Ein traditionsvermittelter Mythos zur Anfangsgeschichte des Latinerbundes: Livius, Ab urbe condita 1, 1.

Lat- Text und deutsche Übersetzung nach: Titus Livius, Ab urbe condita, Liber I - Römische Geschichte, 1. Buch. Lateinisch - deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Robert Feger, Stuttgart 1985, S. 10 - 13.


Deutsche Übersetzung:

1. Buch, 1 (1) Über die Anfänge ist hinreichend gesichert überliefert, daß nach Trojas Einnahme gegen die Troianer allgemein grausam vorgegangen worden sei. Nur zweien gegenüber - dem Aeneas und dem Antenor - hätten die Achiver auf das Kriegsrecht verzichtet: einmal wegen eines alten Gastrechts und dann auch, weil sie stets für Frieden und Rückgabe der Helena gestimmt hätten. (2) Nach mancherlei Zufällen sei Antenor dann mit einer Schar Eneter, die, durch Unruhen aus Paphlagonien vertrieben, Siedlungsraum und, da sie ihren König Pylaemenes vor Troja verloren hatten, einen Führer suchten, in die entlegenste Bucht des Adriatischen Meeres gekommen. (3) Nach Vertreibung der Euganeer, die zwischen Meer und Alpen saßen, hätten Eneter und Troianer jene Länder besetzt. Und in der Tat wird auch der Ort, wo sie zuerst an Land gingen, Troia genannt - und der Gau heißt danach der 'troianische'. Das Volk insgesamt wurde Veneter genannt. (4) Aeneas, durch das gleiche Unglück von daheim vertrieben, aber vom Schicksal zur Gründung eines größeren Staatswesens bestimmt, sei zuerst nach Makedonien gelangt, von dort auf der Suche nach Wohnsitzen nach Sizilien geraten und habe von Sizilien aus mit seiner Flotte das Gebiet von Laurentum erreicht; auch dieser Ort hat den Namen Troia. (5) Als die dort gelandeten Troianer, weil ihnen ja am Ende der unmäßig weiten Irrfahrt nichts weiter als Waffen und Schiffe geblieben waren - in dem Gebiet sich durch Beutemachen zu versorgen unternahmen, eilten König Latinus und die angestammten Einwohner, die damals jene Marken innehatten, zur Abwehr der Eindringlinge in Waffen aus der Stadt und aus dem Land herzu. (6) Von jetzt an gibt es in der Überlieferung zwei Versionen. Die einen berichten, Latinus habe, im Kampfe besiegt, Frieden mit Aeneas geschlossen und sich sodann mit ihm verwandtschaftlich verbündet. (7) Andere sagen, Latinus sei, als die Schlachtreihen schon geordnet standen und noch bevor die Zeichen zum Angriff ertönten, inmitten der Vornehmsten vorgetreten und habe den Führer der Eindringlinge zur Unterredung herausgerufen. Er habe dann ausgeforscht, wer sie seien und woher und aus welchem Anlaß sie aus ihren Sitzen aufgebrochen und was zu suchen sie im Gebiet der Laurenter an Land gegangen seien. (8) Als er hörte, die Schar bestünde aus Troianern, ihr Führer Aeneas sei ein Sohn des Anchises und der Venus, Heimstatt und Haus seien ihnen verbrannt, sie selbst flüchtig und auf der Suche nach Wohnsitz und einem Ort zur Gründung einer Stadt, da habe er aus Bewunderung für die vornehme Herkunft des Volkes und des Mannes und für ihren zu Krieg oder Frieden gleicherweise bereiten Sinn die Rechte geboten als Pfand künftiger Freundschaft. (9) Sodann sei zwischen den Führern ein Bund geschlossen worden, und die Heere hätten sich begrüßt. Aeneas sei von Latinus gastfreundlich aufgenommen worden. Da eben habe Latinus dem Bündnis der Völker noch ein vor den heimischen Göttern geschlossenes familiäres Bündnis beigefügt, indem er seine Tochter dem Aeneas zur Frau gab. (10) Dieses Ereignis besonders stärkte den Troianern die Hoffnung, sie könnten endlich in festem und sicherem Wohnsitz ihre Irrfahrt beenden. Sie bauen eine Stadt; (11) Aeneas nennt sie nach dem Namen seiner Gattin Lavinium. Bald gab es auch einen männlichen Nachkommen für die junge Ehe, dem die Eltern den Namen Ascanius zusprachen. ......

Lateinischer Text:

Liber I, 1 (1) lam primum omnium satis constat Troia capta in ceteros saevitum esse Troianos, duobus, Aeneae Antenorique, et vetusti iure hospitii et quia pacis reddendaeque Helenae semper auctores fuerant, omne ius beIli Achivos abstinuisse. (2) casibus deinde variis Antenorem cum multitudine Enetum, qui seditione ex Paphlagonia pulsi et sedes et ducem rege Pylaemene ad Troiam amisso quaerebant, venisse in intimum maris Hadriatici sinum, (3) Euganeisque qui inter mare Alpesque incolebant pulsis Enetos Troianosque eas tenuisse terras. Et in quem primo egressi sunt locum Troia vocatur pagoque inde Troiano nomen est. gens universa Veneti appellati. (4) Aeneam ab simili clade domo profugum sed ad maiora rerum initia ducentibus fatis, primo in Macedoniam venisse, inde in Siciliam quaerentem sedes delatum, ab Sicilia classe ad Laurentem agrum tenuisse. Troia et huic loco nomen est. (5) Ibi egressi Troiani, ut quibus ab immenso prope errore nihil praeter arma et naves superesset, cum praedam ex agris agerent, Latinus rex aboriginesque qui tum ea tenebant loca ad arcendam vim advenarum armati ex urbe atque agris concurrunt. (6) Duplex inde fama est. Alii proelio victum Latinum pacem cum Aenea, deinde adfinitatem iunxisse tradunt: (7) alii, cum instructae acics constitissent, priusquam signa canerent processisse Latinum inter primores ducemque advenarum evocasse ad conloquium; percontatum deinde qui mortales essent, unde aut quo casu profecti domo quidve quaerentes in agrum Laurentinum exissent, (8) postquam audierit multitudinem Troianos esse, ducem Aeneam filium Anchisae et Veneris, cremata patria domo profugos, sedem condendaeque urbi locum quaerere, et nobilitatem admiratum gentis virique et animum vel beIlo vel paci paratum, dextra data fidem futurae amicitiae sanxisse. (9) inde foedus ictum inter duces, inter exercitus salutationem factam. Aeneam apud Latinum fuisse in hospitio; ibi Latinum apud penates deos domesticum publico adiunxisse foedus filia Aeneae in matrimonium data. (10) Ea res utique Troianis spem adfirmat tandem stabili certaque sede finiendi erroris. Oppidum condunt; Aeneas ab nomine uxoris Lavinium appellat. (11) Brevi stirpis quoque virilis ex novo matrimonio fuit, cui Ascanium parentes dixere nomen. .......


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LV Gizewski WS 2002/2003