Das delphische Orakel im Laufe der Zeiten. Plutarch, Über die Antwort der Pythia 21, 404 b - 25, 407 d.

Deutsche Übersetzung nach: Plutarch. Über Gott und vorsehung, Dämonen und Weissagung. Religionsphilosophische Schriften. Eingeleitet und neu herausfgegeben von Konrat Ziegler, Zürich, Stuttgart 1952, S. 93 - 100.


21. ... Ich denke, du kennst das Wort Heraklits: "Der Herr, dem das Orakel in Delphi gehört, sagt nicht und verbirgt nicht, sondern er deutet an". Nimm zu diesem vortreffliehen Wort den Gedanken hinzu, daß der Gott hier sich der Pythia bedient, um zu unserm Ohr zu dringen, so wie die Sonne sich des Mondes bedient, um unser Auge zu erreichen; er offenbart und eröffnet seine Gedanken, aher er offenhart sie unter Vermischung mit einem sterblichen Körper und einer menschlichen Seele, die nicht Ruhe zu bewahren und sich dem sie Bewegenden nicht von sich aus unbewegt und unerschüttert darzubieten vermag, sondern wie ein Schiff auf stürmischem Meer schwankend und hineingenssen in die sie umwühlenden Bewegungen und Erregungen ihres Innern. ...

22. Auch Homer bietet eine Unterstützung meiner Meinung, wenn er zwar annimmt, daß, man darf sagen, nichts ohne Gott verursacht wird und sich vollzieht, aber keineswegs den Gott alle Menschen zu allen Zwecken gebrauchen läßt, sondern jeden nach der ihm eigenen Fertigkeit und Fähigkeit. Siehst du nicht, lieber Diogenianos, , daß Athena, wenn sie die Achaier überreden will, den Odysseus aufruft, wenn sie den Vertragsbruch herbeiführen will, sich den Pandaros heraussucht, wenn sie die Troer in dic Flucht schlagen will, an Diomedes herantritt? Denn dieser ist kraftvoll und kampftüchtig, jener ein guter Bogenschätze, doch ohne Verstand, Odysseus ein guter Redner und klug. Homer dachte also nicht so wie Pindat wenn nämlich Pindar es ist, der den Vers gedichtet hat:

"Will's Gott, so segelst du auf einer Binsenmatte." ...

So ist die jetzt dem Gott dienende Frau zwar von guter und ehrlicher Herkunft Wie nur irgendeiner hier und hat einen sittsamen Lehenswandel geführt. Aber da Sie in einem Hause armer Bauern aufgewachsen ist, so ist sie in das Orakel eingetreten, ohne irgendeine Fertigkeit oder sonst eine Erfahrung oder ein Können mitzuhrin gen; sondern, wie Xenophon meint, die junge Frau sollte, wenn sie das Haus ihres Mannes hetritt, so wenig wie möglich gesehen und gehört hahen, so unerfahren und nahezu in allem unbelehrt und wahrhatt jungfräulich in ihrcr Seele naht sie sich dcm Gott. Nun glauben wir zwar, daß der Gott, wenn er uns seinen Willen kundtut, sich der Stimme der Reiher, dcr Zaunkünige und der Raben bedient, und verlangen nicht, daß diese, da sie doch Boten und Herolde der Götter sind, alles klar und vernünftig sagen; von der Stimme und der Sprache dcr Pythia aber fordern wir, daß sie wie von dcr Bühne herab, nicht ungcschminkt und schlicht, sondern in Versen, mit hohem Ton, mit kunstvollem Vortrag, in bilderreichen Worten und mit FIötenbegleitung erklinge!

23. Was wollen wir aber nun insoweit über die Priesterinnen früherer Epochen sagen? Ich glaube, wir können mehr als eine Antwort geben. Denn erstens haben auch sie, wie früher schon ausgeführt, die meisten Orakel in Prosa erteilt. Zweitens brachte jene Zeit Temperamente und Naturen hervor, die eine glückliche Gabe für den poetischen Ausdruck hatten. Dazu [zum Geist der damaligen Zeit] gesellten sich dann leicht [individuelle] Neigungen, Triebe und Stimmungen der Seele, die eine Bereitschaft erzeugten, welche nur eines geringen Anstoßes von außen, einer geringen Erregung der Einbildungskraft bedurfte, um sogleich zu dem ihnen gemäßen poetischen Ausdruck hingerissen zu werden, und zwar nicht nur, wie Philinos sagte, bei Astronomen und Philosophen, sondern [auch bei anderen Menschen]. Wenn sie etwa bei reichlichcm Wein in leidenschaftliche Erregung kamen, wenn ein Mitleid sich regte oder Freude sie befiel, dann glitt das Gespräch in melodisches Klingen, und mit Liebesgedichten und -gesängen erfüllten sich die Gastmähler und die Bücher. ...

24. lndes wenn wir den Gott und die Vorsehung näher betrachtebn, so werden wir erkennen, daß die seit damals eingetretene Wandlung durchaus zum Besseren geführt hat. Der Gebrauch der Sprache gleicht nänilich dem Unilauf des Geldes: auch bei ihr ist das Gewohnte und Bekannte das Gültige, und sie bekommt zu anderen Zeiten einen andern Wert. Es gab nun eine Zeit, da man als Münzen der Sprache Lieder und Gesänge verwendete, da man geschichtliche und philosophische Darstellung, kurz gesagt, alles, was man erlebte und tat und was eines gehobenen Ausdrucks bedurfte, in Dichtung und Musik umsetzte. ...

Da aber das Leben zugleich im Geschehen und im Wesen der Menschen eine Wandlung durchmachte, die Mode den überreichen Putz verdrängte, den goldenen Kopfschmuck beseitigte, den Leuten die weichen Prachtkleider auszog, auch wohl den allzu üppigen Haarwuchs abschor und die hohen Schuhe von den Füßen zog, da man sich verständigerweise gewöhnte, der Üppigkeit gegenüber mit Einfachheit zu prunken und das Schmucklose und Schlichte höher zu schätzen als das Aufgeputzte und Überladene - da machte auch der Sprachstil die Änderung mit und legte ebenfalls den Prunk ab. Die Geschichte stieg von den Versen wie von einem Wagen herunter, und durch die ungebundene ['prosaische'] Form vor allem schied sich das Wahre von dem Märchenhaften. Die Philosophie zog das Klare und Belehrende dem Erschütternden vor und führte ihre Untersuchungen mit den Mitteln der Logik. Da machte auch der Gott ein Ende damit, die Pythia ihre Landsleute 'Feueranzünder', die Spartaner 'Schlangenfresser', die Menschen 'Bergbewohner', die Flüsse 'Bergtrinker' nennen zu lassen. Er entfernte aus den Wahrsprüchen Verse, altertümliche Wörter, Umschreibungen und Unklarheiten und ließ sie so zu den Orakelsuchenden sprechen, wie die Gesetze mit den Bürgern der Geminden reden, die Könige mit den Völkern und die Lehrer mit den Schülern, indem er auf Verständlichkeit und Überzeugung abzielte.

25. Denn man muß sich vor Augen halten, was Sophokles über den Gott sagt; er ist

"den Weisen Beistand, spendend dunklen Götterspruch,
den Toren aber ein schlechter Lehrer und kaum ein Helfer."

Im Verein mit der größeren Klarheit machte auch der Glaube an die Orakel - entsprechend der allgemeinen Veränderung der anderen Dinge - einen Wandel durch in dem Sinne, daß ... man nicht nur gegen poetische Einkleidungen den Vorwurf erhob, einmal der Erkenntnis des wahren Sinnes entgegenzuwirken und Dunkel und Unklarheit in das Offenbarte hineintrage. Man argwöhnte sogar, die Gleichnisse, Rätsel und Zweideutigkeiten seien dazu gemacht, gleichsam als Verstecke und Schlupfwinkel zu dienen, in welche sich die Wahrsagekunst im Falle von Fehlgriffen zurückziehen und verbergen können. ...

Am meisten in Mißkredit gebracht hat aber die Poesie dieses Volk der Winkelpriester und Marktschreier, der Beutelschneider und Vagabunden bei den Tempeln der Großen Mutter [Kybele] oder des Sarapis, die teils aus dem Stehgreif, teils unter Verwendung von Losen, teils aus gewissen Scharteken [vor allem] Sklaven und Frauenzimmern, die sich am ehesten durch Verse und poetischen Wortschwall imponieren lassen, die Zukunft prophezeien. Vor allem aus diesem Grunde, nämlich weil sie sich augenscheinlich mit Betrügern, Schwindlern und Lügenproopheten einließ und gemeinmachte, ist die Poesie von der Wahrheit und vom Dreifuß ausgeschlossen worden. ...


LV Gizewski WS 2002/2003

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)