Die Legende vom Heiligen Georg und ihre Wirkungsgeschichte. Von Hiltgart L. Keller.

Zusammenstellung in: Reclams Lexikon der Heiligen und der biblischen Gestalten. Legende und Darstellung in der bildenden Kunst, Stuttgart 1979 4, S. 216 - 219.- Geringfügige Modifikationen für die Präsentation im Internet. D. Hg.


Georg, Hl. (23. April).

Auf mehrere Legenden beruft sich die 'Legenda Aurea', wobei die hier erstmals aufgenommene Legende vom Drachenkampf die bekannteste, aber späteste, erst im 11. Jh. aufkommende ist, während die angeschlossenen Martyrienszenen auf älteste Fassungen zurückgehen. Diese nennen einmal einen Arianerbischof Georg von Alexandrien, der nach zahllosen Martyrien immer wieder von [dem Erzengel] Michael zum Leben erweckt wird, andere beziehen sich auf einen Perserkönig Dadian, der in späterer Legendenfassung als Richter Dacian die Martern des Christenbekehrers Georg unter Diokletian veranlaßt. Diese Fassung hat ihren reichsten Niederschlag im 'Lübecker Passional' des 15. Jh. gefunden. G. wird dort Jürgen genannt, und der Drachenkampf schließt an, nachdem G. alle Martern überstanden hat, gevierteilt worden war und von den Cherubim mit Michael wieder zum Leben und zu herrlicher Schönheit gebracht ist. Die ganze Schilderung entspricht der Georgsdichtung des Reinbot von Durme (1231-53) und des Sigmund von Freine, eines englischen Gedichts vom Ende des 12. Jh., das die Rolle des die Kreuzritter unterstützenden Helden betont. Hier kommen [die Heiligen] Demetrius und Theodor als seine Brüder vor, die ihm in einer älteren Uberlieferung als Heilige zur Seite stehen und neben ihm die meistverehrten Heiligen der Ostkirche sind.

Nach der 'Legenda Aurea' haust in der Stadt Silena in Lybia ein Drache in einem See vor der Stadt und verpestet diese mit seinem Gifthauch. Zwei Lämmer müssen ihm täglich geopfert werden, um seinen Grimm zu stillen. Als nun keine mehr aufzutreiben sind und schon viele Söhne und Töchter haben geopfert werden müssen, trifft das Los die Königstochter, die nach herzzerreißendem Abschied von den Eltern an den See vor der Stadt geht. Da kommt G. von ungefähr dahergeritten und verspricht ihr Hilfe. Der Drache erscheint, mit dem Zeichen des Kreuzes schwingt G. die Lanze, durchbohrt das Untier, das zu Boden stürzt. Er veranlaßt die Königstochter, ihren Gürtel zu lösen, diesen um den Hals des Drachen zu schlingen und ihn - der ihr wie ein Hündlein folgt - in die Stadt zu ziehen, wo alle die Flucht ergreifen wollen. Aber G. winkt ihnen und verspricht den Drachen zu töten, wenn sie sich zu Christus bekehren ließen. Er erschlägt den Drachen, der König läßt sich mit allem Volk taufen, und vier Paar Ochsen müssen das gewaltige Gewicht des Drachen aus der Stadt schleppen. Hier setzt dann eine dem [Kirchenvater] Ambrosius bekannte ältere Legende ein, derzufolge Georg bekümmert erlebt, wie viele Bekehrte durch die Verfolgungen unter den Kaisern Diokletian und Maximian wieder ungläubig werden. Er legt sein ritterliches Kleid ab, gibt sein Gut den Armen und tritt mitten unters Volk mit den Worten: "Alle Heidengötter sind böse Geister, unser Herr aber hat Himmel und Erde erschaffen." Da läßt ihn der Richter Dacian greifen, mit Nägeln blutig reißen und ihm Salz in die Wunden reiben. Im Gefängnis wird G. von Christus, der ihm erscheint, getröstet und gestärkt. Ein Zauberer soll ihn nun mit einem Giftbecher bezwingen, aber G. macht das Kreuzzeichen über dem Trank und erleidet keinen Schaden, der Zauberer bekehrt sich und wird enthauptet. Aufs Rad geflochten, steigt G. ebenso unversehrt herab und geht auch aus dem Kessel mit siedendem Blei "wie aus einem guten Bad" unverletzt hervor. G. ist nun bereit, zu tun, was der Richter begehre. Dieser ruft das Volk zusammen, das mit G. in den Tempel gehen soll. G. kniet und betet, Feuer fällt vom Himmel und verbrennt Tempel, Götzenbilder und Priester, die Erde aber tut sich auf und verschlingt alle Trümmer. Da läßt der Richter G. von Pferden durch die Stadt schleifen, nach anderen Versionen zerreißen oder vierteilen und schließlich enthaupten.

Byzantinische Darstellungen bringen G. vom 9. Jh. an als Krieger, in Hoftracht oder als Märtyrer. Im Abendland erscheint er als Krieger: um 1220 an der Gnadenpforte des Bamberger Doms, um die Mitte des Jahrhunderts in einem Glasfenster in Heimersheim (Koblenz) und in vielen späteren Darstellungen, meist mit dem Drachen. Von den Martyrien wird das Reißen schon im 'Hirsauer Passional' des 12. Jh. gebracht, ebenfalls im 'Zwiefaltener Martyrium' zusammen mit dem Rädern; es kommt um 1300 in den Glasfenstern der Esslinger Stadtkirche St. Dionys vor, wo zudem Bleikesselmarter und Enthauptung dargestellt sind. Die Radmarter greifen auch einige Buchmalereien des 13. Jh. auf ('Regensburger Dominikanerinnenlegendar' und ein 'Zisterzienserpsalter': hier die sieben Schwerter als Radspeichen) und schließlich das steinerne Maßwerk der Tübinger Stiftskirche St. Georg aus dem letzten Viertel des 15. Jh.

Erste Drachenkampfdarstellungen kommen vom 12. Jh. an vor. Sie füllen in mehr oder weniger reicher Form Bogenfelder (Esslingen, Frauenkirche, 1400-20; Tübingen, 4. Viertel 15. Jh.), Flächen der Wandmalerei und Altartafeln, von denen Scharenstetten (Kr. Blaubeuren, 1440/50, aus dem Ulmer Münster) und Schongauers Hälfte der Bergheimer Tafel, um 1460 (Colmar, Museum Unterlinden) genannt seien. Als besonders schöne plastische Darstellung sei Donatellos Statue mit dem Drachenkampf auf dem Sockel, um 1417, Florenz (Or S. Michele und Museo Nazionale) genannt.

Eine besonders reiche und reizvolle Szenenfolge, die in dieser Form nur im 'Malerbuch' berichtet wird, füllt die Wandflächen des Georgskirchleins von Schenna (Tirol) um 1400: Georg vor Diokletian, drohende Soldaten hinter und neben ihm - sie stechen eigentlich nach ihm. Er wird vom Felsen in den See gestürzt, liegt im Gefängnis, die Füße im Block. An Stelle der Radmarter wird er hier in einer Tonne gedreht, in die eifrige Schergen glühend gemachte Nägel treiben, aber ein Engel hält die Spindel fest. Dann werden ihm glühende Stiefel angezogen. Nochmals betet er im Gefängnis, wo neben ihm Glycerius kniet, dessen Ochsen er lebendig gemacht hat. Mit den Füßen an je zwei Pferde gebunden, soll er zerrissen werden. Er wird schließlich enthauptet. Neben ihm die tote Kaiserin Alexandra, deren Seele ein Engel in Empfang nimmt. Als Schluß wird der Sarkophag mit den Reliquien dargestellt, den mehrere Männer nicht forttragen können.

Ein ebenso reicher Zyklus nach der 'Legenda Aurea' füllt die Tafeln eines dem Ulrich Meyenblüt zugeschriebenen Altars von 1460 (Köln, Wallraf-Richartz-Museum). Hier wird die Bestattung als Abschluß gegeben.

Von plastischen Gruppen seien 3 hervorgehoben: die Bronze der Brüder Martin und Georg von Klausenburg 1383 in Prag, die St-Jürgen-Gruppe des Bernt Notke 1489 in Stockholm, holzgeschnitzt wie die des Henning von der Heide im Annenmuseum von Lübeck von 1504. In prächtigster Großartigkeit aber reitet G. lebensgroß aus der offenen Bogenform des Hochaltars von Weltenburg - 1721 von Egid Quirin Asam - dem Beschauer entgegen, das Flammenschwert in den Rachen des neben ihm hochaufzüngelnden Drachen stoßend, vor dem die Königstochter mit entsetzter Gebärde nach rückwärts entweicht.

Als 'profane' Vertreter von Michael und [Erzengel] Gabriel stehen G. und [der Heilige] Martin in großer Gestalt (14. Jh.) am Münster von Basel, und zwar an den ihnen geweihten beiden West-Türmen.

Auf die Reinbot-Dichtung geht die häufige Bezeichnung der Königstochter als 'Margarete' zurück, nach ältester Tradition auf die Kaiserin Alexandra bezogen, die nach der Enthauptung von Engeln im Himmel den neuen Namen erhält. Zusätzlich erzählt die 'Legenda Aurea', wie G. in weißer Rüstung als "herrlicher Jüngling" den Kreuzrittern vor Jerusalem erschienen sei; von Gott zur Erde zurückgeschickt, habe er sie unterstützt, die Sarazenen zu erschlagen und Jerusalem zu erobern - die Grundlage der GeorgsritterBruderschaften.

Hingewiesen sei noch auf die ältesten in der Georgslegende wieder auftauchenden Vorstellungen von der heldischen Bekämpfung und Befreiung aus der Drachengewalt des Bösen durch ein neues Bewußtsein. Als Apoll-Typhon, Perseus-Andromeda, Herakles-Hesione, ja noch als Roger Angelica (Ingres, 1819) sind sie als Bild und Dichtung greifbar.

Literatur: A. Krefting, St. Michael und St. Georg in ihren geistesgeschichtlichen Beziehungen. Diss. 1936 (= Deutsche Arbeiten an der Universität Köln, Nr. 14. Jena: Diederichs. 1937).


LV Gizewski WS 2002/2003

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)