Kap. 8: : Mythos und Wissenschaften in der Antike.

ÜBERSICHT

1) Die antike Trennung der Wissenschaften von mythischen Vorstellungen und ihre dennoch kontinuierliche Neuanpassung an religiöse, ethnisch-kulturelle und politische Mythenbildungen.

2) Historische Momente der Trennung antiken wissenschaftllichen Denkens von mythischen Vorstellungsformen.

3) Die Mythenerzeugung der Religionen, der Volks- und Kulturgemeinschaften und der Politik in ihrer antiken Einwirkung auf die verschiedenen Formen bewußt wissenschaftlichen Denkens.

4) Literatur, Medien, Quellen.

1) Die antike Trennung der Wissenschaften von mythischen Vorstellungen und ihre dennoch kontinuierliche Neuanpassung an religiöse, ethnisch-kulturelle und politische Mythenbildungen.

Aus verschiedenartigen Gründen und auf unterschiedliche Weise vollziehen sich in der antiken Geistesgeschichte geistige Distanzierungen von mythischen Formen des Denkens und Redens. Solche Distanzierungen können vor allem entstehen durch

a) innerreligiöse Ideenkonflikte,

b) naturphilosophische Spekulation,.

c) empirischen Wissenszuwachs,

d) 'sophistische Aufklärung', 'wahrheitsbezogene'.Dialektik und Systematik. und

e) philosophische Skepsis.

Religiöse Mythen können schon im Konflikt konträrer religiöser Systeme miteinander Gegenstand einer grundlegenden Kritik ihrer Richtigkeit und Wahrheit werden, d. h. nicht erst durch durch irgendeine Art 'philosophischer' Infragestellung.

Doch ist Mythenkritik im Rahmen theologisch-rationaler Interpretation religiös-mythischer Überlieferungen, wie sie etwa im Rahmen der griechisch-ionischen Naturphilosophie des 7. und 6. Jhs. v. Chr. üblich wird, in besonderem Maße angelegt. Statt nach dem Wirken der Götter in den realen Phänomenen der Welt sucht diese in ihren verschiedenen Formen bewußt - und in deutlicher Distanz zu religiös-mythischen Überlieferung - nach 'Prinzipien' und 'Ursachen' des Weltgeschehens, d. h. nach 'stofflichen', 'ideellen', 'kausalen' und 'teleologischen' Momenten dafür, warum etwas in der Welt ist , sich entwickelt und vergeht. Eine naturphilosophische Spekulation dieser Zeit ist zwar nicht notwendig mit einem Atheisimus verbunden; aber sie versucht generell, die mythische Überlieferung in eine 'theologisch-rationale' Form zu bringen und sie insoweit von ihren auf Nichtobjektivierbarkeit reiner Glaubensinhalte beruhenden Argumentationssschwächen zu befreien.

Verschiedene Arten von Mythenbildungen, etwa solche geographischer, naturkundlicher, völkerbezogener oder politischer Art, müssen im Laufe der antiken Geistesgeschichte dem Fortschritt des Wissens - etwa über Geographie, Astronomie, belebte und unbelebte Natur, Medizin, ethnische Verhältnisse - infolge von Entdeckungen, Expeditionen, intensivierten Verkehrs-, Handels- und Politik-Beziegungen - weichen.

Eine besondere Steigerung erfährt die Auseinandersetzung mit der mythischen Überlieferung im Rahmen der 'sophistischen Aufklärung' und einer von Sokrates, Platon und Aristoteles begründeten 'wahrheitsbezogenen', 'dialektischen' und 'systematischen' Philosophie. Der Bereich wissenschaftlicher Erkenntnis wird im Zusammenhang solchen philosophischen Denkens nicht nur von aller 'bloßen', d. h. erkenntnismäßig unabgesicherten 'Erfahrung', sondern erst recht von allem, was 'bloße', d. h. etwa rein subjektive oder gerüchtweise verbreitete 'Meinung' oder substanzloses allgemeines 'Gerede' (griech. 'doxa' oder 'topos') ist, abgesetzt.

Eine letzte, grundsätzliche Stufe der Auseinandersetzung mit religiösen und profanen - Mythensystemen stellt die philosophisch-akademische Skepsis der Antike dar, in der jedenfalls dem Konzept nach sowohl Mythen als auch philosophisch-wissenschaftliche Erkenntnisse und Prunzipien im Hinblick auf die grundsätzlichen Begrenzungen menschlicher Erkenntnis als ungesichert und im Hinblick auf ihre praktischen Konsequenzen problematisch erscheinen. Die Konsequenzen eines solchen skeptischen Ansatzes liegen in der Antike allerdings in einem vorsichtigen Rückgriff auf das, 'was üblich ist' und damit praktisch auf die im Rahmen der 'Tradition' verbreiteten unterschiedlichen Inhalte auch einer 'Alltagsmythologie'.

Die Entwicklung der Wissenschaft - das zeigt schon dieses Beispiel - ist nicht ein linearer Fortschschrittsweg vom' dunklen' 'Mythos' zum 'aufgeklärten, wissenden' 'Logos', sondern ein Hin und Her zwischen systematischer, 'wahrheitsbezogener' Erkenntnis und zahreichen Momenten, die der Entwicklung und Verbreitung abgesicherten Wissens grundsätzlich oder im Einzelfalle entgegenstehen. Dabei kann es sich um

a) Traditionsbindungen der Erkenntnis (etwa durch religiöse Traditionen),

b) Erkenntnissschranken aufgrund fehlender Informations- oder Vergleichsmöglichkeiten (zum Beispiel im Bereich der Astronomie, Geographie oder Ethnographie) oder

c) durch Herrschafts- und Machtverhältnisse begründete, direkte ider indirekte Denk- und Redeverbote oder -gebote

gehen.

Im folgenden werden nur einige Textquellenbeispiele für verschiedene Aspekte des eben beschriebenen Verhältnisses 'zwischen Mythos und Wissenschaft' in der Antike präsentiert. In größerem Umfang ist das hier angesprochene Thema Gegenstand des Skripts 'Christian Gizewski, Zur historischen Bedeutung antiker Wissenschaft.' (zur gleichnamigen Vorlesung/Übung im SS 2003), Kap. 2.

Übung 8.

AUFGABEN:

Untersuchen Sie den unter 2) wiedergegebenen Quellentext mit Ihrem gegenwärtigen Wissen daraufhin,

a) von welcher Überzeugungsbasis aus und mit welchen Argumenten - und eher polemischen Mißverständnissen - darin religiöse Vorstellungen und Gebräuche außerhalb des Jahve-Kults als gegenstands- und wertlos dargestellt werden,

b) welche Gründe für eine so scharfe Abgrenzung einer Religion gegen eine andere bestimmend sein mögen und

c) was von den vorgebrachten Argumenten und Werturteilen sich auch für eine anti-mythische Argumentation und Polemik gegen die Jahve.Religion selbst eignen könnte.

2) Innerreligiöse Ideenkonflikte, rationale Spekulation, empirischer Wissenszuwachs, sophistische Skepsis und Aufklärung, Dialektik und Systematik 'wahrheitsbezogener Wissenschaft' als historische Momente der Trennung antiken wissenschaftllichen Denkens von mythischen Vorstellungsformen.

Von den verschiedenen nach 1) in diesem Zusammenhang erörterbaren Aspekten seien im folgenden nur zwei anhand von Quellentexten erörtert.

1. Aspekt: Innerreligiöse Ideenkonflikte.

Daß anti-mythische Tendenzen des Erkennens nicht notwendigerweise philosophische Überzeugungen und Verfahrensweisen voraussetzen, sondern daß diese umgekehrt entwicklungsgeschichtlich auch im Zusammenhang mit interreligiösen oder innerreligiösen Ideenkonflikten gesehen werden sollten, ergibt sich mit Deutlichkeit aus dem nachfolgenden Textbeispiel, einem Text aus der jüdisch-hellenistischen Welt Ägyptens des 2. Jhs. v. Chr.

Religiöse Kritik an fremden Religionen als Form einer Entmythologisierung: Das Buch der Weisheit, Kap. 13 und 14.

Deutsche Übersetzung: Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments mit Einleitungen zu jedem der biblischen Bücher und erklärenden Anmerkungen zu den Texten. In ungekürzter Fassung herausgegeben von T. Schwegler und A. Herzog (Große Familien-Bibel), Zürich 1974, S. 1404 - 1407.

2. Aspekt: 'Sophistische Aufklärung', 'wahrheitsbezogene' Dialektik und Systematik.

Mit seiner Abgrenzung des Wesens der 'Wissenschaft' verdeutlicht Aristoteles deren besonderen Charakter und Wert gegenüber 'reinem', nicht theoretisch stabilisierten und erklärbar gemachten 'Erfahrungswissen' einerseits und andererseits 'mythischem' Denken und Reden, wie es etwa "den Sängern" eigen sei, die "sich und andere vielfach täuschen".

Zum Wesen der Wissenschaft und zu ihrer Entstehung: Aristoteles, Metapysik, Buch 1, Kap. 1 und 2.

Deutsche Übersetzung nach: Aristoteles, Metaphysik. Schriften zur Ersten Philosophie. Übersetzt und herausgegeben von Franz. F. Schwarz, Stuttgart 1974, S. 17 - 23. - Der primär an Wortgenauigkeit orientierte Schwarzsche Text wurde im Interesse der inhaltlichen Verständlichkeit an mehreren Stellen modifiziert und gegliedert. C. G.

3) Die Mythenerzeugung der Religionen, der Volks- und Kulturgemeinschaften und der Politik in ihrer antiken Einwirkung auf die verschiedenen Formen bewußt wissenschaftlichen Denkens.

Von den verschiedenen nach 1) in diesem Zusammenhang zu erörternden Aspekten sei im folgenden nur einer anhand eines Quellentexts erörtert.

Die Nötigung der Wissenschaften durch politische Machtverhältnisse zu wissenschaftlich unangemessener Parteilichkeit, Folgsamkeit oder Selbstbeschränkung.

Platons Bericht aus dem Jahre 354 v. Chr., in dem er seinen 'akademischen' Anhängern gegenüber Rechenschaft über sein jahrzehntelang (zwischen 388 und 354 v. Chr.) andauerndes politisches Engagement für das Gemeinwesen Syrakus zur Zeit der Tyrannen Dionysios I., Dionysios II. und Dion gibt, läßt erkennen, wie schwer es nicht nur ist, philosophische Einsichten über eine rechte Ordnung des Gemeinwesens politisch umzusetzen, sondern auch, sich gegen Vereinnahmungen und Verdrehungen solcher Erkenntnisse durch Machthaber mit prinzipientreuer Wissenschaftlichkeit zur Wehr zu setzen, insbesondere - aber nicht nur - dann, wenn sich der Philosoph in ihrem Zugriffsbereich befindet.

Deutsche Übersezung nach: Platon, Der siebente Brief. Übersetzung, Anmerkungen und Nachwort von Ernst Howald, Stuttgart 1998, S. 3 - 21 und : Platon, Der Staat (Politeia). Eingeleitete, übersetzt und erklärt von Karl Vretska, Stuttgart 1958, S. 321 f.

4) Literatur, Medien, Quellen.

L

Jean-Pierre Vernant, Mythos und Gesellschaft im alten Griechenland. Aus dem Französischen von Gustav Roßler, 81981) Frankfurt M. 1987.

Mircea Eliade, Geschichte der religoösen Ideen, Bd. II: Von Gautama Buddha bis zu den Anfängen des Christentums, (1978), Budapest 2002, S. 214 ff.

O. S. Rankin, Jewish Religious Polemic, Edingurgh 1956.

Karl Vorländer, Gesschichte der Philosophie. Mit Quellentexten. Bd. I: Altertum. Durchgesehen und mit einem Nachwort versehen von Maximilian Forschner, (1963) Hamburg 1990, S. 50 ff. (Sophistische Aufklärung), 72 ff. (Platon) und 95 ff. (Aristoteles).

E. Rolfes, Die Philosophie des Aristoteles als Naturerklärung und Weltanschauung, Leopzig 1923.

G. Patzig, Theologie und Ontologie in der Metaphysik des Aristoteles, Kant-Studien 52 (1960), S. 185 - 205.

Ernst Howald, Nachwort zu: Platon, Der siebente Brief. Übersetzung, Anmerkungen und Nachwort von dems, Stuttgart 1998, S. 57 - 72.

E. Barker, The Political Thought of Plato and Aristote, New York 1959, S. 81 ff.

R. Maurer, Platons Staat und die Demokratie, Berlin 1970, S. 39 - 68.

Q

Das Buch der Weisheit, Kap. 13 und 14.Deutsche Übersetzung: Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments mit Einleitungen zu jedem der biblischen Bücher und erklärenden Anmerkungen zu den Texten. In ungekürzter Fassung herausgegeben von T. Schwegler und A. Herzog (Große Familien-Bibel), Zürich 1974, S. 1404 - 1407.

Aristoteles, Metapysik, Buch 1, Kap. 1 und 2. Deutsche Übersetzung nach: Aristoteles, Metaphysik. Schriften zur Ersten Philosophie. Übersetzt und herausgegeben von Franz. F. Schwarz, Stuttgart 1974, S. 17 - 23.

Platon, ep. 7, 323 b - 334 c. Deutsche Übersezung nach: Platon, Der siebente Brief. Übersetzung, Anmerkungen und Nachwort von Ernst Howald, Stuttgart 1998, S. 3 - 21 und : Platon, Der Staat (Politeia). Eingeleitete, übersetzt und erklärt von Karl Vretska, Stuttgart 1958, S. 321 f.


LV Gizewski WS 2002/2003

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de