Kap. 1: Einleitung I - Inhalt und Bedeutung antiker mythischer Systeme für Religion, Politik und Welterklärung. Heutige wissenschaftliche Bedeutung der Begriffe 'Mythos', 'Mythensystem' und 'Mythologie'.

ÜBERSICHT

1) Begriffsklärung: 'Mythos', Mythensystem und 'Mythologie'.

2) Anthropologische und historische Rahmenbedingungen mythischer Systeme. Ihre praktische Bedeutung für die Begründung sozialer Ordnung, Religion und Politik.

3) 'Strukturalistische' und 'historische' Untersuchung mythischer Aussagesysteme in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen.

4) Literatur, Medien, Quellen.

1) Begriffsklärung: 'Mythos', 'Mythensystem' und 'Mythologie'.

'Mythos' bedeutet im Griechischen ungefähr 'überlieferte Erzählung', 'volkstümliche Redeweise', 'weitverbreitete Nachricht' mit Bedeutungsausschlägen zu 'Sage' oder 'Märchen' einerseits und 'Ausspruch' oder 'Ratschlag' andererseits. Im Lateinischen enstprechen diesem Wort etwa 'fama', 'dictum', 'narratio', aber auch 'fabula' hier und 'oratio','consilium' oder gar 'iussum' dort.

In dieser Weite verstanden überdeckt der antike Begriff den gesamten Bereich traditionellen, volkstümlichen, weit verbreiteten oder allgemein anerkannten Denkens, das das Alltagsgespräch beherrscht und der persönlichen Orientierung der Menschen zugrundgelegt zu werden pflegt, ohne doch immer im strikten Sinne als wahr, zutreffend oder vernünftig begründbar anerkannt zu sein. Es schließt ein

die religiöse Überlieferung einschließlich der Vorstellungen über das Wesen und die Geschichte der Götter, Geistwesen und Heroen und ihrer Beziehungen zur Menschenwelt,

traditionelle Vorstellungen vom Wesen und Entstehung des Kosmos, der Natur, der Menschen, der Völker und Staaten, von ihrer Geschichte, Größe und schicksalsmäßigen Bestimmung und

allgemein akzeptierte normative Vorstellungen von dem, was Menschen und Völker rechtlich und moralisch tun dürfen und nicht dürfen.

Der in diesem Sinne verstandene Begriff 'Mythos' ist ohne klare Abgrenzung ein Teil dessen, was im Deutschen 'Alltagsdenken', im Griechischen 'topoi' ('allgemeinübliches Denken') genannt wird: Teil einer Vielzahl und Vielfalt von Spruchweisheiten, Gemeinplätzen, Weltanschauungs- und Glaubensannahmen, Lebensregeln, Simplifikationen, Typisierungen, Erzählungen, Nachrichten und Geschichten, ja Fabeln und Märchen und anderem mehr oder weniger Richtigem und Wahrem, das dennoch für die Bewältigung des Alltags auf seine jeweilige Weise unabdingbar ist. Denn es vermag trotz allker fiktionalen Elemente dem Menschen Sicherheit in den grundsätzlichen Lagen der Unsicherheit und des Nicht-Wissens für sein dennoch nötiges Entscheiden und Handeln zu geben.

Diese paradox erscheinende Einordnung des 'Mythos' in das Alltagsdenken geht weit über das hinaus, was traditionellerweise und in einem engeren Sinne unter 'Mythen' verstanden wird, nämlich 'Götter- und Heldensagen', 'Schöpfungsmythen' oder 'Stadt- und Reichsgründungsmythen'. Sie ist ein Ergebnis modern-wissenschaftlicher Mythenforschung vor allem der Ethnologie, der Anthropologie und der vergleichenden Geistes-, Religions- und Kulturgeschichte. Die fiktionalen Elemente des allgemeinen Bewußtseins pflegen als solche solange nicht kollektiv bewußt zu werden, wie sie von unmittelbarer, alternativloser Notwendigkeit für das Alltagsdenken sind. Erst in einer historisch sich differenzierenden Entwicklung dieses Denkens kann eine erkenntnismäßige Distanz zu ihnen eintreten, und sie verwandeln sich dann von Elementen eines Realitäts-Bildes in eher der Phantasie zugeordnete 'Märchen', 'Sagen' oder 'Dichtung'.

Eine solche Entwicklung der 'Mythen' haben wir in der Antike im Zusammenhang mit der Entwicklung der 'Philosophie' vor uns. Bereits die griechischen 'Naturphilosophen' setzen die rationale Spekulation über den Kosmos an die Stelle traditionsreicher Kosmogonie-Mythen, und dies spitzt sich in der Entwicklung einer 'dialektisch'-wahrheitsbezogenen philosophischen Erkenntnisweise zu, welche - exemplarisch etwa bei Sokrates - den 'doxai', d. h. den vielfach unwahren oder unrichtigen Annahmen des Alltagsdenkens, die skeptisch-philosophischen 'paradoxai' entgegengesetzt. Der Dichtung, dem traditionellen Hort der Mythenüberlieferung, gegenüber hebt diese kritische Art des Denkens die grundsätzlich drohende 'Unwahrheit' ihrer Aussagen hervor: "Vieles lügen die Sänger" (Aristoteles, Metaphysik 1, 983 a).

Mit dem distanzierten Verhältnis der griechischen Philosophie des 7. bis 4. Jhs. v. Chr. zum 'Mythos' hängt unter anderem die Entwicklung einer 'Mythologie' im strikten Sinne des Wortes zusammen, d. h. die antik-wissenschaftliche Beschäftigung mit den Mythen, welche für deren zentrale Figuren und Geschehnisse 'rationale' Erklärungen zu finden sucht. Der antike Begriff 'Mythologie' in diesem Sinne bedeutet also das gerade Gegenteil von 'Mythos', und auch der gegenwärtige, insbesondere der wissenschaftliche Sprachgebrauch solltezumindest nicht gedankenlos das eine mit dem anderen Wort gleichsetzen. 'Mythologie' kann jedenfalls auch heute die systematische wissenschaftliche - also etwa anthropologische, ethnologische, religionswissenschaftliche oder historische - Bestandsaufnahme und Untersuchung der 'Mythen' bedeuten, die im Bereich einer Kultur wirksam und in ihrer Überlieferung methodisch erkennbar und darstellbar sind.

In diesem wissenschaftlichen Sinne läßt sich auch das vorliegende Skript als 'mythologisch' bezeichnen: es geht um die allgemein kultur- und speziell um die religions- und um die politikgeschichtliche Bedeutung vor allem griechischer und römischer, am Rande auch anderer Mythen der Altertumsgeschichte oder aus der vergleichenden Kulturforschung.

Allerdings bedarf es dennoch auch eines Begriffs, der eine Gesamtheit von Mythen, etwa die für eine bestimmte Kultur charakteristischen Mythen, zusammenfaßt. Üblicherweise nennt man heute eine solche Gesamtheit umgangs- und wissenschaftssprachlich ebenfalls 'Mythologie'. Doch wäre es grundsätzlich besser, zur Vermeidung von Mißverständnissen insoweit von 'Mythen-Systemen' oder '-komplexen' zu sprechen.

2) Anthropologische und historische Rahmenbedingungen mythischer Systeme. Ihre praktische Bedeutung für die Begründung sozialer Ordnung, Religion und Politik.

Übung 1 a.

AUFGABEN:

a) Was wissen Sie über Leben, Denken und Werke Platons? In welchem Zusammenhang könnte die hier präsentierte Fabel Ihres Erachtens mit der Philosophie Platons stehen?

b) Inwiefern gibt die hier präsentierte Fabel eine Erklärung für menschliche Gefühle und Handlungsweisen? Was kann man daran Ihres Erachtens als 'mythisch' verstehen?

Wie schon angedeutet, hängt die Entstehung und Gestalt von Mythen in bestimmten Kulturkreisen mit dem grundsätzlich begrenzten Charakter menschlicher Erkenntnis, also einer anthropologischen Konstante menschlichen Wesens zusammen. Begrenzt ist insbesondere die individuelle Fähigkeit des menschlichen Geistes, 'die Wirklichkeit' zu begreifen und zu erklären, bevorstehende Entwicklungen vorauszusehen und das menschliche Handeln schon in normalen, alltäglichen, aber erst recht in außergewöhnlich riskanten Ungewißheitssituationen sinnvoll zu begründen und einzurichten. Hinzukommen ferner die ebenfalls anthropologisch vorgegebenen Momente der gesellschaftlichen Existenz und der intersubjektiven Verständigung des Menschen, welche die Erkenntnis und die Verständigung über sie zur Sache des Gelingens einer sprachlichen Übermittlung innerhalb eines kollektiven Systems definierter Zeichen und auf sie festgelegter Erwartungen machen. M. a. W.: es gibt auch grundsätzliche erhebliche Unsicherheitsmomente für das Gelingen der Bildung gemeinsamer identischer Vorstellungen über das, was wahr und richtig ist, im Rahmen einer bestimmten, abgegrenzten Kultur und Spache.

Aus diesem Grunde bilden sich im individuellen Bewußtsein ebenso wie auf der kollektiven gedanklich-sprachlichen Ebene der Verständigung fiktive Hilfskonstruktionen der Erkenntnis und Verständigung heraus, die an die Stelle unaufklärbarer Unklarheiten und sprachlich nicht formulierbarer Realitätsbezüge treten, um dennoch Orientierungen, Entscheidungen und Handlungen zu ermöglichen. Zum Beispiel tritt an die Stelle unerklärbarer Naturkräfte 'das Wirken der Götter', an die Stelle einer undurchschaubaren Zukunft die Determination des Sternenhimmels, an die Stelle der unbegründbaren persönlichen oder kollektiven Entscheidung das göttliche Gebot oder die orakelhafte Weisung, an die Stelle des sprachlich nicht Formulierbaren das Bild oder das Symbol.

Zur Erklärungsfunktion des Mythos:

Die Erklärung der Liebe in einer Mythos-Allegorie: Platon, Symposion 189 c - 191 d.

Deutsche Übersetzung aus: Platon, Hauptwerke. Ausgewählt, eingeleitet und übersetzt von Wilhelm Nestle, (1952) Stuttgart 1973, S. 115 - 117.

Die Begründungen und Quellen für die Bildung solcher fiktiver Hilfskonstruktionen des Erkennens und der Verständigung sind unterschiedlich.

Sie können im Rahmen religiöser Systeme auf irgendeine Form göttlicher Offenbarung (göttliche Erscheinungen und Interventionen in der Welt, Orakel, heilige Schriften) zurückgeführt werden und sind dann gewöhnlich Ergebnisse deren priesterlicher Deutung.

Ein priesterlich gedeuteter Schöpfungsmythos im biblischen Buch Genesis, 1 und 2, 1 - 4.

Deutsche Übersetzung aus: Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments mit Einleitungen zu jedem der biblischen Bücher und erklärenden Anmerkungen zu den Texten. In ungekürzter Fassung herausgegeben von T. Schwegler und A. Herzog (Große Familien-Bibel), Zürich 1974, S. 35 f.

Sie können sich aber auch lediglich aus der Autorität der Tradition ergeben, d. h. aus einer Vorstellungs-Gewohnheit, die wegen ihres vermuteten Alters als besonders autoritativ angesehen wird. Das zeigt sich etwa an der römischen Mythen-Tradition, der sich auf die Gründung und Entwicklung des frühen Rom beizieht..

Ein traditionsvermittelter Mythos zur Anfangsgeschichte des Latinerbundes: Livius, Ab urbe condita 1, 1.

Lat- Text und deutsche Übersetzung aus: Titus Livius, Ab urbe condita, Liber I - Römische Geschichte, 1. Buch. Lateinisch - Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Robert Feger, Stuttgart 1985, S. 10 - 13.

Zur Ausbildung der Mythen trägt ferner ihre dichterische und bildliche Deutung und Umdeutung bei, die etwa im antik-griechischen Raum besonders ausgeprägt ist und geistesgeschichtlich viele forwirkende literarische und bildend-künstlerische Zeugnisse hinterlassen hat.

Deutsche Übersetzung aus: Hesiod, Sämtliche Werke. Deutsch von Thassilo von Scheffer. Mit einer Übersetzung der Bruchstücke aus den 'Frauenkatalogen' herausgegeben von Ernst Günther Schmidt, (1955) Bremen 1984, S. 58 - 63.

Und schließlich gibt es auch mythenförmige spekulative oder philosophische Allegorisierungen allgemeiner Erkenntnisse über das Göttliche und die Welt, wie sie beispielsweise in den pythagoräischen oder platonischen Spekulationen und gleichnishaften Redeweisen über den Kosmos und die Götter hervortreten. Was dabei die griechische Philosophie betrifft, so ist sie zwar, wie erwähnt, in starkem Maße von einem anti-mythischen Impuls bewegt . Doch schließt das dennoch mythisches Denken nicht völlig aus, sondern gibt ihm nur einen charakteristischen spekulativ-philosophischen Deutungsuntergrund.

Die Erklärung der Liebe in einer Mythos-Allegorie: Platon, Symposion 189 c - 191 d.

Deutsche Übersetzung aus: Platon, Hauptwerke. Ausgewählt, eingeleitet und übersetzt von Wilhelm Nestle, (1952) Stuttgart 1973, S. 115 - 117.

Mythen sind von vielfältiger Bedeutung für die Begründung des menschliche Alltagshandeln.

Ein Teil der Mythen dient ganz allgemein der Erklärung und Begründung sozialer Ordnungen, Traditionen und Sitten. Sie begründen etwa familiäre oder ständische Ordnungen, Tugenden und Laster, Lebensweisheiten und Einsichten in das Notwendige, das die menschliche Lebensituation aufgibt, etwa in die 'menschliche Tragödie' und die ihr entgegengestellte menschliche Hoffnung auf Rettung, Liebe, Heil oder Erlösung, und zwar vor allem am Beispiel von Heroen oder sonst außergewöhnlichen Persönlichkeiten, aber sogar auch von Göttern.

Ein anderer Teil der Mythen dient speziell der religiöser Orientierung der Menschen und ihrer größeren Kollektive an bestimmten Gottesbildern, der Begründung der Traditionen der Heiligtümer und Priesterschaften, des religiösen Kultus, des Fest-, Orakel- und Kalenderwesens und der inneren Haltungen der Pietät oder Skrupulosität gegenüber Göttern und Geistern.

Ein dritter Teil dient der Erklärung und Legitimation der Herrschaftsordnungen, Machtverhältnisse und politischen Handlungen oder Persönlichkeiten. Hierher zu zählen sind etwa Mythen über die Gründung und das Schicksal von Reichen und Städten, über die Berufung und Mission, die Tugenden und Leistungen von Herrscherfiguren und Machthabern.

Im Hinblick auf ihre sachliche Legitimation und ihre praktischen Bezüge ist deutlich, daß Mythen - trotz der anthropologischen Konstanten ihrer Ramenbedingungen - nicht nur eine gewissemaßen 'abstrakte' oder 'archetypische ' Bedeutung haben, sondern in den Einzelheiten ihrer Aussagen, soweit dies noch möglich ist, auch und vor allem durch Bezugnahme auf die jeweiligen geschichtlichen Institutionen und Ideensysteme, in denen sie sich entwicklen, verstanden werden müssen.

3) 'Strukturalistische' und 'historische' Untersuchung mythischer Systeme in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen.

Übung 1 b.

AUFGABEN:

a) Wann sind der Schöpfungsmythos im biblischen Buch Genesis, Kap. 1 und der Schöpfungsmythos in Hesiods 'Theogonie' Ihrer Einschätzung nach entstanden?

b) Vergleichen sie beide Texte im Hinblick datauf, was an ihnen ähnlich und unterschiedlich ist.

In der wissenschaftlichen Beschäftigung mit 'Mythen', die teils von der Anthropologie, Ethnologie, Linguistik und vergleichenden Religionswissenschaft, teils von verschiedenen Zweigen der Geschichtswissenschaft - etwa der Kultur-, Ideen-, Religions- und Kunstgeschichte - betrieben wird, stehen verschiedene methodische Ansätze in unterschiedlicher Gewichtung nebeneinander, so heute vor allem ein 'strukturalistischer' und ein 'historischer'. Mythen 'strukturalistisch' zu verstehen, heißt, von ihren konkreten, oftmals gar nicht sicher feststellbaren Sinnbezügen und Bedeutungen zu abstrahieren und vor allem auf ihre Wirkungen und Funktionen in sozialen Zusammenhängen zu achten. Dies ist etwa die Vorgehensweise einer 'strukturalen' Anthropologie', wie sie von Claude Lévy-Strauss - in seinem Werk 'Das widle Denken' - im Zusammenhang mit der Analyse 'primitiver Völker' entwickelt worden und auch von anderen kulturbezogenen Wissenschaften aufgegriffen worden ist.

Demgegenüber strebt ein historisch-hermeneutischer Untersuchungsansatz prinzipiell die Erklärung sowohl der Form als auch des Inhalts von Mythen mit Mitteln einer sprachlichen und kulturellen Sinndeutung und Schichtenanalyse an. Dieser Ansatz wird in in traditionellen historisch-wissenschaftlichen Ansätzen der 'Mythensystem'-Forschung praktiziert, welche überlieferungsgeschichtlich, philologisch-textkritisch und ideen-, religions- und allgemeingeschichtlich erklärend verfahren.

Beide Methodenansätze können sich reiben. Für dieses Skript wird folgende Position eingenommen:

Im Vergleich mythischer Traditionen verschiedener, auch geographisch und zeitlich weit voneinander entfernter Kulturen ist die Existenz ähnlicher 'archetypischer' Bild- und Formmotive, Denkweisen und dramatischer Sequenzen auffällig. Formal ähnlich können zum Beispiel sein: kosmologische Vorstellungen über 'Geist' und 'Materie', Sternbilder, anthropomorphe und/oder theriomorphe Götterdarstellungen, die Struktur von Götterfamilien und -generationen, Formen göttlicher Offenbarung, die Arten wunderbarer oder 'übernatürlicher' Naturgestaltung durch Gottheiten oder der magischen Götterbeeinflussung durch entsprechend fähige Menschen, Formen der Heroisierung menschlicher oder der Vermenschlichung göttlicher Figuren.

Das Motiv der 'Drachentötung' in verschiedenen kulturellen Zusammenhängen.

Bild 1: Ein Held, vielleicht Gilkgamesch, bezwingt zwei menschenköpfige Stiere.

Bild 2: Ein achämenidisch-königlicher Held bezwingt einen Löwendrachen.

Bild 3: Bellerophon auf dem Pferd Pegasus bezwingt die Chimaira.

Bild 4: Der Erzengel Michael bezwingt den Drachen des Bösen (hier als Wolf-Schlange-Wesen dargestellt).

Bild 5: Der Held Rustam beziegt den Drachen der Steppe.

Bild 6: Susano, Bruder der Sonnengöttin Amaterasu, bezwingt den Meeresdrachen.

Bild 1, Darstellung des Klangkastens einer Harfe aus einem sunerischen Grab der Zeit um 2750 v. Chr., hezte Cury University Musuem, Philadelphia, auentnommen aus Carel J. Du Ry, Völker des Alten Orients, deutsche Übersetzung, München um 1970, S. 54 f. - Bild 2, darstellend ein Relief vom Palast des Darius in Persepolis (Haupthalle), vermutlich 1. Hälfte des 5. Jh. v. Chr., entnommen aus: Edith Porada, alt-Iran. Die Kunst in vorislamischer Zeit. Reihe 'Kunst der Welt. Ihre geschichtlichen, soziologischen und religiösen Grundlagen, (1962), ND Baden-Baden 1977, S. 153. - Bild 3, darstellend ein rekonstruiertes 'melisches Relief', vermutlich Mitte 5. Jh. v. Chr., entnommen aus: John Pinsent. Griechische Mythologie. Mit 26 farbigen und 100 einfarbigen Abbildungen. Ins Deutsche übetrtragen von Julia Schlechte, München 1969, S. 71 (Bellerophon und Chimaira); - Bild 4, zeigend ein mittelalterliches Steinrelief von der St. Nicholas Church, Ipswich, England, um 1000 n. Chr. entstanden, Bild 5, zeigend eine Miniatur aus einer iranischen, um 1486 n. Chr. entstandenen Handschrift des 'Shahname' ('Buch der Könige'), heute British Museum London, und Bild 6, zeigend eine Abbildung unbekannten Datums aus dem japanischen Bereich, Bilder 3 bis 5 entnommen aus: Sergius Golowin, Mircea Eliade, Joseph Campbell, Die großen Mythen der Menschheit, München 2002, S. 226 f.

Solche Ähnlichkeiten festzustellen heißt aber noch nicht, ihren Sinngehalt in angemessener Vollständigkeit zu erfassen, sondern lediglich, Tatbestände interkultureller Ähnlichkeit registrieren, wie sie auch etwa zwischen ganz unterschiedlichen Sprachsystemen, Verwandtschaftssystemen oder Herrschaftssystemen im Laufe der Zeiten auf der ganzen Welt festgestellt werden können. Anthropologisch gesehen hat die Menschheit mehrere Gemeinsamkeiten - bei deren unterschiedlicher Ausprägung in den konkrten, voneinander abgegrenzten historischen Gestaltungen: die familiären und verwandtschaftlichen Formen sozialer Organisation, die Sprache, die Fähigkeit zu geplanter Naturbearbeitung, aber auch zur Phantasie. Der Sinngehalt eines Mythos ist insoweit zwar allgemein von solchen menschlichen Grundbefindlichkeiten vorgeformt, Mythen werden in ihrer konkreten Bedeutung jedoch auch von weiteren, spezifischen Momenten bestimmt.

Maßgeblich dafür ist einmal der Rahmen bestimmter geographisch, sprachlich und historisch eingrenzbarer Gesellschaften oder Kulturen. Mythen spiegeln notwendigerweise deren Sozialstrukturen, deren religiöse und politische Ordnungen.

Zum anderen ist ihre Überlieferungsgeschichte wichtig. Nicht selten bewahren Mythen Traditionen auf, die keine für eine aktuelle Gegenwart erkennbare praktische oder erklärende Bedeutung mehr zu haben scheinen; sie sind aus der Gegenwart heraus unverständlich. Sie können also in diesem Falle unverbunden, kumuliert und zwecklos unterschiedliche und unverständliche Traditionsmomente verschiedener Art in sich vereinigen. Grund dafür ist, daß Mythen - bis auf bestimmte Arten philosophisch konzipierter Mythen-Allegorien - nach einem historisch allgegenwärtigen 'Schichtungs- und Überlagerungsprinzip' entstehen: in historischen Gestaltungen aller Art pflegen sich Formgebungen verschiedener Art und Zeit übereinanderzulegen, wobei sie sich abschleifen und bis zur Undeutlichkeit verändern können.

Und schließlich ist der gedanliche Aufbau und Charakter ganzer, bestimmten Kulturen zuzurechnender mythischer Aussagesysteme, denen ein zu deutender Mythos gehört, von Bedeutung für sein Verständnis. Zu fragen ist:

Zu welchem Typus von Kulturformation gehören diese Systeme dem Schwergewicht ihrer Aussagen und praktischen Zwecke nach, einem 'pimitiven', einem 'vorhochkulturell'-bäuerlichen oder einem 'hochkzulturell'-städtischen? Gehören sie innerhalb dieser Kulturformationen zu einem bäuerlichen, städtischen, priesterlichen, kriegerischen oder politischen Wirkungskreis?

Handelt es sich überwiegend etwa um religiöse, literarisch-künstlerische oder philosophische Aussagesysteme?

Dienen sie überwiegend der allgemeinen Selbstvergewisserung und Orientierung der Menschen oder speziellen kultisch-religiösen oder politischen Zwecken?

Es liegt auf der Hand, daß solche Fragen an einen Mythos - wie bei anderen historisch überlieferten Texten im weiteren Sinne auch - beantwortet werden müssen, wenn ein Mythos als verständlich interpretiert gelten soll. M. a. W.: eine strukturelle Funktions- und Wirkungsanayse kann nur als Einstieg oder Korrekturmöglichkeit zu einer verständniserzeugenden, 'übersetzenden' Gesamtinterpretation betrachtet werden.

4) Literatur, Medien, Quellen.

L

Pierre Grimal (Hg.), Mythen der Völker. Mit Beiträgen der Fachgelehrten P. Grimal, A. Varagnac, B. van de Valle, M. Vieyra, A. Caquot, J. de Menasce, J. Herbert, E. D. Saunders, M. Soymie (Mythologies, Paris 1963). Ins Deutsche übersetzt von H. Stiehl, E. Ehm, L. Voelker und E. Serelmann-Küchler, 2 Bde., Bd. 1: Der Mensch und der Mythos. Das Problem der vorgeschichtlichen Religionen. Die Mythologie der Ägypter. Die Mythologie der Sumerer, Babylonier und Hethiter. Die Mythologie der Westsemiten. Die Mythologie der Griechen. Die Mythologie der Römer, Bd. 2: Die Mythologie der Perser. Die Mythologie der Inder. Die Mythologie der Japaner. Die Mythologie der Chinesen, Frankfurt M. 1977.

Mircea Eliade, Geschichte der religiösen Ideen. Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Darlap, (1976) Budapest 2002, bes. Bd. 1, S. 341 ff. (Kritische Bibliographie).

Jean-Pierre Vernant, Mythos und Gesellschaft. Aus dem Französischen von Gustav Roßler, 81981) Frankfurt M. 1987.

Claude Lévy-Strauss, Das wilde Denken (1962), Frankfurt 1968.

Claude Lévy-Strauss, Strukturale Anthropologie I (1958), Frankfurt 1967

M

Carel J. Du Ry, Völker des Alten Orients, deutsche Übersetzung, München um 1970 ( S. 54 f.).

Edith Porada, Alt-Iran. Die Kunst in vorislamischer Zeit. Reihe 'Kunst der Welt. Ihre geschichtlichen, soziologischen und religiösen Grundlagen, (1962), ND Baden-Baden 1977,( S. 153).

John Pinsent. Griechische Mythologie. Mit 26 farbigen und 100 einfarbigen Abbildungen. Ins Deutsche übetrtragen von Julia Schlechte, München 1969 (S. 71 - Bellerophon und Chimaira).

Sergius Golowin, Mircea Eliade, Joseph Campbell, Die großen Mythen der Menschheit, München 2002 (S. 26 f.) - Drachentötungsmotive aus verschiedenen kulturellen Zusammenhängen. Das Werk ist zur kurzen Einführung in die grundsätzlichen Überlegungen einer interkulturell vergleichenden Mythologie und zur Veranschaulichung ihrer bildichen Aspekte generell gut geeignet).

Q

Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments mit Einleitungen zu jedem der biblischen Bücher und erklärenden Anmerkungen zu den Texten. In ungekürzter Fassung herausgegeben von T. Schwegler und A. Herzog (Große Familien-Bibel), Zürich 1974, S. 35 f.

Hesiod, Sämtliche Werke. Deutsch von Thassilo von Scheffer. Mit einer Übersetzung der Bruchstücke aus den 'Frauenkatalogen' herausgegeben von Ernst Günther Schmidt, (1955) Bremen 1984, S. 58 - 63.

Platon, Hauptwerke. Ausgewählt, eingeleitet und übersetzt von Wilhelm Nestle, (1952) Stuttgart 1973, S. 115 - 117.

Titus Livius, Ab urbe condita, Liber I - Römische Geschichte, 1. Buch. Lateinisch - Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Robert Feger, Stuttgart 1985, S. 10 - 13.

Darstellung des Klangkastens einer Harfe aus einem sunerischen Grab der Zeit um 2750 v. Chr., hezte Cury University Musuem, Philadelphia, auentnommen aus Carel J. Du Ry, Völker des Alten Orients, deutsche Übersetzung, München um 1970, S. 54 f.

Relief vom Palast des Darius in Persepolis (Haupthalle), vermutlich 1. Hälfte des 5. Jh. v. Chr., entnommen aus: Edith Porada, alt-Iran. Die Kunst in vorislamischer Zeit. Reihe 'Kunst der Welt. Ihre geschichtlichen, soziologischen und religiösen Grundlagen, (1962), ND Baden-Baden 1977, S. 153.

Ein rekonstruiertes 'melisches Relief', vermutlich Mitte 5. Jh. v. Chr., entnommen aus: John Pinsent. Griechische Mythologie. Mit 26 farbigen und 100 einfarbigen Abbildungen. Ins Deutsche übetrtragen von Julia Schlechte, München 1969, S. 71 (Bellerophon und Chimaira). Aus: Sergius Golowin, Mircea Eliade, Joseph Campbell, Die großen Mythen der Menschheit, München 2002, S. 226.

Mittelalterliches Steinrelief von der St. Nicholas Church, Ipswich, England, um 1000 n. Chr. entstanden. Aus: Sergius Golowin, Mircea Eliade, Joseph Campbell, Die großen Mythen der Menschheit, München 2002, S. 226.

Miniatur aus einer iranischen, um 1486 n. Chr. entstandenen Handschrift des 'Shahname' ('Buch der Könige'), heute British Museum London. Aus: Sergius Golowin, Mircea Eliade, Joseph Campbell, Die großen Mythen der Menschheit, München 2002, S. 226.

Abbildung unbekannten Datums aus dem japanischen Bereich. Aus: Sergius Golowin, Mircea Eliade, Joseph Campbell, Die großen Mythen der Menschheit, München 2002, S. 226 .


LV Gizewski WS 2002/2003

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de