Zeus, Dike und Erinyen als Hüter der Gerechtigkeit unter den Menschen. Hesiod, Tage und Werke 1 - 36 und 213 - 297.

Deutsche Übersetzung nach: Hesiod, Sämtliche Werke. Deutsch von Thassilo von Scheffer. Mit einer Übersetzung der Bruchstücke aus den Frauenkatalogen herausgegeben von Ernst Günther Schmidt, Leipzig, Basel 1984, S. 101 f. und 110 - 114.


[1- 36]
O pierische Musen, die Ruhm durch Lieder verleihen,
nahet nun, Zeus, euren Vater, mit Festgesängen zu preisen.
Ruhmlos oder berühmt macht er ja sterbliche Männer.
Preislos oder gepriesen, nach Zeus' erhabenem Willen.
Leicht verleiht er Stärke, und den Gestärkten verdirbt er.
Leicht den Ragenden stürzt er und führt den Verborgenen autwärts.
Leicht erhebt er Gebeugte und Hochgemute vernichtet
der weitdonnernde Zeus, der hoch üher allen behauste.
Achte mit Auge und Ohr, nach Recht laß Satzungen walten
du. Denn untrügliche Dinge will ich dir, Perses, berichten.
Nicht nur eine Art von Eris gibt es; auf Erden.
walten ja zwei. Die erste mag gern der Kundige loben,
aher die zweite nicht. Sie sind ja verschiedenen Sinnes.
Eine erweckt nur häßlichen Hader und grausame Feindschaft.
Keiner der Sterblichen liebt sie darum, und dennoch gezwungen
müssen nach göttlichem Ratschluß alle die lästige Eris verehren.
Doch die finstere Nacht gebar schon früher die zweite,
und es setzte der hohe, im Äther behauste Kronion
sie auf der Erde Grund, den Menschen zu größerem Heile;
denn sie ermuntert sogar die lässigen Männer zur Arbeit.
Schaut ein solcher auf andre die reicher, so möchte er stärker
schaffen, er sputet sich dann, den Acker zu pflügen, zu säen,
gut zu richten das Haus: so eifert Nachbar mit Nachbarn
um den bessren Ertrag. So ist Eris ist Sterblichen nützlich:
eifert doch Töpfer mit Töpfer, der Zimmermann mit dem Zimmrer,
und es neidet der Bettlet dem Bettler, der Sänger dem Sänger.
Du, o Perses, bewahre in deinem Herzen dir dieses:
nie von der Arbeit ziehe dich zerstörende Streitsucht
um nach Hader zu spähen und Händeln des Marktes zu lauschen.
Wenig Zeit hat übrig für Zank und des Marktes Getümmel,
wem das Jahr daheim nicht reife, genügende Gabe
erbringt, die die die Erde getragen, das Korn der Demeter.
Hättest du davon genug, du könntest zwar zanken und hadern
um die Güter von andern, doch nicht sehr häufig wohl dürfte
solches gelingen. Darum: entscheiden wir unseren Hader
nur nach dem Recht und Gesetz, das Zeus uns am besten gegeben! ...
[213 - 297]
Frevel ist schon schlimm bei niederem Manne, doch kann ihn
auch ein hoher nicht leicht ertragen; denn bittere Bürde ist er,
wenn ihn ein Unglück trifft. Der andere Weg ist der bessre,
der zur Gerechtigkeit führt: Das Recht siegt über den Frevel,
taucht am Ende empor, läßt Toren lernen im Elend.
Und der Eid verfolgt gar rasch gebogenen Rechtsspruch.
Denn die Gerechtigkeit stöhnt, gezerrt von gabengefräßgen Männern,
wenn sie entscheiden mit schiefgebogenem Urteil.
Weinend wandert das Recht dann durch Städte und mancherlei Stätten,
dicht in Nebel gehüllt und bringt den Menschen Verderben,
denen, die es verjagt und es nicht richtig verteilten.
Doch die Fremden und Heimischen grades und rechtes
Urteil sprechen und nie die Pfade des Rechts verlassen,
denen gedeiht die Stadt; es blühen in ihr die Bürger.
Friede ernährt die Jugend im Lande, und nimmer bedroht sie
Zeus, der Allüberschauer, mit Kampf und der Drangsal des Krieges.
Auch kein Hunger fndet den Weg zu rechtlichen Richtern,
auch kein Unglück, sie sind nur tätig für Felder und Feste.
Nahrung bringt ihnen die Erde genug, und Eichen am Berge
tragen in ihren Wipfeln die Früchte, inmitten die Bienen.
Schafe schreiten viele, belastet von flockiger Wolle,
und es gebären die Weiber den Vätern gleichende Kinder.
Blühend gedeihen sie dauernd im Glück. Auch brauchen sie Schiffe
nicht zu steuern, es bietet ja Frucht der spendende Acker.
Die aber üblem Frevel und bösen Taten ergeben,
denen vollendet das Recht der Allüberschauer Kronion.
Muß doch die ganze Stadt für einen Frevier zuweilen
büßen, der schändlich gehandelt und schlimme Taten verübte.
Solchen sendet vom Himmel Kronion arge Beschwerde,
Pest und Hungerspein. Das schwächt und tötet die Bürger.
Nicht gebären dann mehr die Frauen. die Häuser verfallen
nach des himmlischen Zeus Beschluß. Ein andermal wieder
tilgt er das mächtige Heer der Streiter oder die Mauern,
oder es züchtigt ihnen Kronion die Schiffe im Meere.
O ihr Herrscher, wollt ihr nicht selber im Herzen hedenken
solches Gericht? Denn nah sind unter den Menschen die Götter,
und die Unsterblichen schauen, wer alles mit Beugung des Rechtes
einer dem andern schadet, nicht achtend göttlicher Rache.
Drei Myriaden ja gibt es auf reichlich nährender Erde:
ewige Diener des Zeus und Hüter der sterblichen Menschen,
die die Werke des Rechts und die schmählichen Taten beachten;
nebelumhüllt durchwandeln sie rings die Weiten der Erde.
Und die Gerechtigkeit stammt von Zeus und ist eine Jungfrau,
heilig und hoch geehrt von den göttlichen Himmelsbewohnern.
Wenn sie einer kränkt und sie durch Ränke mißhandelt,
setzt sie sich sogleich zur Seite des Vaters Kronion,
ihm die höse Gesinnung der Menschen zu klagen, das Volk dann
büßt die Frevel der Herrscher, die voll betrüblicher Bosheit
anderswohin das Recht durch falsche Sprüche verderben.
Dies beachtet, ihr Herrscher, und macht eure Worte gerade,
Spendengefräßige Ihr! Unterlaßt gebogenen Rechtspruch!
Böses bereitet sich selbst, wer andern Böses hereitet.
Schlimmer Rat ist dem am schlimmsten, der ihn geraten.
Alles erblickt das Auge des Zeus, und alles erkennt es;
ganz nach Belieben auch dies erschaut es, und ihm entgeht nicht,
welcherlei Art des Rechts die Stadt im Innern beherhergt.
Manchmal scheint zwar nicht gut, heut' unter Menschen gerecht sein,
mir oder meinem Sohn; denn wehe, wenn einer gerecht ist
heut', wo größeres Recht dem Ungerechten zuteil wird.
Aber dem schenkt, wie ich glaube, der Donnerer keinerlei Dauer.
Mögest du, Perses, dies wohl in deinem Herzen hewegen.
Höre immer aufs Recht, und niemals übe Gewalttat.
Denn ein solches Gehot erteilte Kronion den Menschen:
Bestien zwar und Fische und flügelspannende Vögel
sollten einander verschlingen; denn sie ermangeln des Rechtes.
Aber den Menschen verlieh er das Recht, das bei weitem der Güter
Bestes. Denn einen Mann, der Gerechtes nach seiner Erkenntnis
wissentlich kundtut, den segnet der Allüberschauer Kronion.
Wenn aber einer mit Vorsatz bei falschen Eiden sein Zeugnis
lügnerisch gibt, der schändet das Recht, unheilbar verblendet.
Dessen Sippe versinkt, in Zukunft dunkel vergessen.
Aber wer wahr geschworen, des Sippe ist zukunftsgesegnet.
Redlich gesonnen sprech ich zu dir, o törichter Perses.
Übles kannst du, wahrhaftig, dir haufenweise gewinnen.
Mühlos und glatt ist der Weg und nahe seine Behausung.
Vor Verdienst aber setzten den Schweiß die unsterblichen Götter;
mühsam, lang und steil führt hinauf zu diesem der Fußpfad
und zu Anfang auch rauh. Doch wenn du zur Höhe gelangt bist,
leicht dann zieht er dahin, so schwer er auch anfangs gewesen.
Der vor allem ist gut, der alles selber erkannte,
der erwog, was später und endlich am Ziele das beste.
Edel nenn ich auch jenen, der gutem Zuspruch gehorsam.
Aber wer selber nicht denkt und auch dem Rate der andern
taub sein Herz verschließt, der Mann ist nichtig und unnütz. ...

LV Gizewski WS 2002/2003

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)