Kap. 9: Zur Wirkungsgeschichte antiker Mythen in nachantiken Epochen.

ÜBERSICHT

1) Das mythische Erbe der Antike in seinen verschiedenen nachantiken Erscheinungsweisen.

2) Christlich-theologische Dogmatik und antike Mythologie in Spätantike und Mittelalter.

3) Die umfassende Wiederentdeckung antiker Mythologie im Rahmen der humanistischen Renaissance.

4) Die antike Mythologie als Grundlage der Bildung moderner Religions-, Völker- und Politik-Mythen.

5) Literatur, Medien, Quellen.

1) Das mythische Erbe der Antike in seinen verschiedenen nachantiken Erscheinungsweisen.

Übung 9.

AUFGABEN:

Untersuchen Sie den unten zu 3) wiedergegebenen Vortrag des russischen Sängers Vladimir Wissotski unter folgenden Aspekten:

a) Was interessiert ihn in als einen Menschen unserer Zeit an dem antiken Kassandra-Thema? Warum trägt er es musikalisch einem größeren russischen Publikum vor?

b) Welche Aussagen enthält sein Vortrag, in sprachlicher Form interpretiert? Was hat an diesen Aussagen evtl. ebenfalls mythischen Charakter?

c) Welcher sprachlichen und musikalischen Ausdrucksmittel bedient sich Wissotski?


2) Christlich-theologische Dogmatik und antike Mythologie und in Spätantike und Mittelalter.

Das chritliche Glaubensbekenntnis, seit dem Konzil von Nikaia (Nicaea) i. J. 325 n. Chr. Spiegel der dogmatischen Glaubenskontroversen innerhalb des römisch-staaatlich anerkannten Christentums und ihrer konziliaren Enttscheidungen, ist zugleich ein Spiegel einer Vielzahl gemeinreligiöser Vorstellungen, die das Christentum mit nicht-christlichen Religionen und Philosophien der antiken Welt gemein hat. Die 'Wahrheiten' des christlichen Glaubensnbekenntnisses sind wie die anderer Religionen seiner Umgebung nicht solche empirischer Beobachtung oder wissenschaftlicher Theorie, sondern solche mythischer Art. Die zentrale Bedeutung des christlichen Glaubensbekenntnisses für die Orientierungen der Religion, der Geisteskultur, der politischen Ordnung und des Rechts im Mittelalter bedeutet also, daß antike religiöse Mythen in dieser mythischen Form in der geistigen Mitte der mittelalterlichen Gesellschaften christlichen Charakters fortleben und weiterwirken.

Diese Fortwirkung hat über das Mittelalter hinaus bis heute angehalten. Das christliche Glaubensbekenntnis faßt bis heute die Kriterien zusammen, nach denen sich im Rahmen der verschiedenen christlichen Kirrchen entscheidet, ob eine religiöse Glaubensrichtung christlicher Art ist oder nicht. Ferner wirken seine Dogmen vielfältig in transformierter Weise selbst in säkularen und atheistischen Bewußtseinsrichtungen moderner Gesellschaften. Beispiel dafür seien die Dogmen von der 'Säkularisierung' und 'Menschwerdung Gottes' oder von einem 'Ende der alten Welt in einem göttlichen Endgericht' und einem dann einsetzenden neuen Heilszustande der Welt ('Reich Gottes') oder von einer 'Gemeinschaft der Heiligen' in dieser Welt.

Das christliche Glaubensbekenntnis in der bis heute verbindlichen Form des 'Symbolum Nicaeno-Constantinopolitanum' aus dem Jahre 381 n. Chr.

Lat. und griech. Text entnommen aus: Conciliorum oecumenicorum decreta. Edidit Centro di Documentazione, Istituto per le scienze Religiose, Bologna, curantibus Josepho Alberigo, Perikle-P. Joannou, Claudio Leonardi, Paulo Prodi, consultante Huberto Jedin, Basel u. a. O. 1962, S. 20.

Als magische und heidnische Religionspraktiken oder -dogmen sind die in nicht-christlichen antiken Religionen weit verbreiteten - wenn auch auch dort oftmals kritisierten - Formen der Beschwörung von Geistern, des Orakelwesens, der Sterndeutung und des Schicksalsglaubens im Rahmen christlich-rechtgläubiger Glaubensbetätigung und Gottesverehrung ausgeschlossen. Dassselbe gilt für die ebenfalls monotheistischen Religionen des Judentums und des Islam. Trotzdem behalten im Mittelalter derartige an sich 'verbotene' Religionstraditionen im Untergrund der monotheistischen Religionen eine erhebliche wirkunsgeschichtliche Bedeutung. Das äußert sich zum Beispiel sowohl in der 'Astrologie' ,die letztlich auf altorientalische Astralreligionen zurückgeht, als auch in der 'Alchimie', die sich aus verschiedenen Traditionen antik-magischer Numinisierung der Gegenstandswelt (z. B. 'Pythagoreismus' oder 'Hermetik') zusammensetzt.

Diese Wirkung hält auch später an, ja mit der geistigen Reaktivierung nicht-christlich-religiöser und -philosophischer Denkweisen durch die Renaissance und den Humansimsu erhält sie neben der christlichen Tradition neues Gewicht. Astrologie und Alchimie sind selbst in gebildeten und gesellschaftlich hochstehenden Kreisen neuzeitlicher Gesellschaften beliebte und durchaus ernstgenommene Formen der geistigen Betätigung und inneren Orientierung, und auch heute noch ziehen sie viele Menschen ernsthaft in ihren Bann.

Alchimistische und astrologische Bildsymbole aus der Antike in der nachantiken Tradition.

Abb. entnommen aus: W. Bauer, I. Dümotz, S. Golowin , Lexikon der Symbole, Wiesbaden 2002 19, S. 305 f..

3) Die umfassende Wiederentdeckung antiker Mythologie im Rahmen der humanistischen Renaissance.

Im folgenden wird die neuzeitliche kulturelle Rezeption antiker Mythologie an drei Beispielen aus Malerei, Dichtung und Musik verdeutlicht.

Seit Beginn der Renaissance mit ihrer mehr oder weniger latenten Kritik an tradierten Selbstverständlichkeiten christlichen Glaubenslebens fesselt u. a das Judith-Thema immer wieder ein gebildetes Publikum, und zwar wegen seiner wiedersprüchlichen, einem eindeutigen christlichen Konfessionsgebot entgegenstehenden Deutungs- un damit auch Diskussionsmöglichkeiten; hier: Bewunderung für die Glaubensstärke und Sittenreinheit einer legendären, fiktiven Heldin des jüdisch-makkabäischen Kampfes um die Bewahrung der gottgewollten Tradition und Sendung des jüdischen Volkes gegen die heidnische Seleukidenherrschaft, dort: Abscheu vor dem religiös-politischen Fanatismus einer Frau, die die auch im Krieg geltenden Anstandsgebote eines letztlich rücksichtsvollen Umgangs der Geschlechter miteinander außer acht läßt und damit im Grunde die Menschlichkeit verletzt. Lukas Cranach d. Ä. (1472 - 1553) bringt diesen Widerspruch in anschaulichster Weise zum bildlichen Ausdruck.

Das Gedicht 'Prometheus' von J. W. Goethe (1749 - 1832), in seinen jüngeren Frankfurter Jahren verfaßt, thematisiert die Idee und das ihn persönlich zu dieser Zeit besonders antreibende Motiv des 'Titanentrotzes' gegen eine als angemaßt und nutzlos empfundene Herrschaft Gottes - hier in Gestalt des Zeus - und damit ein das geistige und später auch das politische Leben seiner Epoche in starkem Maße bestimmendes religionskritisches und 'menschheitszugewandtes', zumindest gefühlsmäßig 'radikal-aufklärerisches' Moment.

Vladimie Vissotski (1938 - 1980) greift das in exemplarischer Weise tragische Mythenthema 'Kassandra' der Antike auf, um es mit den kongenial gehandhabten Mitteln der russischen Sprache und unter Einsatz der 'Kithara unserer Zeit' (Guitarre) in eine in ihrer Konzentration auf das Wesentliche besonders beeindruckende 'moderne' Form zu bringen. Diese drückt die unausweichliche Vergeblichkeit selbst verantwortungsvollen, gutartigen und richtigen menschlichen Handelns, soweit es 'unter einem ungünstigen Stern' steht und von der Mitwelt nicht verstanden wird, in anrührender und mitfühlenderWeise aus.

Judith mit dem abgeschlagenen Kopfe des Holofernes (Buch Judith 13, 15), Von Lukas Cranach d. Ä. (1472 - 1553).

Abb. entnommen aus: Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments mit Einleitungen zu jedem der biblischen Bücher und erklärenden Anmerkungen zu den Texten. In ungekürzter Fassung herausgegeben von T. Schwegler und A. Herzog (Große Familien-Bibel), Zürich 1974, S. 593.

J. W. Goethe (1749 - 1832), Prometheus.

Gedicht. Enstanden um 1770. Zitiert nach: Gotehs Werke. Erster Teil. Gedichte. hg. von Eduard Scheidemantel. Mit einem Lebensbild von Karl Alt, Berlin u. a. O., o. D (um 1900), S. 224.


Die Darstellung des Kassandra-Themas durch einen modernen Sänger - Vladimir Vissotski (1938 - 1980).

Materialzusammenstellung zum antiken Mythos und Wiedergabe einer Passage aus der Audio-CD 'Vladimir Vissotski, 'Le vol arrêté, Nr. 17: 'Troie'. Hersteller: Editions Le Chant du Monde', Frankreich LDX 274762 CM 211. Distributions 'harmonia mundi', Arrangements: Constantin Kasansky .

4) Die antike Mythologie als Grundlage der Bildung moderner Religions-, Völker- und Politik-Mythen.

Die antike und die nachantike Bedeutung verschiedener Arten von Adler-Symbolen und die zwischen ihnen bestehenden wirkungsgeschichtlichen Kontinuitätslinien gehen aus der nachfolgenden Zusammenstellung hervor:

Adlermotive im Laufe der Geschichte als Beispiel für die Vielgstaltigkeit des Fortwirkens antiker Mythen bis in die heutige politische Ideenwelt.

Internet-Publikation. Zusammenstellung: C. Gizewski. PDF-Datei mit Bildnachweisen und genauerer Motiv-Beschreibung.

Die griechisch- und römisch-antike Gewohnheit, Landschaften, Provinzen, Flüsse, Völker, Tugenden, Wisssenschaften, Künste u. dgl. in Form von Personifikationen bidlich darszustellen, führt u. a. zu einer personifizierenden Darstellung auch der römisch-provinzialisierten Teile Germaniens wie der unten wiedergegeben aus dem 2. Jh. n. Chr.

Unter Aufgriff der antiken Personifikations-Tradition, jedoch in gänzlich konträr angelegter Neufassung ihres Inhalts, was die 'Germania' betrifft, wird von einem deutschen Maler des 19. Jhs. ein 'Germania'-Bild entworfen, das 'Germania' nicht ergeben und lieblich, wie die personifizierte 'Germania romana' des 2. Jhs., sondern erfüllt von Trotz und Kampfesbereitschaft gegenüber 'welschem Geist' auf der 'Wacht am Rhein' zeigt

1) Römische 'Germania'-Darstellung des 2. Jhs. n. Chr.

und

2 deutsche 'Germania'-Darstellung des 19. Jhs.

Abb. zu 1: Germania-Statue an dem i. J. 145 n. Chr. für den verstorbenen Kaiser Hadrian von seinem Nachfolger Antoninus Pius geweihten Tempel, darstellend eine Allegorie des römisch-provinzialisierten Germanien, also nicht der von Tacitus so genannten 'Germania libera' rechts des Rheins. Photo entnommen aus: Herwig Wolfram, Das Reich und die Germanen. Zwischen Antike und Mittelalter, Berlin 1990, S. 69.

Abb. zu 2): Lorenz Clasen, Germania auf der Wacht am Rhein, 1860. Krefeld, Kaiser-Wilhelm-Museum Krefeld. Photo entnommen aus: Marianne und Germania 1789 - 1889. Frankreich und Deutschland. Zwei Welten - Eine Revue. Katalog zur Ausstellung der Berliner FestspieleGmbH im Martin-Gropius-Bau, Sept. 1996 - Jan. 1997, hg. von Marie Louise von Plessen, Berlin 1996, S. 39.

In den Flaggen und Hoheitszeichen neuzeitlicher Staaten findet sich in aller Regel eine Verdichtung bildsprachlicher Symbolik. Sie knüpft an ethnische, religiöse, politische und kulturelle Traditionen an, welchen jeweils eine besondere Bedeutung für das staatliche Leben zugemessen wird. Diese Symbolik führt nicht selten auch auf mythische Denkweisen der Antike zurück. Die Farben 'Rot und ''Blau' (Purpurfarben) etwa markieren im römischen Bereich den Mythos aristokratischer Nobilität, 'Gold' darüberhinaus den der kaiserlichen Majestät. Von dorther bestimmt, sind diese Farben später in zahlreiche europäische Flaggen und Hoheitszeichen eingegangen. Das Kreuz in solchen Anwendungszusammenhängen markiert christliche Konfession und Bindung und behauptet deren Fortwirken im politischen Leben eines Staates. Stern und Halbmond sind vorchristliche, astralrreligiöse Symbole der Gottheit, des Heils und des Glücks, welche u. a. im islamisch geprägten Kulturbereich Aufnahme und Fortwirkung gefunden haben, und zwar um eine islamische Tradition zu markieren.. Auch Adler, wie schon gezeigt, und Krone sind als Hoheitssymbole antiker Herkunft, die vielfältig fortwirken und dabei auch der Propagierung mythischer Botschaften über Herrschaft und Staaat zu dienen pflegen. Die häufig vorhandene Dreizahl der Farbgebung in Flaggen entspricht einer aus der Antike stammenden zahlenmythischen Auffassung von der '3' als Zahl der Perfektion und inneren Einheit; auch dies ist also ein fortgesetzter Mythos. Der mythische Charakter der Symbolzeichen-Aussage besteht allgemein in ihrer 'vereinfachenden' oder 'prestigebedachten', jedenfalls aber allgemeinüblichen und nicht in Frage gestellten Übertreibung, im besondern in deren Inhaltskomposition, die nicht selten vorurteilshaften kollektiven Selbstbildern entspricht.

In die Flaggen und Hoheitszeichen der vielen Staaten der Welt gehen selbstverständlich auch zahlreiche nicht-antike Traditionen, sei es i. e. S. 'nicht-antiker' Kulturräume sei es nachantiker Epochen ein, auf die an dieser Stelle nicht einzugehen ist.

Elemente antiker Bildmythen in heutigen Nationalitätssymbolen und Hoheitszeichen.

Abb. entnommen aus: Arnold Rabbow, dtv -Lexikon politischer Symbole, München 1979, Abbildungsteil nach S. 160.

5) Literatur, Medien, Quellen.

L.

Lutz Walther (Hg.), Antike Mythen und ihre Rezeption. Ein Lexikon (Beiträge von 24 Autoren zu zentralen Themen griechisch- und römisch-antiker Mythologie), Leipzig 2003.

Herbert Hunger, Lexikon der griechischen und römischen Mythologie. Mit Hinweisen auf das Fortwirken antiker Stoffe und Motive in der bildenden Kunst, Literatur und Musik des Abendlandes bis zur Gegenwart, Hamburg 1974; Jean-Pierre Vernant, Mythos und Gesellschaft im alten Griechenland, deutsche Übersetzung von Gustav Roßler, (1974), Frankfurt M. 1987.

Rudolf Wittkower, Allegorie und der Wandel der Symbole in Antike und Renaissance, (1983) Köln 2002.

Internetpublikation 'Adlermotive im Laufe der Geschichte als Beispiel für die Vielgstaltigkeit des Fortwirkens antiker Mythen bis in die heutige politische Ideenwelt.'.Zusammenstellung: C. Gzewski. PDF-Datei mit Bildnachweisen und genauerer Motiv-Beschreibung.

Arnold Rabbow, dtv -Lexikon politischer Symbole, München 1979.

Marianne und Germania 1789 - 1889. Frankreich und Deutschland. Zwei Welten - Eine Revue. Katalog zur Ausstellung der Berliner Festspiele GmbH im Martin-Gropius-Bau, Sept. 1996 - Jan. 1997, hg. von Marie Louise von Plessen, Berlin 1996.

M.

W. Bauer, I. Dümotz, S. Golowin , Lexikon der Symbole, Wiesbaden 2002 19, S. 305 f. (Alchiistische und astrologische Symbole).

Arnold Rabbow, dtv -Lexikon politischer Symbole, München 1979, Abbildungsteil nach S. 160 (Flaggen)

Marianne und Germania 1789 - 1889. Frankreich und Deutschland. Zwei Welten - Eine Revue. Katalog zur Ausstellung der Berliner FestspieleGmbH im Martin-Gropius-Bau, Sept. 1996 - Jan. 1997, hg. von Marie Louise von Plessen, Berlin 1996, S. 39 (Germania)

Q.

'Symbolum Nicaeno-Constantinopolitanum' aus dem Jahre 381 n. Chr. Lat. und griech. Text aus: Conciliorum oecumenicorum decreta. Edidit Centro di Documentazione, Istituto per le scienze Religiose, Bologna, curantibus Josepho Alberigo, Perikle-P. Joannou, Claudio Leonardi, Paulo Prodi, consultante Huberto Jedin, Basel u. a. O. 1962, S. 20.

Lukas Cranach d. Ä. (1472 - 1553), Judith mit dem abgeschlagenen Kopfe des Holofernes (Buch Judith 13, 15). Abb. entnommen aus: Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments mit Einleitungen zu jedem der biblischen Bücher und erklärenden Anmerkungen zu den Texten. In ungekürzter Fassung herausgegeben von T. Schwegler und A. Herzog (Große Familien-Bibel), Zürich 1974, S. 593.

J. W. Goethe (1749 - 1832), Prometheus. Gedicht. Enstanden um 1770. Zitiert nach: Goethes Werke. Erster Teil. Gedichte. hg. von Eduard Scheidemantel. Mit einem Lebensbild von Karl Alt, Berlin u. a. O., o. D (um 1900), S. 224.

Vladimir Vissotski (1938 - 1980), Troie. Passage aus der Audio-CD 'Vladimir Vissotski, 'Le vol arrêté, Nr. 17'. Hersteller: Editions Le Chant du Monde', Frankreich LDX 274762 CM 211. Distributions 'harmonia mundi', Arrangements: Constantin Kasansky.


LV Gizewski WS 2002/2003

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de