Die Sklaverei als römischrechtliches Eigentumsrecht und ihre Begrenzung durch die Staatsgewalt.

Lateinischer Text und deutsche Übersetzung der Digestenstelle Dig. 1, 6, 2 mit kleineren Modifikationen entnommen aus: Detlef Liebs, Römisches Recht. Ein Studienbuch, Göttingen 1975, S. 161 f.


Ulpianus, De officio proconsulis VIII, Tit.: De dominorum saevitia (Collatio leg. Mos. et Rom. 3,3 § 1-6 = Dig. 1,6,2).

Si dominus in servos saevierit vel ad impudicitiam turpemque violationem compellat, quae sint partes praesidis, ex rescripto divi Pii ad Aurelium Marcianum proconsulem Baeticae manifestatur. Cuius rescripti verba haec sunt: "Dominorum quidem potestatem in servos suos illibatam esse oportet nec cuiquam hominum ius suum detrahi. Sed dominorum interest, ne auxilium contra saevitiam vel famem vel intolerabilem iniuriam denegetur his, qui iuste deprecanrur. Ideoque cognosce de querellis eorum, qui ex familia Iulii Sabini ad statuani confugerunt; et si vel durius habitus quam aequum est vel infami iniuria affectos cognoveris, venire iube ita, ut in potestatem Sabini non revertantur. Quod si meae constitutioni fraudem fecerit, sciet me admissum severius executurum". Divus etiam Hadrianus Umbriciam quandam matronam in quinquennium relegavit, quod ex levissimis causis ancillas atrocissime tractasset. Item dvus Plus ad libellum Alfii Iulii rescripsit in haec verba: "Servorum obsequn non solum imperlo, sed et moderatione et sufficientibus praebitis et iustis operibus contineri oportet. Itaque et ipse curare debes iuste ac temperate servos tuos tractare, ut ex facili requirere eos possis, ne, si apparuerit vel imparem te impendiis esse vel atrociore dominationem saevitia exercere, necesse habeat proconsul vir clarissimus, ne quod tumultuosius contra te accidat, praevenire et ex mea iam auctoritate te ad alienandos eos compellere. Glabrione et Omullo consulibus."

Deutsche Übersetzung: Ulpian, Ober die Amtspflichten des Prokonsuls Buch 8, Titel: Über das Wüten der Herren [gegen ihre Sklaven]

Wenn der Herr gegen die Sklaven gewütet hat oder sie zu Unzüchtigkeit oder schimpflicher Gewalttat zwingt, so erhellt, was Sache des Gouverneurs ist, aus einer Rückschrift des göttlichen Pius an Aurelius Marcianus, Prokonsul der[Provinz ] Bätica [sc. Südspanien]. Diese Rückschrift lautet folgendermaßen: "Gewiß muß die Gewalt der Herren [Sklaveneigentümer] über ihre Sklaven ungeschmälert sein und darf keinem Menschen sein Recht entzogen werden. Aber den Herren liegt selbst daran, daß [von Staats wegen ggf. eine] Hilfe gegen Wüten, Hunger oder unerträgliches Unrecht solchen Sklaven nicht verweigert wird, die begrundeterweise darum flehen. Daher gehe den Klagen derer nach, die vom Gesinde des Iulius Sabinus zur Statue geflohen sind; und wenn du feststellst, daß sie strenger gehalten worden sind als es angemessen ist oder ihnen schändliches Unrecht zugefügt worden ist, dann trage dafür Sorge, daß Sabinus sie auf eine Weise, welche es ausschließz, daß sie in seine Gewalt zurückgelangen. Sollte er jedoch meiner Anordnung zuwiderhandelt, wird er wissen, daß ich solches Tun sehr hart bestrafen werde." Auch der göttliche Hadrian hat eine gewisse Dame Umbricia für fünf Jahre verbannt, well sie ihre Sklavinnen aus geringfügigsten Anlässen ganz fürchterlich mißhandelt hatte. Weiter schrieb der göttliche Plus auf eine Eingabe des Alfius Iulius wie folgt zurück: "Der Gehorsam der Sklaven darf nicht ausschließlich mit Zwangsmitteln hergestellt, sondern muß vielm,ehr auch durch Mäßigung, Gewährung des Nötigen und gerechte Behandlung erreicht werden. Deshalb mußt auch du selbst Sorge tragen, daß du deine Sklaven gerecht und maßvoll behandelst, so daß einerseits du ohne Schwierigkeit ihre Dienste fordern kannst und andererseits nicht der erlauchte Prokonsul, wenn herauskäme, daß du die Herrschaft mit unzureichenden Mitteln oder unter fürchterlichem Wüten ausübst, es nötig hätte, damit dir nichts Schlimmeres widerfahre, dem zuvorzukommen und dich kraft hoheitlicher Gewalt zu ihrer Veräußerung zu zwingen. [Im Jahre 152 n.Chr.]"


LV Gizewski SS 2006 und WS 2006/2007

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de