Der Mythos von der Sintflut und vom vergöttlichten Urmenschen Utnapischtim. Gilgamesch-Epos, Elfte Tafel, Zeilen 1 - 205.

Textgrundlage: Die in der Tontafelbibliothek des Assyrerkönigs Assurbanipal (reg. 669 - 627 v. Chr.) in Ninive und an anderen Orten Mesopotamiens aufgefundenen, vor allem von R. C. Thompson, The Epic of Gilgamesch, Oxford 1939 edierten Bruchstücke des Gilgamensch-Epos in seiner späten, assyrisch-babylonischen Entwicklungsform. Deutsche Übersetzung nach: Das Gilgamesch-Epos. Übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Albert Schott. Neu herausgegeben von Wolfram von Soden, Stuttgart 1986, S. 93 - 101.Verdorbene Stellen der Vorlagetexte wurden vom Übersetzer mit Punkten markiert. Die dem Übersetzer dem Sinne nach unklaren Stellen der Vorlagetexte wurden mit eckigen Klammern und einem Fragezeichen] markiert. Einige Texterklärungen wurden bei der Bearbeitung für das Internet in eckigen Klammern in den Text eingeschoben. Auch einige sprachliche Verdeutlichungen wurden dabei an dem von A. Schott poetisch übersetzten Text vorgenommen. C. G.


1 Gilgamesch sprach zu ihm, zum fernen Utnapischtim:
2 "Schau ich auf dich, Utnapischtim,
3 so sind deine Maße nicht anders [als meine] - wie ich bist du.
4 Ja, du bist nicht anders - wie ich bist du!
5 Mein Herz ist ganz darauf gerichtet, mit dir zu kämpfen,
6 und doch ist mein Arm untätig gegen dich!
7 Daher sage mir. wie tratest du in die Schar der Götter und gingst dem Leben nach?"
8 Utnapischtim sprach zu ihm, zu Gilgamesch:
9 "Ein Verborgenes, Gilgamesch, will ich dir eröffnen,
10 und der Götter Geheimnis will ich dir sagen.
11 Schuruppak - eine Stadt, die du kennst,
12 die am Ufer des Euphrat liegt -,
13 diese Stadt war schon alt, und die Götter waren ihr [ursprünglich] nah.
14 [Dann jedoch] entbrannte das Herz der großen Götteer, eine Sintflut zu machen.
15 Einen Schwur [der Verschwiegenheit] leisteten ihr Vater Anu
16 und Enlil, der Held, der sie berät,
17 ihr Minister Ninurta
18 und ihr Deichgraf Ennugi.
19 Auch Ninschiku-Ea schwor mit ihnen.
20 Doch gab er ihre [an sich geheimzuhaltende] Rede an ein Rohrhaus [d. h.: nur indirekt an Utnapischtim, den Sohn Ubara-Tutus, des Königs von Schuruppak] wieder:
21 'Rohrhaus, Rohrhaus! Wand, Wand!
22 Rohrhaus, höre, Wand, begreife!
23 Mann von Schuruppak, Sohn Ubara-Tutus!
24 Reiß ab das Haus, erbau ein Schiff,
25 laß fahren Reichtum, dem Leben jag nach!
26 Besitz gib auf, erhalte dafür das Leben!
27 Heb hinein allerlei beseelten Samen ins Schiff!
28 Die Maße des Schiffes, das du erbauen sollst,
29 sollen abgemessen sein,
30 gleichlang seien ihm Breite und Länge.
31 Du sollst es wie das Apsu bedachen.'
32 Als ich das gehört hatte, sprach ich zu Ea, meinem Herrn:
33 'Was du mir geboten hast, Herr,
34 habe ich wohl verstanden und werde danach tun.
35 Aber wie antworte ich der Stadt, der Bürgerschaft und den Altesten?'
36 Ea antwortete darauf
37 Und sprach zu mir, seinem Knecht:
38 'Du, Mann, sollst zu ihnen so reden:
39 Mir scheint, daß Enlil nichts mehr von mir wissen will;
40 da darf ich in eurer Stadt nicht mehr wohnen
41 und darf auf Enlils Boden meine Füße nicht mehr setzen.
42 So will ich hinabsteigen zum Apsu und wohnen bei meinem Herrn Ea.
43 Auf euch aber läßt er dann Überfluß regnen,
44 [Ertrag ?] der Vögel, auch [Verborgenes ?] der Fische.
45 Er wird euch Reichtum und Ernte schenken.
46 Am Morgen wird er Küchlein,
47 am Abend auf euch einen Weizenregen niedergehen lassen!'
48 Kaum daß ein Schimmer des Morgens graute,
49 Versammelte sich bei mir das [ganze] Land.
50 Der Zimmermann brachte die Holzpfosten,
51 Der Bootsbauer brachte die [Klammern ?].
52 ... die Männer...
53 ... das Geheimnis.
54 Das Kind trug herzu das Erdpech,
55 Der Arme ... brachte den Bedarf heran.
56 Am fünften Tage entwarf ich des Schiffes Außenbau; ein Feldmaß groß war seine Bodenfläche,
57 je zehnmal zwölf Ellen hoch seine Wände,
58 und zehnmal zwölf Ellen ins Geviert der Rand seiner Decke.
59 Ich entwarf seinen Aufriß und führte ihn aus:
60 sechs Böden zog ich ihm ein,
61 in sieben Geschosse teilte ich es ein.
62 Seinen Grundriß teilte ich neunfach.
63 [ ? ] schlug ich ihm ein in der Mitte.
64 Für Schiffsstangen sorgte ich, legte nieder den Bedarf:
65 Sechs Saren [ein Sar = 3600 Einheiten] Erdpech stellte ich für den Ofen bereit.
66 Drei Saren Pech lagerte ich ein.
67 Drei Saren Korbträgersleute waren es, die das Öl trugen:
68 ein Sar Öl wurde für das [Backmehl ?] gebraucht,
69 zwei Saren Öl waren für den Schiffsvorrat.
70 Rinder schlachtete ich für den Proviant,
71 Schafe tötete ich Tag für Tag.
72 Most, Feinbier, Öl und Wein,
73 dazu Suppen [verzehrten ?] sie [die Arbeiter], als ob's Flußwasser wäre,
74 und begingen ein Fest wie am Neujahrstage.
75 [Bei Sonnenaufgang ?] legte ich Hand an, [das Letzte?] zu tun.
76 Das Schiff war fertig am siebenten Tag bei Sonnenuntergang.
77 Schwierig waren ...
78 Die [Planken ?] mußten sie [berechnen ?] oben und unten,
79 bis das Schiff zu zwei Dritteln im Wasser schwamm.
80 Was immer ich hatte, lud ich hinein:
81 Was immer ich an Silber hatte, lud ich hinein.
82 Was immer ich an Gold hatte, lud ich hinein.
83 Was immer ich an allerlei Lebenssamen hatte, lud ich hinein.
84 Dann ließ ich meine ganze Familie und die Hauszugehörigen in das Schiff steigen, dazu Wild des Feldes, Getier des Feldes.
85 Alle [Meister ihres Faches ?] hab ich hineinsteigen lassen.
86 Den Zeitpunkt hatte Schamasch mir so angesetzt:
87 'Am Morgen werde ich Küchlein, am Abend einen Weizenregen niedergehen lassen.
88 Dann tritt hinein ins Schiff und verschließ dein Tor!'
89 Der Zeitpunkt kam herbei:
90 am Morgen gingen Küchlein nieder, am Abend ein Weizenregen.
91 Ich beobachtete das Wetter -
92 und es war fürchterlich anzusehen.
93 Ich trat hinein ins Schiff und verschloß das Tor.
94 Dem Schiffer Pusur-Amurri, dem Verpicher des Schiffes,
95 Übergab ich den Palast ich samt seiner Habe.
96 Kaum daß ein Schimmer des Morgens graute,
97 stieg schon von den Gründen des Himmels schwarzes Gewölk auf.
98 In ihm drin donnert Adad
99 Vor ihm her zogen Schullat und Chanisch.
100 Über Berg und Land zogen sie als Herolde.
101 Eragal riß den Schiffspfahl heraus,
102 Ninurta ging und ließ das Wasserbecken ausströmen.
103 Die Anunnaki hoben Fackeln empor,
104 Mit ihrem grausen Glanz das Land zu entflammen.
105 Die Himmel überfiel wegen Adad Beklommenheit,
106 alles Helle in Düster verwandelnd.
107 Das Land, das weite, zerbrach wie ein Topf.
108 Einen Tag lang wehte der Südsturm...,
109 eilte dreinzublasen, die Berge ins Wasser zu tauchen,
110 und wie im Kampf die Menschen zu überkommen.
111 Kein Mensch sah mehr den andern,
112 und auch im Himmel konnte man die Menschen nicht mehr erkennen.
113 Vor dieser Sintflut erschraken selbst die Götter,
114 Sie entwichen hinauf zum Himmel des Anu -
115 die Götter kauerten wie Hunde, sie lagerten draußen.
116 Es schrie Ischtar wie eine Gebärende,
117 es jammerte die Herrin der Götter, die schönstimmige:
118 'Wäre doch jener Tag zu Lehm geworden,
119 an dem ich in der Schar der Götter so Schlimmes zu tun riet!
120 Wie konnte ich der Schar der Götter so Schlimmes nahelegen,
121 nämlich den Kampf zur Vernichtung meiner Menschen!
122 Erst gebäre ich meine lieben Menschen
123 und dann treiben sie wie Fischbrut im Meer herum!'
124 Die Anunnaki-Götter klagten mit ihr,
125 die Götter... [saßen da ?] und weinten;
126 Ihre verdorrten Lippen nahmen ... [keine ?] Speisen.
127 Sechs Tage und sieben Nächte ging der Wind weiter und die Sintflut,
128 ebnete der Orkan das Land ein.
129 Als nun der siebente Tag herbeikam, hörten plötzlich der Orkan und die Sintflut mit dem Kampf auf,
130 nachdem sie wie eine Gebärende sie um sich geschlagen hatten.
131 Ruhig und still ward das Meer, der böse Sturm war aus und die Sintflut.
132 Ausschau hielt ich einen Tag lang, da war Schweigen ringsum,
133 und das Menschengeschlecht war ganz zu Erde geworden!
134 Gleichmäßig wie ein Flachdach war die [Wasseroberfläche ?].
135 Dann tat ich eine Luke auf, Sonnenglut fiel mir aufs Antlitz.
136 Da kniete ich nieder, am Boden weinend,
137 über mein Antlitz flossen die Tränen.
138 Nach Ufern hielt ich Ausschau über das Meer hin.
139 Eine Insel ragte zwölfmal zwölf Ellen hervor, der Berg Nißir,
140 und zu diesem trieb heran das Schiff.
141 Der Berg Nißir erfaßte das Schiff und ließ es nicht wanken.
142 Einen Tag, einen zweiten Tag erfaßte der Berg Nißir das Schiff und ließ es nicht wanken;
143 Einen dritten Tag, einen vierten Tag erfaßte der Berg Nißir das Schiff und ließ es nicht wanken.
144 Einen fünften und sechsten Tag erfaßte der Berg Nißir das Schiff und ließ es nicht wanken.
145 Als nun der siebente Tag kam,
146 ließ ich eine Taube hinaus.
147 Die Taube machte sich fort - und kam wieder:
148 kein Ruheplatz fiel ihr ins Auge, da kehrte sie um.
149 Eine Schwalbe ließ ich hinaus.
150 Die Schwalbe machte sich fort - und kam wieder:
151 kein Ruheplatz fiel ihr ins Auge, da kehrte sie um.
152 Einen Raben ließ ich hinaus.
153 Auch der Rabe machte sich fort. Als er sah, wie das Wasser sich verlief,
154 fraß er, scharrte, hob den Schwanz - und kehrte nicht zutück.
155 Da ließ ich [alle aus dem Schiff] hinausgehen nach den vier Winden. Ich brachte ein Opfer dar,
156 Ein Schüttopfer spendete ich auf dem Gipfel des Berges:
157 Sieben und nochmals sieben Räuchergefäße stellte ich hin.
158 In ihre Schalen schüttete ich Süßrohr, Zedernholz und Myrte.
159 Die Götter rochen den Duft.
160 Die Götter rochen den wohlgefälligen Duft.
161Die Götter scharten wie Fliegen sich um den Opferer.
162 Sobald die Götterherrin hinzugekommen war ,
163 Hob sie die großen Fliegengeschmeide empor, die Anu ihr zum Vergnügen gemacht hatte:
164 'Ihr Götter hier, bei dem Amulett an meinem Halse:
165 ich will mir diese Tage, fürwahr, merken, nie will ich sie vergessen!
166 Alle Götter mögen zu [ diesem Opfer ?] kommen!
167 Aber Enlil soll zu [diesem Opfer ?] nicht kommen,
168 weil er unüberlegt die Sintflut verursachte
169 und meine Menschen dem Verderben anheimgab!
170 Sobald wie Enlil herzugekommen, sah er das Schiff und ergrimmte.
171 Voller Zorn ward er über die Igigi-Götter:
172 'Eine Seele wäre entronnen? Überleben sollt' niemand das Verderben!'
173 Ninurta ergriff das Wort und sprach zu Enlil, dem Helden:
174 'Wer kann dazu etwas sagen außer Ea? Auch kennt ja Ea jedwede Verrichtung!'
175 Ea ergriff das Wort und sprach zu Enlil, dem Helden:
176 O Held, du Klügster unter den Göttern!
177 Ach, wie unüberlegt schicktest du die Sintflut!
178 Dem Sünder leg auf, was seiner Sünde entspricht,
179 Seinen Frevel leg auf dem Frevler!
180 Lockere [die Strafe], damit nicht unnötig abgeschnitten,
181 sei etwas milde, damit nicht getötet werden muß!
182 Statt daß du eine Sintflut schickst, mag ein Löwe aufstehen, die Menschen zu mindern!
183 Statt daß du eine Sintflut schickst, mag ein Wolf aufstehen, die Menschen zu mindern!
184 Statt daß du eine Sintflut schickst, mag eine Hungersnot gesandt werden, das Land zu fällen!
185 Statt daß du eine Sintflut schickst, mag [der Pestgott] Era aufstehen, die Menschen zu erwürgen!
186 Ich habe das Geheimnis der großen Götter nicht verratenGeheimnis!
187 Den Hochgescheiten [Utnapischtim] ließ ich einen Traum sehen! So vernahm er der Götter Geheimnis.
188 Schafft nun für ihn Rat!'
189 Da bestieg Enlil das Schiff bestiegen,
190 faßte meine Hand gefaßt, ließ mich einsteigen,
191 ließ einsteigen und knien mein Weib neben mir,
192 und berührte unsre Stirn, zwischen uns stehend, uns segnend:
193 'Ein Menschenkind war zuvor Utnapischtim;
194 Uns Göttern gleiche fortan Utnapischtim und sein Weib!
195 Wohnen soll Utnapischtim fern an der Ströme Mündung!'
196 Da nahmen sie mich und ließen mich fern an der Ströme Mündung wohnen.
197 Wer aber wird nun zu dir [Gilgamesch] die Götter versammeln,
198 daß du das Leben findest, das du suchst?
199 So lege dich nun schlafen dich sechs Tage und sieben Nächte [um über Träume zu erfahren, was du wissen willst]!'
200 Als er sich nun zu Boden gesetzt, haucht ihn der Schlaf wie ein Nebel an.
201 Da sprach Utnapischtim zu seiner Gattin:
202 'Sieh den Mann, der Leben verlangte! Wie ein Nebel haucht der Schlaf ihn an!'
203 Zu Utnapischtim sprach seine Gattin:
'204 'Faß ihn an, daß der Mensch erwache!
205 Den Weg, den er kam, kehr' er in Frieden, Durchs Tor, da er auszog, kehr' er zur Heimat!' ...

LV Gizewski WS 2002/2003

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)