Kap. 6: Der Mythos in der gesprochenen und geschriebenen Sprache.

ÜBERSICHT

1) Mythennahe Gattungen antiker Sprache.

2) Beispiele aus der Alltagssprache.

3) Beispiele aus Sprachkunst und kunstgerecht gestalteter Sprache.

4) Literatur, Medien und Quellen.

1) Mythennahe Gattungen antiker Sprache.

'Mythos' ist schon nach seiner sprachlichen Herkunft (von griech. 'mythos'; siehe Kap. 1, 1) ein Begriff, der nicht nur weitverbreitete Denk- und Vorstellungsweisen, sondern auch den Vorgang ihrer Verbreitung und Bestärkung im allgemeinen Gebrauch selbst betrifft. Dieser Vorgang setzt als Verständigungsmittel entweder eine Sprech- oder Schreibrache oder eine 'non-verbale' Sprache voraus. 'Non-verbale Sprachen' lassen sich der Kürze und Anschaulichkeit wegen und auch im Hinblick auf ihre, was das vorliegende Thema betrifft, den Sprech- und Schriftsprachen mindestens ebenbürtige Bedeutung als 'Bildsprachen' - in einem weiteren, auch etwa die Musik einschließenden Sinne - bezeichnen. D. h.: ein Mythos kann sich durch Sprechen oder Schreiben oder durch Bildinformationen oder durch andere für eine allgemeine Verständigung taugliche Ausdrucksmittel verbreiten und im allgemeinen Gebrauch stabilisieren.

Gegenüber den 'Bildsprachen' im weiteren Sinne zeichnen sich die Sprech- und insbesondere die Schriftsprachen zwar durch eine im allgemeinen größere Fähigkeit zur Übermittlung realitätsnaher Begriffsbildungen und zu logischen, wahrheitsbezogenen Aussagen aus. Allerdings besteht ihre Verständigungsfunktion und -wirkung nicht nur darin, sondern auch in der Mitteilung von Phantasien, Einschätzungen und Prognosen, Vorurteilen, Gemeinplätzen, von gefühls- oder bewertungsbestimmten Einseitigkeiten des Urteils, und das heißt: auch von Irtümern und Täuschungen. Auch können in den Vorgängen der sprachlichen Begriffsbildung und der wahrheitsbezogenen, logischen Formulierung selbst Aporien und Irrtümer von großer Tragweite enthalten sein, die insoweit dann bildsprachlichen Täuschungen oder Lügen vergleichbar und ebenso wie diese u. U. nur schwer faßbar und aufklärbar sind.

Es gibt ferner in den Sprech- und Schriftsprachen Sprachsituationen und Sprachgattungen, in denen es prioritär überhaupt nicht auf die argumentative Objektivierung klarer realitätsnaher Begriffe und wahrer Aussagen ankommt, wie sie - jedenfalls prinzipiell - etwa von wissenschaftlicher Erkenntnis und Darstellung angestrebt werden, sondern um ihrem Wesen nach letztlich wahheits- und argumentationsindifferente Verfahren der Propagierung, Geltungssicherung oder öffentlichen Durchsetzung bestimmter, aus irgendwelchen anderen Gründen opportuner oder geboten erscheinder Rede- und Denkweisen, insbesondere

autoritätsbasierte, dem Zweifel oder Streit entzogene Feststellungen, etwa der Religion oder der Politik,

die rhetorisch-technische Erzielung von Glaubwürdigkeitseffekten für Überzeugungen, Bewertungen, Annahmen und Einschätzungen,

die ästhetisch-formale Bedeutungsssteigerung sprachlicher Mitteilung ungeachtet ihrer inhaltlichen Überprüfbarkeit.

Diese durch wahrheits- und argumentationsindiiferente Meinungsbildungsverfahren gekennzeichneten Sprachsituationen und -gattungen gibt es sowohl in der alltäglichen als auch in der i. w. S. künstlerisch oder kunstgerecht gestalteten Sprache. Sie sind vielfältig und können im folgenden nur in einigen, allerdings historisch wichtigen Klassen angesprochen werden.

Übung 6.

AUFGABEN:

Das unten zu 2 a) wiedergegebene christliche Glaubensbekenntnis in seiner vom Konzil zu Konstantinopel d. J. 381 n. Chr. beschlossenen Form ist noch heute ein für das christliche Glaubensleben, darüber hinaus aber auch für die christlich-religiös geprägten Kulturen der Welt generell zentrales Dokument.

a) In welchen Sprachen gibt der Quellentext dieses Bekenntnis wieder und warum? Wie können Sie seinen Inhalt ohne größere Schwierigkeiten ermitteln? Sind die Ihnen zugänglichen Übersetzungen ins Deutsche wortgenau oder enthalten sie sachlich wichtige Veränderungen?

b) Inwiefern handelt es sich um einen gedanklich außerordentlich sorgfältig gestalteten und auch sprachlich beeindruckenden Text? Was bezweckt er?

c) Welche mythischen Elemente enthält das Dokument Ihres Erachtens? Läßt der Text seiner Intention nach einen Widerspruch oder eine Diskussion über seine Inhalte zu?

d) Wo erkennen Sie evtl. Gemeinsamkeiten zwischen der in dem christlichen Glaubensbekenntnis d. J. 381 n. Chr. erkennbaren religiösen Vorstellungswelt und anderen Ihnen bekannten religiösen oder philosophischen Ideen der Antike?


In der Alltagssprache lassen sich etwa folgende Gattungen hervorheben:

Die (nicht-literarische) Gattung des 'Gemeinplatzes', d. h. einer im alltäglichen, allgemeinen Bewußtsein verbreiteten, normalerweise von 'jedermann' akzeptierten Annahme oder Bewertung, betrifft gewissermaßen den Inbegriff einer mythischen Mitteilung. Ihre Autorität leitet sie nicht aus ihrer erwiesenen Wahrheit, sondern aus einer normativ wirkenden 'Allgemeinüblichkeit' her, mit der das Individuum sich normalerweise nicht in Konflikt zu setzen pflegt.

'Gerüchte', d. h. innerhalb einer Population sich schnell und weit verbreitende Nachrichten und Neuigkeiten ohne erkennbare oder ernstzunehmende Quelle oder nachprüfbaren Wahrheitsgehalt, bilden ebenfalls eine alltagssprachliche Gattung stark mythischen Charakters, und zwar um so mehr, je schneller und weiter sie sich ohne eine angemessene Erkenntnisgrundlage verbreiten. Gründe für ihre allgemein akzeptierte, jedoch nur scheinbare 'Glaubwürdigkeit' können in allgemeinverbreiteten Voreinstellungen, Stimmungen, Erklärungs- und Aktionsbedürfnissen liegen, die eine Neuigkeit oder Nachricht gerade dieser Art für ihre Bestätigung oder Betätigung benötigen. Ihr mythischer Charakter kann daher in besonderem Maße aufklärungsresistent sein. Ihre Autorität schöpfen sie wie der 'Gemeinplatz' aus der 'Allgemeinüblichkeit' der Annahme.

Zu den mythennahen Gattungen der Alltagssprache gehört auch die der dezidierten öffentlichen oder öffentlichkeitsbezogenen Äußerung moralischer, religiöser oder politischer Überzeugungen durch Individuen und Menschengruppen; man kann sie als 'Bekenntnis' zusammenfassen. Diese Gattung schöpft ihre Wirksamkeit aus der Autorität irgendwelcher i. w. S. 'meinungsbildender' Instanzen und Traditionen, die vor allem in Konfliktsituationen von der einen oder anderen Konflikpartei hervorgehoben zu werden pflegen. Ihre Inhalte brauchen nicht falsch oder unrichtig zu sein. Aber es ist nicht zentrales Anliegen eines Bekenntnisses, Wahrheiten zu verbreiten, sondern durch eine sprachliche Geste deutlich zu machen, daß die Wahrheit oder Richtigkeit des Bekannten für den Bekennenden außerhalb jeden Zweifels steht und daß der dennoch daran Zweifelnde als Gegner zu betrachten ist. Das Bekenntnis hat wegen seiner Vorwegbindungen - etwa religiöser oder politischer Art - einen oftmals besonders aufklärungsresistenten Charakter.

Die alltagssprachliche Gattung des 'Sprichwortes' faßt in oftmals unschwer erkennbarer Einseitigkeit Prinzipien und Erfahrungen zusammen, mit deren Hilfe unklare menschliche Entscheidungssituationen bewältigt werden können. Ihre Wirksamkeit können Sprichworte aus einer gegebenen traditionellen Geltung, aber auch aus ihrer formalen Prägnanz und Einprägsamkeit schöpfen. Das ändert aber nichts daran, daß sie - Orakelsprüchen vergleichbar - einem Ratsuchenden situationsbezogen ganz falsche Informationen und Maximen vermitteln können. Sie haben insoweit stark mythischen Charakter.

Als weitere wichtige Gattung alltagssprachlicher Mythenbildung läßt sich der 'Witz' in seinen verschiedenen Erscheinungsarten nennen, wobei hier der öffentlich oder der verborgen, aber dennoch öffentlichkeitswirksam kursierende Witz gemeint ist. Diese Art des Witzes entfaltet eine zumeist gegen Überzeugungen, Traditionen, Selbstdarstellungsweisen, Geltungs- und Herrschaftsansprüche konkreter Individuen oder Menschengruppen gerichtete 'auflösende' Wirkung, und zwar - wie das Gerücht - aufgrund allgemeinverbreiteter Voreinstellungen, Stimmungen, Erklärungs- und Aktionsbedürfnisse, die durch die im Witz enthaltenen Botschaften eine gesuchte Selbstbestätigung oder Handlungsanleitung erfahren. Die vermittelten Botschaften können zutreffend und richtig sein, brauchen es aber nicht, und es ist auch nicht das zentrale Anliegen des Witzes, Wahrheiten zu vermitteln, sondern Wirkungen zu erzielen. Er ist insoweit als Mittel einer alltagssprachlichen 'Rhetorik' anzusehen, die ihremWesen nach nicht eigentlich 'aufklärenden', wie es manchmal scheint, sondern eher 'mythischen' Mitteilungen zuneigt.

In besonderem Maße mythennah sind schließlich formelhafte, weitverbreitete Aussagen, die sich auf die Zukunft, die Notwendigkeit, Möglichkeit oder Unmöglickeit von Geschehnissen und Erscheinungen bzw. auf eine zu bejahende oder zu verneinde 'Realitätsnähe' eines Urteils über sie beziehen. Besonders gute Beispiele dafür sind etwa Aussagen über den notwendigen künftigen Lauf der Geschichte oder über die 'Realitätsferne' alternativ zu jeweils gegenwärtigen Ordnungen konzipierter politischer oder wirtschaftlicher Modellvorstellungen oder über die wesensgemäße Unmöglichkeit irgendeines unerwünschten menschlichen Verhaltens. In derartigen Fällen pflegt das Urteil in interessen- oder überzeugungsbbestimmten Akten der Selbst- und der Fremdttäuschung dezidierte Festlegungen zu treffen, die in ihrer Wirkung dem Bekenntnis gleichen, aber dessen offen-konfrontativen Charakter vermeiden. Die Vorverlagerung des Bekenntnisses in die Ebene der Möglichkeits- und Realitätsbeurteilung pflegt sich mit der Konstruktion eines religiösen, kulturbezogenen oder politischen Mythos zu verbinden, der dem grenzüberschreitenden Urteil einen öffentlich wirksamen Zuverlässigkeitsschein gibt.

Künsterisch oder kunstgerecht gestaltete Gattungen der Sprache können dem Mythos dann besonders nahestehen, wenn ihre ästhetische Form oder ihre pragmatisch-zielgerichtete Anlage oder ihre bestimmten mythenerzeugenden Lebensbereichen traditionell verbundene Gattungstradition nicht primär in die Richtung einer objektivierbarenWahrheitsvermittlung wirken sollen, sondern vielmehr vor allem religiösen Mythen und Handlungen, Kunst- und Unterhaltungszwecken oder politischen Bekenntnissen und Bewegungen Ausdruck verleihen wollen.

Gebete, andere sprachliche Kulthandlungen, magische Formeln, Orakel und andere Weissagungen lassen sich als eine Gattung einer kunstgerecht gestalteter Sprache verstehen, die aus der religiösen Praxis i. w. S. hervorgeht. Sie pflegen in der Antike in feierlicher, oft metrisch gebundener Sprache etwa von Priestern, Propheten und anderen gottnahen Menschen entworfen und von Gläubigen angenommen und verbreitet zu werden. Im Mittelpunkt ihrer Mitteilungen stehen naturgemäß religiöse Mythen.

Die literarischen Gattungen des antiken Dramas, Komödie und Tragödie, stehen traditionell dem politisch-religiösen Festwesen der griechischen Poleis, der hellenistischen Reiche und später Roms und des römischen Reiches nahe. Sie behandeln daher in den ersten Jahrhunderten ihrer Entwicklung zumeist religiös-mythische Motive oder stehen ihnen doch, wo das nicht der Fall ist, durch eine religiös geprägte, kathartisch-sittenprägende Absicht nahe. Im Laufe der antiken kulturgeschichtlichen Entwicklung machen sie zwar einen Wandel zur überwiegend ästhetisch anspruchsvollen Publikumsunterhaltung durch. Stets hat jedoch auch dabei die religiös-mythische Motivwahl eine besondere Bedeutung; die meisten auch aus späteren Eöpochen der Antike überlieferten Dramen haben jedenfalls solche Motive. Die 'dramatische' Gestaltungsform eines Stoffes pflegt außerdem nicht einmal dann, wenn sie es an sich könnte, irgendeinen realen Geschehensablauf zu ihrem Gegenstand zu machen. Vielmehr pflegt sie irgendein - im Hinblick etwa auf menschliches Schicksal und Wesen interessantes - Geschehen und Reden unter Menschen nach erzählerischen Prinzipien des Kontrasts und der Linie, der Geschehensvorbereitung und -kulmination, der Haupt- und Nebenmotive und ihrer Variation, der Andeutung und Entdeckung, des Spannungsaufbaus und der Spannungslösung darzustellen.Da diese Gestaltungsprinzipien dem 'natürlichen Geschehen' unter Menschen zwar gelegentlich zukommen können, aber doch meistens zu fehlen pflegen, handelt es sich bei dramatischen Stoffen im Kern ihrer Botschaft um mythische Mitteilungen, deren 'Dramatik' ihr zentrales Anliegen ist. Das Drama ist schließlich auch deswegen eine mythennahe Gattung der küntlerisch gestalteten Sprache, weil ihre sprechsprachlichen Aussagen durch i. w. S. bildpsprachliche Zusatzaussagen - etwa in bgeleitenden szenische Bildgestaltungen oder in der Chorlyrik - eine gewissermaßen 'antik-multimediale' Verstärkung zu erfahren pflegen.

Die poetisch-literarischen Gattungen des 'Epos' und der Lyrik stehen in der antiken Religions- und Bildungstradition religiösen Kulthandlungen, etwa dem Gebet oder dem Lobpreis der Gottheit, oder der religiösen Deutung des Kosmos und der Geschichte nahe. In der Übertragung auf den profanen Bereich sind sie eng mit dem Zweck des Preises verdienter oder geliebter Menschen oder als wertvoll bekannter Sitten und Gebräuche verbunden. Sie repäsentieren durch ihre traditionelle Form auch eine geistige und gefühlsmäßige Selbstvergewisserung des Menschen in seiner 'existenziellen' Situation, die nicht selten in sprachlichen Bildern und Symbolen, also in nicht-explizierten und objektivierbaren Mitteilungen, hinreichenden Ausdruck zu finden vermag. Im politischen Bereich können sie Mittel des Staats- und Herrscher-Panegyrik sein. In all diesen Fällen ist der Kerngehalt der Mitteilung auf verschiedene Weise tendenziell mythischer Natur.

Auch literarische Gattungen, die man als 'Belehrungs- und Erzähl-Literatur' zusammenfassen kann, sind traditionell eher der menschlichen Welt zugewandt und verwenden eher eine metrischbungebundene Sprache ('Prosa'). Trotz ihres belehrenden oder erzählenden und damit an sich der Erkenntnis und der Realität zugewandten Charakters stehen sie dennoch in starkem Maße auch mythischen Botschaften offen. Das gilt etwa für poetische oder prosaische Weisheitslehren, die funktionell der o. e. alltagssprachlichen Gattung des 'Sprichwortes' ähneln, und für die ihnen eigentlich als Untergruppe zuzurechnenden Fabeln oder Parabeln, die in erzählerischer, metrisch gebundener oder prosaischer, aber jeweils eindrücklicher Form, sittliche Einsichten vermitteln sollen. In ihnen ist oftmals ein Mythos von Menschennatur und gesellschaftlicher Ordnung der Vater der einzelnen Gedanken. Auch die nach heutigen Maßstäben 'romanhafte' Erzählung, die sich in hellenistischer und römischer Zeit als prosaisch-poetische Mischgattung aus Elementen des Epos, der Lyrik, des Dramas und der Rhetorik entwickelt, pflegt für mythische Kernaussagen offen zu sein, aus ähnlichen Gründen, die dies bei den Ausganggattungen bewirken, insbesondere aber wegen ihrer 'dramatischen' Grundintentionen.

Die kunstgerechte öffentliche, insbesondere die politische Rede wendet sich an ein 'Publikum' und muß dessen vielfach mythischen Voreinstellungen und Erwartungen aller Art mit einer Kunst 'topischen' Argumentierens gerecht werden. Dabei steht nicht die Wahrheit im Vordergrund der rednerischen Aktion; vielmehr geht es darum, mit der Fülle der Mittel kunstgerecht gestaltender und ggf. auch bewußt täuschender Sprachmacht publikumsmobilisierende Wirkungen zu erzielen. Dazu gehört auch, daß die rhetorisch aktive Instanz ggf. eigeninitiativ nach Bedarf Mythen neuschafft und verbreitet. Gerade dies - die Mythenbildung und -bestärkung im Dienste etwa einer politischen Sache - ist ein wesentliches Moment strategisch konzipierter Agitation und Propaganda; denn sie kann sich nicht mit einem zwar vielfach vorurteilshaften, aber oft auch sehr heterogenen und politisch unbrauchbaren 'common sense' zufriedengeben, sondern muß und will ihn in bestimmte Richtungen vereinseitigen undin Bewegung bringen.

Es sei nochmals hervorgehoben, daß es in diesen Ausführungen jeweils um Mythen, also um weitverbreitete, allgemein anerkannte Aussagen oder Aussagesysteme geht, deren Inhalte in wahrheitsindifferenten oder -resistenten Meinungsbildungsverfahren zu entstehen pflegen. Nicht jede unrichtige Aussage, nicht jede bewußte Täuschung ist also ein 'Mythos' i. S. des hier verwendeten Begriffs, der seine historische Nützlichkeit und Schärfe verlöre, wenn er nicht auf historisch profilierte, allgemeinübliche, publikumswirksame Denk- und Redeweisen und ihre jeweilige gesellschaftliche Bedeutung konzentriert bliebe.

2) Beispiele aus der Alltagssprache.

a) Der Gemeinplatz und .das Sprichwort.

An den nachfogend zusammengefaßten Sprichworten fällt nicht nur die dem Sprichwort eigene 'lakonische' Vereinseitigung der jeweils definierten Handlungsmaxime oder Erfahrung, sondern auch die immer wieder witzige Form des Ausspruchs auf. Gegenüber eindrucksvollen sprachlichen Formmomenten dieser Art tritt das Bedürfnis, den Inhalt auf Wahrheit und Richtigkeit zu überprüfen, zurück, ja es wird in der alltäglichen Sprechsituation zum ungeselligen, unfreundlichen Sozialverhalten. Die andere Seite bleibt, so unsinnig ihre sprichwörtlich und witzig verkündete Botschaft ggf. auch sein mag, zunächst einmal im rhetorischen Vorteil.

Byzantinische Sprichworte.

Zusammengestellt und übersetzt von H. G. Beck, in: ders., Das byzantinische Jahrtausend, München 1978, S. 342.

b) Das alltagssprachliche Bekenntnis.

Catos Ablehnung griechischer Medizin ist ein Beispiel für eine parteiliches, um die Aufklärung der Verhältnisse nicht weiter bemühtes, sondern in typischer Weise von Xenophobie bestimmtes Vorurteil. In ihm schwingt einerseits die Achtung vor kultureller Überlegenheit, andererseits aber auch die Furcht vor der Rache der militärisch Besiegten und politisch Beherrschten mit. Wegen seiner weiten Verbreitung im Rom dieser Zeit darf man von einem Mythos sprechen. Er wirkte in Rom trotz der allmählichen Adaptation der höheren Gesellschaft und des breiten Volkes an griechisch-hellenistische Kultur auf verschiedene Weise noch lange nach.

Die im biblischen Buche Jesus Sirach bekannten Lebensmaximen -Achtung vor den Eltern und Selbstbescheidung - werden als Ausfluß und Gebot göttlicher Weisheit dargestellt. Sie lassen sich deswegen und wegen ihrer Fixierung im allgemeinen Brauchtum auch als Beispiel für einen religiösen Mythos erörtern, welcher wichtige Normen der Tradition als göttlich gegebene begreift und bewertet. Ein Widerspruch gegen so begründete Normen ist aus diesem Grunde kaum möglich, selbst wenn sie hier und da unwahr und unrichtig sein können.

Das Bekenntnis einer griechenfeindlichen Überzeugung bei Cato d. Ä.: Plinius, Naturalis Historia 27, 7, 14

Lateinischer Text und deutsche Übersetzung nach: Marcus Porcius Cato, Vom Landbau. Fragmente. Alle erhaltenen Schiften. Lateinisch - deutsch- Herausgegeben von Otto Schönberger, München 1980, S. 274 f.

Das Bekenntnis zu Lebensmaximen als von Gott kommender Weisheitslehre. Das Buch Jesus Sirach (Ecclesiasticus), Kap. 1, 1 - 10 und Kap. 3, 1 - 29.

Deutsche Übersetzung nach: Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments mit Einleitungen zu jedem der biblischen Bücher und erklärenden Anmerkungen zu den Texten. In ungekürzter Fassung herausgegeben von T. Schwegler und A. Herzog (Große Familien-Bibel), Zürich 1974, S.1308 f. und 1310 - 1312.

c) Das Gerücht.

Der von Thukydides dargestellte 'Hermenfrevel' d. J. 415 v. Chr. und seine Folgen sind ein Beispiel für eine aus mehreren förderlichen Rahmenbedingungen hervorgehenden Gerüchtbildung im politischen Raum, die letztlich die Grundlage eines gegen Alkibiades ausgesprochenen Todesurteils ist. Ein bei dieser Gerüchtbildung wirksames Moment ist die Annahme, nur ein Mann wie Alkibiades könne mit religiösen Bräuchen Mutwillen treiben und werde in seiner Selbstherrlichkeit letztlich die Tyrannis anstreben. Man kann das als ein anti-aristokratisches Vorurteil bezeichnen und wegen seiner allgemeinen Verankerung in der öffentlichen demokratischen Meinung Athens auch als eine Art demokratischen Mythos.

Die Eigendynamik eines politischen Gerüchts auf der Grundlage kollektiver Vorurteile und Befürchtungen: der 'Hermenfrevel' im Athen d. J. 415 v. Chr. und die Verurteilung des Alkibiades: Thukydides, Peloponnesischer Ktieg 6, 8 - 61.

Deutsche Übersetzung aus: Thukydids, Geschichte des Peoponnesischen Kriefges. Herausgegeben und übersetzt von Georg Peter Landmann, 2 Bde., München 1973, Bd. 2, S. 449 - 486 (mit größeren, für den vorliegenden Erläuterungsweck nicht störenden Auslassungen).

d) Der alltagsspachliche Witz.

Siehe zum folgenden die Vorbemerkung zu 2 a).

Byzantinische Sprichwörter.

Zusammengestellt und übersetzt von H. G. Beck, in: ders., Das byzantinische Jahrtausend, München 1978, S. 342.

f) Prognose, Realitäts- und Möglichkeitseinschätzung.

Die Voraussage des Iosephus gegenüber dem zur Zeit der Besetzung des aufständischen Iudaea noch weit vom Kaiseramt entfernten Vespasian, er werde einmal Kaiser werden, ist nichts weiter als eine objektiv riskante Möglichkeitseinschätzung, die, als von Gott selbst inspirierte Prophezeiung auftretend, unbezweifelbare Gewißheit zu haben vorgibt. Ihr eigentlicher Zweck ist die unzweideutige Anerkennung des letztentscheidendeen Siegers durch den prominenten und daher von besonderer Bestrafung bedrohten Besiegten, allerdings nicht in Form einer einfachen, direkten Unterwerfungserklärung, sondern in Form einer edler wirkenden Aussage über eine abgeblich notwendige und gottgewollte künftige Entwicklung , in der ein Widerstand gegen den Sieger - und das römische Reich generell - keinen Platz mehr habe und ein persönliches ebenso wie ein allgemeines jüdisches Loyalitätsverhältnis deshalb geboten sei. Letzteres ist der von Iosephus propagierte Mythos. Iosephus verdankt vermutlich gerade deswegen Vespasian seine Rettung vor demonstrativer Todesstrafe oder Versklavung und erhält später - nach dem Gentilnamen seines Patrons - angemessen und publikumswirksam den Freigelassenen-Familien-Namen 'Flavius'.

Eine politisch motivierte 'Prognose' über künftige Herrschaft: die Prophezeiung des Flavius Iosephus gegenüber Vespasian, in: Der jüdische Krieg 3, 8, 8 f.

Deutsche Übersetzung: Flavius Josephus, Der Jüdische Krieg - De bello Iudaico. Übetragen und eingeleitet von Hermann Endrös, 2 Bde. München 1965, Bd. 1, S. 305 - 307.

3) Beispiele aus Sprachkunst und kunstgerecht gestalteter Sprache.

a) Gebet, Weissagung und Bekenntnis.

Die ausgearbeitete, traditionsreiche kultische Form des Sprachgebrauchs entspricht dem Inhalt der von Cato überlieferten Gebetsformeln und gibt deren religiös-mythischer Grundlage einen pragmatischen Rahmen, welcher sie aller 'Überprüfung' oder Diskussion entzieht, es sei denn, die Existenz der angerufenen Götter und Geistwesen werde grundsätzlich als bezweifelbar angenommen. Ein grundsätzlicher Atheismus ist aus der Antike aber nur selten überliefert.

Gebete und andere Kulthandlungen bei der Entsühnung der Feldflur nach römisch-religiösem Brauch. Cato, De agricultura 141. 1 - 4.

Lateinischer Text und deutsche Übersetzung nach: Marcus Porcius Cato, Vom Landbau. Fragmente. Alle erhaltenen Schiften. Lateinisch - deutsch- Herausgegeben von Otto Schönberger, München 1980, S. 143.

Aus göttlicher Offenbarung hergeleitete Voraussagen über künftiges Geschehen, wie sie die unten zitierten Passagen aus den in ihrer vorliegenden Form dem 3./4. Jh. n. Chr. zuzurechnenden 'Sibyllinischen Büchern' enthalten, schließen ihrer äußeren Form und ihrem inneren Auroritätsanspruch argumentativen Widerspruch aus, es sei denn, der Widersprechende ziehe die Möglichkeit solcher Voraussagen generell in Zweifel. Im vorliegenden Falle handelt es sich deutlich um 'vatcinationes ex eventu', welche einen solchen Zweifel auch schon in der Antike häufiger begründet haben dürften. Der in ihnen enthaltene Mythos besagt, daß alles Weltgeschehen im allgemeinen vorherbestimmt sei und daß insbesondere der nicht-christlichen Welt bestimmt sei, am Ende aller Tage einem göttlichen Gericht zu unterliegen.

Poetisch gestaltete Orakel 'ex eventu' zur Zukunft Griechenlands, Roms und Ägyptens. Sibyllinische Weissagungen 5, 1 - 85.

Deutsche Übersetzung aus: Sibyllinische Weissagungen. Griechisch - deutsch. Auf der Grundlage der Ausgabe von Alfons Kurfeß neu übersetzt und herausgegeben von Jörg-Dieter Gauger. Düssseldorf, Zürich 1998, S. 124 - 129.

Ähnlich besagt der in der zitierten Stelle der Johannes-Apokalypse - einer zu den kanonischen Büchern des Neuen Testaments gehörenden inspirierten Vision - enthaltene Mythos, daß 'Babylon', dem Inbegriff aller vergänglichen, verdorbenen und bösartigen Herrschaftsmacht auf der Welt, der Untergang und die Bestrafung im künftigen Gericht am Ende aller Tage vorherbestimmt sei. In der zur Zeit der domitianischen Christenverfolgungen - um etwa 100 n. Chr. - entstandenen Johannes-Apokalypse ist damit indirekt die christenfeindliche römische Weltherrschaft gemeint; der Mythos begründet dieser gegenüber eine grundsätzliche christliche Illoyalität.

Die geistliche Vision des künftigen Untergangs einer verhaßten Macht (Babylon-Roms): Johannes-Apokalypse 18, 1 - 8.

Deutsche Übersetzung nach: Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments mit Einleitungen zu jedem der biblischen Bücher und erklärenden Anmerkungen zu den Texten. In ungekürzter Fassung herausgegeben von T. Schwegler und A. Herzog (Große Familien-Bibel), Zürich 1974, S. 1775.

Das christliche Glaubensbekenntnis in seiner antiken, bis heute im Christentum verbindlich gebliebenen Form ist ein Paradigma für ein theologisch, philosophisch und politisch abgesichertes, aber zugleich der Diskussion entzogenes und damit widerspruchsresistentes System verbindlicher Glaubensaussagen, deren Inhalte schon aus diesem Grunde in allen Aspekten mythischen Charakter haben. Die im christlichen Glaubensbekenntnis enthaltenen Mythen brauchen wegen ihres mythischen Charakters - wie prinzipiell alle Mythen - nicht unwahr und unrichtig zu sein. Vielmehr sind sie Grundlage wesentlicher grundsätzlicher Orientierungen menschlichen Handelns, die bis heute, teils direkt, teils in säkular transformierter Form, fortwirken. Die Form des Bekenntnisses schließt aber - in diesem Fall besonders deutlich - an sich denkbare Alternativen des Denekns und vorstellens prinzipiell und mit äußerster Entschiedenheit aus.

Das christliche Glaubensbekenntnis in der theologisch ausgearbeiteten Form des 'Symbolum Nicaeno-Constantinopolitanum'.

Lat. und griech. Text entnommen aus: Conciliorum oecumenicorum decreta. Edidit Centro di Documentazione, Istituto per le scienze Religiose, Bologna, curantibus Josepho Alberigo, Perikle-P. Joannou, Claudio Leonardi, P. Joannou, Claudio Leonardi, Paulo Prodi, consultante Huberto Jedin, Basel u. a. O. 1962, S. 20.

b) Drama.

Die wiedergebene Passage aus der Tragödie 'Die Perser' von Aischylos stellt in der gattungseigentümlichen feierlichen Sprachform und ebenso anschaulicher und abschreckender Farbigkeit die Niederlage der persischen Flotte in der Seeschlacht bei Salamis und den Abzug des Perserheeres aus Griechenland i. J. 479 v. Chr. dar. Die deutlich erkennbare Botschaft dieser historisch-dramatischen Schlachtenbeschreibung ist, es sei Wille der Götter gewesen, Athen, 'die Stadt der Pallas Athene' zu schützen, und das Werk eines bösen Dämon, den persischen Großkönig zu seiner Expedition nach Griechenland zu bewegen und dort trotz militäroscher Übermacht in jeder Hinsicht scheitern zu lassen. Dies kann ohne weiteres als religiöser Mythos bezeichnet werden. Daneben enthält die Passage auch eine keineswegs zwingende und historisch auch nicht inngrößerem Umfang wahr gewordene politische Einschätzung, nämlich: dem perisichen Reich sei wegen dieser gottgewollten Niederlage bestimmt zu zerfallen, und folglich den bisher unter seiner Herrschaft stehenden Völkern, von persischer Herrschaft frei zu werden. Dies ist erkennbar ein gezielt propagierter politischer Mythos, der eine unmittelbare Verbindung zwischen dem Drama des Aischylos und dem politischen Geschehen seiner Entstehungszeit (Uraufführung i. J. 472 v. Chr.) , den antipersischen Flottenexpeditionen des i. J. 477 v. Chr. gegründeten attischen Seebaundes, herstellt.

Eine Kriegsniederlage als Wirken eines Dämons und Gotteswille. Aischylos, Die Perser 249 - 599.

Deutsche Übersetzung aus: Griechisches Theater [Tragödien und Komödien des Auschylos (Die Perser. Sieben gegen Theben). Sophokles (Antigone. König Oedipüus. Elektra)., Aristophanes (Die Vögel. Lysistrata) und Menander (Das Schiedsgericht)]. Deutsch von Wolfgang Schadewaldt. Mit Nachwort und Erklärungen zu den einzelnen Dramen. Frankfurt 1964, S.16 - 29.

Die während der zweiten Phase des peloponnerischen Krieges entstandene Komödie 'Lysistrata' von Aristophanes nimmt den kriegeruischen Dauerkonflikt zwischen Athenern und Spartanern, der in beiden Lagern immer wieder auch eine gewisse Friedensbereitschaft und -sehnsucht auslöste, mit den Mitteln der Komödie auf, um darüber nachzusinnen, wie er im untypischen Idealfalle am leichtesten und schnellsten zu beenden wäre. Wenn alle oder zumindest einige dies und das täten, was sie üblicherweise nicht zu tun pflegen oder überhaupt zu tun außerstande sind, so ist die Botschaft, dann würden bestimmte Übel. die das Zusammenleben unter den Menschen immer wieder nachhaltig beeinträchtigen, nicht eintreten oder schnell verschwinden. Die Komödie läßt diese Ideallösung als Denkmöglichkeit zu, ja sie neigt gewissenmaßen automoatisch zu derartigen 'idealen Lösungsansätzen' angesichts verworrener und belastender menschlicher Situationen; das ist ihre künstlerische, religiös motvierte Eigenart. Die Ideallösung hat jedoch deutlich einen myhischen Charakter, vergleichbar etwa der Vorstellung vom 'Paradies. Hier sorgt eine Komödie für die Verbreitung dieses Mythos; jeder weiß, daß es sich um einen im wesentlichen nur psychisch entlastenden Komödien-Mythos handelt.

Der Mythos von der Lösbarkeit politischer oder militärischer Konflikte durch entspannte Friedfertigkeit, dargestellt in einer Komödie: Aristophanes, Lysistrata 1112 - 1320.

Deutsche Übersetzung nach: Griechisches Theater [Tragödien und Komödien des Auschylos (Die Perser. Sieben gegen Theben). Sophokles (Antigone. König Oedipüus. Elektra)., Aristophanes (Die Vögel. Lysistrata) und Menander (Das Schiedsgericht)]. Deutsch von Wolfgang Schadewaldt. Mit Nachwort und Erklärungen zu den einzelnen Dramen. Frankfurt 1964, S. 418 - 426. 16 -26. Die kursiv geschriebeben Passagen stellen dramaturgische Interpretationen des Übersetzers dar. Die in der Übersetzung Schadewalds transponierte Versform des altgriechischen Textes wird hier des vorrangigen inhaltlichen Verständinisses wegen nicht wiedergegeben: doch ist sie auch so hinreichend erkennbar.. C. G.

c) Epos und Lyrik.

Zu dem mythischen Charakter der nachfolgenden dichterisch-seherischen Aussagen Hesiods über die Entstehung der Welt: siehe Kap. 1, Abschnitt 3 dieses Skripts (Lösungshinweise zu Aufgabe 1 b),

Die dichterische Deutung der Weltentstehung bei Hesiod (Theogonie, 117 - 239).

Deutsche Übersetzung aus: Hesiod, Sämtliche Werke. Deutsch von Thassilo von Scheffer. Mit einer Übersetzung der Bruchstücke aus den 'Frauenkatalogen' herausgegeben von Ernst Günther Schmidt, (1955) Bremen 1984, S. 58 - 63.

d) Weisheitslehre, Allegorie, Fabel und Prosaerzählung.

Wie Sprichworte enthalten die hier präsentierten, Aesop und Phaedros zugeschriebenen Fabeln nicht mehr und nicht weniger als zwar teilweise berechtigte, aber doch auch sehr akzentuierte allgemeine Thesen über die Angemessenheit eines 'Rechts des Stärkeren' oder über die Notwendigkeit eines grundsätzlichen Mißtrauens gegen ' Abrüstungsvorschläge', insbesondere solcher, die Schwächere Stärkeren, was deren Stärke betrifft, machen. Die Form der Fabel erzeugt den - sachlich unangemssenen - Eindruck einer unwiderleglichen Allgemeingültigkeit, welcher bei Diskussion und Nachprüfung dieser Thesen gewiß korrigiert werden könnte oder gar müßte; denn das Gleichheitspostulat hat - zumindest im politischen und rechtlichen Leben, um das es in den Fabeln offenkundig auch geht - eine fundamental berechtigte Bedeutung, und Abrüstung, sogar eines zeitweilig Stärkeren zugunsten eines zeitweilig Schwächeren, kann bei richtiger Handhabung eine Maßnahme weitsichtiger menschlicher oder politischer Klugheit sein. Auch diese Einsichten ließen sich übrigens leicht in irgendeine Fabel-Form bringen. Die Fabel-Form macht also die innere Textausssage zum Mythos.

Fabeln von Aesop und Phaedrus.

Deutsche Übersetzunge der griechischen oder lateinischen Texte nach: Fabeln der Antike. Herausgegeben und übersetzt von Harry C. Schnur, Darmstadt 1978, S. 104 f., 130 f., 106 - 109, 224 - 227

Die Erzählung von dem Perser, der vor der Schlacht bei Plataiai i. J. 480 v. Chr. einem mit ihm bei einem Gatsmahl tafelnden Griechen gegenüber seine Überzeugung zum Ausdruck gebracht habe, die Perser würden die bevorstehende Schlacht verlieren und dies sei Beschluß der Gottheit, ist ein Beispiel für eine historische Mythenbildung, und zwar nicht deshalb, weil sich die Sache nicht zugetragen haben könnte, sondern weil Herodot und vermutlich auch sein Gewährsmann Thersandros dieses Ereignis, das bei einem durchaus möglichen Sieg der persischen Seite gewiß als unbedeutend eingestuft oder jedenfalls anders gedeutet worden wäre, im nachhinein als indirekten Beweis für ein von der Gottheit über die Perser beschlossenes Verhängnis deuten. Eine derartige 'vaticinatio ex eventu' ist eine typische Form - oft politisch motivierter - historischer Mythenbildung; sie behauptet, das nur Mögliche, vor einer offenen Entscheidungssituation in keiner Weise sicher Absehbare, sei auch notwendig, ja sogar Wille der Götter gewesen. Auf diese Weise pflegt nicht nur hier, sondern auch in anderen geschichtsmythischologischen Zusammenhängen ein ganz unberechtigter Legitimationsschein für die sieg- oder sonst erfolgreiche Seite geschaffen zu werden.

Zu mythischen Momenten in historischen Erzählungen: Herodot. Historien 13 - 16.

Deutsche Übersetzung aus: Herodot, Historien. Deutsche Gesamtausgabe. Übersetzt von A. Horneffer. Neu herausgegeben und erläutert von H. W. Haussig. Mit einer Einleitung von W. Otto, (1971) Stuttgart o. D., 4. Aufl.

Apuleius antik-romanartigen Erzählung handelt von einem Menschen mit dem beziehungsreichen Namen 'Sokrates', der in einen zumeist malträtierten Dienst-Esel verwandelt und, nach einer nichtendenwollenden Zeit härtester Prüfungen und unerwünschtester Veränderungen seiner Lebensperspektiven, in einen Menschen zurückverwandelt wird. Zu Beginn der Erzählung läßt Apuleius indirekt die Frage einer 'tieferen Wahrheit' im Roman ansprechen:

"Laßt Euch dessenungeachtet die Mühe nicht verdrießen weiterzuerzählen", redete ich nochmals und schon mit mehr Zuversicht den andern an. "Sowenig es auch Euch da", wandte ich mich an diesen, "zu Kopfe will, so kann es, beim Herkules!, darum doch alles sehr wahr sein. Ach, guter Freund, nur allzuoft verwirft unser verkehrter Sinn das als eine Lüge, was ihm doch nur unerhört, unersehen ist oder was über das Ziel seiner Gedanken hinausreicht und er nicht fassen kann. Prüfte er es nur genauer, wie manchmal würde er finden, daß es nicht nur ganz begreiflich, sondern auch gar wohl tunlich ist."

Zur Neubildung des antiken 'Romans' als litarischer Gattung - der Terminus ist mittelalterlicher Herkunft , aber antik geprägt - haben das Epos, das Drama, die Fabel, das Sprichwort, das lyrische Gedicht als vorher bestehende antike literarische Gattungen jeweils ihr Teil beigetragen. Das gilt auch für die Gattungen der Rhetorik. Wie alle diese Gattungen des Redens und Schreibens ist die des 'Romans' wegen ihrer Sprachform mythennah; denn einserseits vermag sie zwar- wie die anderen - 'tiefere Wahrheiten' in in prägnanter, lebendiger, anschaulicher Form zu vermitteln, andererseits aber sind ihre Aussagen 'nicht berichtet, sondern erdichtet' und, was im Hinblick auf eine mythische Qualität wichtiger ist, wegen der beeindruckenden Sprachform - manchmal durchaus willentlich und zumindest mit zeitweiliger öffentlicher Wirkung - einer an sich nötigen sachlichen Diskussion entzogen. Das dürfte zwar weniger für Apuleius Roman zutreffen, der eigentlich nur die sprichwörtliche Erkenntnis (greich. "ho medareis anthropos ouk paedeuetai") illustriert, daß es dem Menschen an sich gut täte, hin und wieder geschunden zu werden, um eine wirkliche Bildung zu erlangen. Doch kann die literarische Form des Romans - prinzipiell auch schon in der Antike - zur Verbreitung kulturell gängiger oder politisch opportuner Mythen verwendet werden; sie bietet sich wegen ihrer Breitenwirkung dafür an.

Als ein insweit aussagekräftigeres, der politischen Sphäre nahes Beispiel des antiken Romans kann der 'Alexander-Roman' dienen, der die Gesamtheit der antiken, teilweise von Alexander selbst, teilweise von seinen Nachfolgern propagierten Alexander-Mythen nicht nur aufnimmt, sondern fortspinnt, und damit auch einen generellen, politisch-ideologisch ggf. gut nutzbaren Mythos von der Existenz gotterwählter, von Natur aus siegreicher und großer Herrscher' bestärkt. Die diskuriv zu überprüfende Gegenthese zu diesem Mythos könnte lauten:"Es ist weder Alexander noch Caesar vorherbestimmt, Alexander oder Caesar zu werden".

Zum fabulierenden Charakter des antiken Romans: Apuleius, Der goldene Esel 1, 1 - 7.

Deutsche Übersetzung aus: Apuleius, der goldene Esel. Aus dem Lateinischen übersetzt von Wilhelm Rode. Mit Illustrationen von Max Klinger und einem Nachwort von Wilhelm Haupt, (1975) Frankfurt M., Leipzig, 1992, S. 9 - 13.

Zum mythischen Charakter dieser bei Platon bildhaft-allegorisch präsentierten Theorie über den 'Eros' als Grundtrieb des Menschen siehe: Kap. 1, Abs. 1 dieses Skripts (Lösung zu Übung 1 a).

Das Wesen der Liebe in einer Allegorie: Platon, Symposion 189 c - 191 d.

Deutsche Übersetzung aus: Platon, Hauptwerke. Ausgewählt, eingeleitet und übersetzt von Wilhelm Nestle, (1952) Stuttgart 1973, S. 115 - 117.

e) Rhetorik, insbesondere der systematisch eingesetzte Witz.

In dem nachfolgenden Text wird eine In einem fiktiven, in das Jahr 91 v. Chr. verlegten Dialog läßt Cicero zwischen berühmten Rednern dieser lange vor Ciceros eigenem Wirken liegenden Zeit - L. Licinius Crassus, Marcus Antonius d. Ä., Publius Sulpicius Rufus, Gaius Aurelius Cotta, C. Iulius Caesar Strabo - letzteren, einen Großonkel des späteren, bekannter gewordenen 'Dictators' C. Iulius Caesar, der ebenfalls für seinen schlagfertigen und öffentlichkeitswirksamen Witz berühmt war, eine zusammenhängende rhetorische Theorie des Witzes in der öffentlichen Rede vortragen. Es wird deutlich, daß der Witz . wie andere rhetorische Gestaltungsmittel, vor allem ein Instrument kunstgerechten, publikumswirksamen Sprachhandelns ist, dessen Ziele allein von der Bestimmung des - allerdings dafür begabten - Rhetors abhängen und dessen Wirkung in einer Verhinderung von Widerspruch gegen die übermittelten Botschaften, welcher Art sie auch seien, besteht.

Der Witz als wahrheitsindifferentes Meinungsbildungsinstrument in der öffentlichen Rede. Cicero, De oratore, 2, 235 - 290.

Deutsche Übersetzung aus: Marcus Tullius Cicero, De oratore - Über den Redner. Übersetzt, kommrntiert und mit einer Einleitung versehen von Harald Merklin, Stuttgart 1976, S. 359 - 395.

4) Literatur, Medien und Quellen.

L

Heinz-Guenther Nesselrath (Hg.), Einleitung in die griechische Philologie, Stuttgart, Leipzig 1997.

Fritz Graf (Hg.), Einleitung in die lateinische Philologie, Stuttgart und Leipzig 1997.

W. Schmid, O. Stählin, Geschichte der griechischen Literatur, Handbuch der Altertumswissenschaft VII. Abt., 1. Teil (Die klassische Periode der griechischen Literatur), Bde.1 - 5, (1929 - 1934) ND München 1946 - 1959.

W. v. Christ, O. Stählin, W. Schmid, Geschichte der griechischen Literatur, Handbuch der Altertumswissenschaft VII. Abteilung, 2. Teil (Die nachklassische Periode der griechischen (1914 - 1935) ND München 1966 - 1971.

Martin Schanz, Carl Hosius, Geschichte der römischen Literatur bis zum Gesetzgebungswerk des Kaisers Justinian, Handbuch der Altertumswissenschaft, VIII. Abt., 4 Teile, (1920 - 1927), ND München 1966 - 1971.

H.-J. Newiger, Drama und Theater, in: G. A. Seeck (Hg.). Das griechische Drama, Darmstadt 1999, S. 504 - 545.

Wolfgang Schadewaldt, Nachwort und Erklärungen zu den einzelnen Dramen, in: ders., Griechisches Theater [Tragödien und Komödien des Auschylos (Die Perser. Sieben gegen Theben). Sophokles (Antigone. König Oedipüus. Elektra)., Aristophanes (Die Vögel. Lysistrata) und Menander (Das Schiedsgericht)]. Frankfurt 1964.

H. G. Beck, in: ders., Das byzantinische Jahrtausend, München 1978.

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Georges Minois, Die Geschichte der Prophezeiungen. Dt. Übersetzung, (1996) Düsseldorf 2002.

Q

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Cato über griechische Medizin. Zitat bei Plinius, Naturalis Historia 27, 7, 14 . Lateinischer Text und deutsche Übersetzung nach: Marcus Porcius Cato, Vom Landbau. Fragmente. Alle erhaltenen Schiften. Lateinisch - deutsch- Herausgegeben von Otto Schönberger, München 1980, S. 274 f.

Lebensmaximen als Weisheitslehre. Das Buch Jesus Sirach (Ecclesiasticus), Kap. 1, 1 - 10 und Kap. 3, 1 - 29. Deutsche Übersetzung nach: Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments mit Einleitungen zu jedem der biblischen Bücher und erklärenden Anmerkungen zu den Texten. In ungekürzter Fassung herausgegeben von T. Schwegler und A. Herzog (Große Familien-Bibel), Zürich 1974, S.1308 f. und 1310 - 1312.

Der 'Hermenfrevel' im Athen d. J. 415 v. Chr. und die Verurteilung des Alkibiades: Thukydides, Peloponnesischer Ktieg 6, 8 - 61. Deutsche Übersetzung aus: Thukydids, Geschichte des Peoponnesischen Kriefges. Herausgegeben und übersetzt von Georg Peter Landmann, 2 Bde., München 1973, Bd. 2, S. 449 - 486 (mit größeren, für den vorliegenden Erläuterungsweck nicht störenden Auslassungen).

Die Prophezeiung des Flavius Iosephus gegenüber Vespasian, in: Der jüdische Krieg 3, 8, 8 f. Deutsche Übersetzung: Flavius Josephus, Der Jüdische Krieg - De bello Iudaico. Übetragen und eingeleitet von Hermann Endrös, 2 Bde. München 1965, Bd. 1, S. 305 - 307.

Gebete und andere Kulthandlungen bei der Entsühnung der Feldflur nach römisch-religiösem Brauch. Cato, De agricultura 141. 1 - 4. Lateinischer Text und deutsche Übersetzung nach: Marcus Porcius Cato, Vom Landbau. Fragmente. Alle erhaltenen Schiften. Lateinisch - deutsch- Herausgegeben von Otto Schönberger, München 1980, S. 143.

Sibyllinische Weissagungen 5, 1 - 85. Deutsche Übersetzung aus: Sibyllinische Weissagungen. Griechisch - deutsch. Auf der Grundlage der Ausgabe von Alfons Kurfeß neu übersetzt und herausgegeben von Jörg-Dieter Gauger. Düssseldorf, Zürich 1998, S. 124 - 129.

Johannes-Apokalypse 18, 1 - 8. Deutsche Übersetzung nach: Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments mit Einleitungen zu jedem der biblischen Bücher und erklärenden Anmerkungen zu den Texten. In ungekürzter Fassung herausgegeben von T. Schwegler und A. Herzog (Große Familien-Bibel), Zürich 1974, S.1775.

Das 'Symbolum Nicaeno-Constantinopolitanum'. Lat. und griech. Text entnommen aus: Conciliorum oecumenicorum decreta. Edidit Centro di Documentazione, Istituto per le scienze Religiose, Bologna, curantibus Josepho Alberigo, Perikle-P. Joannou, Claudio Leonardi, P. Joannou, Claudio Leonardi, Paulo Prodi, consultante Huberto Jedin, Basel u. a. O. 1962, S. 20.

Aischylos, Die Perser 249 - 599. Deutsche Übersetzung aus: Griechisches Theater [Tragödien und Komödien des Auschylos (Die Perser. Sieben gegen Theben). Sophokles (Antigone. König Oedipüus. Elektra)., Aristophanes (Die Vögel. Lysistrata) und Menander (Das Schiedsgericht)]. Deutsch von Wolfgang Schadewaldt. Mit Nachwort und Erklärungen zu den einzelnen Dramen. Frankfurt 1964, S.16 - 29.

Aristophanes, Lysistrata 1112 - 1320. Deutsche Übersetzung nach: Griechisches Theater [Tragödien und Komödien des Auschylos (Die Perser. Sieben gegen Theben). Sophokles (Antigone. König Oedipüus. Elektra)., Aristophanes (Die Vögel. Lysistrata) und Menander (Das Schiedsgericht)]. Deutsch von Wolfgang Schadewaldt. Mit Nachwort und Erklärungen zu den einzelnen Dramen. Frankfurt 1964, S. 418 - 426. 16 -26.

Hesiod (Theogonie, 117 - 239). Deutsche Übersetzung aus: Hesiod, Sämtliche Werke. Deutsch von Thassilo von Scheffer. Mit einer Übersetzung der Bruchstücke aus den 'Frauenkatalogen' herausgegeben von Ernst Günther Schmidt, (1955) Bremen 1984, S. 58 - 63.

Fabeln von Aesop und Phaedrus. Deutsche Übersetzunge der griechischen oder lateinischen Texte nach: Fabeln der Antike. Herausgegeben und übersetzt von Harry C. Schnur, Darmstadt 1978, S. 104 f., 130 f., 106 - 109, 224 - 227.

Herodot. Historien 13 - 16. Deutsche Übersetzung aus: Herodot, Historien. Deutsche Gesamtausgabe. Übersetzt von A. Horneffer. Neu herausgegeben und erläutert von H. W. Haussig. Mit einer Einleitung von W. Otto, (1971) Stuttgart o. D., 4. Aufl.

Apuleius, Der goldene Esel 1, 1 - 7. Deutsche Übersetzung aus: Apuleius, der goldene Esel. Aus dem Lateinischen übersetzt von Wilhelm Rode. Mit Illustrationen von Max Klinger und einem Nachwort von Wilhelm Haupt, (1975) Frankfurt M., Leipzig, 1992, S. 9 - 13.

Platon, Symposion 189 c - 191 d. Deutsche Übersetzung aus: Platon, Hauptwerke. Ausgewählt, eingeleitet und übersetzt von Wilhelm Nestle, (1952) Stuttgart 1973, S. 115 - 117.

Cicero, De oratore, 2, 235 - 290. Deutsche Übersetzung aus: Marcus Tullius Cicero, De oratore - Über den Redner. Übersetzt, kommrntiert und mit einer Einleitung versehen von Harald Merklin, Stuttgart 1976, S. 359 - 395.


LV Gizewski WS 2002/2003

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de