Kap. 4: Völkerbezogene Mythen in der Antike.

ÜBERSICHT

1) Typen völkerbezogener Mythen in der Antike.

2) Abstammungs- und Wesensbestimmungsmythen für fremde Völker, am Beispiel einer Beschreibung des germanischen Volkscharakters durch Tacitus.

3) Die mythische Begründung und Sendung eines Volkes aus dessen historisch-kultureller Innenperspektive, am Beispiel des israelitischen Volkes im biblischen Mythos.

4) Mythische Momente in der Deutung der griechischen Volksgeschichte.

5) Mythische Momente im kulturellen und politischen Selbstverständnis und Sendungsbewußtsein eines Stadtvolkes, am Beispiel der Athener im peloponnesischen Krieg.

6) Die politische und kulturelle Bestimmung des römischen Volkes im politisch geförderten literarischen Mythos, am Beispiel der Aeneis Vergils.

7) Literatur, Medien, Quellen.

1) Typen völkerbezogene Mythen in der Antike.

Übung 4.

AUFGABEN:

In dem unten zu 2) wiedergegebenen Text finden sich Aussagen über Abstammung, frühe Geschichte und Wesen der Germanen, die auf unterschiedliche Weise mythischen Charakter haben.

a) Welcher Zeit entstammen diese Aussagen?

b) Welche Aussagen sind Ihres Erachtens überprüfbar und wahr, welche im weiteren Sinne mythischen Charakters?

c) Welche Arten mythischer Aussagen über 'die Germanen' können Sie unterscheiden, und wie kommen Sie Ihres Erachtens zustande?


Neben den im Kapitel 3 erörterten 'religiösen Mythen' gibt es im Gesamtbereich der Mythen eine Klasse, die man als 'völkerbezogene' Mythen' bezeichnen kann. Das sind Aussagenkomplexe über 'Völker' unterschiedlicher Art, welche aus deren kollektiver Selbstabgrenzung als 'Selbstbilder' oder aus ihrer Wahrnehmung anderer Völkern und der Abgrenzung von ihnen als 'Fremdbilder' hervorzugehen pflegen. Ihre Entstehung und Entwicklung ist primär eine Angelegenheit eines kollektiven, eher brauchtümlichen Bewußtseins, wie es etwa auch der Sprachbildung oder Herausbildung alltäglicher, ethnisch-kultureller Gemeinsamkeiten bestimmter Völker zugrundliegt.

Ein solches Bewußtsien ist nicht auf Völker beschränkt, sondern kann auch aus der Innen- und Außenperspektive von Ständen, sozialen Schichten und sonstigen menschlichen Gruppenbildungen hervorgehen; ja sie ist für die Bildung und Abrenzung solcher Gruppen essentiell. Im folgenden soll aber nur von den Völkerbildern als einer historisch bedeutsamen Hauptgruppe in dieser Klasse die Rede sein.

Typologisch lassen sich im Rahmen dessen, was im Deutschen als 'Volk', im Griechischen als 'Ethnos' und im Lateinischen als 'gens', 'natio' oder 'populus' bezeichnet wird, unterschiedliche Formen der Gemeinschaftsbildung unterscheiden. Sie sind im folgenden Schema zusammengestellt.

Völkertypen.

a) Brauchtums- oder Stammesvölker, d. h. solche, die nach ihrem Selbstverständnis vor allem durch charakteristische Gemeinsamkeiten der alltagskulturellen Bräuche, der Sprache und des religiösen Kultus bestimmt zu sein pflegen (Beispiel: die Germanenstämme und -völker).

b) Politische Völker, d. h. solche, deren Zusammenleben nach ihrem Selbstverständnis vor allem durch eine politisch gestaltete Verfassung bestimmt zu sein pflegt (Beispiel: die Polis-Völker Griechenlands; das Volk der römischen Stadtrepublik).

c) Reichsvölker, eine Sonderform der politischen Völker, d. h. solche, deren Leben nach ihrem Selbstverständnis in starkem Maße durch ihre Zugehörigkeit zu einem (mehrere Völker etwa i. S. etwa von a) und b)) übergreifenden Reichszusammenhang - sei es in dominantem, sei es in untergordnetem Status - bestimmt ist (Beispiel: die Bevölkerung des römischen Reiches mit ihren vielfältigen, kulturell und politisch ganz unterschiedlichen Traditionen).

d) Kulturvölker, d. h. solche, die nach ihrem Selbstverständnis vor allem als durch (ggf. auch mehrere Völker i. S. etwa von a) und b)) übergreifende hochkulturelle Errungenschaften der Alltags- und Geisteskultur von einer 'Barbarenwelt' grundsätzlich unterschieden aufgefaßt und insoweit zugleich miteinander verbunden gedacht werden.

e) Religionsvölker, d. h. solche, die nach ihrem Selbstverständnis vor allem als durch eine (ggf. auch mehrere Völker etwa i. S. von a) und b)) ünergreifende religiöse Bindung oder Mission bestimmt gedacht werden.

Diese Völkertypen lassen sich - wie Typenbildungen generell - auf geschichtliche Phänomene nur in der Weise anwenden, daß sie ungefähr die realen Verhältnisse erfassen. Es gibt, wie schon an den Typen-Definitionen erkennbar ist, Grenzphänomene und Mehrfachzuordnungen.

Dennoch ist eine solche Typisierung sinnvoll, weil an ihr in übersichtlicher Weise erkennbar wird, welche unterschiedlichen Mythenformen diesen unterschiedlichen Völker-Typen zur Begründung, Erklärung und damit auch i. w. S. sozialen Stabilisierung ihrer Lebensformen zu dienen pflegen.

Zu unterscheiden sind im Bereich der völkerbezogenen Mythen für das allgemeinhistoische Interesse vor allem:

brauchtums- und kulturbezogene Wesenbestimmungsmythen,

Abstammungs und andere Geschichtsmythen,

religiöse (siehe Kap. 3) Missionsmythen und

Herrschafts- und politikbezogene Legitimations- oder Destruktionsmythen.

Diese Mythentypen finden sich in verschiedenartiger Verbindung in den im folgenden präsentierten Quellentextbeispielen und werden in ihrer konkreten Funktion bei deren Analyse am besten deutlich. Auch in Kap. 5 findet sich Anschauungsmaterial zu diesem Themenaspekt.

2) Abstammungs- und Wesensbestimmungsmythen für fremde Völker, am Beispiel einer Beschreibung des germanischen Volkscharakters durch Tacitus.

Zu den im nachfolgenden Text enthaltenen völkerbezogenen Mythen siehe oben Abschnitt 1 (Übung 4).

Mythen der Germanen und über die Germanen: Tacitus, Germania 1 - 4.

Lat. und deutscher Text aus: Tacitus, Germania. Lateinisch - Deutsch. Übersetzt, erläutert und mit einem Nachwort herausgegeben von Manfred Fuhrmann, Stuttgart 1989, S. 4 - 9.

3) Die mythische Begründung und Sendung eines Volkes aus dessen historisch-kultureller Innenperspektive, am Beispiel des israelitischen Volkes im biblischen Mythos.

Aus den beiden im folgenden präsentierten Textbeispielen aus dem Alten Testament der Bibel gehen verschiedene Formen eines ethnischen Selbstverständnisses hervor. Einmal ist es die Vorstellung des 7./6. Jhs. v. Chr. von dem durch Gott besonders beschützten Volk Israel der mythischen Zeit des 'Auszugs aus Ägypten', zum anderen die Vorstellung von dem dem jüdischen Volk der Makkabäer-Zeit ebenso göttlich gebotenen wie gewissermaßen auch natürlich innewohnenden Widerstandgeist gegen religiöse, kulturelle und politische Überfremdung. Zwar haben beide Mythen einen stark religiösen Charakter - und könnten insoweit auch im Rahmen des Kap. 3 erörtert werden - , aber ihre enge Verbindung mit einer ethnisch-kulturellen und politisch-militärischen Selbstbehauptung - einerseits gegen die Reichsnachbarn des 7./6. Jhs., andererseits gegen die seleukidische Fremdherrschaft - ist ebenso wichtig für ihre Klassifikation.

Der Mythos von der Berufung des Mose zur Führung des Volkes Israel: Exodus 3, 1 - 14).

Deutsche Übersetzung nach: Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments mit Einleitungen zu jedem der biblischen Bücher und erklärenden Anmerkungen zu den Texten. In ungekürzter Fassung herausgegeben von T. Schwegler und A. Herzog (Große Familien-Bibel), Zürich 1974, S. 97 f.


Eine mythische Verkörperung jüdischen Widerstandgeistes in Kampf gegen die Seleukidenherrschaft. Judiths Siegeslied, Buch Judith, Kap, 16, 1 - 17.

Deutsche Übersetzung nach: Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments mit Einleitungen zu jedem der biblischen Bücher und erklärenden Anmerkungen zu den Texten. In ungekürzter Fassung herausgegeben von T. Schwegler und A. Herzog (Große Familien-Bibel), Zürich 1974, S. 591 f.

4) Mythische Momente in der Deutung der griechischen Volksgeschichte.

Die nachfolgende, aus Thukydides (ca. 460 - ca. 400 v. Chr.) 'Peoponnesischem Krieg' entnommene Textpassage bringt Vorstellungen über eine weitgehende Disparatheit und politische Ohnmacht der Griechenstämme der frühen griechischen Geschichte zum Ausdruck, der die Entwicklung jüngerer Zeiten mit dem flottenmachtbegründeten Herrschaftsmachtzuwachs in einzelnen Gemeinwesen - wie etwa Athen - und der Herausbildung panhellenischer Formen des Selbstverständnisses gegenüberstehe. Die Gegenwart sieht Thukydides dabei - in einer , wie es scheint, geschichtsmythischen Überakzentuierung- als Klimax einer seit Frühzeiten angelegten griechischen Geschichtsentwicklung an.

Der von Herodot (ca. 480 - ca. 430 v. Chr.) stammende Text bringt auf exemplarische Weise traditionelle, mythisch formulierte Erklärungen eines grundsätzlichen und dauerhaften Konflikts zwischen 'Griechen' und 'Asiaten' zum Ausdruck.

Thukydides über Enstehung und Wesen der frühen hellenischen Völkergemeinschaft, Peloponnesischer Krieg 1. 1 - 3 und 12 - 20.

Deutsche Übersetzung aus: Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges. Herausgegeben und übersetzt von Georg Peter Landmann, 2 Bde., München 1973, Bd. 1, S. 23 f. und 30 - 34.


Die Ursprünge des griechisch-persischen Konfikt im Mythos. Herodot, Historien,1, 1 - 6.

Deutsche Übersetzung nach: Herodot, Historien. Deutsche Gesamtausgabe. Übersetzt von A. Horneffer. Neu herausgegeben und erläutert von H. W. Haussig. Mit einer Einleitung von W. F. Otto, Stuttgart 1971 4, S. 1 - 3.

5) Mythische Momente im kulturellen und politischen Selbstverständnis und Sendungsbewußtsein eines Stadtvolkes, am Beispiel der Athener im peloponnesischen Krieg.

Die von Thukydides wiedergegebene und gestaltete Rede des Perikles 'Vom Kranze', gehalten zu Beginn des Peloponnersischen Krieges, enthält den zentrale Elemente eines ethnischen - hier vor allem politisch und kulturell akzentuierten - Selbstbewußtseins, wie es in der damaligen Kriegslage angesichts der Notwendigkeit, die zu erbringenden Opfer zu begründen, besondere Ausprägung findet, aber auch in späteren Epochen und in Friedenszeiten lebendig bleibt.

Über das Wesen der Athener. Aus der Rede des Perikles 'Vom Kranze' (431/430 v. Chr.) in der Wiedergabe bei Thukydides, Peloponnesischer Krieg, 2, 37 - 41.

Deutsche Übersetzung aus: Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges. Herausgegeben und übersetzt von Georg Peter Landmann, 2 Bde., München 1973, Bd. 1, S. 140 - 143.

6) Die politische und kulturelle Bestimmung des römischen Volkes im politisch geförderten literarischen Mythos, am Beispiel der Aeneis Vergils.

Die von Vergil (70 - 19 v. Chr.) stammende, auch ideell der augusteischen Epoche zugehörende Gestaltung der Aeneas-Legende enthält in ihrem Kern sowohl eine Aussage über einen vorherbestimmten Charakter des römischen Volkes als universellen Herrschaftsvolks als auch über die Vorherbestimmtheit einer umfassend-friedenstiftenden, ein neues Weltalter einleitenden augusteischen Herrschaft. Beides sind in besonders ausgeprägter Weise geschichtzsmythische Aussagen.

Roms Bestimmung nach der Weissagung des Anchises. Vergil, Aeneis, 6. Gesang, 847 - 854.

Dt. Übersetzung aus: Vergil, Aeneis, verdeutscht von Thassilo von Scheffer, Wiesbaden, um 1950, S. 187 - Lat. Text : P. Vergilii Maronis Aeneis, in usum scholarum recognovit Otto Ribbeck, Leipzig 1978, S. 214.

7) Literatur, Medien, Quellen.

L.

Klaus E. Müller, Geschichte der antiken Ethnologie, Hamburg 1997.

Hans-Werner Goetz, Karl-Wilhelm Welwei (Hg.), Altes Germanien. Aiszüge aus den antiken Quellen über die Germanen und ihre Beziehungen zum römischen Reiche. Quellen zur Alten Geschichte bis zum Jahre 238 n. Chr., 2 Teile (Bd. 1a und b der Reihe 'Ausgewählte quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters, Freiherr-vom-Stein-Gedächtnis-Ausgabe, begründet von udolf Buchner und fortgeführt von Franz-Josef Schmale), Darmstadt 1995. Vesrehen mit einer eigehenden Einführung und einer Übersicht über den derzeitigen Forschungsstand.

Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie, Stuttgart 1984.

R. L. M. Derolez, Götter und Mythen der Germanen, Dt. Übersetzung von Julie von Wattenwyl, (1959) Wiesbaen 1974.

Dieter Timpe, Die Söhne des Mannus, Chiron 21 (1991), S. 69 - 124.

Martin Noth. Die Welt des Alten Testaments. Eine Einführung. Bearbeitung von Hans Walter Wolff, (1968) Freiburg i. Br. 1992, S. 210 ff (Die Vöker des Alten Orient).

R. de Vaux, Das Alte Testament und seine Lebensordnungen, 2 Bde., Freiburg 1960 2 , Bd. 1, S. 17 ff. (Nomadische Frühzeit der Israeliten).

Johann Maier, Das Judentum. Von der Biblischen Zeit bis zur Moderne, München, Bindlach 1988 3, S. 35 ff. (Frühgeschichte der jahveverehrenden Gruppen), S. 159 ff. (Das Judentum in der hellenistisch-römischen Welt).

Martin Noth, Das zweite Buch Mose, Göttingen 1959 2.

F. Stummer, Das Buch Judith, Würzburg 1950.

M. I. Finley, Die Griechen. Eine Einführung in ihre Geschichte und Zivilisation, München 1983 2.

W. F. Otto, Herodot und die Frühzeit der Geschichtsschreibung, in: Herodot, Historien. Deutsche Gesamtausgabe. Übersetzt von A. Horneffer. Neu herausgegeben und erläutert von H. W. Haussig. , Stuttgart 1971 4, S. 1 - 3. XI - XXVIII.

K. W. Welwei, Die griechische Polis. Verfassung und Gesellschaft in archaischer und klassischer Zeit, Stuttgart 1983.

H. Herter (Hg.), Thukydides, Darmstadt 1968.

Friedrich Klingner, Virgil und die römische Idee des Friedes, in: ders., Römische Geisteswelt, München 1965 5, S. 614 - 645.

H. Strassburger, Zur Sage von der Gründung Roms, Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, philosophisch-historische Klasse, 1968, Nr. 5.

Q.

Tacitus, Germania 1 - 4. Lat. und deutscher Text aus: Tacitus, Germania. Lateinisch - Deutsch. Übersetzt, erläutert und mit einem Nachwort herausgegeben von Manfred Fuhrmann, Stuttgart 1989, S. 4 - 9.

Exodus 3, 1 - 14). Deutsche Übersetzung nach: Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments mit Einleitungen zu jedem der biblischen Bücher und erklärenden Anmerkungen zu den Texten. In ungekürzter Fassung herausgegeben von T. Schwegler und A. Herzog (Große Familien-Bibel), Zürich 1974, S. 97 f.

Buch Judith, Kap, 16, 1 - 17. Deutsche Übersetzung nach: Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments mit Einleitungen zu jedem der biblischen Bücher und erklärenden Anmerkungen zu den Texten. In ungekürzter Fassung herausgegeben von T. Schwegler und A. Herzog (Große Familien-Bibel), Zürich 1974, S. 591 f.

Thukydides, Peloponnesischer Krieg 1. 1 - 3 und 12 - 20.Deutsche Übersetzung aus: Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges. Herausgegeben und übersetzt von Georg Peter Landmann, 2 Bde., München 1973, Bd. 1, S. 23 f. und 30 - 34.

Thukydides, Peloponnesischer Krieg, 2, 37 - 41. Deutsche Übersetzung aus: Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges. Herausgegeben und übersetzt von Georg Peter Landmann, 2 Bde., München 1973, Bd. 1, S. 140 - 143.

Herodot, Historien,1, 1 - 6. Deutsche Übersetzung nach: Herodot, Historien. Deutsche Gesamtausgabe. Übersetzt von A. Horneffer. Neu herausgegeben und erläutert von H. W. Haussig. Mit einer Einleitung von W. F. Otto, Stuttgart 1971 4, S. 1 - 3.

Vergil, Aeneis, 6. Gesang, 847 - 854. Dt. Übersetzung aus: Vergil, Aeneis, verdeutscht von Thassilo von Scheffer, Wiesbaden, um 1950, S. 187 - Lat. Text : P. Vergilii Maronis Aeneis, in usum scholarum recognovit Otto Ribbeck, Leipzig 1978, S. 214.


LV Gizewski WS 2002/2003

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de