Die elfte pythische Ode für Thrasydaios, den thebanischen Knaben, nach seinem Siege im Wettlauf.

Deutsche Übersetzung unter Modifikation einiger Textstellen durch den Hg. nach: Pindar, Oden. Ins Deutsche Übertragen und erläutert von Ludwig Wolde, München, 1958, S. 112 - 114. D. Hg.

Ihr Kadmostöchter,

du mit den Olympischen wandelnd, Semele,

und du, Ino Leukothea, Nereus' Töchtern zugesellt im Meeresgemach,

kommt mit der herrlichsten Mutter, die ihn gebar,

den Herakles. Zu dem hochheiligen Schatzhaus der Melia kommt,

zum Hort der goldnen Dreifüße, das vor andern Loxias

werthält und hieß es Ismenion, trugloser Seherwahrheit Sitz!

Ihr Kinder Harmonias,

dorthin rufet er heute die göttlichen Frauen

unserer Stadt, daß in dunkler Nacht ihr im Kreis

die erhabene Satzung besingt, daß ihr Pytho besingt,

der Erde Nabel auch preist,

den allweisen Göttermund,

Theben, der Stadt der sieben

Tore zum Lohn und dem Kampfplatz

Kirrhas, wo den dritten Kranz Thrasydaios jetzt

fügte hinzu den Kränzen des Vaters und ehrte sein Haus.

Er siegte auf gesegneter Flur des Pylades, der Gastfreund war dem Spartaner Orestes.

Beim Mord des Vaters entriß

ihn dem grimmigen Griff Klytaimnestras

die Amme Arsinoe.

Sie entriß ihn dem Jammer, o, welchen Betrugs,

gleich als des Dardanossprossen Priamos Kind,

aIs Kassandra zum Strand

Acherons, zu dem düsteren, geschickt durch

das blanke Erz mit der Seele des Agamemnon das

schreckliche Weib. War es Iphigeneia,

geschlachtet an dem Sund

Euripos, fern ihrem Land,

was die Galle ihr reizte zur rasenden Tat?

Oder bezwang sie im Bett des Buhlen Gewalt,

verführte sie der Beischlaf der Nächte? Kein Frevel erscheint

den jungen Frauen so arg und so schwer zu verhehlen vor

dem Leutegeschwätz; es liebt ja,

Schlechtes zu reden der Nachbar.

Wo Glück ist, gedeiht Mißgunst zur gleichen Höhe.

Immer im Finsteren schwelt der Niedrigen Groll.

Des Atreus Sohn, der Held, fiel, als das Geschick

ihn endlich brachte zum hehren Amyklai.

Er riß die Seherin mit,

der die Häuser der Troer heilte von

üppiger Pracht, sie durch Glut

tilgte um Helenas willen. Doch das junge Haupt

kam zu dem würdigen Gastfreund Strophios,

der wohnte am Fuß des Parnass.

Als spät Ares zur Rache sich hob,

schlug er die Mutter; auch lag Aigisthos in seinem Blut. -

Ihr Freunde, lief, wo die Straßen sich kreuzen, mein Pfad ins Irre,

der den graden Weg ich zuvor nicht verließ?

Oder kam eine Bö, und sie warf

mich aus dem Gleis wie den Kahn im Wogengebraus?

Muse, dir steht es zu,

ob auch Silber die Stimme dir lohnt,

hierhin und dorthin zu schwärmen; doch jetzt verweile beim

Vater, bei Pythonikos

und bei dem Sohn Thrasydaios;

denn mit ihrer Ehre flammt hell die Freude empor.

Sie siegten im Wagen ja zu Olympia

im vielgepriesenen Wettstreit. Ruhm, wie das Licht

so rasch, gewannen sie durch die Rosse.

Zu Pytho stiegen sie ohne Gewand in die Bahn,

an Schnelligkeit jedem in Hellas vorauf. -

Nur was Gott an Segen gewähret, wünseh ich mir;

will auch nur das, was meinen Jahren grade sich ziemt.

Fand ich doch die in der Stadt,

die das mittlere Maß wahren, umhüllt von längerem Glück.

Darum schreckt mich der Tyrannen Los.

Was allen dient, wiIl ich tun.

Doch das Wüten des Neiders rastet nicht.

Kann, wer den Gipfcl erklommen

und den Frieden nenießt, sich von Haß und von Hohn

jemals befreien? Doch ihm ist am äußersten Ziel

leicht der schwarze, der Tod,

weil er lieblicher Nachkommenschar

vermacht den schönsten der Schätze,

des Namens reinern Klang.

Darum wird Iphikles Sohn im

Lied, Jolaos, gepriesen.

Auch Kastors gewaltige Kraft singen wir und dich, Herr, Polydeukes,

euch Göttersöhne, die ihr

an einem Tage auf Therapnes Gestühl,

am nächsten thront im hohen Olympos.


LV Gizewski WS 2002/2003

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)