Vorwort zum Skript zur LV Gizewski 'Antike Wirkungsgeschichte in unserer Zeit' im SS 2006 und WS 2006/2007.


Die historisch gemeinte Frage nach einer 'Wirkung' der 'Antike' in 'unserer Zeit' zu stellen, bedeutet, sich für kausale Beziehungen zwischen gesellschaftlichen Strukturen und menschlichen Handlungen aus Zeiten und Räumen, die einer 'Antike' zugerechnet werden, und solchen einer 'Zeitgeschichte' zu interessieren, und zwar in der Annahme, daß dies für die historische Erklärung der gesellschaftlichen Gestaltungen und Prozesse unserer Zeit ebenso wie für das Verständnis ihrer Sprachen und ihres Denkens von mehr als nur nebensächlicher Bedeutung sei.

Dies anzunehmen, fällt auf den ersten Blick schwer - angesichts der zeitlichen Distanz, die zwischen den Staats- und Gesellschaftsordnungen, Kulturleistungen, Texten und Sprachen der mediterran-vorderorientalischen Altertumsgeschichte, die wir als 'Antike' zusammenzufassen pflegen, und unseren gegenwärtigen, im wesentlichen als 'global' und 'modern' begriffenen Völker- und Gesellschaftszusammenhängen bestehen, selbst dann, wenn wir letztere auf 'europäische' oder 'europäisch geprägte' Strukturen zu beschränken versuchen.

Bei genauerer Untersuchung lassen sich aber - zunächst eher abstrakt, dann auch konkret-anschaulich - verschiedene belangvolle Bereiche und Klassen historischer 'Wirkzusammenhänge feststellen. Bei diesen handelt es sich um:

a) Vorgänge bewußter kultureller Rezeption, Imitation und Fortentwicklung oder die unbewußt-gewohnheitsmäßige Weiterführung 'antiker' Einrichtungen, Denkweisen und Sprachen durch Angehörige und Gruppen fremder oder späterer Kulturen und Völker, welche bereits in der Antike beginnen, so etwa bei den Grenznachbarn des Römischen Reiches, die aber auch - man möchte sagen: mit ungebrochener Energie - bis in die Neuzeit hineinreichen, wie z. B. bei der 'humanistischen' Übernahme des griechischen und lateinischen Sprachgebrauchs für bestimmte 'neue' und zuleich in der Tradition fundierte Zwecke der Wissenschaft und Kunst;

b) strukturelle Vorprägungen späterer gesellschaftlicher Entwicklungen durch einige in der Antike und in späteren Zeiten relativ gleichbleibende Rahmenbedingungen, etwa solche geographischer oder klimatischer Art;

c) geschichtliche 'Handlungen' von Einzelpersonen und Kollektiven des Altertums, welche - im nachhinein betrachtet - den Charakter historischer Weichenstellungen hatten, wie z. B. der auf der Politik Caesars und Octavians, des späteren 'Augustus', beruhende Umbau der 'römischen Republik' in ein 'Prinzipats'-Kaisertum, welches - in seinen anti-demokratischen, imperialen, militärischen, höfischen und divinisiert-souveränen Elementen - eine Leitform unterschiedlicher Formen monarchischer Herrschaftsgestaltung in späteren Epochen wurde.

Die wissenschaftlichen Methoden, die genannten Kausalbeziehungen festzustellen, sind fachlich unterschiedlich - je nach der Art der Wirkungs- und Überlieferungszusammenhänge - zuzuordnen, so etwa als

Im Mittelpunkt des methodischen Vorgehens steht dabei zumeist

a) eine interpretativ-verstehende oder deskriptiv-morphologische Analyse antiker und heutiger Kulturphänomene auf charakteristische Gemeinsamkeiten und Unterschiede hin,

b) der Vergleich der Ergebnisse und

c) die Erklärung der Gemeinsamkeiten einerseits und der Unterschiede andererseits mit Erkenntnissen von Kausalbeziehungen und Regelhaftigkeiten, die durch die erwähnten wissenschfatlichen Fachgebiete oder Fachteilgebiete erarbeitet sind.

Die Übertragung ('Tradition') antiker Kulturphänomene auf andere Völker und Kulturen und spätere Epochen - einschließlich unserer Zeit - kann beruhen

a) auf gedanklicher, sprachlicher, pragmatischer und institutioneller Nachahmung ('Rezeption'),

b) auf geplanter politisch-administrativer oder militärischer Verbreitung ('Propagation'), beginnend etwa mit den 'Romanisierungs'- und 'Urbanisieruns'-Aktivitäten des römischen Reiches in den von ihm eroberten Gebieten,

c) auf der vermittelnden Wirksamkeit institutioneller und ideeller Zwischenträger ('Mediation'), wie z. B. der christlichen Kirche und Religion mit ihrem zivilisierend wirkenden hebräischen, griechisch-en und ateinischen Textfundus aus der Antike, oder

d) auf eine geiwsse Konstanz 'äußerer' Rahmenbedingungen gesellschaftlicher und ethnischer Existenz in den früher antiken Regionen des mittelmeerisch-vorderorientalischen Raumes seit der Antike, z. B. in Kandwirtschaft, Siedlungswesen und Verkehrsverhältnissen der ('Determination'),

- oder auf einer Kombination solcher Faktoren im Verlaufe der Geschichte seit der Antike bis heute.

Die Ergebnisse der Berücksichtigung solcher Begrifflichkeit und der Nutzung der mit ihr verbundenen Methoden hat in den entsprechend interessierten Zweigen der Wissenschaft - einschließlich einer wissenschaftlich-fachlichen 'Allgemeingeschichte' - eine intensive Verflechtung unserer Gegenwartskultur mit jener der Antike - und zwar nicht nur der römischen - deutlich gemacht. Sie geht so weit, daß selbst in heutigen Phänomenen, welche etwa als solche einer 'Modernisierung', einer 'Globalisierung', eines 'Fortschritts', einer 'zukunftsorientierten Radikalreform' und einer 'Revolution' verstanden werden, in beachtlichem Umfang auf verschiedenen Bedeutungs- und Intentionsebenen antik vorgeprägte Momente nachweisbar sind. Sie haben daher ideelle und womöglich sogar auch einmal praktische Bedeutung ebenso für das wissenschaftliche wie das kulturelle Selbstverständnis des 'Allgemeinhistorikers' in unserer Zeit haben. Diesem Thema in der Ausbildung von Historikern unserer Zeit nachzugehen ist daher eine zentrale Aufgabenstellung der universitären historischen Ausbildung, welcher diese Lehrveranstaltung gerecht werden will.

Die Lehrveranstaltung, für die dieses Skript erarbeitet wurde, sollte ursprünglich nur ein Semester (SS 2006) dauern, wurde jedoch im WS 2006 fortgesetzt, weil es sinnvoll erschien, den vielen Aspekten, die die Thematik eröffnete, in größerer Ruhe und Ausführlichkeit nachzugehen. Dennoch war neben einigen unerläßlichen Ansätzen zu einer Systematisierung durchweg nicht mehr als ein exemplarisches Vorgehen bei der Präsentation des Stoffes möglich. Das wird im Aufbau des Skripts u. a. darin deutlich, daß die Einzelthemen der Kapitel nicht als geschlossener Text präsentiert sind. Dennoch hofft der Autor, daß die jeweils zusammengefaßten Lehrmaterialien auch für Leser von Nutzen sein können, die nicht an der Lehrveranstaltung teilnehmen konnten.

Christian Gizewski, im März 2007.


LV Gizewski SS 2006 und WS 2006/2007.

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de