil, sie ist gerade für einen Arbeitsmarkt mit echter Konkurrenz charakteristisch.

Zur Eindämmung der Marktmacht der 'Arbeitgeber' haben die meisten Staaten eine ganze Reihe arbeitsrechtlicher Bestimmungen geschaffen: Kündigungsschutz, Arbeitsgerichtsbarkeit, Arbeitsvermittlung, Schlichtungsinstanzen, Mitbestimmungsrechte in sozialen, personellen und evtl. wirtschaftlichen Angelegenheiten: die gleichen Folgen können Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen in Zeiten der Depression haben. Am wirksamsten wurde die Uberlegenheit der 'Arbeitgeber' jedoch durch die Organisation einer Gegenmacht eingeschränkt, nämlich durch den monopolartigen Zusammenschluß der 'Arbeitnehmer', durch die Bildung von Gewerkschaften.

Gewerkschaften sind gewissermaßen Arbeitnehmerkartelle. Sie können zwar nicht die für lndustriekartelle charakteristische Monopoltaktik einschlagen, das Angebot auf die Dauer um einige Prozente zu verringern und dadurch einen höheren Preis zu erzielen, so daß ihre Gesamteinnahmen steigen. Aber sie haben die Macht, durch Streiks das gesamte Angebot vorübergehend vom Markte fernzuhalten. Ihre Taktik ist also offener Kampf oder Kampfdrohung; es ist ein politischer Kampf. Dasselbe gilt von der Gegenseite, den monopolartigen Zusammenschlüssen der Unternehmer zu 'Arbeitgeberverbänden' und ihrem Kampfmittel, der Aussperrung. Das öffentliche Arbeitsrecht soll diesen politischen Kampf in rechtlich geordnete Bahnen lenken.

Wie alle Machthaber neigen auch die Gewerkschaften dazu, ihre wirtschaftliche Macht aufs politische Feld auszudehnen. Mit dem Mittel des Generalstreiks können sie u. U. große politische Entscheidungen erzwingen; berühmt ist der Generalstreik der deutschen Gewerkschaftsverbände, durch den 1920 der Kapp-Putsch niedergekämpft wurde. In allen kapitalistischen Ländern gehören die Gewerkschaften heute zu den mächtigsten Einflußverbänden (pressure groups).

Das Beispiel der Gewerkschaften ist ein Beweis für die allgemeine Feststellung, daß die Problematik der wirtschaftlichen Macht wesentlich tiefer reicht, als die 'Neo-Liberalen' wahrhaben wollen. Durch eine Förderung der relativ machtarmen Konkurrenzwirtschaft läßt sich wirtschaftliche Macht nur in beschränktem Umfang einschränken. Im großen ist Marktmacht nur dadurch zu begrenzen, daß man sie in ein System des Gleichgewichts wirtschaftlicher Kräfte und Gegenkräfte einspannt.

[In diesem Zusammenhang wichtige andere Stichworte:] Gewerkschaften, Klasse. Konkurrenz. Konzentration. Macht. Monopol. Wirtschaftssoziologie.

Literaturhinweis: E. Kantzenbach: Die Funktionsfähigkeit des Wettbewerbs, Göttingen 19672. - E. Preiser: Besitz und Macht in der Distributionstheorie, in: Synopsis, Festgabe für Alfred Weber, Heidelberg 1948. - M. Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, 1970, zuerst 1921, Studienausgabe Köln/Berlin 1964.


LV Gizewski SS 2006 und WS 2006/2007

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de