Das Orakel von Delphi zu einer politisch-militärischen Entscheidungslage. Herodot, Historien 7, 138 - 144.

Deutsche Übersetzung nach: Herodot, Historien. Deutsche Gesamtausgabe. Übersetzt von A. Horneffer. Neu herausgegeben und erläutert von H. W. Haussig. Mit einer Einleitung von W. F. Otto, Stuttgart 1971 4, S. 484 - 488.


138. Der Kriegszug des Königs richtete sich dem Namen nach nur gegen Athen, in Wahrheit aber war es auf ganz Hellas abgesehen. Die Hellenen waren seit langem darüber unterrichtet, aber sie konnten sich nicht auf ein gemeinsames Vorgehen einigen. Manche hatten dem Perserkönig [auf dessen Forderung als Zeichen ihrer Ergebenheit] Erde und Wasser übergeben und vertrauten darauf, daß sie von den Barbaren nichts Böses erleiden würden. Die anderen, die die Forderung zurückgewiesen hatten, schwebten in großer Furcht; denn ganz Hellas hatte nicht genug Schiffe, dem Angreifer entgegenzutreten, und im Volke wollte man nichts vom Kriege wissen und stand ganz aufseiten der Perser.

139. Ich muß daher hier ganz offen meine Meinung äußern und darf dabei die Wahrheit nicht verschweigen, die für viele hellenische Städte recht unangenehm klingen mag. Hätten die Athener ebenfalls den Angreifer so gefürchtet, daß sie ihre Stadt [vorzeitig] verlassen oder vor Xerxes kapituliert hätten, so hätte kein Hellene gewagt, dem König zur See entgegenzutreten. Hätte aber Xerxes zur See keinen Gegner gefunden, so wären die Dinge zu Lande folgendermaßen abgelaufen. Die Peloponnesier hätten noch so viele Mauern auf dem Isthmos errichten können, die Lakedaimonier wären trotzdem von allen Bundesgenossen, Stadt nach Stadt, im Stich gelassen worden, und zwar von denen nicht aus freien Stücken, sondern gezwungenermaßen, weil nämlich die persische Flotte eine Stadt nach der anderen eingenommen hätte. Und von allen verlassen wären sie dann den Heldentod gestorben. Vielleicht würden sie sich aber auch mit Xerxes verständigt haben, sobald sie den Abfall der hellenischen Städte gesehen hätten. In beiden Fällen wäre Hellas unter das persische Joch geraten. Es ist ja nicht einsichtig, welchen Nutzen eine Mauer über den Isthmus hätte haben sollen, wenn der König das Meer beherrschte.

Daher ist es die ungeschminkte Wahrheit, wenn man die Athener die Retter von Hellas nennt. Der Lauf der Dinge hing ja allein davon ab, wie die Athener entschieden. Dadurch daß ihre Wahl darauf fiel, die hellenische Freiheit zu erhalten, bewegten sie ganz Hellas, soweit es nicht medisch gesinnt war, zum Widerstand, und nächst den Göttern ist ihnen die Zurückweisung des persischen Angriffs zu verdanken.

Nicht einmal durch die ängstlichen, furchterregenden Orakelsprüche aus Delphi ließen sie sich bewegen, Hellas im Stich zu lassen. Sie harrten aus und erwarteten mutig den Angreifer.

140. Die Athener hatten nämlich Boten nach Delphi geschickt, um das Orakel zu befragen. Als die Boten die vorgeschriebenen Bräuche erfüllt hatten und sich im Tempelgemache niederließen, erteilte ihnen die Pythia - sie hieß Aristonike - folgendes Orakel:

"Elende, sitzt ihr noch hier? An das Ende der Erde
flieh aus der Heimat, ja fliehe der Stadt hochragenden Felsen!
Denn nicht das Haupt, nicht der Leib entrinnt dem grausen Verderben.
Nicht die Füße am Boden, die Hände nicht, nichts aus der Mitte
bleibt verschont; denn alles erliegt dem verzehrenden Feuer
oder des Kriegsgottes Wut, der auf syrischem Wagen daherfährt.
Nicht nur deine, Athen, viele andere Burgen zerstört er.
Viele Tempel der Götter verzehrt er mit flackernden Flammen.
Jetzt schon stehen sie da, vom Schweiße der Angst übergossen,
zitternd und bebend vor Furcht. Und hoch von den Zinnen der Tempel
rinnt ein schwarzes Blut und kündet das kommende Unglück.
Fort aus dem Heiligtum hier! Erhebt eure Herzen im Unglück!"

141. Als die Boten der Athener das hörten, waren sie sehr betrübt. Schon wollten sie an der Rettung aus dem geweissagten Unglück vetzweifeln, da riet ihnen Timon, der Sohn des Androbulos - ein Mann, der in Delphi höchstes Ansehen genoß -, sie sollten mit den Ölzweigen in den Tempel zurückkehren und als Bittende noch einmal das Orakel befragen. Das taten die Athener und sprachen zu dem Gotte:

"O Herr! Um der Ölzweige willen, die wir in unseren Händen halten, sage uns ein freundlicheres Wort über unsere Vaterstadt. Wir gehen sonst nicht aus dem Heiligtum, sondern bleiben, bis der Tod uns ereilt."

Als sie so sprachen, erteilte ihnen die Oberpriesterin einen zweiten Orakelspruch:

"Des Olympiers Zorn besänftigt selbst nicht Athena,
mag sie mit vielen Worten und klugem Rat ihn auch bitten.
Darum sag ich ein zweites, ein unverbrüchliches Wort dir:
Alles gehört den Feinden, soviel des Kekrops Hügel
und des Kithairons Tiefe, des göttlichen Berges, einschließt.
Seiner Tritogeneia schenkt Zeus nur die hölzerne Mauer.
Sie allein bleibt heil zur Rettung für dich und die Kinder.
Nicht zu Lande halte du stand den feindlichen Scharen,
die zu Roß und Fuß dich bedrängen, nein, kehre den Rücken.
Fliehe! Es kommt die Zeit, da deine Stirn du erhebest!
Salamis, göttliche Insel, du mordest die Söhne der Mutter,
wenn Demeter das Korn ausstreut, oder wenn sie es erntet."

142. Das erschien ihnen - und war auch wirklich - ein günstigerer Spruch. Sie schrieben ihn auf und kehrten heim nach Athen. Daheim sagten sie den Spruch dem Volke, und viele verschiedenen Meinungen wurden laut, was er bedeuten könnte. Hauptsächlich zwei Meinungen standen einander gegenüber. Von den älteren Leuten behaupteten viele, der Gott meine, daß die Akropolis erhalten bleibe. Denn die Akropolis in Athen war vor Zeiten mit einer Dornenhecke umzäunt gewesen. Das, so meinten sie, sei die hölzerne Mauer. Die anderen hingegen sagten, der Gott meine die Schiffe. Darum solle man die Flotte instandsetzen und alles andere fahren lassen. Allerdings wurden diese Leute durch die beiden letzten Verse des Orakels irritiert:

"Salamis, göttliche Insel, du mordest die Söhne der Mutter,
wenn Demeter das Korn ausstreut, oder wenn sie es erntet."

Die Männer, die die hölzerne Mauer als Flotte erklärten, stutzten deshalb, weil die Worte so klangen, als werde Athen in einer Seeschlacht unterliegen.

143. Nun war aber in Athen ein Mann, der erst jüngst zu politischem Ansehen gelangt war. Er hieß Themistokles und war ein Sohn des Neokles. Der meinte, man erkläre diese Verse nicht ganz richtig. Denn wenn sie die Athener meinten, würde der Gott nicht ein so freundliches Wort gewählt haben. Er würde nicht "göttliches Salamis". sondern "schreckliches Salamis" gesagt haben, wenn er gemeint hätte, die hellenischen Söhne sollten dort erliegen. Nein, man müsse den Spruch auf die Feinde, nicht auf die Athener beziehen. So riet er denn, sich zur Seeschlacht zu rüsten; denn die hölzernen Mauern seien die Schiffe.

Diese Erklärung des Themistokles gefiel den Athenern weit besser als die der Orakeldeuter, die der Seeschlacht widerrieren und meinten, man solle überhaupt keine Hand rühren, sondern aus Attika auswandern und sich woanders ansiedeln.

144. Einige Zeit vorher war ein anderer - sich später als glücklich erweisender - Antrag des Themistokles angenommen worden. Im athenischen Staatsschatz hatte sich nämlich viel Geld angesammelt, das aus dem Ertrage der Bergwerke von Laureion herrührte. Dies Geld sollte ursprünglich unter die Bürger verteilt werden, so daß jeder zehn Drachmen erhalten hätte. Themistokles jedoch bewog die Athener, dieses Geld nicht zu verteilen, sondern davon zweihundert Schiffe zu bauen, damals für einen beabsichtigten Krieg gegen Aigina. Dieser Kriegsplan gegen Aigina hat später ganz Hellas gerettet, weil er Athen dazu gebracht hatte, sich eine Seemacht zu schaffen. Deren Schiffe wurden gegen Aigina gar nicht eingesetzt, sondern kamen vielmehr später ganz Hellas zustatten.

Denn die Athener beschlossen jetzt, zu den bereits vorhandenen Schiffen noch weitere zu bauen. Und so endete die Beratung über den Orakelspruch damit, daß sie den Angriff der Barbaren gegen Hellas zur See erwarten und ihnen, getreu der Weisung des Gottes, mit ganzer Macht und gemeinsam mit allen Hellenenstädten, die sich anschließen wollten, entgegentreten wollten.

Das ist die Geschichte von den Orakelsprüchen, die die Athener erhielten.


LV Gizewski WS 2002/2003

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)