Die archaische dichterische Deutung griechischer Schöpfungsmythen bei Hesiod (Theogonie, 117 - 239).

Deutsche Übersetzung nach: Hesiod, Sämtliche Werke. Deutsch von Thassilo von Scheffer. Mit einer Übersetzung der Bruchstücke aus den 'Frauenkatalogen' herausgegeben von Ernst Günther Schmidt, (1955) Bremen 1984, S. 58 - 63.


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Dies verkündet mir, Musen, Bewohner der himmlischen Häuser,
alles von Anbeginn an und was als erstes entstanden.

Wahrlich, zuerst entstand das Chaos und später die Erde,
breitgebrüstet, ein Sitz von ewiger Dauer für alle
Götter, die des Olymps beschneite Gipfel bewohnen
und des Tartaros Dunkel im Abgrund der wegsamen Erde,
Eros zugleich, er ist der schönste der ewigen Götter
lösend bezwingt er den Sinn bei allen Göttern und Menschen
tief in der Brust und bändigt den wohlerwogenen Ratschluß.
Aus dem Chaos enstanden die Nacht und des Erebos Dunkel;
aber der Nacht entstammten der leuchtende Tag und der Äther.
Schwanger gebar sie die beiden, von Erebos' Liebe befruchtet.

Gaia, die Erde, erzeugte zuerst den sternigen Himmel
gleich sich selber, damit er sie dann völlig umhülle,
unverrückbar für immer als Sitz der ewigen Götter
zeugte auch hohe Gebirge, der Göttinnen holde Behausung,
Nymphen, die da die Schluchten und Klüfte der Berge bewohnen.
Auch das verödete Meer, die brausende Brandung gebar sie
ohne beglückende Liebe, den Pontos; aber dann später
himmelbefruchtet gebar sie Okeanos' wirbelnde Tiefe,
Koios und Kreios dazu und Iapetos und Hyperion,
Theia sodann und Rheia und Themis, Mnemosyne ferner,
Phoibe, die goldbekränzte, und auch die liebliche Tethys.
Als der jüngste nach ihnen entstand der verschlagene Kronos,
dieses schrecklichste Kind, er haßte den blühenden Vater.

Auch die Kyklopen gebar sie, die wildüberheblichen Herzens,
Brontes und Steropes auch und den finstergewaltigen Arges.
Diese dann gaben dem Zeus den Donner und schufen die Blitze.
Zwar in allem glichen sie sonst den ewigen Göttern,
doch inmitten der Stirn lag ihnen ein einziges Auge.
Und so hatte man ihnen den Namen Kyklopen gegeben,
weil auf der Stirn das Rund des einzigen Auges gelegen.
In ihren Werken aber lag Stärke, Gewalt und Erfindung.

Aber noch andere waren von Himmel und Erde entsprossen:
drei ganz riesige Söhne, gewaltig unnennbaren Namens:
Kottos, Briareos auch und Gyes, Kinder voll Hochmut.
Hundert Arme streckten aus ihren Schultern sich vorwärts
klotzig und ungefüg, und fünfzig Köpfe entsproßten
jedem aus seinen Schultern auf starken, gedrungenen Gliedern.
Grausig war Kraft und Wucht sie glichen gewaltigen Riesen.
Denn von allen, die so aus Gaia und Uranos stammten,
waren die schrecklichsten sie, verhaßt dem eigenen Vater
gleich von Anfang. Sobald von ihnen einer geboren.
barg sie alle - und ließ sie nicht zum Lichte gelangen -
tief im Schoße der Erde, sich freuend der eigenen Untat,
Uranos. Aber es stöhnte im Innern die riesige Erde
grambedrückt und sann auf böse, listige Abwehr.

Und sie formte sogleich ein graues Eisengebilde:
eine gewaltige Sichel. Den lieben Kindern zur Lehre
sprach sie ermutigend so, bekümmert im eigenen Herzen:
"O ihr Kinder von mir und dem grausigen Vater, sobald ihr
willig, mir zu gehorchen, so rächt an dem eignen Erzeuger
schlimme Schmach; zuerst hat er ja selber gefrevelt."
Sprach's, und alle erfaßte Entsetzen, und keiner von ihnen
redete; nur der große, der listenmächtige Kronos
gab, von Mut beseelt, der erhabenen Mutter die Antwort:
"Mutter, so will denn ich dir dies versprechen und möchte
gern das Werk vollenden; denn unser verrufener Vater
kümmert mich wenig, zuerst hat er ja übel gehandelt."
Sprach's; da freute im Herzen sich sehr die gewaltige Gaia,
barg ihn in sicherm Versteck und gab die zahnige Sichel
ihm in die Hände und lehrte ihn lauter listige Schliche.
An kam mit der Nacht der gewaltige Uranos, sehnend
schlang er sich voller Liebe um Gaia und dehnte sich endlos
weit. Da streckte der Sohn aus seinem Verstecke die linke
Hand und griff mit der rechten die ungeheuerlich große,
schneidende, zahnige Sichel und mähte dem eigenen Vater
eilig ab die Scham und warf im Fluge sie wieder
hinter sich; sie entflog nicht eitel und unnütz den Händen.

Denn die blutigen Tropfen, so viel sie niedergeronnen,
sammelte alle die Erde; im Lauf der kreisenden Jahre
schuf sie Erinyen draus, gar starke und große Giganten
waffenleuchtende Riesen, die ragende Lanze in Händen,
Nymphen auch, melische, nennt man sie auf unendlicher Erde.

Aber sobald er die Scham mit der stählernen Sichel geschnitten
und sie vom Lande geworfen hinab in das brandende Weltmeer,
trieb sie lange dahin durch die flutenden Wellen. Da hob sich
weißlicher Schaum aus unsterblichem Fleisch, es wuchs eine Jungfrau
in ihm empor, sie nahte der heiligen Insel Kythere
erst, doch gelangte sie dann zum ringsumflossenen Kypros.
Aus stieg dort die Göttin, die hehre, herrliche. Blüten
sproßten unter den Schritten der Füße, und Götter und Menschen
nennen sie nun Aphrodite, weil sie aus Aphros, dem Schaume,
aufwuchs; auch Kythereia, weil sie Kvthere sich nahte,
schaumgeborene Göttin und Kythereia im Kranzschmuck,
Kyprosentstandene auch, weil entsprossen der Brandung von Kypros,
und auch schamerfreute, weil aus derScham sie entsprossen.
Eros geleitete sie, und der herrliche Himeros folgte,
als die soeben Geborne zur Sippe der Götter emporstieg.
Dieses Ehrenamt und Anteil ward ihr von Anfang,
unter den Menschen sowohl wie unter den ewigen Göttern:
jungfräuliches Gekose und frohes Lachen und Arglist,
süßes Ergötzen und Wonne und Liebe und schmeichelnde Milde.
Aber die anderen schalt der Vater mit Namen Titanen,
Söhne, die Uranos einst, der gewaltige, selber erzeugte.
Sagte er doch, sie hätten gestrebt nach Frevel und böse
Taten verübt, drum würden sie später der Rache verfallen.
Nacht gebar das Schicksal, das grause, das finstere Ende,
und sie gebar den Tod, den Schlaf und die Sippe der Träume,
Momos, den Tadler, und auch die schmerzbereitende Drangsal.
Keinem gesellt gebar die finstere, nächtige Göttin
auch die Hesperiden, die überm Okeanosstrome
köstliche goldene Äpfel an fruchtbaren Bäumen betreuen,
ferner die Moiren und Keren, die rachestrafenden, schuf sie,
Klotho und Lachesis und auch Atropos, die da den Menschen
bei der Geburt bereits ihr Glück und Unglück bestimmen.
Ja, die Vergehungen rächen sie bei den Menschen und Göttern.
Nie erlahmen die Hehren in ihrem entsetzlichen Ingrimm,
ehe sie den gezüchtigt, der schwere Frevel verübte.
Nemesis auch gebar sie, die Drangsal der sterblichen Menschen,
sie, die verderbliche Nacht, danach Betrug und Umarmung,
auch das unselige Alter und Eris, die harte und starke.

Aber die düstere Eris gebar die peinvolle Mühsal,
Hunger, Vergessenheit auch und tränenerregenden Kummer,
Schlachtgetümmel und Tötung und Kämpfe und Männergemetzel,
Hader und Lug und Trug und Widerrede und Rede,
Rechtsverletzung, Verblendung, eng miteinander vereinigt,
endlich den Eid, der am meisten den erdbewohnenden Menschen
schadet, wenn voller Absicht ein Mann einen Meineid geleistet.

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Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)

LV Gizewski WS 2002/2003