Der Mythos vom Totengericht. Aus dem Ägyptischen Totenbuch (Kap. 125).

Deutsche Übersetzung. Nach der wissenschaftlichen Textedition von E. Nashville, Das Aegyptische Todtenbuch der XVIII. bis XX Dynastie, 3 Bde., Berlin 1886, ausgewählt und übersetzt von Boyo Ockinga, in: Texte aus der Umwelt des alten Testaments, hg. von R. Borger u. v. a., Bd. 1, Gütersloh 1985, S. 510 ff.: hier auszugsweise wiedergegeben (Einleitungsteil).


Das, was zu sagen ist, wenn man in die Halle [der Vollständigen Wahrheit] gelangt, gereinigt wird von allem Bösen, das man getan hat, und das Angesicht der Götter schaut:

Sei gegrüßt, du großer Gott, Herr der Vollständigen Wahrheit! Ich bin zu dir gekommen, mein Herr, ich hin herhergebracht worden, damit ich deine Vollkommenheit schaue. Ich kenne dich, ich kenne deinen Namen, ich kenne die Namen der Zweiundvierzig Götter, die mit dir in der der Halle der Vollständigen Wahrheit sind, die von denen leben, die das Böse hüten, die von ihrem Blute schlürfen an jenem Tage des Abwägens der Charaktere vor Wennenefer. Siehe, "Der, dessen Augen Töchter sind, Herr der Maat" ist dein Name. Siehe ich bin vor dich getreten, nachdem ich dir die Wahrheit gebracht und dir die Sünde vertrieben habe. Ich habe nicht gegen Menschen gesündigt. Ich habe keine Leute arm gemacht. Ich habe nicht Böses getan an der Stätte der Wahrheit. Das Nichtseiende kenne ich nicht. Übles habe ich nicht getan. Mein Name kam nicht vor den Leiter der Barke. Ich habe nicht Gott gelästert. Ich habe keinem Armen Unrecht getan. Ich habe das, was die Götter verabscheuen, nicht getan. Ich habe keinen Diener vor seinem Vorgesetzten angeklagt. Ich habe kein Leid verursacht. Ich habe keine Tränen verursacht. Ich habe nicht getötet. Auch habe ich nicht zu töten befohlen. Niemandem habe ich ein Leid zugefügt. Ich habe die Speiseopfer im Tempel nicht vermindert. Ich habe die Opferbrote der Götter nicht angetastet. Ich habe die Opferkuchen der Verklärten nicht weggenommen. Ich habe nicht gleichgeschlechtlich verkehrt. Ich habe nicht Unzucht getrieben. Ich habe dem Hohlmaß nichts hinzugefügt noch etwas weggenommen. Ich habe das Flächenmaß nicht geschmälert und beim Ackerland nicht betrogen. Ich habe nicht am Gewicht der Handwaage etwas hinzugefügt. Ich habe das Lot der Standwaage nicht festgehalten. Ich habe die Milch nicht aus dem Munde des Säuglings genommen. Ich habe das Kleinvieh von seiner Weide nicht fortgenommen. Ich habe keine Vögel in den Röhrichtsümpfen der Götter gefangen; ich habe keine Fische in ihren [der Götter] Lagunen gefangen. Ich habe das Uberschwemmungswasser in seiner Jahreszeit nicht zurückgehalten. Ich habe kein fließendes Wasser eingedämmt. Ich habe das Feuer, wenn es brennen sollte, nicht gelöscht. Ich habe keine festgelegten Opferzeiten vernachlassigt. Ich habe kein Vieh vom Besitz des Gottes zurückgehalten; ich habe den Gott bei seiner Prozession nicht zurückgedrängt.

Ich bin rein! Ich bin rein! Ich bin rein! Ich bin rein! Meine Reinheit ist die Reinheit jenes großen Phönix, der in Herakleopolis ist; denn ich bin jene Nase des Herrn des Lebensodems, der alle Menschen am Leben erhält, jener Tag des Füllens des Udjat-Auges in Heliopolis, am letzten Tag des zweiten Monats des Winters vor dem Herrn dieses Landes. Ich bin es, der das Füllen des Udjat-Auges in Heliopolis gesehen hat, mir kann nichts Übles geschehen in diesem Land, in der Halle der Vollständigen Wahrheit, denn ich kenne die Namen dieser Götter, die in ihr sind und dem großen Gott folgen. ...


LV Gizewski WS 2002/2003

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)