Der Einfluß des Himmels auf das irdische Geschehen. Ptolemaios, Tetrabiblos 1, 2 - 9 (Auszüge).

Griechischer Text: Manetho. - Ptolemy, Tetrabiblos. Cambrdige, Mass, 1956. - Ptolemy, Tetrabiblos, edited and translated into English by F. E. Robbins, aus den S. 5 - 49. - Deutsche Übersetzung nach der Edition Robbins: Christian Gizewski.

1. ...

2. Über die Möglichkeit und Grenzen astrologischer Voraussagen.

Einige wenige Überlegungen können es einleuchtend machen, daß eine gewisse Wirkungskraft [griech. 'dynamis‘] von der Sphäre des Aethers [griech. 'aither'] und der unsichtbaren Natur [griech. 'aidios physis'] auf die gesamte Erde und ihre Umgebung [ griech. 'pasa perigeia'] ausstrahlt und sie durchdringt, also den Bereich, der gänzlich ständigem Wandel unterworfen ist, weil von den sublunaren Elementen Feuer und Luft von den Bewegungen des Aethers beeinflußt und geändert werden und ihrerseits alles übrige beeinflussen und ändern: Erde, Wasser, Pflanzen und Lebewesen dort.

[Dieser Grundgedanke wird zunächst für die Auswirkungen von Sonne und Mond auf die irdische Sphäre ausgeführt, sodann auch für die anderen Gestirne. Deren Wirkung sei nicht so groß wie die von Sonne und Mond, aber infolge ihrer Erscheinung bzw. Stellung und ggf. wechselnden Nähe zur Erde doch von erheblicher Kraft]

Daß Einwände, derartige Annahmen seien unmöglich, auf der Hand liegen, aber dennoch ungerechtfertigt sind, wollen wir nun darlegen.

Zunächst: die Fehler jener, die, was die Anwendung astrologischer Kenntnisse betrifft, sich nicht richtig auskennen - und das sind viele, wie man bei einer so wichtigen und vielseitigen theoretischen Wissenschaft auch erwarten darf - haben zu der weitverbreiteten Einstellung geführt, daß auch zutreffende Vouassagen auf nichts weiter beruhten als auf Zufall.Doch dies ist falsch. Denn Unfähigkeit auf diesem Gebiet ist nicht eine solche des [möglichen] Wissens, sondern eine solche der praktischen Handhabung. Zum anderen: die meisten [Fehlermacher] geben des Gelderwerbs vor, Astrologie zu betreiben, obwohl sie etwas ganz anderes tun und die Leute täuschen, indem sie den Anschein erwecken, sie könnten viele Dinge voraussagen, selbst solche, die aufgrund ihrer Natur im vorhinein in keiner Weise bekannt sein können. ...

[Ptolemäus weist dann auf die Schwierigkeit hin, in einer astrologisch begründeten Prognose sämtliche zu berücksichtigende Einflußmomente kunstgerecht zu berücksichtigen; das führe auch bei Könnern zu gelegentlichen Fehlprognosen. Doch sei es solcher Fehler wegen nicht gerechtfertigt, das gesamte Wissensgebiet und seine praktische Anwendung zu verwerfen.]

3. ...

4. Über die Wirkung der sich bewegenden Sterne [griech. 'planomena astera']

Die eigentliche Wirkungskraft der Sonne (helios) liegt in der von ihr ausgehenden Hitze, und ihr konstanter Charakter ist die Trockenheit. Für die Sonne ist eine solche Aussage viel leichter verständlich als für die anderen Himmelskörper, und zwar wegen ihrer Größe und wegen der Offenkundigkeit der jahreszeitlichen Veränderungen an ihr: je näher sie an den Zenith herankommt, um so größer sind ihre Auswirkungen auf uns.

Der größte Teil der Wirkungskraft des Mondes (seleenee) besteht dagegen in der Verbreitung von Feuchtigkeit, offensichtlich deswegen, weil er der Erde nahe ist und die Feuchtigkeitsausstreuung von dort aufnimmt. Die Folge davon ist, daß er in starkem Maße besänftigend, aber auch fäulniserregend auf die Körper wirkt. Da er aber auch Licht von der Sonne aufnimmt, verbreitet er auch ein wenig Hitze.

Die Haupteigenschaft des Saturn (Kronos) liegt in seiner kühlenden und in gewissem Umfang auch trocknenden Wirkung, weil er am weitesten von der Hitze der Sonne und der Feuchtigkeitsverbreitung der Erde entfernt ist. Sowohl im Falle Saturns als auch anderer Wandelsterne sind aber auch Wirkungen zu beachten, die sich aus ihrer Stellung [griech. 'schematismos'] zu Sonne und Mond ergeben; denn diese hat erkennbar in verschiedener Hinsicht Bedeutung für eine größere oder geringere Einwirkung auf ihre Umgebung.

Die Natur des Mars (Ares ) ist es hauptsächlich, zu trocknen und in Hitze zu setzen, entsprechend seiner Feuerfarbigkeit und seiner Nähe zur Sonne; denn die Sonnen sphäre liegt genau unter ihm [scil. in Richtung auf die im Mittelpunkt des Kosmos gedachte Erde].

Jupiter {Zeus) hat eine ausgeglichene Wirkungskraft, weil er sich zwischen dem kühlenden Einfluß des Sarurn und der aufheizenden Wirkung des Mars bewegt. Er heizt und verbreitet zur gleichen Zeit Feuchtigkeit. Weil seine Wärmekraft auf die unter ihm liegenden Sphären einwirkt, prozduziert er fruchtbare [scil. feuchtwarne] Winde.

Venus hat eine ähnliche Wirkungskraft und wohlausgeglichene Natur wie Jupiter, wirkt aber in eine entgegengesetzte Wirkung; denn sie wärmt moderat wegen ihrer Nähe zur Sonne, wirkt aber zum größeren Teil - wie der Mond - feuchtigkeitsspendend. Denn sie hat einerseits ein größeres Maß an eigenem Licht, liegt andererseits aber in der Nähe der Ausdünstungen, die von der die Erde umgebenden feuchten Atmosphäre ausgehen.

Merkur (Hermes) ist im allgemeinen als Trockner und Feuchtikeitsbeseitiger wahrnehmbar, weil er sich niemals allzu weit von der Hitze der Sonne entfernt. Gelegentlich wirkt er aber auch feuchtigkeitsausschüttend, weil der sich in der Sphäre unmittelbar oberhalb des Mondes befindet. Er vermag wegen der Schnelligkeit seiner Bewegung und seiner Nähe zur Sonne plötzlich von dem einen Zusaand in den anderenüberzugehen.

5. ... 6. ... 7. ...

[Ptolemäus beschreibt in diesen Abschnitten verschiedene Klassen von Wandelsternen. Zunächst unterscheidet er solche mit 'nützlichen' von solchen mit 'schädlichen' Auswirkungen, je nachdem ob sie eher Hitze und Feuchtigkeit oder Kälte und Trockenheit ausstrahlen; Jupiter, Venus und der Mond sind 'nützlich', Saturn und Mars 'schädlich', die Sonne und Merkur haben beiderlei Wirkungen nebeneinander. - Ferner unterscheidet Ptolemäusje nach ihrer 'Aktivität und Hitze 'oder 'Passivität' und 'Feuchtigkeit' 'männliche' und 'weibliche' Wandelsterne. Mond und Venus sind danach 'weiblich', Saturn, Jupiter und Mars 'männlich', Merkur / Hermes ist beides. - Die gleichen Kriterien dienen einer weiteren Unterscheidung zwischen 'tagbestimmten Gestirnen einer Tag-Seite und Gestirnen einer Nacht-Seite. Mond und Venus gelten als 'Nachtgestirne', Sonne und Jupiter als 'Taggestirne'; Merkur ist beides. Mars wird aus Komplementaritätsgründen' der 'Nachtseite', Sarurn der 'Tafseite' zugeordnet. - Diese Klassifikationen dienen einer näheren Beschreibung der Planetenwirkung.]

9. Über die Wirkung der Fixsterne [griech. 'aplana astera'].

Da nun die Natur der Fixsterne, was ihre spezielle Wirkungskraft betrifft, zu erörtern ist, wollen wir - ähnlich wie bei den Planeten - die durch Beobachtung ermittelten Charaktere darstellen, insbesondere die derjenigen, die die Figuren des Tierkreises beherrschen.

Die Sterne im Kopfe des 'Widders' [griech. 'krios', lat. 'aries'] haben eine ähnliche Wirkung wie Mars und Saturn, und zwar in deren Mischung; die im Mund haben eine ähnliches Temperament (i. S. von 'Wirkungsmischung'; griech. 'krasis') wie Merkur und ein wenig wie Saturn, die im Hinterhuf wirken wie Mars und die im Schwanz wie Venus.

Im 'Stier' [greich.'tauros', lat. 'taurus'] haben die Sterne entlang der Linie, an der die Figur abgeschnitten ist, ein ähnliches Temperament wie Venus und eine ähnliche Konstanz (i. S. von dauerhafter, ruhiger Wirkung; griech. 'erema') wie Saturn; die zu den Plejaden gehörigen wirken wie der Mond und Jupiter. Von den Sternen im Kopf [des 'Stiers'] hat der große, hellgelbe, der zu den Hyaden gehört und 'Fackel' genannt wird, das Temperament von Mars. Die anderen ähneln Saturn und ein wenig auch Merkur. Die in den Hörnerspitzen wirken wie Mars.

Von den Sternen in den 'Zwillingen' [griech.'didymoi', lat. 'gemini'] haben die in den Füßen die Qualität des Merkur und in geringerem Maße die der Venus. Die hellen Sterne in den Schenkeln ähneln [in ihrer Wirkung] Saturn. Von den hellen Sternen in den Köpfen ist derjenige in dem vorderen vobn ähnlicher Wirkung wie wie Merkur; er wird aber auch 'Stern des Apollon' genannt. Der Steren im hiinteren Kopf [der 'Zwillinge'] wirkt wie Mars; er wird aber auch 'Stern des Herakles' genannt. ....

[Es folgen weitere Aussagen über die Wirkung einzelner Sterne in den Sternbildern des Tierkreises 'Krebs' [griech. karkinos, lat. cancer], 'Löwe' [griech. 'leon', lat. 'leo'], 'Jungfrau' [griech. 'parthenos', lat. 'virgo'], 'Skorpion' [griech. 'skorpion', lat. 'scorpio'], 'Schütze' [griech. 'toxotees', lat. 'sagittarius'], 'Steinbock' [griech. 'aigokeron'. lat. 'capricornus'], Wassermann [griech. 'hydrochoos, lat. 'aquarius'], 'Fische' [griech. 'ichthys', lat. 'pisces'], aber auch über solche in den anderen größeren Strenbildern nördlich und südlich des Tierkreises.]


LV Gizewski WS 2002/2003

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)