Der Kampf Marduks mit Tiamat und die Neuschaffung der Welt.

Textgrundlage: Das in verschiedenen babylonischen und assyrischee Fragmenten der Zeit zwischen 900 und 100 v. Chr. erhaltene Schöpfungsgedicht ' Enuma elisch'. 4. Tafel (Schlußteil). Zusammenstellung, Kommentierung und deutsche Übersetzung: M. Vieyra, Die Mythologie der Sumerer, Babylonier und Assyrer, in: Mythen der Völker.Mit Beiträgen der Fachgelehrten P. Grimal, A. Varagnac, B. van de Valle, M. Vieyra, A. Caquot, J. de Menasce, J. Herbert, E. D. Saunders, M. Soymie (Mythologies, Paris 1963). Ins Deutsche übersetzt von H. Stiehl, E. Ehm, L. Voelker und E. Serelmann-Küchler, 2 Bde., Bd. 1: Der Mensch und der Mythos. Das Problem der vorgeschichtlichen Religionen. Die Mythologie der Ägypter. Die Mythologie der Sumerer, Babylonier und Hethiter. Die Mythologie der Westsemiten. Die Mythologie der Griechen. Die Mythologie der Römer, Frankfurt M. 1977, S. 100 ff. (104 - 106).
... Als sie sich einander näherten, Tiamat und Marduk, der weiseste der Götter,
stürzten sie aufeinander los und begannen den Kampf.
Der Herr entfaltete sein Netz und band sie.
Er schleuderte ihr den 'Bösen Wind' ins Gesicht.
Tiamat öffnete den Mund, ihn zu verschlingen.
In diesen schleuderte er den 'Bösen Wind' , um sie daran zu hindern, den Mund wieder zu schließen.
Die wütenden Winde erweiterten ihren Leib. Ihr Bauch schwoll an, ihr Mund blieb offen.
Er schoß einen Pfeil ab, der ihr den Bauch durchbohrte, ihr die Eingeweide zerriß, das Herz öffnete.
Er überwand sie, nahm ihr das Leben, warf ihren Leichnam auf den Boden, erhob sich über ihm. ...
... Mit seiner unerbittlichen Waffe spaltete er ihr den Schädel, schnitt er ihr die Adern durch.
Der Nordwind trug [ihr Blut ?] weit fort...
Der Herr, nunmehr befriedigt, untersuchte den Leichnam.
Aus dem geteilten Ungeheuer [beschloß ?] er, ein Kunstwerk zu schaffen.
Er schnitt es entzwei wie einen getrockneten Fisch.
Er machte eine Hälfte davon fest, um den Himmel zu spannen.
Er schob den Riegel vor, stellte Wachen auf
und gebot ihnen, seine Wasser nicht abfließen zu lassen.
Er durchschritt den Himmel, prüfte seine Bezirke.
Er schuf hier ein Gegenstück des 'abzu', die 'Wohnung des Nundimmud'
Der Herr vermaß die Dimensionen des 'abzu'.
Die große [dem abzu] entsprechende Wohnung, die er errichtete, [ist] 'Escharra'.
Die große Wohnung, die er baute, ist der Himmel.
Er ließ Anu, Enlil und Ea ihre Plätze einnehmen.. ...
... Marduk also beschloß, ein Meisterwerk zu schaffen.
Und so nahm er das Wort und richtete es an Ea,
damit letzterer ihn brarte über das, was er erdacht hatte.
"Ich will, daß Blut und den Knochenbau entstehe
eines Wesens, dessen Name 'Mensch' sein wird.
Ich will erschafffen ein Wesen, den Menschen." ...
... Sie fesselten ihn [Kingu, einen der besiegten Dämonen des Gefolges der Tiamat] und führten ihn vor Ea.
Sie legten ihm seine Strafe auf. Sie durchschnitten ihm die Adern.
Aus seinem Blute schuf er [Ea] die Menschheit
und legte ihr den Dienst der Götterverehrung auf ...

LV Gizewski WS 2002/2003

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)