Lösungshinweise zu den Übungen in den Kapiteln 1 - 9 des Skripts 'Zur historischen Bedeutung antiker Mythologie'.


Zu den einzelnen Kapiten:
Kap. 1: Einleitung I - Inhalt und Bedeutung antiker Mythensysteme für Religion, Politik und Welterklärung. Heutige wissenschaftliche Bedeutung der Begriffe 'Mythos', 'Mythensystem' und 'Mythologie'.
Kap. 2: Einleitung II - Aufbau und historische Deutung mythischer Systeme der Antike (Übersicht und Erläuterung an Beispielen).
Kap. 3: Religiöse Mythen in der Antike.
Kap. 4: Völkerbezogene Mythen in der Antike.
Kap. 5: Politische Mythen in der Antike.
Kap. 6: Der Mythos in der gesprochenen und geschriebenen Sprache.
Kap. 7: Bildmythen in Musik, Malerei, Plastik, Architektur und Städtebau.
Kap. 8: Mythos und Wissenschaften in der Antike.
Kap. 9: Zur Wirkungsgeschichte antiker Mythen in nachantiken Epochen.

Übung 1 a.

AUFGABEN:

a) Was wissen Sie über Leben, Denken und Werke Platons? In welchem Zusammenhang könnte der unten wiedergegebene Platon-Text Ihres Erachtens mit der Philosophie Platons stehen?

b) Inwiefern gibt die hier präsentierte Fabel eine Erklärung für menschliche Gefühle und Handlungsweisen? Was kann man daran Ihres Erachtens als 'mythisch' verstehen?

Die Erklärung der Liebe in einer Mythos-Allegorie: Platon, Symposion 189 c - 191 d.

Deutsche Übersetzung aus: Platon, Hauptwerke. Ausgewählt, eingeleitet und übersetzt von Wilhelm Nestle, (1952) Stuttgart 1973, S. 115 - 117.


Zu a)

Platon (427 - ca. 347), aus altem aristokratischen Athener Geschlecht stammend, begütert, vielfältig - rhetorisch, literarisch, historisch, politisch, philosophisch - gebildet, langjähriger Schüler des Sokrates bis zu dessen gerichtlich erzwungenem Tode i. J. 399, danach auf Reisen im Mittelmeerraum und dabei zeitweilig engagiert bei dem letztlich mißlingenden Versuch, in Sizilien - unter den Tyrannen von Syrakus - einen philosopiisch richtig konzipierten Staat auch tatsächlich zu verwirklichen, Verfasser zahlreicher philosophischer, in Dialogform gehaltener Werke, vor allem zu den Themenkreisen 'Kosmische Ordnung', 'Menschennatur', 'menschliche Bildung', 'Ethik', 'staatliche Ordnung', 'Aufbau der realen und idealen Welt', 'Wahrheitsphilosophie' und 'Dialektik', knüpft in seinem Denken an die Maxime seines Lehrmeisters Sokrates an, das Selbstverständliche des alltäglichen Wissens und Redens durch Widerspruch zu problematisieren und durch immer forgetriebene Fragestellungen 'höhere', einer angenommenen 'Ideenwelt' nahe Ebenen eines methodisch geläuterten Wissens und einer durch Interessen unverstellten Wahrheit zu erreichen. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage nach dem 'Wesen' als einem unwandelbaren, weil metaphysisch vorgegebenen, sinngebenden, die materielle, sinnliche und flüchtige Erscheinungsweise eines Untersuchungsgegenstands prägenden 'Ideen'-Kern. In besonders intensiver Weise stellt sich diese Frage bei der Bestimmung des Menschenwesens und seiner unterhalb der flüchtig-oberflächlichen Charakterformen und Verhaltensweisen liegenden, 'wesentlichen' Antriebskräfte.

Ein zentrales Moment menschlichen Wesens sieht Platon im 'Eros'. Dabei geht es nicht nur, obschon gewiß auch, um Sexualität, sondern generell um einen den Menschen dauerhaft beunruhigenden, auf andere Menschen hin zwingenden und ihn ggf. dadurch veredelnden, weil zu Wahrheitserkenntnis und richtigem Handeln, ja zu einem Eintritt in eine 'göttliche Ideensphäre' bewegenden und befähigenden Trieb. Mit dem Wesen des 'Eros' befaßt sich der um 380 v. Chr. verfaßte Dialog 'Symposion', aus dem die hier wiedergegebene Textpassage stammt. Platon läßt einen Rhetor, einen religiös Gebildeten, einen Komödiendichter, einen Tragödiendichter, einen Arzt, einen Prosadichter einen Philosophen, nämlich Sokrates, und schließlich den Politiker und Sokratesschüler Alkibiades miteinander über das Thema diskutieren und beleuchtet es so aus verschiedenartigen Wissenshorizonten und Wertpräferenzen.

Zu b)

In der hier wiedergegebenen Passage kommt der - durch seine auch uns hinterlassenen Komödien berühmtgewordene - Komödiendichter Aristophanes zu Wort. In witziger, bildhafter und lebensnaher Weise stellt er seine Sicht der Dinge in einer Fabel dar. Er will sie also nicht mit abtsrakten Begriffen und Theorien darstellen, sondern 'anders', als an bei Erklärungen an sich üblich und angemessen, nämlich bildhaft. Dies rhetorische Form nennt man 'Allegorie'. Mit deren Hilfe will er aber zugleich auch in aller Deutlichkeit aussprechen und zumindest ein wenig erklären, daß und warum alle Menschen für sich allein unruhig sind und mit aller Macht ihre Einsamkeit überwinden möchten, um die Liebe irgendwelcher anderer Menschen zu gewinnen, welche ihres Erachtens zu ihnen passen, und dadurch glücklich zu werden. Die ironisch-fabulierende Vision eines ursprüglichen, perfekten, kugelförmigen Menschen, der wegen seiner Hybris Zeus mißfallen habe und deswegen von diesem in zwei imperfekte Teile geschnitten und umgemodelt worden sei, welche seither ständig ihre Wiedervereinigung anstrebten, ist natürlich im engeren Sinne des Wortes unwahr. Aber in einem weiteren, hier wesentlichen Sinne stellt sie hintergründig dennoch etwas Richtiges und auch Wichtiges fest: die 'Imperfektheit' und 'Unruhe' eines einsamen Menschen und das Glück der Vereinigung mit dem 'passenden Wesen' eines 'Anderen'.

Bei dieser Verbindung einer bildhaften, erzählerischen Darstellung mit einer wichtigen, irgendwie 'richtigen' Hintergrundsidee zum Zwecke der Erklärung allgemein als unklar empfundener, erklärungsbedürftiger Sachverhalte kann man von einer typischen Form des 'Mythos' sprechen. Insoweit taugt die Fabel zur Veranschaulichung des 'Mythos'-Begriffs.

Allerdings können 'Mythen' prinzipiell auch nicht-bildhaft und nicht-erzählerisch formuliert sein, z. B. im Gewande mathematischer Formeln auftreten. Das Wesentliche an ihnen ist lediglich, daß sie eine Aussageform haben, die eine Nicht-Überprüfung ihrer Inhalte anzielt oder objektiv fördert. Im vorliegenden Falle ist es, wie gesagt, die witzige und bildhafte Form der Erzählung - und nichts sonst -, welche eventuelle Einwände gegen die in der Fabel ein wenig angelegte Übertreibung der Idee vom Vereinigungsglück beiseite rückt. In anderen Fällen kann es sich um weitaus wichtigere Einwände handeln, welche durch eine mythische Aussageform einer an sich angemessenen Überprüfung entzogen werden.

Übung 1 b.

AUFGABEN:

a) Wann sind der Schöpfungsmythos im biblischen Buch Genesis, Kap. 1 und der Schöpfungsmythos in Hesiods 'Theogonie' Ihrer Einschätzung nach entstanden?

b) Vergleichen sie die beiden Texte im Hinblick datauf, was an ihnen ähnlich und unterschiedlich ist.


Zu a)

Der in dem Buch Genesis, Kap. 1 enthaltene Schöpfungsmythos stammt aus der geschichtlich jüngsten Quellenschicht der Bibel, dem sog. 'Priesterkodex', der sich während der Zeit der babylonischen Gefangenschaft ( 587 - 534 v. Chr.) im exilpriesterlichen Milieu entwickelt, später, nach der Rückkehr der byblonischen Juden, im Kultus Jerusalems weiterverwendet wird und schließlich - bis spätestens 440 v. Chr. - eine redaktionelle Endbearbeitung erfäht. In diese Quellenschicht gehen neben älteren Traditionen des 'Gesetzes' auch babylonisch- und iranisch-gemeinreligiös mitgeprägte Elemente ein, und zu diesen gehört neben der Sintflutgeschichte auch der Mythos von der göttlichen Welterschaffung und dem Sündenfall der ersten Menschen.

Hesiod ist der erste mit seinen Werken als historisch nachweisbar Dichter des altgriechischen Sprachraums. Seine Lebensdaten sind unsicher. Er lebte jedoch im 8. und 7. Jh. v. Chr. in Böotien. Er fühlte sich nach seiner Selbstaussage göttlich zu dichterischer Verkündigung ihm eingegebener religiöser und ethischer Erkenntnisse berufen. Als Dichter gewann er auf musischen Agonen Preise und Berühmtheit. Neben seinem Werk 'Theogonie', aus dem die hier zitierte Textpassage stammt, hat er weitere Werke hinterlassen ('Erga kai hemerai'; 'Ehoien' oder 'Kataloge', evtl. ein weiteres über griechische 'Seher'). In der 'Theogonie' verkündet er dichterisch die Entstehung der Götterwelt, in den 'Erga kai hemerai' geht es um die Pflichten aus einer im Einklang mit der göttlichen Ordnung stehenden Sitte des bäuerlichen Lebens, in den 'Ehoien' ('Katalogen') um die Mythen von den - göttlich berufenen - Heroen). Andere evtl. von Hesiod stammende Werke stehen, soweit ihre Titel bekannt sind, thematisch ebenfalls dem religiösen Mythos nahe.

Zu b)

Beide Texte beruhen sicherlich in großem Umfang auf religiösen Überlieferungen, diehistorisch weit früher liegen als ihre Entstehungszeit; doch lassen sich weder in dem biblischen Schöpfungsmythos noch in Hesiods 'Theogonie' neuere Elemente der Mythenbildung ganz ausschließen. Beide Texte sind jedenfalls in starkem Maße Ergebnisse dichterischer bzw. priesterlich-redaktioneller Gestaltung ihrer Entstehungszeit. Bei beiden liegt es deshalb zumindest nahe, ein einheitlich konzipiertes, gedanklich zusammenhängendes Bild von einem Weltentsehungsprozeß und der durch ihn erzeugten Gestalt der Weltordnung anzunehmen, das ältere divergierende Elemente der Mythentradition als zumindest miteinander verträglich interpretiert.

Im biblischen Mythos ist die Weltentstehung ein aus göttlichem Plan und Willen hervorgehender Schöpfungsakt, bei dem die Welt als etwas von Gott Gemachtes, ihm als Schöpfung Gegenüberstehendes, von göttlichem Wesen Verschiedenes gedacht wird. Neben dem Schöpfergott gibt es vor, während und nach der Schöpfung keine andere göttliche Instanz, die auf Wesen und Geschichte der Welt Einfluß nimmt oder nehmen könnte. Gott ist auch keinem Schicksal untergeordnet; vielmehr ist Gott nicht nur göttlich, sondern auch das Schicksal. Das Böse in der Welt, zutagetretend etwa am Menschen, wird als willentlicher Abfall des Geschaffenen von Gott vorgestellt, nicht als göttliche oder gottähnliche Kraft.

Demgegenüber stehen im hesiodisch-altgriechischen Weltentstehungmythos am Anfang der Weltgeschichte - mehrere - eine Göttlichkeit einschließende, aber offenbar nicht personal-göttliche 'Urformen und -kräfte', nämlich zunächst das 'Chaos', aus dem sich direkt 'Nyx' (Nacht) und 'Erebeos' / 'Tartaros' (Dunkelheit, Unterwelt) bilden , später - offenbar auch aus dem 'Chaos' direkt hervorgehend - 'Gaia' (Erde), welche offenbar von Anfang an einen personal-göttlichen Charakter hat, und 'Eros' als erste Form eines allumfassenden Göttlichen. Aus 'Gaia' gehen dann direkt hervor die 'oroi' (Gebirge), der 'pontos' (das Meer) und der 'uranos' (Himmel); 'Uranos' scheint ebenfalls von Anfang an einen personalgöttlichen Charakter zu haben. Aus einer Verbindung der 'Gaia' mit dem 'Uranos' - als erster Generation personaler Götter - entstehen die zweite Göttergeneration - Kronos und seine Geschwister Okeanos, Rheia, Koios, Hyperion u. a. - sowie drei Gruppen gottesähnlicher, oft monströser Wesen - die Titanen, die Kyklopen und die Hekatoncheiren. Die Entmannung des Uranos durch Kronos mithilfe der 'Gaia' führt zur Entstehung der 'Giganten' aus dem bei der Entmannung auf der Erde verstreuten Samen des Uranos, ebenso enstsehen die Erinyen, die Nymphen Aus den ins Meer gefallenen Samen entsteht die 'schaumgeborene' Aphrodite. Aus der Verbindung von Kronos und Rheia entsteht die dritte, sopäter die Herrschaft in der Götterwelt von Kronos gewinnende und im Kampf gegen die Giganten behauptende Göttergeneration: Zeus, Poseidon, Hades, Demeter, Hestia, Hera. Weitere der zahlreichen von Hesiod besungenen Götter-Zeugungsprozesse bedürfen an dieser Stelle keiner Ausführung. Als Merkmale dieses mythischen Modells lassen sich jedenfalls hervorheben:

- die Existenz kosmischer Urformen und -kräfte vor personalen Göttern und ihre prinzipielle, wenn auch apersonale Göttlichkeit,

- die Mehrzahl und Vielfalt erzeugter, personaler Götter,

- die Bösartigkeit und Monstrosität einiger Götter und gottähnlicher Wesen,

- die Schicksalsunterworfenheit und Machtbegrenzung der Götter und Göttergenerationen.

Die Unterschiede zwischen biblischem und hesiodisch-griechischem Weltentstehungsmythos werden so deutlich:

Gibt es nach dem einen nur einen, und zwar einen ewigen, unveränderlichen Gott und ist dieser nicht nur nicht schicksalsunterworfen, sondern vielmehr das Schicksal selbst, so gibt es nach dem anderen eine Vielzahl von Göttern und eine Art göttergeschichtlicher Entwicklung.

Ist nach dem einen die Welt als Schöpfung Gottes nicht-göttlich, so hat sie nach dem anderen einen immanenten göttlichen, der Entstehung der Götterwelt sogar vorhergehenden Charakter.

Ist nach dem einen Gott prinzipiell gut und allmächtig, so ist nach dem anderen die Götterwelt nicht immer gutartig und die Macht der einzelnen Götter durch die anderer begrenzt.

Aus dem Vergleich beider Mythen-Modelle ergibt sich aber nicht nur der beachtliche Unterschied ihrer religiösen Grundannahmen, sondern es läßt sich daraus auch auf die große Bedeutung schließen, die diese etwa für die öffentliche und private kultische Verehrung Gottes oder der Götter, die Frömmigkeit und die Moral, die Vorstellungen von Gut und Böse, Schuld und Schicksal, von Kosmos, Geschichte und Menschennatur haben müssen. Es zeigt sich daran, welche grundlegend unterschiedliche Bedeutung verschiedenartig aufgebaute Mythensysteme für Geist und gesellschaftliche Ordnung des Menschen haben können und zu haben pflegen.

Übung 2.

AUFGABE :

Vergleichen Sie die unten wiedergegebenen Kurzcharakterisierungen einiger antiker Mythensysteme daraufhin, was an ihnen ähnlich und was an ihnen wesentlich unterschiedlich ist.

Siehe Gesamttext des Kap. 2: Einleitung II - Aufbau und historische Deutung mythischer Systeme der Antike (Übersicht und Erläuterung an Beispielen).


Bei den hier präsentierten Systematisierungen und Kurzbeschreibungen handelt es sich um die die begriffliche und darstellende Arbeit verschiedener wissenschaftlicher Bearbeiter, die die Fülle des mythengeschichtlichen Stoffs aus den jeweils von ihnen untersuchten antiken Kulturen, welcher ihnen vorliegt, nach ihrem Wissen und ihren Prioritätskriterien ordnen und für die Orientierungsinteressen eines Adressatenkreises zusammenfassen. D. h.: es handelt sich nicht um Quellen im engeren Sinne des Wortes.

Unter 'Mythensystem' ist ein intersubjektives, im Rahmen einer Gesellschaft benutztes System nicht verfahrensmäßig auf ihre Richtigkeit überprüfter, aber dennoch allgemeinakzeptierter Vorstellungen und Denkweisen zu verstehen, das - wie zum Beispiel Recht oder Religion - als historisches Phänomen von ideellem Charakter und weiter räumlicher und zeitlicher Dimenssion zu sein pflegt; die charakteristischen und sinngebenden Merkmale solcher intersubjektiver, ideeller Systeme pflegen sich nur sehr langsam zu verändern. Was den Begriff des 'Mythos' und des 'Mythensystems' betrifft, sei im übrigen auf die Ausführungen des Kap. 2 verwiesen.

Wegen einer zu engen, nämlich primär religiösen Fassung des Mythos-Begriffs bei einigen der hier präsentierten Kurzcharakterisierung kommt der umfassenderen Bedeutung, die der Mythos als Denk- und Redeweise für alle Formen menschlichen Denkens und menschlicher Kommunikation hat, dort nicht die angemessene Beachtung zu, und es werden die jeweils erwähnten, vor allem religiösen Mythen-Themen aus ihrem engen Zusammenhang mit anderen, nicht-religiösen gelöst, insbesondere etwa mit völker- und anderen sozial gruppenbezogenen Mythen oder mit politische Mythen ihrer jeweiligen Gesellschaften und Kulturtraditionen.

Nach diesen Vorbemerkungen, seien einige dennoch sinnvolle vergleichende Feststellungen über die hier in kurzen Übersichten präsentierten antiken Mythensysteme gemacht:

In ihnen allen scheinen Mythen

über die Götter und Geister, ihre Macht und ihr Wirken,

über die Entstehung der Welt, der Menschheit und einzelner Völker aus göttlichem Willen und Schöpfungsakt,

über das Leben und Wirken gottnaher Menschen als Heiliger, Heroen, Stadtgründer, Herrscher und Weiser,

über den göttlichen Urgrund von Sitte, Brauch, Recht und Gerechtigkeit, oft auch von Herrschaft und Politik

von zentraler Bedeutung für die Erklärung des Kosmos, der Natur und der menschlich-geschichtlichen Welt zu sein.

Andererseits sind auch in den hier zusammengefaßten, eher religionsgeschichtlich orientierten Kurzdarstellungen in gewissem Umfang religionsferne Mythenbildungen angedeutet oder erwähnt, wie z. B. in Stammbäumen, Weisheitslehren, Klageliedern, Taten- oder Reiseberichten. Ohne religiöse Erklärungsabsicht können sie etwas aussagen etwa über die Herkunft und Verwandtschaft von Völkern, über Kultur-Erfindungen, über Städte- und Reichsgründungen oder über die Außerordentlichkeit bestimmter, prinzipiell als rein menschlich vorgestellter Herrscherfiguren, Stadtgründer, Heroen oder Weiser.

Konzentriert man sich auf die besser beleuchteten Aspekte der religiösen Mythologie in den einzelnen hier skizzierten Mythensystemen, so treten deren charakteristische, sie unterscheidenden Merkmale im Detail deutlich hervor. Polytheismus, Monotheismus, Henotheismus, Emanationslehren, schicksalsreligiöse Komponenten, Eschatologien und andere Vorstelllungen von göttlichem Gericht und göttlicher Heimsuchung werden in ihrer Unverwechslichkeit und gesellschaftsbezogenen Geschichtlichkeit faßbar. Ebenso wird deutlich, in wie starkem Maße in den einzelnen Gesellschaftenn und Kulturtraditionen etwa der öffentliche und private religiöse Kultus, die politische Repräsentation und Entscheidung oder die rechtlichen und moralischen Normen jeweils von bestimmten, allgemein alzeptierten und nicht in Frage gestellten religiös-mythischen Denkvoraussetzungen abhängen.

Übung 3.

AUFGABEN

Bei den im folgenden wiedergegeben Tafeln handelt es sich um Auszüge aus einer heutigen wissenschaftlichen Rekonstruktion eines in Rom gültigen Kalenders aus verschiedenen antiken Quellen.

Versuchen Sie, mit Ihren sprachlichen und geschichtlichen Kenntnissen, so wie sie sind, folgendes zu ermitteln:

a) Handelt es sich schon um den sog. 'julianischen' Kalender? Welcher Zeit würden Sie die Ihnen vorliegende rekonstruierte Form zuordnen? Wer hat Ihres Erachtens die Einzelheiten des Kalenders festgelegt?

b) Was bedeuten Ihres Erachtens die Abkürzungen?

c) Welche Ihnen bekannteren und welche Ihnen weniger bekannten römischen Gottheiten können Sie ermitteln? Wie und warum werden sie im Kalender geehrt? Welche Kultvorgänge und Festlichkeiten lassen sich aus dem Kalender entnehmen?

d) Welche historischen Ereignisse und Persönlichkeiten werden Ihres Erachtens im Kalender erwähnt und warum ?

e) Wo liegen Gemeinsamkeiten mit und Unterschiede zu unserem heutigen Kalender?

Die Monate April, August und Dezember im römischen Kalender.

Auszüge aus der Textrekonstruktion nach dem 'Maffeianischen Kalender, der Kalenderhandschrift des Furius Dionysius Plilocalus, der 'Faste' des Ovid u. a. Quellen, zusammengestellt von Michael Hofmann, Caesars Kalender, München 1934 (Tafeln).


Zu a) Aus der Anzahl der Monatstage (30 und 31) geht hervor, daß es sich nicht um diejenige Form des bis zum Jahre 45 v. Chr geltenden, alten römischen Mond-Kalenders handelt, in dem die Monatslänge - nach der ungefähren Dauer des Mondumlaufs - 28 Tagezu beträgt und im Abstand zumeist zweier Jahre in den Monat Februar ein Reihe von 22 oder 23 Tagen eingeschoben zu werden pflegt, um die Fixpunkte des Sonnenjahres wieder mit der ebenfalls jahreszeitlich bestimmten, üblichen Lage der Kalendermonate in Übereinstimmung zu bringen. Vielmehr wird durch die von Caesar mithilfe des alexandrinischen Mathematikers Sosigenes entworfene, am 1. Jan. 45 v. Chr. in Rom eingeführte Kalenderreform ein anderes System der Monatslängen und Schalttage in Geltung gesetzt, das prinzipiell bis heute fortdauert, modifiziert allerdings durch die - die immer wieder einzuschaltenden Zwischenzeiten atsronomisch genauer bemessende - sog. 'gregorianische' Kalenderreform d. J. 1582 n. Chr.

Aus Kalenderangaben, die sich auf Persönlichkeiten nach Caesar (Augustus, Severus, Constantius) beziehen, ergibt sich, daß der von Caesar reformierte Kalender inden folgendenJahrhunderten weiterhin verändert wird, zwar nicht grundsätzlich, wohl aber in Einzelheiten, insbesondere etwa bei der Bestimmung von Fest-, Feier- und Gedenktagen.

In vorcaesarischer Zeit pflegen Kalender-Entscheidungen, insbesondere solche über Termin und Art der Einschiebung von Zwischenzeiten, vom priesterlichen 'Pontificalkollegium' getroffen zu worden. Doch in allen Kalenderangelegenheiten von grundsätztlicher politischer oder religiöser Bedeutung können der Senat und die politischen Amtsinhaber Einfluß nehmen und ggf. auch selbst eintscheiden. Dies ist etwa im Falle Caesars so, wenn er als 'dictator' eine grundsätzliche Kalenderreformmaßnahme dekretiert. Späterhin können auch die Kaiser solche Entscheidungen an sich ziehen.

Die in starkem Maße politischen Einwirkungsmöglichkeiten auf die Kalendergestaltung scheinen mit den zahlreichen religiösen Inhalten und Bezügen des Kalenders, etwa mit der mythisch-astralreligiös feststehenden Bedeutung bestimmter Termine im Kalenderjahr, im Widerspruch zu stehen. Doch löst dieser sich auf, wenn jede Kalenderänderung, auch eine solche auf politische Veranlassung, als religiös legitimiert, gewissermaßen als Beseitigung eines bisher bestehenden religiösen Irrtums, begriffen wird.

Zu b)

Es seien an dieser Stelle nur einige Auflösungen gegeben, die die religiös-mythischen Grundannahmen der Kalendergestaltung besonders deutlich machen. Im übrigen ist auf die eingehendere Beschreibung und religionsgeschichtliche Erklärung des römischen Kalenders bei Kurt Latte, Römische Religionsgeschichte, HdAW 5. Abt., 4. Teil, München 1960, S. 1 ff. und 431 ff., hinzuweisen.

F = Dies fastus. Tag für bürgerliche und staatliche Geschäfte

N = Dies nefastus. Tag des Stillstands aller weltlichen Geschäfte zu Ehren der Götter.

NP = Dies nefastus purus. Tag, an dem auf gar keinen Fall zu irgendeiner Tageszeit irgendein Geschäft getätigt werden sollte.

EN = Dies enderocisus. Tag, an dem wenigstens in der Tagesmitte Geschäfte möglich sind.

C = Dies comitialis. Tag, an dem Volksversammlungen stattfinden können und sollen.

SEN LEG = Senatus legitimus. Geeigneter und feststehender Sitzungstag des Senats.

FP = Feriae publicae. Ruhen öffentlicher Geschäfte.

Dies religiosus (ater, vitiosus, aegyptiacus). Tag, der als Termin im Jahresablauf aus geschichtlichen oder anderen Gründen unter einem unglücklichen Stern zu stehen scheint und deshalb für bestimmte, auf das Glück angewiesene Unternehmungen zu meiden ist.

SID = Dies sideralis. Tag, der für die Schiffahrt ungünstig ist.

LUD = Ludi. Öffentliche Spiele.

SACR = Sacrificium. Öffentliche Opfer.

MUNUS = Munus. Durch öffentliche oder private Freigiebigkeit finanzierte Gladiatorenkämpfe.

NAT = Natalis dies. Erinnerung an den Geburtstag eines Gottes oder eins vergöttlichten Kaisers.

CAL = Kalendae. Monatsanfang., ursprünglich priesterlich verkündet ('calatio')

NON = Nonae. Neunter Tag vor der Kalendermitte: 5. oder 7. Monatstag; Markttag.

ID = Idus. Monatsmitte oder -teilung: 13. oder 15. Monatstag.

A, B, C. D, E, F, G, H : die einzelnen Tage der achttägigen 'Nundinal'-Woche. Alle acht Tage und jeweils an den Monats-Nonen ist ohne jede religiöse Ausnahme Markttag, Gerichtstag und Sitzungstag der politischen Gremien.

VENERALIA ('Venusfest', Festtag der Matronen zu Ehren der Venus, 1. April) , FORDICIDIA ('Kuhopfertag' zu Ehren der Erd- und Fruchtbarkeitsgöttin Tellus, 15. April), CERIALIA (Tag zu Ehren der Ceres als der Göttin des pflanzlichen Wachstums, 19. April): Beispiele für die über 80 brauchtümlichen religiös motvierten, im Jahresablauf feststehenden römischen Feste zu Ehren nicht nur der höchsten römischen Götter, sondern vor allem solcher personifizierter göttlicher Kräfte, von denen Wohl und Wehe des menschlichen Alltags abhängig erscheint.

Zu c)

Die im Kalender erwähnten religiösen Fest- und Götternamen sind dem heutigen Zeigenossen weitgehend unbekannt (wie z. B. Robigo, Portunus, Consus), aber dennoch von offenkundiger kultischer Bedeutung Ihrem Namen nach zwar bekanntere, aber aus heutiger Sicht eher als nachrangig geltende Gottheiten (wie z. B. Castor und Pollux, Saturnus, Faunus, Volcanus) erscheinen kalendarisch in überraschend vielfältigen Funktionen und in einer alltagsreligiösen, brauchtümlichen Bedeutung, die die im Staatskult verehrten obersten Götter (Zeus, Iuno, Minerva) an dieser Stelle zurücktreten läßt. Im Kalender treten in gewissem Umfang auch kultisch nach Rom 'übernommene', 'zugewanderte' (adventicii) Götter wie Kybele (Magna Mater) oder Baal (Sol invictus, Sonnengott) hervor.

Zu d)

Erwähnt sind in dem hier präsentierten Auszug Caesar, Augustus, Severus und Constantius. Erinnert wird an ihre Geburtstage, Siege und Triumphe, generell an ihre göttlich vorherbestimmte und nach ihrem Tode durch Vergöttlichung bekräftigte Bedeutung für die Menschheit und das römische Gemeinwesen.

Zu e)

Der römische Kalender in der hier präsentierten Form ist dem heutigen strukturell in vielem ähnlich, so mit der 12er- Zahl und Länge der Monate im Sonnenjahr, den Monatsnamen, der Schalttagsregelung, der Trennung von Werk- und Feiertagen, der Bedeutung wiederkehrender religiöser Feste und politischer Gedenktage im Jahresablauf. Der wesentliche Unterschied besteht - von den Veränderungen der gregorianischen Reform abgesehen, in dem bereits in der Spätantike eintretenden Wechsel der kalenderbestimmenden, offiziellen, religiösen Grundanschauungen, die in der Textvorlage vorchristlich, heute aber christlich geprägt sind. Mit der Erklärung des Christentums zur römischen Staatsreligion i. J. 391 n. Chr. entfallen die religionsrechtlichen Grundlagen für die vorchristliche Form des römischen Kalenders. Aufgrund der neuen religiösen Bezüge tritt an die Stelle einer Acht-Tage- eine Sieben-Tage-Woche mit einem festen Ruhetag. An Stelle der heidnischen Klein- und Großgötter geben Geburt, Auferstehung und Himmelfahrt Christi dem Jahr seinen grundsätzlichen religiösen Rahmen und zahlreiche Heilige den einzelnen Tagen des Jahres ihre religiöse Bedeutung.

Aber trotz dieses Wandels gibt es zwischen heidnisch-römischem und christlichem Kalander manche mehr oder weniger offenliegende Kontinuität. Es sei an die Bezeichnung der Wochennamen erinnert, die bis heute sowohl im romanischen als auch im germanischen Bereich zumindest teilweise heidnische Götternamen tragen. Eines der zahlreichen Beeispiele ist auch die terminliche Plazierung des Weihnachts- bzw. des Osterfestes an den seit jeher religiös bedeutsamen Kalendermarken der Wintersonnenwende bzw. der beginnenden Wachstumstumsperiode: sie stellt Kontinuitäten zu den vorchristlichen Festtagen des 'Sol invictus' bzw. der 'Magna Mater' - und ihres sterbenden und wiederauferstehenden Geliebten Attis - her.

Übung 4.

AUFGABEN:

In dem unten wiedergegebenen Text finden sich Aussagen über Abstammung, frühe Geschichte und Wesen der Germanen, die auf unterschiedliche Weise mythischen Charakter haben.

a) Welcher Zeit entstammen diese Aussagen?

b) Welche Aussagen sind Ihres Erachtens überprüfbar und wahr, welche im weiteren Sinne mythischen Charakters?

c) Welche Arten mythischer Aussagen über 'die Germanen' können Sie unterscheiden, und wie kommen Sie Ihres Erachtens zustande?

Mythen der Germanen und über die Germanen: Tacitus, Germania 1 - 4.

Lat. und deutscher Text aus: Tacitus, Germania. Lateinisch - Deutsch. Übersetzt, erläutert und mit einem Nachwort herausgegeben von Manfred Fuhrmann, Stuttgart 1989, S. 4 - 9.


Zu a)

Schon der hier wieder gegebene Textauszug gibt genügend Hinweise für eine zeitliche Einordnung der Textentstehung. Abgesehen von der Sprachform, welche in den Bereich der hochentwickelten lateinischen Literatursprache weist, ist es vor allem das mit zahlreichen Detailinformationen angereicherte Bild von einem 'ganzen Germanien' ('Germania omnis') und seinen Grenzen , seinen Völkerschaften und Nachbarvölkern, welche zu einem gut informierten und interessierten römischen Autor des 1./2. Jhs. n. Chr. paßt. Als Grenzen einer 'Germania' im Westen und Süden sind Rhein und Donau antgegeben. Eine Gliederung der Bevölkerung erfolgt nach religiös-mythischen Traditionen, erst sekundär nach Stämmen oder Stammesverbänden, die ihrerseits wiederum noch nicht die Namen der seit dem 3. Jh. n. Chr. hervortretendentribalen Neubildungen 'Franken', 'Alamannen' oder 'Goten' tragen. Es ist von nicht sehr weit zurückliegenden Eindringversuchen germanischer Stämme nach Gallien die Rede ferner von einem Erkenntniszuwachs, welche jüngst gefürte Kriege über entferntere Regionen der Germania gebracht hätten.

Der Autor des Textes ist Cornelius Tacitus. Die Passage stammt aus seinem um das Jahr 98 n. Chr entstandenen Werk 'Gemania'. Tacitus lebte von ca. 60 - ca. 120 n. Chr.; auch das praenomen des Autors ist nicht sicher überliefert. Überhaupt sind die Lebensdaten des Tacitus in manchem Wichtigen unsicher. Es läßt sich jedoch begründeterweise vermuten, daß er sowohl aus eigener Diensttätigkeit an der nordwestlichen Militärgrenze des römischen Reiches als auch etwa über Persönlichkeiten wie seinen Schwiegervater Agricola, den längjährigen (78 - 84 n. Chr.) römischen Verwalter und Militärbefehlshaber Britanniens, genaueren Einblick in die ethnischen und geographischen Verhältnisse sowohl Britanniens und als auch Germaniens erlangte. Britannien ist zur Zeit der Entstehung der Schrift zum größeren Teil provinzialisiert und im übrigen den Römern aus zahlreichen militärischen Expeditionen und dem grenzüberschreitendem Handel in vollem Umfang geograpisch und ehtnisch bekannt. Ähnlich verhält es sich mit Germanien, das um 98 n. Chr. westlich bzw. südlich des Rheins, des zu dieser Zeit bereits eingerichteten Limes und der Donau römisch provinzialisiert und durch zahlreiche militärische Expdeditionen, politische Kontakte und einen dichten grenzüberschreitenden Verkehr auch mit seinen entferneteren Regionen (Skandinavien, osteuropäischer Raum) der römischen Seite zumindest viel bekannter ist, als noch im 1. Jh. v. Chr. Tacitus faßt die ihm bekannten Kenntnisse über alle germanischenGebiete und Völker ('omnis Germania') zusammen. Deren Völkerschaften beschreibt er offenkundig als kulturell, sprachlich und religiös-kultisch zusammengehörend.Er hält sie in diesen Aspekten für verwandt und von benachbarten Völkern unterscheidbar.

Zu b)

In der zitierten Textpassage lassen sich mehrere Arten mythischer Aussagen feststellen:

Aussagen über eine religiös-mythische Tradition in Germanien, im Rahmen derer sich die einzelnen Stämme und Stammesverbände ihre Herkunft und ihr Wesen erklären (Mythos von 'Tuisto', 'Mannus', 'Ingävonen', 'Istävonen' und 'Herminonen');

mythische Aussagen über eine frühere Anwesenheit des Herakles und des Odysseus in Germanien, welche als 'römische Deutung' germanisch-einheimischer Mythenbildungen über Heroen der Rheinregion zu verstehen sind;

Verzerrende Annahmen über einen angeblichen Volkscharakter 'der Germanen'. d. h. ihre typischen 'Stärken und Schwächen', ihre 'Tugenden und Laster'.

Was seine Mitteilungen über religiöse Ursprungs- und über Heroenmythen betrifft, macht Tacitus selbst deutlich, daß es unterschiedliche oder gerüchtartige Aussagen darüber gebe und daß er dazu nichts Aufklärendes sagen könne.

In seinen Aussagen über einen Volkscharakter 'der Germanen' scheint er sich jedoch aufgrund gewisser theoretischer Grundannahmen sicher zu sein, wie sie in der antiken Ethnographie schon seit Aristoteles üblich sind. Doch hat die von ihm seiner Klassifikation der germanischen Völkerschaften zugrundegelegte 'klimazonenorientierte Völkertemperamentslehre' Vorurteilscharakter. Zumindest simplifiziert oder übersieht sie verschiedene ethnisch-wesensprägende kulturelle und politische Strukturen germanischer Völkerschaften in einem Maße, das sie unbrauchbar für ethnographische Beschreibungen macht.

Hier handelt es um einen Mythos, der nicht religiöser, sondern vor allem völkerbezogener Art ist. Um diese Mythenart geht es in Kap. 4 dieses Skripts.

Zu c)

Die zu b) erwähnten Arten mythischer Aussagen über die Germanen kommen auf unterschiedliche Weise zustande:

durch offenbar unveränderte literarische Weitervermittlung eines direkt aus irgendwelchen germanischen Quellen stammenden religiösen Herkunfts-Mythos,

durch römische Umdeutung ('interpretatio latina') von germanischer Seite mitgeteilter Heroenmythen

und durch implizite Anwendung einer in sich grob unrichtigen 'Theorie', paradox formuliert: eines 'wissenschaftlichen Mythos', auf die Beschreibung ethnographischer Verhältnisse.

Übung 5.

AUFGABEN:

Der im folgenden wiedergegebene Text enthält allerlei Aussagen über einen Kaiser und seine Ehefrau.

a) Welcher Zeit ordnen Sie nach Ihrem jetzigen Wissensstande die im Text erwähnten Ereignisse und die Entstehung des Textes selbst zu? Wer ist der Autor?

b) Welche mythischen Elemente enthält der Text Ihres Erachtens?

c) Inwiefern entspringen seine mythischen Aussagen politischen Absichten und einer entsprechenden bewußten Gestaltung? Welcher Art sind diese Absichten. Was ist an den Textaussagen evtl. allgemeine, ungesteuerte Meinungsbildung?

Politisch-polemische Mythenbildung: Kaiser und Kaiserin als Dämonen bei Prokop, Anekdota 12, 12 - 32).

Deutsche Übersetzung nach: Prokop, Anekdota, Griechisch - deutsch, hg. von Otto Veh , München 1970 2, S. 109 - 115.


Zu a)

Die berichteten Ereignisse tragen sich am kaiserlichen Hof des spätantiken bzw. frühbyzantinischen Byzanz zu, wie man aus dem Text entnehmen kann Der Kaiser, um den es geht, ist Justinian (reg. 527 - 565 n. Chr.), seine Ehefrau, die 'Kaiserin' (dies bezeichnet nur einen aus der Ehe mit dem Kaiser hervorgehenden Status, nicht ein Amt), Theodora. Der Autor des Textes steht den Ereignissen und Personen offenkundig teilweise als Augenzeuge nahe und ist von leidenschaftlicher Abneigung gegenüber dem kaiserlichen Ehepaar erfüllt. Es handelt sich um Prokop von Caesarea, den Verfasser nicht nur dieses - polemischen - Textes, der zu seiner 'Geheimgeschichte' ('Anekdota') gehört, sondern auch umfänglicher, nicht-polemischer, historischer Werke über die Kriege seiner Zeit und über die auf Justinains Veranlassung errichteten erwähnenswerten Bauwerke. Die Lebensdaten Prokops sind - wie vieles andere Wesentliche aus seinem Lebenslauf - nicht genau überliefert; er dürfte um 500 n. Chr. geboren und und in den 60er Jahren des 6. Jhs. verstorben sein, möglicherweise noch vor Justinian. Prokop stammte wohl aus aristokratischem Milieu und erhielt oder erarbeitete sich in seinen jüngeren Jahren eine weitreichende Bildung, die in starkem Maße historischer und sprachlich-rhetorischer, vielleicht auch juristischer Art war. Er trat zunächst in kaiserliche Dienste ein und begleitete dann den Feldherrn Belisar als 'assessor' (Ratgeber in politischen, juristischen und administrativen Angelegenheiten) auf seinen verschiedenen Kriegsexpeditionen, und zwar mindestens bis zum Jahre 540 n. Chr., dem Zeitpunkt der Abberufung Belisars von seinem iKommando in Italien. Späterhin hielt er sich in Byzanz auf und dürfte - sichere Angaben darüber fehlen - verantwortliche Stellungen im Verwaltungs- oder Hofdienst ausgeübt haben; er äußert sich in seinen Werken mehrfach als mit der Würde eines 'illustrios' bzw. 'patrikios' gehrter Angehöriger des senatorischen Standes, was derartige hohe Stellungen voraussetzt. Wohl m Jahre 562 dürfte er etwa 'praefectus urbi' in Konstantinopel gewesen sein, d. h. Inhaber einer der angesehensteen Beamtenstellungen im Reiche.

Im Gegensatz zu den anderen überlieferten Werken Prokops sind die 'Anekdota' voll persönlich gehässiger bzw. ungehemmt schonungsloser Vorwürfe gegen den Kaiser Justinian und seinen persönlichen und politischen Anhang, darunter auch seine Ehefrau Theodora. Auf einen Kern gebracht, richten sich diese gegen eine unbesonnene, traditionsvergessene und allgemeinschädliche 'Neuerungssucht' des Kaisers im Form und Inhalten seiner Regierungs- und Gesetzgebungstätigkeit und gegen seine Förderung und Vorliebe für nicht-standesgemäße Ratgeber und Vertraute in seiner Umgebung. Der 'Kaiserin' hält Prokop, kurz gesagt, eine unstandesgemäße Herkunft, vielfach unsittlichen Lebenswandel und unangemessenen politischen Ehrgeiz vor. In seiner Kritik läßt er immer wieder durchblicken, daß das Kaiserehepaar nicht hätte regieren dürfen, sondern längst hätte abgesetzt werden müssen.

Ein entsprechender Versuch fand im sog. 'Nika'-Aufstand d. J. 530 , wenige Jahre nach dem Regierungsantritt des Kaisers, statt, und führte nach seiner Niederschalgung zu einem dauerhaft gespannten Verhältnis zwischen dem Kaiser und einigen aristokrratischen Kreisen, in denen er - wohl nicht ohne Grund - manchen Urheber und Förderer der deutlich kaiserfeindlichen haupstädtischen Rebellion vermutete. Prokop stand diesen Kreisen senatorischer Opposition entweder von Anfang an nahe oder fand, etwa aufgrund von Enttäuschungen über die kaiserliche Behandlung verdienter Persönlichkeiten wie Belisar, allmählich zu ihnen. Er vermied es jedoch offenkundig jahrzehntelang, seine Denkweise auch nur andeutungsweise bekannt werden zu lassen; denn dann wäre er wohl kaum in irgendeiner verantwortlichen Amtsstellung verblieben. Daß die Schrift von Prokop stammt, gilt aufgrund ihrer stilistischer und ideellen Eigenarten sowie ihrer persönlichen Zeitbezüge als sicher.

Es ist daher auch davon auszugehen, daß die 'Anekdota' nicht zu Lebzeiten Justinians, veröffentlicht wurden, vielleicht nicht einmal direkt nach dem Tode Prokops selbst, sondern erst in späteren Jahren, und zwar unter Umständen, die den für die Veröffentlichung Verantwortlichen nicht politischer Verfolgung aussetzte. In der Schrift findet jedoch gerade deshalb eine oppositionelle Gedankenwelt unverstellten Ausdruck, die unter den Herrschaftsverhältnissen des byzantinischen Kaisertums nicht in identifizierbaren öffentlichen Stellungnahmen hervortreten konnte, sondern sich in zahlreichen planvollen Gerüchtbuldingen, verdeckten öffentlichen Angriffen und höfischen Intrigen geäußert haben wird. Man kann sie gewissremaßen als 'Arsenal' solcher verdeckten Aktionen gegen das justinianische Kaieerregime betrachten.

Zu b)

Der hier zitierte Textauszug behauptet einen 'dämonischen' Charakter des Kaisers Justinian und seiner Ehefrau Theodora. Sie seien nicht als Menschen, sondern als verkappte Dämonen zum Schaden der ganzen Menschheit und des römischen Reiches tätig gewesen. Diese Behauptung wird mit mehreren Zeugenaussagen und allgemeinenen Überlegungen zum Wesen und Wirken von Dämonen unterstützt. Es liegt auf der Hand, daß diese Position entweder als rein polemisch-rhetorische Übertreibung oder aber als Überzeugung mythischen Charakters anzusehen ist. Letzteres scheint eher zuzutreffen als das erste; denn das ganze Werk, so wenig überzeugend es in seiner ungehemmten Polemik wirkt, macht doch den Eindruck einer persönlich aufrichtigen, fast ohnmächtigen Klage und Erbitterung.

Zu c)

Von solchen Gedanken bis zu einer destruktiven, herrschaftsentlegitimierenden, öffentlichkeitswirksamen, aber sachlich grundlosen oder zumindest unüberprüfbaren Gerüchtbildung über das Kaiserhaus wäre es nicht weit gewesen. In diesem Falle hätte ein Mythos politischer Art vorgelegen. Es wäre nur auf eine geeignete politische Gelegenheit zurr geplanten Auslösung ein Gerüchtkampagne angekommen. Dieser Typus einer destruktiven politischenem Mythenbildung besteht darin, daß dem politischen Gegner oder Feind planvoll lauter Scheußlichkeiten und Schändlichkeiten angedichtet werden, die aufgrund einer vermuteten generellen Voreinstallung bei einem breiteren Publikum Glauben zu finden versprechen. Zwar hat wohl Prokops Schrift selbst keine entsprechende Verwendung gefunden. Doch war die Herrschaft Justinians nie unumstritten, und er - wie andere Kaiser auch - hatte stets eine Reihe offener oder verborgener Gegner und Feinde, die sich der Mittel planvoller 'negativer Imagebildung' im Kampf gegen das regierende Kaiserhaus zu bedienen genötigt sahen.

Zum besseren historischen Verständnis dieser typischen Vorgehensweise aristokratischer Opposition in der römischen Kaiserzeit sei darauf hingewiesen, daß im politischen Kampf einer solchen 'negativen Imagebildung' eine übergewichtige 'positive' , ebenfalls mythische Selbstdarstellung der .Kaiserherrschaft gegenübersteht, und zwar als ausgeklügletes System unzutreffender, übertriebener oder jedenfalls unüberprüfbarer Aussagen über kaiserliche Tugenden und Taten, göttlichen Beistand zur kaiserlichen Regierung und eine grundsätzlich alternativlose Herrschaftslegitimation des Kaiseramtes. Einer Opposition bleiben unter solchen festgefügten Machtverhältnissen, selbst für gerechtfertigte Anliegen, oftmals keine anderen Handlungsmöglichkeiten.

Übung 6.

AUFGABEN:

Das unten wiedergegebene christliche Glaubensbekenntnis in seiner vom Konzil zu Konstantinopel d. J. 381 n. Chr. beschlossenen Form ist noch heute ein für das christliche Glaubensleben, darüber hinaus aber auch für die christlich-religiös geprägten Kulturen der Welt generell zentrales Dokument.

a) In welchen Sprachen gibt der Quellentext dieses Bekenntnis wieder und warum? Wie können Sie seinen Inhalt ohne größere Schwierigkeiten ermitteln? Sind die Ihnen zugänglichen Übersetzungen ins Deutsche wortgenau oder enthalten sie sachlich wichtige Veränderungen?

b) Inwiefern handelt es sich um einen gedanklich außerordentlich sorgfältig gestalteten und auch sprachlich beeindruckenden Text? Was bezweckt er?

c) Welche mythischen Elemente enthält das Dokument Ihres Erachtens? Läßt der Text seiner Intention nach einen Widerspruch oder eine Diskussion über seine Inhalte zu?

d) Wo erkennen Sie evtl. Gemeinsamkeiten zwischen der in dem christlichen Glaubensbekenntnis d. J. 381 n. Chr. erkennbaren religiösen Vorstellungswelt und anderen Ihnen bekannten religiösen oder philosophischen Ideen der Antike?

Das christliche Glaubensbekenntnis in der theologisch ausgearbeiteten Form des 'Symbolum Nicaeno-Constantinopolitanum'.

Lat. und griech. Text entnommen aus: Conciliorum oecumenicorum decreta. Edidit Centro di Documentazione, Istituto per le scienze Religiose, Bologna, curantibus Josepho Alberigo, Perikle-P. Joannou, Claudio Leonardi, P. Joannou, Claudio Leonardi, Paulo Prodi, consultante Huberto Jedin, Basel u. a. O. 1962, S. 20.


Zu a)

Der auf das christlich Glaubensbekenntnis bezogene Beschluß des Konzils von Konstantinopel ist in griechischer und lateinischer Sprache verfaßt. Das entspricht der Zusammensetzung des Konzils und dem Amtssprachencharakter des Griechischen und Lateinischen im Römischen Reich der Spätantike: soweit wegen des Adressatenkreises nötig, werden kirchliche Konzilsbeschlüssse wie staatliche Rechtsvorschriften in lateinischer und in griechischer Sprache publiziert.

Zwischen dem griechischen und lateinischen Text d. J. 381 n. Chr und heutigen, etwa im protestantischen oder katholischen Kirchenbrauch des deutschen Sprachraums üblichen, übersetzten Textfassungen - wie zwischen diesen selbst - gibt es verschiedene Unterschiede, die aus unterschiedlichen theologischen Schwerpunktsetzungen entstanden sind. Ein Beispiel hierfür sei die Plural-Form der Bekennens ('credimus', 'pisteuomen') im antiken Text, der heute eine singulare Form gegenübersteht ('ich glaube'). Im einen Falle ist das Bekenntnis ein solches der Kirche als Gemeinschaft der Heiligen, im anderen das des individuellen, für sein Glaubenshandeln frei verantwortlichen Gläubigen. Ein anderes Beispiel sei die akzentuierte, gegen abweichende Auffassungen gerichtete dogmatische Sorgfalt, mit der

das Wesen des Jesus Christus als 'in Gott entstandenen' ('eingeborenen', 'unigenitus', 'monogenes'), mit Gott seit Ewigkeit 'wesensgleichen' ('consubstantialis', 'homousios')' 'Gottessohns' , der nicht Bestandteil der Schöpfung sei ('genitus, non factus', 'gennetheis, ou poietheis),

oder das Wesen des 'Heiligen Geistes', der aus dem Vater hervorgegangen und gleicher Anbetung wie der Vater und der Sohn würdig sei,

ausformuliert wird. Heutige kirchenbräuchliche Textfassungen kürzen diese - theologisch durchaus wichtigen - antiken Bekenntniselemente erheblich ab.

Zu b)

Der lateinischen und der korrespondierenden griechischen Textfassung ist anzumerken, daß sie in jeder einzelnen Wendung aus zahlreichen - teilweise langandauernden, das kirchliche Leben mit Spaltungstendenzen ('Häresien') belastenden - dogmatischen Kontroversen hervorgegangen ist. Kein Wort ist insoweit überflüssig. Es handelt sich um eine Zusammenstellung von 'Definitionen' ('Abgrenzungen', griech. 'horoi') im wahrsten Sinne des Wortes. Das bedeutet, daß ein äußerstes Maß an gedanklicher Arbeit und Diskussion in die inhaltliche Textfasssung eingegangen ist.

Aber auch die Form des Bekenntnisses ist bewußt eindrucksvoll gestaltet. Der Aufbau entspricht mit seiner prinzipiellen Dreiteilung ('Vater', 'Sohn', 'Heiliger Geist') der Idee der göttlichen Dreieinigkeit. Die beschworenen gewaltigen Bilder und Ideen werden in eine ernste und feierliche Sprache der gläubigen Gottesverehrung gefaßt. Sowohl der lateinische als auch der griechische Text haben ferner einen freien Prosathythmus, der den Text sprechbar für eine Gemeinde macht und in späteren Zeiten auch musikalisch transformiert wurde (vgl. Skript Gizewski, Rhetorik und Musik als Mittel öffentlichen Handelns in antiken Gemeinwesen, Kap. 7)

Zu c)

Das Glaubensbekenntnis enthält lauter Aussagen, die in ihrem Kern nicht aus wissenschaftlich-verfahrensmäßig gestalteten Erkenntnisprozessen hervorgegangen sind und darüber hinaus sich auch gar nicht in derartige Erkenntnisweisen einfügen wollen, weil es sich ihrem Sinn und Zweck nach um Glaubensaussagen handelt, die - als letztlich von Gott geoffenbarte und in göttlichem Geiste theologisch verstandene und interpretierte - nicht eine 'kritische Nachprüfung', also ein eigenes Urteilsermessen des Menschen, sondern eine 'Glaubensentscheidung', also ein vorbehaltloses Vertrauen auf die göttliche Herkunft dieser 'Wahrheit' erfordern. Aus der Perspektive wissenschaftlicher Erkenntnis, die grundsätzliche Vorbehalte gegenüber der Richtigkeit aller Aussageformen geltend macht, bis sie ein ausreichendes, unter Verschiedendenkenden objektivierbaren Wahrheitskriterien folgendes Prüfverfahren durchlaufen haben, handelt es sich bei den Aussagen des Glaubensbekenntnisses daher um Mythen, und zwar solche religiöser Art: sie beziehen sich das Wesen Gottes, seine Menschwerdung und den Charakter der göttlich gestifteten Kirche als geschichtlichen Wirkungsfelds des 'Heiligen Geistes' 'in dieser Welt'. In den Glaubensaussagen über die Kirche liegt aber auch ein politisch folgenreiches, d. h. einen grundsätzulich bedeutsamen Mythos politischer Art begründendes Moment: die Behauptung eines 'katholischen' und apostolischen' Charakters der Kirche enthält für die sich christlich verstehenden Kaiserherrschaft des spätantiken römischen Reiches u. a. die Verpflichtung, Häresien zu bekämpfen, den christlichen Glauben zu verbreiten und den Einfluß nicht-christlicher Religionen zurückzudrängen.

Zu d)

Das Christentum als Religionsneubildung der hellenistisch-römischen Antike steht in entwicklungsgeschichtlichem Zusammenhang etwa mit jüdischen, griechisch-hellenistischen, ägyptischen und iranischen Traditionen der Religion, Spekulation und Philosophie. Sie istzum Beispiel die Vorstellung von dem einen Gott, neben dem es keine weitere Götter gebe, im wesentlichen jüdischer Herkunft. Die Erscheinungsweise Gottes in verschiedenen 'Personen' oder 'Manifetstaitionen' dürfte dagegen ein ägyptisches Erbe sein. Das Verständnis des Gottessohnes als 'in Gott geboren' hat ideelle Gemeinsamkeit mit Parallelphänomenen der griechischen Religionswelt (Beispiel: Athene als dem Haupte des Zeus entsprungene Göttin). Die Auffassung des Jesus Christus als uranfänglich vorhandenen, die Schöpfung bewirkenden 'logos' steht mit der griechischen 'Logos'-Spekulation und -Philosophie in engem Zusammenhang. Die Vorstellung von einem nötigen permanenten Kampf des Guten gegen das Böse in der gottgeschaffenen Welt und deren Neuschaffung nach einem am Schluß der Weltgeschichte stattfindenden göttlichen Endgericht über die Kräfte des Bösen, ist auf die eschatologischen Denkweisen iranischer Religionstraditionen zurückzuführen.

Die Neubildung und Abgrenzung des Christentums als religiös-ideellen Zusammenhangs eigener Art führt zwar dazu, daß es seinem Selbstverständnis nach keine wesentlichen Gemeinsamkeiten mit Nachbarreligionen zu haben glaubt und behauptet. Doch ist das - rein religionsgeschichtlich betrachtet - nicht aufrechtzuerhalten; das Gegenteil ist vielmehr der Fall. Selbst nach seiner Verselbständigung und bekenntnismäßigen Selbstabgrenzung gibt es inhaltlich bedeutsame,von nichtchristlichen Religionen ausgehende Prägungen oder Beeinflussungen des Christentums, wie sich an dogmatischen Auseinandersetzungen etwa über die 'Prädestination' bzw. 'Willensfreiheit' des Menschen, die 'Reinheit des Priestertums' oder die Bedeutung der 'Bilder' im Kultus ablesen, aber an dieser Stelle nicht eingehender begründen läßt.

Übung 7.

AUFGABEN:

Untersuchen Sie die unter 2) wiedergegebene Darstellung der 'Athena Promachos' unter folgenden Aspekten:

a) Welchen religiös-kultischen und welchen politisch-repräsentativen Zweckbestimmungen dient das Bild Ihres Erachtens?

b) Welche Bildelemente treten nach Ihrem Eindruck als wichtige hervor, und was bedeuten sie? Mit welchen plastischen und - vermutugsweise - raumgestalterischen Mitteln wird die Bedeutung der Bildelemente unterstrichen?

c) Welche mythischen Aussagenelemente religiöser und politischer Art enthält das Götterbild?

Heutiger Standort der sog. 'Varvakion-Statuette: Athen, Nationalmuseum'. Abb. entnommen aus: Heiner Knell, Mythos und Polis. Bildprogramme griechischer Bauskulptur, Darmstaft 1990, S. 97.

Abb. entnommen aus: Walter-Herwig Schuchhardt, Geschichte der griechischen Kunst. Mit 310 Abbildungen im Text und 3 Übersichtsplänen., Stuttgart 1971, S. 329. Dort - S. 328 - 331 - auch eine eingehende Bildbeschreibung.


Zu a)

Das Bild der Athena Parthenos steht im Mittelpunkt des prominentesten Tempels der Athener Akropolis, wo es zur Zeit der Entfaltung der klassischen Athener Demokratie unter Perikles aufgestellt wird. Sein Schöpfer, der Bildhauer Phidias, ein Vertrauter des Perikles, hat die Arbeit in dessen Auftrag ausgeführt. Es ist also davon auszugehen, daß das Bild der Göttin nicht nur eine besondere religiös-kultische, sondern auch eine politische Bedeutung und Aussagekraft hat.

Die religiös-kultische Bedeutung des Bildes besteht, wie stets, seit es den Parthenon-Tempel gibt, darin, zu verdeutlichen, daß Athene die spezielle Schutzgöttin für die Stadt Athen ist, und anschaulich zu machen, worin ihre besonderen göttlichen Eigenschaften und Schutzfunktionen für die Stadt bestehen. Als wehrhafte, maßvolle, weise, der städtischen, gesetzlichen Ordnung, den Künsten und Wissenschaften, dem Handel und Gewerbe und den wagemutigen Helden (wie etwa Odysseus oder Perseus) zugewandte Göttin wird sie als dem Wesen des Athener Stadt- und Handelsstaates besonders nahestehend dargestellt und verehrt. Ihre partielle Wesenseinheit mit Zeus, aus dessen Kopfe sie hervorgegangen ist, macht ferner deutlich, daß das Wesen des athenischen Stadtstaaates in besonderem Maße auch dem Willen des Göttervaters Zeus entspricht, also in vollem Einklang steht mit der göttlich bestimmten Weltordnung.

Die politische Bedeutung des Bildes besteht darin, in einer Zeit der weitgehenden äußeren Machtentfaltung und inneren 'Demokratisierung' der Athener Polis, die im griechischen Bereich nicht nur Zustimmung auslöst, sondern schließlich sogar zum peloponnesischen Kriege führt, zu verdeutlichen, daß das traditionell enge Verhältnis zwischen der Göttin und der Stadt Athen durch diese Entwicklung nicht nur nicht gestört, sondern in besonderem Maße verstärkt worden sei: nicht nur ein traditionell gutes, sondern vielmehr ein neues enges Bindungsverhältnis wird so mythisch behauptet..

Zu b)

Optisch treten am Bilde hervor:

allgemein die imposante aufrechte Haltung der kräftig gebauten Göttin und ihre ernst-entschlossene, hoheitsbewußte - d. h. auch: nicht eigentlich schöne oder lächelnde - Miene,

und im besonderen

der Helm mit den aufgeklappten Ohrenschutzplatten und den aufgesetzten Helmbuschhalterungen, einer Sphinx und zwei geflügelten Pferden,

der Schulterumhang, ein Ziegenfell (Ägis) mit aufgesetzten kleinen geringelten Schlangen, das vor der Brust durch ein Medusen-Bild zusammengehalten wird,

der nach dem von Athene getöteten Giganten 'Pallas' genannte Schild mit einer sich darin windenden großen, 'bärtigen' Schlange, der 'Burgschlange von Athen';

die eine geflügelte kleine Nike-Figur haltende rechte offene Hand der Göttin, die auf einer Säule aufruht

Ein Speer, wie er in anderen Athene-Abbildungen vorhanden ist, fehlt bei dieser Darstellung.

Gestalterische Mittel, die die Bildelemente betonen,sind etwa:

die gestufte, senkrechte Faltung des Gewandes, des 'Peplos', welche die aufrechte Haltung der Göttin unterstreicht,

die konträre Positionierung des Schildes hier und der 'Nike'-Figur dort im Bildaufbau, die beide Elemente zugleich in ein komplementäres Verhältnis zueinander setzt und damit in ihrer Botschaft verstärkt.

der überladen wirkende, jedoch gewiß absichtsvoll an der Spitze des Göttinnenbildes plazierte Figurenschmuck des Helms, der gewissermaßen auf das Leitprinzip ihres Wesens hinweist.

Zu c)

Das Bild hat direkt nur religiös-mythische Bezüge.

Es verweist etwa mit dem Schild auf den Mythos vom Gigantenkampf, in dem Athene den Giganten Pallas tötet, dessen Haut sie dann abzieht, um mit ihr ihren Schild zu bespannen; dieses Mythos wegen trägt sie den Namen 'Pallas Athene'.

Der Bezug auf die Burgschlage von Athen macht mythisch die uralte Verbindung der Göttin mit der 'Burg Athen' deutlich.

Die 'Aegis' ('Ziegenfell') ist ein altes mythisches Attribut der Kleidung der Athene - und anderer Götter -, welches sie unverwundbar macht.

Die kleinen Ringelschlangen auf der 'Ägis' unterstreichen ihre 'chthonischen', d. h. in der Erde des Landes liegenden Kräfte.

Das die Aegis zusammenhaltende 'Medusenhaupt' nimmt Bezug auf den Mythos von Perseus, welcher mithilfe der Athene den Kampf gegen die 'Gorgo Medusa' besteht und der Göttin dafür den abgeschlagenen Kopf des Ungeheuers schenkt.

Die 'Nike' ist mythisch eine Tochter des von Athene getöteten Giganten Pallas und des personifizierten Unterweltflusses Styx, welche nach dem Gigantenkampf dem Zeus und der seinem Kopfe entsprungenen Athene gleichermaßen zur Verfügung steht; beide Gottheiten 'verleihen den Sieg'.

Die 'Sphinx' ist ein ursprüglich in Theben beheimatetes Ungeheuer, das Fremdlingen Rätselfragen vorlegt, die sie im allgemeinen nicht beantworten können, und sie in diesem Falle auffrißt: erst Ödipus gelingt es, ein Sphinx-Rätsel zu lösen und das Ungeheuer zu beseitigen; Athene wird im Bilde, wie es scheint, ebenfalls als Sphinx-Bezwingerin - oder aber als derartiger Ungeheuer mächtige und zugleich besonders weise, rätssellösende Göttin - dargestellt.

Die beiden Flügelpferde weisen - in bedeutungsunterstreichender Doppelung - auf den Mythos des Pegasos hin, des himmlischen Flügelpferdes, eines Abkömmlings des Poseidon und der Gorgo Medusa. Es steht dem korinthischen Heros Bellerophon bei seinem Kampf gegen das Ungeheuer 'Chimaira' bei und gilt im übrigen generell als göttliches Wesen, das die Seelen - etwa der Dichter - zum Himmel emporträgt. Athene wird im Bilde als dieser himmelöffnenden Kraft in jeder Hinsicht mächtig verstanden. Auch ihre Eigenschaft als 'Rossebändigerin' - als Göttin der Pferdezucht - dürfte hier angesprochen sein, und zwar exemplarisch für ihren generell kulturschaffenden und -wahrenden Charakter.

Indirekt enthält das Bild aber auch politisch-mythische Aussagen über den Stadtstaat Athen und sein Reich, dessen Schutzgöttin Athene ja ist. Sie besagen ungefähr: Athene will dem Staate der Athener wohl und fördert ihn, weil es ein besonders kulturvoller, geistvoller, in der Reihe alter griechischer Polis-Staaten besonders angesehener, zu gerechtem Frieden und, wenn es sein muß , auch zu besonnener Kriegführung in Verteidigung und Angriff gleichermaßen befähigter Staat ist. Eine solche Aussage entspricht ungefähr dem athenischen Selbstverständnis, das Perikles in der von Thukydides wiedergegebenen und gestalteten Rede 'Vom Kranze' (Thukydides, Peloponnesischer Krieg 2, 34 - 47 , Skript "Gizewski, Die Vielzahl der Länder, Völker und Sprachen in der Alten Geschichte", dort zu Kap. 6) zum Ausdruck bringt.

Übung 8.

AUFGABEN:

Untersuchen Sie den unter 2) wiedergegebenen Quellentext mit Ihrem gegenwärtigen Wissen daraufhin,

a) von welcher Überzeugungsbasis aus und mit welchen Argumenten - und eher polemischen Mißverständnissen - darin religiöse Vorstellungen und Gebräuche außerhalb des Jahve-Kults als gegenstands- und wertlos dargestellt werden,

b) welche Gründe für eine so scharfe Abgrenzung einer Religion gegen eine andere bestimmend sein mögen und

c) was von den vorgebrachten Argumenten und Werturteilen sich auch für eine anti-mythische Argumentation und Polemik gegen die Jahve-Religion selbst eignen könnte.

Religiöse Kritik an fremden Religionen als Form einer Entmythologisierung: Das Buch der Weisheit, Kap. 13 und 14.

Deutsche Übersetzung: Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments mit Einleitungen zu jedem der biblischen Bücher und erklärenden Anmerkungen zu den Texten. In ungekürzter Fassung herausgegeben von T. Schwegler und A. Herzog (Große Familien-Bibel), Zürich 1974, S. 1404 - 1407.


Zu a)

Die deutlich aggressive und dabei rhetorisch-polemische Verständnislosigkeit gegenüber fremden Religionen wird getragen von der Grundüberzeugung, die Jahve-Religion sei als einzige von Gott selbst gestiftet und von göttlichem Geist inspirierten Menschen offenbart; sie enthalte deshalb als einzige unter allen Formen der Götterverehrung uneingeschränkt richtige, wahre und unwidersprüchliche göttliche Feststellungen und Anweisungen für die Gläubigen. Andersartige Göttervorstellungen, Kulte und Frömmigkeitsgebote erscheinen dabei nicht als nur als einfacher Irrtum, sondern vielmehr entweder als Irreführung der ihnen ergebenen Menschen und Völker durch bösartige Geistwesen oder sogar als schuldhaftes Desinteresse und Ausschlagen des göttlichen Wortes durch die natürlich-sündhafte Natur des Menschen.

Zu b)

Ihre Bekämpfung wird aus dieser Perspektive nicht bloß als ein Beitrag zu richtiger Erkenntnis, über den sich diskutieren ließe, sondern vielmehr als ein Beitrag zur Durchsetzung des göttlichen Wortes und Willens in einer vom Bösen mitbestimmten Schöpfungswelt verstanden. Das erklärt die Schonungslosigkeit, mit der Abweichungen von einer priesterlich-theologisch als Einheit des Gotteswillens und der Gottesoffenbarung interpretierten Tradition der Jahve-Religion als solche dargestellt und angegriffen werden. Dabei schwindet jedes Verständnis für die entwicklungsgeschichtlich oftmals verwandten und religiös in sich sinnvollen Gottesvorstellungen, Kultarten und Frömmigkeitsformen anderer Religionen, und sie werden in einer an neuzeitliche Formen der ideologiekritischen Religionskritik erinnernden 'reduktionistischen' Vereinfachung aus simplen, im wesentlichen an materiellen Bedürfnissen orientierten Alltagsgewohnheiten und -denkweisen oder aber aus wahnhaften Phantasien ihrer Anhänger erklärt. Die vollkommene Entwertung andersartiger relgiös-ideeller Zusammenhänge enthält im Kern in sich auch alle erklärenden und begriffsbildenden Verfahren einer 'Entmythologisierung', auch wenn diese polemisch simplifizierend und rhetorisch eingesetzt werden. So werden zum Beispiel theologisch tiefreichende traditionelle Gottesvorstellungen als phantastische Idealbilder von geliebten Toten entlarvt oder Kultbilder mit hohem religiösen Symbolgehalt - unter prinzipieller Ausblendung ihrer vor allem anderen ideellen Zweckbestimmung - als sinn-, bezugs- und geschichtslose Materie begrifflich bestimmt.

Zu c)

Eine solche Art der polemischen Religionskritik kann auf die ihr zugrundeliegende religiöse Grundüberzeugung zurückwirken. Erscheint - wie im antiken Mittelmerraum der hellenistischen Epoche, der der Textautor zugehört, naheliegend - im Erfahrungshorizont des idealtypischen religiös motivierten Religionskritikers eine größere Zahl verschiedengestaltiger Religionen, so wird er - wenn auch ungewollt - zu Vergleichen genötigt, die entweder die Polemik gegen andere Religionen mildern oder die ihnen gegenüber geübte Kritik verallgemeinern, d. h. indirekt auch die eigene religiöse Position einbeziehen. D. h.: religiös motivierte Religionskritik kann in synkretistische religiöse Überzeugungen oder in generell religionskritische und sogar in grundsätzlich antimythologische Positionen einmünden. Beide Entwicklungsformen lassen sich in der Antike auffinden, die erstere vielfach, die letztere vor allem etwa in den griechischen Formen mythenkritischer, wenn auch nicht notwendigerweise atheistischen Philosophie: in der ionischen Naturphilosophie, in der Sophistik, in der pyrrhonischen Skepsis oder in der epikuräischen Atom-Lehre.

Die Auffassung des Euheremos von Messene (ca. 340 - 260 v. Chr.), die Vorstellungen der Menschen von den Göttern hätten sich historisch aus der Verehrung berühmter Toter entwickelt, ist schon vor seiner Zeit verbreitet und gehört in hellenistischer und römischer Zeit zum ideellen Geimeingut gebildeter Skeptiker; diese Idee dürfte auch den vorliegenden Text beeinflußt haben.

Übung 9.

AUFGABEN:

Untersuchen Sie den unten wiedergegebenen Vortrag des russischen Sängers Vladimir Wissotski unter folgenden Aspekten:

a) Was interessiert ihn in als einen Menschen unserer Zeit an dem antiken Kassandra-Thema? Warum trägt er es musikalisch einem größeren russischen Publikum vor?

b) Welche Aussagen enthält sein Vortrag, in sprachlicher Form interpretiert? Was hat an diesen Aussagen evtl. ebenfalls mythischen Charakter?

c) Welcher sprachlichen und musikalischen Ausdrucksmittel bedient sich Wissotski?

Materialzusammenstellung zum antiken Mythos und Wiedergabe einer Passage aus der Audio-CD 'Vladimir Vissotski, 'Le vol arrêté, Nr. 17: 'Troie'. Hersteller: Editions Le Chant du Monde', Frankreich LDX 274762 CM 211. Distributions 'harmonia mundi', Arrangements: Constantin Kasansky .


Zu a)

Vladimir Vissotski (1938 - 1980) steht als Schauspieler und Sänger, der vor allem in der Moskauer Gesellschaft der 60er und 70er Jahre wirkt und dabei große Popularität gewinnt, gedanklich, zumindest in seinen späteren Jahren, der sich in dieser Zeit in Rußland allmählich öffentlich entwickelnden Kritik an der Geschichte des Sowjetsystems und seinen Schwächen nahe, ohne sich doch für eine grundsätzliche ideelle Abkehr von diesem System zu entscheiden. In seinem hier zitierten Lied 'Troie' (Troja) steht einerseits das tragische Kassandra-Thema im Vordergrund, welches als Paradigma für die gelegentliche Aussweglosigkeit individueller menschlicher Existenz eine einfühlsame, mitleidvolle Darstellung findet. Andererseits ist ein auf dem Wege zum Untergang befindliches Gemeinwesen angesprochen, in Gestalt des mythischen, hier offenkundig paradigmatisch gewählten Troja. Auf dieses - hier dürfte in Wirklichkeit die Sowjetunion gemeint sein - bezieht sich - nur indirekt ausgesprochen - eine allgemeingehaltene Mahnung an die politisch Verantwortlichen, nämlich: die Warnungen sensibler, begabter und wohlmeinenden Zeitgenossen vor schädlichen Entwicklungen der Gesellschaft nicht zum Schaden des ganzen Gemeinwesens und seiner einzelnen Angehörigen in den Wind zu schlagen. Diese Botschaft ist, den politischen Überwachungsverhältnissen im sowjetischen Rußland der Zeit Vissotskis entsprechend, verschlüsselt formuliert, dürfte aber der Hintergrund für die Leidenschaft sein, mit der das Lied vorgetragen wird. Die Botschaft richtet sich an einen Kreis Gleichgesinnter und wirkt verstärkend auf deren mehr oder weniger weitgehende und unausgesprochene Distanz zum Sowjetsystem.

Zu b)

Der mythische Charakter der oben in Sprechsprache übersetzten Aussagen des Liedes liegt einmal in der Übernahme und Fortentwicklung eines antiken Mythos. Dabei wird allerdings nicht - wie im antiken Vorbild - von einer konkreten göttlichen Macht (Apollon) ausgegangen, die den Menschen (Kassandra) in ein dauerndes Unheil verstrickt, sondern - religiös unspezifischer - von einem Aspekt der allgemeinen 'conditio humana': Beklagt wird das immer wieder stattfindende 'schuldlose' und 'unverdiente' Leiden des Menschen unter 'höheren Mächten', die ihm in Gestalt seiner gesellschaftlichen Umgebung - etwa in deren Kurzsichtigkeit und Verständnislosigkeit - gegenübertreten. Diese 'höheren Mächte' haben für Vissotski einerseitseinen anonymen, andererseits aber doch auch einen personalen Charakter; sonst könnte über ihre 'Ungerechtigkeit' eigentlich nicht Klage geführt werden. Aus dem antiken Mythos ist insoweit ein heutiger, schicksalsreligiöser Mythos geworden.

Davon zu unterscheiden ist ein anderes, nämlich das verschlüssselt mitgeteilte politisch-mytische Moment. Dabei geht es um eine Reihe von Annahmen über die politischen und menschlichen Defekte des russisch-kommunistischen Gesellschaftssystems. Sie lassen sich aus dem Liede selbst zwar wegen seiner in dieser Hinsicht nur andeutenden Vortragsweise nicht genau rekonstruieren. Vissotski scheint jedoch wenigstens der Meinung zu sein, daß Künstler und Geistesmenschen hier und verantwortliche Politiker dort zu seiner Zeit nicht in einem Verhältnis zueinander stehen, das es erlaube, einen drohenden Untergang des 'realsozialistischen' Systems abzuwenden. Hier mag letztlich eine traditionsreiche und zugleich moderne mythische Selbstüberschätzung der politisch gestaltenden Kraft des Geistes zugrundeliegen.

Zu c)

An der formalen Wirkung des Liedes seien hervorgehoben:

die Guitarrenbegleitung, welche dem Sänger - wie dem antiken Kitharoeden - ein wenig den Charakter und Rang eines Verkünders und Sehers verleiht;

der hart geschlagene Rythmus und das Vermaß des Liedes, das - ob beabsichtigt oder nicht - an den in der antiken Lyrik verwendeten 'katalektischen iambischen Trimeter' erinnert. Beides erzeugt eine zugleich 'springende' und unverwandt vorwärtsschreitende musikalische Bewegung, dei dem Inhalt des Liedes, dem Mythos vom unberechenbaren, aber unaufhaltsamen Schicksal, besonders entspricht;

die Laute der russische Sprache, deren für das Lied gewählten Worte schon barbarisch und gewaltsam, ja zerstörerisch wirken, aber durch die Art, wie Vissotski sie fast gequält herausschreit, in dieser Wirkung noch erheblich gesteigert werden;

die viermalige Verkündung der zentralen Botschaft des Liedes ("Aber zu allen Zeiten hat man die Seher wie auch die Glaubenszeugen verbrannt") in seinen vier Strophen;

die prägnante, schnörkellose Kürze des Liedes und sein jäher Abschluß.

Alles ist auf die zu vermittelnde Botschaft abgestimmt und erzeugt einen nachhaltigen Eindruck. Das Lied kann als Musterbeispiel dafür dienen, wie i. w. S. 'bildsprachliche' Mitteilungen unvergleichlich viel unmittelbarer und kräftiger - allerdings auch unreflektierter - wirken können als spechsprachliche.


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)

LV Gizewski WS 2002/2003