Mythische Begründung kultischer Bräuche. Plutarch, Über römische Bräuche (58 und 65). Über griechische Bräuche (9).

Deutsche Übersetzung nach: Plutarch, Allerlei Weltweisheit. Vermischte Schriften. Nach der Übersetzung Kaltwasser herausgegeben von Johann Friedrich Salomo, München, Leipzig 1911, S. 352 ff. (385 f., 388 f.) und S. 413 ff. (415).


Über römische Gebräuche.

58. Warum ist es verboten, den vornehmsten Schutzgott Roms [scil in magischer Invokation] zu 'nennen', von ihm zu reden und zu untersuchen, ob er männlichen oder weiblichen Geschlechts sei? Man bemerkt zu diesem Verbot außerdem noch, Valerius Soranus sei, weil er denselben genannt habe, eines elenden Todes gestorben, Ist es vielleicht wahr, was einige römische Schriftsteller behaupten, daß es gewisse Beschwörungen geben, womit man die Götter aus den Städten herausrufen könne, und daß die Römer, weil sie vermittelst derselben schon manche Götter aus feindlichen Städten herausgerufen und in ihrige versetzt zu haben glaubten, dasselbe auch von anderen zu erleiden befürchteten? Wie also die Tyrier die Bildsäulen der Götter mit Ketten befestigt und andere, wenn sie dieselben zum Bade oder zu einer Reinigung feierlich ausführten, Bürgen verlangt haben sollen, ebenso meinten auch die Römer, daß die Geheimhaltung oder Verschweigung des Namens die sicherste und gewisseste Bewahrung des Gottes sei. Oder ist es so wie bei Homer, welcher sagt "allen bleibt die Erde gemein", und zwar zu dem Zweck, daß die Menschen, die die Erde gemeinschaftlich bewohnen, auch alle Götter verehren und anbeten sollen, und haben auch die alten Römer den Urheber ihrer Wohlfahrt in der Absicht verborgen gehalten, daß die Bürger alle Götter zusammen und nicht nicht diesen einen allein verehren sollten?

65. Weswegen opfern die Luperci einen Hund? 'Luperci' heißen diejenigen, welche an dem Lupercalienfeste, nur mit einem Schurze bekleidet, durch die Stadt laufen und jeden, der ihnen begegnet, mit Riemen schlagen. Geschieht es deswegen, weil dieses Fest eine Reinigung der Stadt ist und der Monat, an welchem es gefeiert wird, 'Februarius', und der Feiertag selbst 'Februatus', das Schlagen mit den Riemen aber 'febuare' genannt wird, was soviel wie 'reinigen' bedeutet? Zum Reinigungsopfer bedienten sich [außer den Römern] auch die Griechen eines Hundes, einige bis heute. Sie tragen der Hekate unter anderen Reinigungsmitteln junge Hunde vor die Stadt und reiben diejenigen, die einer Versöhnung bedürfen mit jungen Hunden; eine solche Reinigungsart wird 'Periskylakismos'['Hundeschwenken'] genannt. Aber weil dasWort 'lupus' ['Wolf'] dasselbe bedeutet wie das griechische 'lykos' : stimmt das Fest der 'Lupercalien' vielleicht mit dem griechischen der 'Lykäen' überein, an welchem ebensfalls ein Hund, als der Feind des Wolfes, geopfert wird? Und vielleicht geschieht das wieder deshalb, weil die Hunde die Luperci beim Herumlaufen in der Stadt anbellen und ihnen zu schaffen machen? Oder weil das Opfer dem Pan dargebracht wird, welcher dem Hunde wegen seiner Wächterschaft für die Herde, gewogen ist?

Über griechische Gebräuche.

9. Was ist der 'Hosioter' bei den Delphiern und aus welchem Grunde nennen sie ihren Monat 'Bysios'? 'Hosioter' heißt das Opfertier, welches bei der Wahl eines Hosios geschlachtet wird. Die Hosii aber sind die fünf Priester, welche bei den meisten Geschäften den Propheten beistehen, ihnen beim Opfern an die Hand gehen und, wie man glaubt, von Deukalion ihren Ursprung haben. Was den Monat Bysios betrifft, so soll dieser Monat, wie die meisten behaupten, dasselbe wie 'Physios' sein, weil er der erste im Frühling ist und alsdann alles wächst und hervorkeimt. Doch das ist unrichtig; denn die Delphier sprechen nicht b für ph, wie die Makedonier ..., sondern für p, indem sie etwa für 'patein' oder 'pikros' 'batein' oder 'bikros' sprechen. Demnach ist ist 'Bysios' soviel wie 'Pysios', also der Monat, indem man den Apollon ['Pythios'] befragt. Dieser Erklärung entspricht auch die alte Volkssage. Denn in diesem Monat soll das Orakel entstanden sein, und den siebenten Tag hält man für den Geburtstag des Apollon. Man nennt ihn 'Polypythoos', nicht weil an diesem Tage eine gewisse Art Kuchen, 'Phtois' genannt, gebacken werden, sondern weil an diesem Tage Apollo auf viele Fragen Antworten erteilte. Auch wenn es später üblich wurde, das Orakel in jedem Monat zu befragen, so pflegte doch in früherer Zeit - so berichten Kallisthenes und Alexandrides - die Pythia nur an einem einzigen Tage im Jahre, nämlich dem besagten ['Pysios'], zu weissagen.


LV Gizewski WS 2002/2003

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)