Die Erklärung der Liebe in einer Mythos-Allegorie: Platon, Symposion 189 c - 191 d.

Deutsche Übersetzung aus: Platon, Hauptwerke. Ausgewählt, eingeleitet und übersetzt von Wilhelm Nestle, (1952) Stuttgart 1973, S. 115 - 117.


.... [Aristophanes, der Komödiendichter:] Mir scheint, die Menschen sind der wahren Kraft des Eros durchaus nicht innegeworden. Denn wären sie es, so würden sie ihm die herrlichsten Heiligtümer und Altäre errichten und die größten Opfer darbringen, und es würde nicht wie jetzt gar nichts dergleichen für ihn geschehen, während er es doch am allermeisten verdient hätte. Denn er ist der menschenfreundlichste unter den Göttern, da er der Menschen Beistand und Arzt ist bei den Gebrechen, deren Heilung für das menschliche Geschlecht das größte Glück bedeutet. Ich will also versuchen, euch seine Kraft zu erklären, und ihr sollt dann die Lehrer der übrigen sein.

Zuerst aber müßt ihr erfahren, wie es um die menschliche Natur steht und was mit ihr schon geschehen ist. Denn unsere ursprüngliche Natur war nicht die gleiche wie jetzt, sondern ganz anders. Denn erstlich gab es drei Geschlechter von Menschen, nicht wie jetzt nur zwei, männliches und weibliches. Vielmer gab es noch ein drittes dazu, welches aus den heutigen beiden zusammengesetzt war. Seinen Name gibt es noch, aber es selbst ist verschwunden. 'Mannweiblich' nämlich war dieses dritte Geschlecht, wobei reale Erscheinung ebenso wie Benennung zusammengesetzt war aus dem 'männlich' und 'weiblich'. Heute existiert nur noch der Name, wobei er als Schimpfwort dient.

Ferner war die ganze Gestalt eines jeden Menschen rund, so daß Rücken und Brust im Kreise herumgingen. Und vier Hände hatte jeder und Schenkel ebensoviel als Hände, und zwei Angesichter auf einem kreisrunden Halse einander genau ähnlich, und einen gemeinschaftlichen Kopf für beide einander gegenüberstehende Angesichter, und vier Ohren, auch zweifache Schamteile und alles übrige, wie es sich hieraus ein jeder weiter ausmalen kann. Man ging aber nicht nur aufrecht wie jetzt, nach welcher Seite man wollte, sondern wenn jemand schnell irgendwohin wollte, so tat er das, wenn nötig, wie wenn man Purzelbäume macht und mit emporgestreckten Beinen sich im Kreise überschlägt: so konnte man sich mit den acht Gliedmaßen, die man damals hatte, vom Boden absetzen und rasch im Kreise vorwärtsbewegen.

Daß es aber diese drei Geschlechter und in dieser Form gab, hatte seinen Grund darin, daß das männliche ursprünglich von der Sonne stammte, das weibliche von der Erde und das an beiden beteiligte vom Mond, der ja selbst auch an beiden teilhat. Und rund waren sie selbst und ihr Gang, weil sie ihren Erzeugern ähnlich waren. An Kraft und Stärke nun waren sie gewaltig und hatten auch große Gedanken. Was Homer von Ephialtes und Otos sagt, das ist genau auf sie zu beziehen: daß sie sich einen Zugang zum Himmel bahnen wollten, um die Götter anzugreifen. Zeus also und die anderen Götter ratschlagten, was sie mit ihnen tun sollten, und wußten nicht was. Denn es war weder tunlich, sie zu töten und wie bei den Giganten das ganze Geschlecht mit dem Blitz zu vernichten; denn dann wären sie auch um die Verehrung und die Opfer vonseiten der Menschen gekommen, noch konnten sie sie weiterfreveln lassen. Mit Mühe endlich hatte sich Zeus etwas ersonnen und sagte: Ich glaube nun ein Mittel zu haben, wie es noch weiter Menschen geben kann und sie doch aufhören müssen mit ihrer Ausgelassenheit: sie müssen nämlich schwächer werden. Aus diesem Grunde, sprach er, will ich sie, jeden von ihnen in zwei Hälften zerschneiden. So werden sie schwächer werden und doch zugleich für uns ]scil. die Götter] nützlicher, weil ihrer mehr geworden sind. Und sie sollen nur aufrecht gehen auf zwei Beinen. Sollte ich aber merken, daß sie weiterhin freveln und nicht Ruhe halten wollen, so will ich sie, sprach er, noch einmal zerschneiden, und sie mögen dann auf einem Beine daherkommen wie die 'Schlauchspringer'. Mit diesen Worten zerschnitt er die Menschen in zwei Hälften, wie wenn man Früchte zerschneidet, um sie einzumachen. Sobald er aber einen zerschnitten hatte, befahl er dem Apollon, ihm das Gesicht und den halben Hals herumzudrehen nach der Schnittfläche hin, damit der Mensch seine Zerschnittenheit vor Augen habe und sittsamer würde. Das übrige befahl er ihm zu heilen. Apollo also drehte dem Menschen das Gesicht herum, zog ihm die Haut von allen Seiten über das, was wir jetzt den Bauch nennen, herüber, und, wie wenn man einen Beutel zusammenzieht, faßte er es in eine Mündung zusammen und band sie mitten auf dem Bauche ab, was wir jetzt den Nabel nennen. Die übrigen Runzeln glättete er meistenteils aus und gliederte die Brust mit einem Werkzeug, wie es die Schuster haben, um damit auf dem Leisten die Falten des Leders zu glätten, und nur wenige ließ er stehen um den Bauch und Nabel zum Andenken an das, was vor alters geschehen war.

Als so ihre natürliche Gestalt entzweigeschnitten war, sehnte sich jedes Teil nach seiner anderen Hälfte, und so kamen sie zusammen, umfaßten sich mit den Armen und umschlangen einander in dem Bestreben, zusammenzuwachsen, und so starben sie Hungers infolge ihrer Untätigkeit, weil sie nichts getrennt voneinander tun wollten. War nun die eine Hälfte tot und die andere blieb übrig, so suchte sich die übriggebliebene eine andere und umschlang sie, mochte sie nun auf die Hälfte einer ehemaligen ganzen Frau treffen, also auf das,was wir jetzt eine Frau nennen, oder auf die eines Mannes, und so kamen sie um. Da erbarmte sich Zeus und gab ihnen ein anderes Mittel an die Hand, indem er ihnen die Schamteile nach vorne verlegte, denn vorher trugen sie auch diese nach außen und zeugten nicht eines in dem andern, sondern in die Erde wie Zikaden. Nun aber verlegte er sie ihnen nach vorne und bewirkte vermittels ihrer das Zeugen ineinander, in dem weiblichen durch das männliche. Das tat er deshalb, damit in der Umarmung, wenn der Mann eine Frau träfe, sie zugleich zeugten und Nachkommenschaft entstünde; wenn aber ein Mann den andern, daß sie doch eine Befriedigung hätten durch ihr Zusammensein und erquickt zu ihren Geschäften sich wenden und, was sonst zum Leben gehört, besorgen könnten. So lange schon also ist die Liebe zueinander den Menschen angeboren, um die ursprüngliche Natur wieder herzustellen, und versucht aus zweien eins zu machen und die menschliche Natur zu heilen. Jeder von uns ist also ein Stück von einem Menschen, da wir ja, zerschnitten wie die Schollen, aus einem zwei geworden sind. Also sucht nun immer jedes sein anderes Stück. ....


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)

LV Gizewski WS 2002/2003